Gender und Sex

Was haben Judith Butler & Vladimir Putin gemeinsam?

Die Position, dass das Geschlecht allein oder vor allem sozial bestimmt sei, kann man nicht besser persiflieren, als es die prominenteste Vertreterin der Gender Studies unabsichtlich selbst getan hat. Nach Judith Butler ist die Aussage der Hebamme: "Dies ist ein Junge!" oder "Dies ist ein Mädchen!" kein deklarativer, sondern ein performativer Akt, d.h. die Hebamme stellt das Geschlecht nicht fest, sondern bestimmt es mit diesem Sprechakt; denn das Geschlecht, so Butler, sei nichts anderes als die Wiederholung von entsprechenden Sprechakten und Festschreibungen.

Geschlechtsumwandlungen könnte man sich nach dieser Theorie sparen. Stattdessen könnte man ein Ritual ausführen: Eine Menschengruppe kommt zusammen und wiederholt unter gleichförmig-monotonem Vor- und Zurückschaukeln des Oberköpers: "Dies ist ein Mädchen" oder "Dies ist ein Junge." In der Psychoanalyse würde man Butlers Auffassung als Glaube an die Allmacht der Gedanken bezeichnen, der, so Freud, insbesondere bei "Kindern, Wilden und Psychotikern" anzutreffen sei.

Die politischen Konsequenzen der absurden Haltung der völlig überschätzten Judith Butler kann man in Putins Russland beobachten. Dort ist die öffentliche Darstellung der Homosexualität verboten, weil nur so die Verführung der russischen Jugend zur Perversität verhindert werden kann.

Der Kolumnist Harald Martenstein berichtet, wie er im Gespräch mit der Genderforscherin Hannelore Faulstich-Wieland ein paar wissenschaftliche Studien ins Feld führt, um zu belegen, dass es durchaus biologische Unterschiede gebe. Worauf die gute Frau entgegnet: "Naturwissenschaft ist nur eine Konstruktion."

Das klingt tatsächlich nach dem Argument der Kreationisten, die die Evolutionstheorie nur für "eine Theorie" halten. Ja, Evolutionstheorie ist eine Theorie, aber eine gut begründetet, und ja, Wissenschaft ist eine Konstruktion, nur ist diese durchaus nützlich, denn wir sind mit wissenschaftlichen Theorien und Konstrukten bis auf den Mond gekommen, haben viele Krankheiten besiegt und werden in den nächsten zweihundert Jahren in direkter Weise in unser Erbgut eingreifen. Und nicht nur das. Auch Frau Professor Faulstich-Wieland durfte sich ihre Wehwehchen durch moderne Medizin behandeln lassen, obwohl Krankheit nachweislich eine Konstruktion ist.

Martenstein kommt zum Ergebnis: "Das Feindbild der meisten Genderforscherinnen sind die Naturwissenschaften. Genderforschung ist wirklich eine Antiwissenschaft. Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf."

Um das interessante Projekt der Reflexion und Dekonstruktion der Geschlechtsstereotypen von dem Kopf auf die Füße zu stellen, müssen wir uns zunächst vom primitiven Pro und Kontra verabschieden. In der Rhetorik spricht man von einem Strohmann-Argument, wenn man eine Position dadurch widerlegen will, dass man die Position des Gegenübers verzerrt und dann die verzerrte Position widerlegt, um die eigene These zu untermauern: "Wenn der Mensch aus dem Affen entstanden ist, warum entwickeln die Affen im Zoo sich nicht zu Menschen?"

Tatsächlich gibt es niemanden, der behauptet, dass aus einem Affen spontan ein Mensch hervorgehen könnte. Bei der Genderdiskussion sind die Strohmänner aber keine Fiktion, sondern sie existieren tatsächlich, nämlich in Form des deutschen Stammtisches und der religiösen Begründung der Geschlechter: Gott hat den Menschen, und die Menschin aus der Rippe des Menschen geschaffen, damit der Mensch nicht allein sei, und also sind Mann und Frau verschieden. Diese religiöse Position und der gern ein wenig frauenfeindliche Stammtisch werden zum Strohmann, dessen Argumentation nun von den Vertretern der Genderideologie widerlegt wird.

Gleichzeitig werden biologische Argumentationen mit Rassismus und Eugenetik assoziiert und für indiskutabel erklärt. Das Totschlagargument ist, dass nur ein Reaktionär anzweifeln könne, dass Geschlechter sozial konstruiert seien. Das logisch komplexe Problem kann man auf die einfache Formel bringen: Dass es Idioten gibt, die Gender-Theorie ablehnen, bedeute nicht, dass man notwendig ein Idiot sein muss, wenn man sie kritisiert.

Man muss also zweierlei unterscheiden: die Frage der Gleichberechtigung und das Hinterfragen der geschlechtlichen Stereotypen einerseits und anderseits die absurden Annahmen, dass das Geschlecht biologisch nicht existiere und allein auf kultureller Prägung beruhe.

Die Pluralität und Diversität, die durch Gender Mainstreaming erreicht werden sollen, werden durch die strenge Trennung der beiden gut befestigten Lager ad absurdum geführt. Warum sind es überhaupt zwei Lager und nicht drei, vier oder unendlich viele? Warum positioniert sich jeder Artikel über Gender Mainstreaming und Gender Theorie auf der einen oder anderen Seite? Offensichtlich gibt es spieltheoretische Situationen, in denen die beste (evolutionär stabile) Strategie darin besteht, auf der einen oder anderen Seite zu stehen, und dies trifft eben auch zu für die vor etwa 600 Millionen Jahren entstandenen biologischen Geschlechter.

Doch alles dies ist ganz langweilig. Lassen wir die Vorurteile und Vorderhandschätzungen und das dumpfe Gerede der Stammtische und der staatlich finanzierten Gender-Ideologinnen hinter uns und betreten das Feld der ernsthaften, das heißt wissenschaftlichen, Diskussion: Wie weit sind wir durch die Gene bestimmt und wie weit trägt der Einfluss von Gesellschaft und Kultur? Was also ist der Mensch? Ist er ein Tier wie andere Tiere oder wurde der Mensch erst durch das zum Menschen, was ihn von anderen Tieren unterscheidet: durch Philosophie, Religion, Kunst, Wissenschaft, soziale Organisation, Kulturtechniken und Institutionen?

Erst wenn wir verstanden haben, wer wir eigentlich sind und durch was wir bestimmt sind, können wir mit der Frage nach dem biologischen und gesellschaftlichen Geschlecht vorankommen. Gibt es - Vorsicht, unanständiges Wort! - eine menschliche Natur? Und wenn es diese menschliche Natur gibt, warum wird sie von der Genderideologie geleugnet?