Gender Media Art

Die neue CD-ROM des Amsterdamer Kunstbüros Axis im Spannungsfeld von Geschlecht, Medien und Kunst.

Als Reiseleiter empfiehlt sich das niederländische Kunstbüro Axis mit seinem Projekt "Gender Media Art". Im Spannungsfeld von Geschlecht, Medien und Kunst hat das 1987 in Amsterdam gegründete Kunstbüro Axis in den vergangenen Jahren mehrere grossangelegte Projekte organisiert. Die CD-ROM versteht sich als Summe der bisherigen wie auch als Ausblick auf zukünftige Aktivitäten.

Unter den auf der CD-ROM dokumentierten Axis-Projekten der letzten beiden Jahre befinden sich das Festival "Avatar. Of Postmodern Times and Mulitple Identities" 1998 (De Oude Kerk, Amsterdam) inklusive der begleitenden Ausstellung mit Janine Antoni, Tony Oursler, Cindy Sherman, Jake & Dinos Chapman, Lynn Hershman, Vibeke Tandberg, Debra Solomon. Auch der Reader "The Facelift of Gender" von 1998 mit einer Materialsammlung zur Rolle und Diskussion unterschiedlicher theoretischer Konzeptionen von Geschlechtsidentität(en) in der Kunst ist wiedergegeben. Dieser Teil enthält u. a. Texte von Judith Butler und Theresa de Lauretis, verschiedene historische Ausstellungskonzepte und kunsthistorische, kuratorische und künstlerische Positionen in der Auseinandersetzung mit Gay-, Lesbian- und Queer Studies. Weitere Projekte sind die Talkshow "Representations: From Pride in Identity to Diversity" (in Zusammenarbeit mit dem Filminstitut und Kino de Balie), die Diskussionreihe "M/F on TV" zu Resistenz und Wandel von Geschlechterstereotypen in Fernsehserien und die CD-ROM- und Internetprojekt-Ausstellung "Gens and Digits" mit Arbeiten von VNS Matrix, Christine Tamblyn, Roshini Kempadoo und Alicia Felberbaum.

Deanna Herst, Kuratorin von Axis-Veranstaltungen, hat gemeinsam mit den Gestaltern Jan Torpus und Alex Schaub sowie dem Programmierer Peter Chylewski die CD-ROM erarbeitet. Ausgangspunkt und zentrale These von "Gender Media Art" ist die seit Beginn der neunziger Jahre anhaltende Diskussion um Gender als ein erweitertes Konzept. Geschlechtsidentität wird nicht länger als 'natürlich' aus dem biologischen Sexus hervorgehend verstanden, sondern wird als Effekt einer gesellschaftlich konstituierten und individuell angenommenen Geschlechterrolle angesehen. Diese Geschlechterrolle muss weder Modellen einer binären Geschlechterkonstruktion folgen, noch auf eine dieser entsprechend gelebten sexuellen Präferenz zugeschnitten sein. "An der Wende zu einem neuen Millennium", so postuliert das Projekt, "könne das biologische Geschlecht nicht länger als bestimmende Basis für Identitätskonstruktionen angesehen werden". An dessen Stelle treten im Zuge postmoderner Kulturtheorien und -praxen "mit Begriffen wie 'Transgender', 'Queer' und 'Post-Queer' Vorstellungen eines erweiterten Spektrums von Geschlechtsidentitäten". "Gender Media Art" will daher nicht nur Spuren bereits geführter Debatten in den bildenden Künsten wie auch in den populären Medien nachzeichnen, sondern auch künstlerische Positionen nach ihren Visionen von Identität und Geschlecht jenseits der tradierten und in vielen Bereichen der Gesellschaft nach wie vor wirkmächtigen Rollenbilder befragen.

Konsequent behandelt die CD-ROM ihren Gegenstand in vier übergreifenden Perspektiven: Die Sektion "Past Gender" soll das hartnäckige Überleben stereotyper Konzepte von 'Männlichkeit' und 'Weiblichkeit' in der visuellen Kultur thematisieren und danach fragen, ob und wie die Bilderpolitiken der neuen Medien auf diesem Gebiet einen veränderten Umgang mit Repräsentationsmodellen führen können. Das Kapitel "Hidden Gender" behandelt die Dekonstruktion des Mythos, in westlichen Gesellschaften habe der über Jahrzehnte hinweg geführte Diskurs auch in der sozialen und ästhetischen Praxis bereits zu einer Entmachtung jener Tabus geführt, mit denen die Darstellung von Geschlecht und Sexualität nach wie vor belegt sind. "Global Gender" versucht einerseits, das Versprechen des Internet beim Wort zu nehmen, mit dem neuen Medium sei KünstlerInnen ein Aktionsfeld erwachsen, das nicht nur geographische bzw. nationale, sondern auch gesellschaftlich und politisch zensurierende Grenzen von Rasse, Klasse und Geschlecht permeabel macht. Zugleich will die Sektion auf die Resistenz restriktiver Politiken verweisen, die - nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines einschlägigen Machtgefälles im Rahmen sogenannter "Globalisierung" - das Feld künstlerischer Arbeit zwischen den Kulturen noch immer wesentlich mitbestimmen. Das Kapitel "Future Genders" schliesslich versammelt jene theoretischen und künstlerischen Ansätze, die aus einer reflexiven Auseinandersetzung mit dem ästhetischen Potential der elektronischen Medien neue Impulse beziehen.

