Gender und Sex

Ist Gendertheorie Aufklärung oder ideologische Verblendung?

Gender Mainstreaming ist in aller Munde. Ampelmännchen sollen Ampelfrauen werden und es muss auch schwule und lesbische Ampelmännchen geben. Röhrende Hirsche müssen aus Prospekten für Wildparks verschwinden und der Begriff Gender-Mainstreaming wurde vor Kurzem in die 24. Ausgabe des Dudens aufgenommen.

Der Begriff wurde erstmals Mitte der 1980er Jahre auf einer UN-Weltfrauenkonferenz vorgeschlagen. Die Gleichstellung der Geschlechter sollte nicht mehr als Frauenproblem gesehen werden, sondern als gesamtgesellschaftliches. Seit Ende der 1990er Jahre ist Gender Mainstreaming erklärtes Ziel der EU.

Es geht um Geschlechtergerechtigkeit. Und diese muss überall hergestellt werden. Kindern soll in der Schule erklärt werden, dass es unendlich viele sexuelle Identitäten gibt, und "besorgte Bürger" und rechtspopulistische Organisationen laufen dagegen Sturm, fordern "ein Ende des Gender-Schwachsinns" und verlangen die "widernatürliche Ideologie an den Wurzeln auszumerzen".

Gleichzeitig werden EU-weit Milliarden von Euro für Genderprojekte ausgegeben. Neben Klos für Männer und Frauen soll es ein drittes Klo geben, ein Unisex-Klo für all die, die nicht wissen, ob sie Männlein oder Weiblein sind. Es entstanden mittlerweile etwa 200 Professuren für Genderstudien und 2.000 Gleichstellungsbeauftragte sind bundesweit beschäftigt. Als der renommierte Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera Gendertheorie als eine spezifisch europäische Variante der Leugnung der Evolution beschrieb, war das Geschrei groß. Man könnte meinen, dass, wenn es heute einen Kulturkampf gibt, er hier stattfindet.

Dabei hatte alles so schön begonnen, nämlich mit der umwerfenden Agnes-Studie des amerikanischen Soziologen Harold Garfinkel, der in den 1960er Jahren eine Geschlechtsumwandlung forschend begleitete. Agnes wurde mit einem männlichen Genital geboren, fühlt sich aber, solange sie denken kann, als Frau.

Wenn wir in ein Theater gehen, sind damit gewisse Erwartungen und Verpflichtungen verbunden: Die Erwartung und Verpflichtung, in einer Reihe zu stehen, um die Karte abzuholen, und eine Vorstellung schweigend anzusehen. Die Psychologie spricht hier von Skripts. Einige dieser Skripts sind geschlechtsspezifisch. In der Agnes-Studie wurde deutlich, dass das Geschlecht nicht nur eine Frage des biologischen Geschlechts ist, sondern dass es zu Praktiken der Her- und Darstellung des Geschlechts im täglichen Leben kommt, die im Normalfall unbemerkt in Alltagsroutinen reproduziert werden.

Agnes ist auch deshalb ein wunderbares Beispiel, weil sie ihre Rolle als Frau genoss und zum konservativen Frauenbild geradezu ein Liebesverhältnis hatte. Sie liebte es zu knicksen, in den Mantel geholfen zu bekommen, und sie liebte Küchen- und Handarbeiten. Diese wunderbare Studie kannte kein Gut und Böse, sondern es ging allein darum, die sozialen Tatbestände zu verstehen: Geschlecht ist nicht einfach nur angeboren, sondern hat immer auch mit Nachahmung und Identifikation zu tun.

Das Geschlecht drückt sich nicht einfach nur aus, sondern es wird als Rolle kulturell hergestellt. Doch kann man daraus schließen, dass es allein die Kultur und die Orientierung an Vorbildern und Stereotypen sind, die einen Mann zum Mann und eine Frau zur Frau machen? Könnte es nicht sein, dass sich hinter der offensichtlichen Zurschaustellung des einen oder anderen Geschlechts eine grundlegendere, nämlich biologische, Realität verbirgt?

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