Als Navigationsinstrument auf dem Weg ins "Universe of Genders" dient der CD-ROM ein Steuerrad, das die NutzerInnen zu textbasierten Hintergrundformationen zu den einzelnen Themenbereichen, sowie zu einer abwechslungsreich gestalteten Dokumentation jener Projekte führt, die Axis zwischen 1997 und 1999 mit verschiedenen KooperationspartnerInnen realisiert hat. Gegenüber dem hohen konzeptuellen Anspruch, der in den Thesen der "Philosophie von Axis" auch im Hinblick auf die vier thematischen Achsen aufgebaut wird, bleibt die Realität der CD-ROM dabei bescheiden. Sie versucht ihre Qualität vielmehr aus einer medien- und projektadäquaten Visualisierung zu beziehen, indem sie sich auf informative Einblicke anstatt minutiöser Dokumentation des Materials beschränkt. Dass dies wiederum in einem unterschiedlichen Maße gelingt, hat nicht zuletzt mit der Komplexität und Vielfalt des theoretischen und ästhetischen Diskurses zu tun. Dieser umfasst verschiedene und nicht immer miteinander kompatible Medien, und ist deshalb in seiner Dynamik kaum auf einen einzigen Datenträger zu bannen.

Es mag bedauerlich sein, wenn die in "The Facelift of Gender" versammelten theoretischen Positionen nur mit Zitatschnipseln zu Wort kommen. Und Arbeiten aus Film- und Videoprogrammen wie "De/Reconstructing Pornography and Coming to Power" oder "Intimate Idols" sind lediglich in Schlaglichtern vertreten. Entgegen mancher Mythen, die um das Charisma von Multi-Media kreisen, kann ein Medium andere immer nur ergänzen, aber nie ersetzen - gerade deshalb intendiert ein Projekt wie "Gender Media Art" kaum, als Substrat für die unmittelbare Auseinandersetzung mit den jeweiligen künstlerischen und theoretischen Diskursen dienen zu wollen.

Die mediale Übersetzung glückt auch in diesem Sinne nicht immer in befriedigender Weise. So wird etwa in der Sektion "Past Gender" das Material der Ausstellung "A Choice" als Kamerafahrt mit vorbeiziehenden Namen inszeniert. Eine solche - wortwörtlich auf der Oberfläche verbleibende Perspektive - ist kaum geeignet, die den Ankäufen zugrunde liegenden Kriterien zu problematisieren. Wer sich aufmacht, die in der Dokumentation des Webprojekts "Changing Images" enthaltenen Links zu erkunden, könnte eventuell darüber enttäuscht sein, dass diese weniger zu künstlerischen Online-Arbeiten führen als vielmehr zu Dokumentationen von Netzkunst. Anhand einiger bereits ungültig gewordener WWW-Adressen wird man auch feststellen, wie rasch das schnellebige Medium Internet jedes Bemühen um Dokumentation überholt.

Insgesamt ist Axis - nicht zuletzt durch die einfallsreiche Gestaltung - mit "Gender Media Art" eine CD-ROM gelungen, die einen Überblick über die Ergebnisse einer zweijährigen intensiven Arbeit an der Schnittstelle der Diskurse von Kunst und Medien um Identität und Geschlecht gibt. Die CD-ROM liefert einen Einblick in die aktuelle künstlerische Auseinandersetzung um das "Universe of Genders". Über die angenehm wenigen Bugs bei der Navigation der CD trösten das kommentierte Register aller vertretenen künstlerischen Positionen, eine Bibliographie und eine mit Adressteil ausgestattete ausführliche Textdokumentation der Axis-Projekte hinweg. Dazu gibt es auch noch echte Goodies, wie den über das Amsterdamer Büro in einer Hochglanz-Print-Version zu beziehenden "Women with Beards"-Kalender von Ine Poppe und Jetty Verhoeff in einer Millennium-Update-Version.

Parallel zu seinen lokalen Aktivitäten will das Kunstbüro seine kuratorischen Projekte zukünftig auch anderen Orten in der europäischen Nachbarschaft anbieten. So soll es beispielsweise eine komprimierte Fortsetzung des Avatar-Projekts geben, mit neueren und älteren Arbeiten von Victoria Vesna, Marita Liula, Andy Best/Merja Puustinen und Shu Lea Cheang, mit denen die Niederländer in diesem Frühjahr bereits beim Dortmunder Frauen-Filmfestival "Femme Totale" gastierten. In diesem Sinne ist "Gender Media Art" sicherlich als Empfehlung an die Adresse künftiger KooperationspartnerInnen zu verstehen - dies mindestens sollte der appetitanregenden CD-ROM mühelos gelingen.

Die CD ROM "Gender Media Art" ist zu einem Preis von 30 Hfl. bei Axis entweder über das Internet oder via snailmail zu bestellen: Axis, Bureau voor de Kunsten V/M, Foundation for Art and Gender Oudezijs Voorburgwal 72, 1012 GE Amsterdam, The Netherlands, T. ++31-(0)20-4274525, F. ++31-(0)20-4271412, URL

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