Gender und Sex

Das Leugnen der menschlichen Natur war die Ideologie des 20. Jahrhunderts

Die Genderstudien setzen nur eine alte europäische Tradition fort, die mit Wilhelm von Humboldt (1767-1835) und der Hinwendung zu den Geschichtswissenschaften im 19. Jahrhundert verbunden ist. "Nichts ist im Verstande, was nicht vorher in den Sinnen war", hatte der englische Empirist John Locke (1690) geschrieben und der deutsche Rationalist Gottfried Wilhelm Leibniz (1704) hatte geantwortet: "Ausgenommen der Verstand selbst."

Was aber ist der Verstand selbst? Diese Frage wird zu der Ausgangsfrage Kants (1781): Was ist die Bedingung aller kognitiven Prozesse und muss bereits vor aller sinnlichen Erfahrung vorhanden sein? Und obwohl etwa hundert Jahre nach Kants Kritik der reinen Vernunft Darwin sein Buch über die menschliche Evolution veröffentlichte (Darwin, 1871), wurde die Idee des vor aller sinnlichen Erfahrung liegenden Geistes in der Philosophie nicht durch ein biologisches Konzept ersetzt.

"Instinkte", so schreibt der amerikanische Sozialpsychologe und Soziologe Ellsworth Faris (1925), "schaffen keine Sitten und Bräuche, sondern Sitten und Bräuche schaffen Instinkte." Die dominierende Ideologie des 20. Jahrhunderts (die insbesondere in den europäischen Geisteswissenschaften vorherrschte) war, dass der Mensch bei seiner Geburt ein "unbeschriebenes Blatt" sei, "ein Gefäß, das mit Kultur gefüllt wird". Die Evolution hat uns ein großes Gehirn gegeben, aber wie dieses Gehirn gefüllt wird, hängt von der Kultur ab.

Alle Probleme der Gesellschaft und des Menschen wurden damit begründet, dass dieser Abfüllungsprozess nicht so abgelaufen ist, wie er hätte ablaufen sollen. "Der Mensch hat keine Natur. Was er hat, ist Geschichte", schrieb der spanischer Philosoph und Soziologe Ortega y Gasset (1935). Dies ist das Credo der herrschenden Ideologie der europäischen akademischen Welt des 20. Jahrhunderts und dominiert bis heute die universitäre Lehre in Frankreich und Deutschland, aber eben auch die Kulturwissenschaften im englischsprachigen Raum, einschließlich der Gender Studies.

Die Vorstellung, dass die Gene für geistige Fähigkeiten eine Rolle spielen, wurde von den meisten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts abgelehnt und das Wort "Biologismus" zum Schimpfwort. Es ist verblüffend, wie hartnäckig sich in diesem Zusammenhang vollkommen abwegige Vorstellungen halten: Der einzige Instinkt, mit dem das Kind geboren sei, bestehe darin, dass es bei lauten Geräuschen erschrickt. Alles andere sei durch Kultur erlernt (Montagu, 1973).

In den letzten Jahrzehnten setzte sich - vor allem im englischsprachigen Raum und in den Naturwissenschaften - eine ganz andere Beschreibung der Stellung des Menschen durch. Hier wird der Mensch aus seiner Evolution erklärt: Unsere Vorfahren haben sich vor etwa sechs Millionen Jahren von den Vorfahren der Schimpansen getrennt. Dies ist evolutionär eine sehr kurze Zeit. Deshalb wird eine starke Kontinuität zwischen den Menschen und den anderen Tieren angenommen und erklärt, dass allein der Anthropozentrismus dafür verantwortlich sei, dass der Mensch sich für etwas Besonderes halte.

Scheinbar stehen die kulturwissenschaftliche und die naturwissenschaftliche Position einander diametral gegenüber: hier die Vorstellung, dass die Kultur auf die Evolution aufsetze und durch Sprache und Selbstbewusstsein etwas vollkommen Neues entstehe ("Alles ist erlernt und Kultur!"), und dort die Auffassung, dass wir durch die gleichen evolutionären Mechanismen entstanden seien wie andere Tiere auch und der Unterschied zwischen uns und ihnen eher überschätzt werde ("Wir sind auch nur Tiere!").

Beide Positionen nehmen an, dass sich damit vieles, was am Menschen außergewöhnlich erscheint - dass er in den Weltraum fliegt, Opern komponiert und Atomwaffen baut -, aus einer kulturtechnischen Entwicklung ergebe und der Schimpanse und der Mensch aufgrund ihrer engen Verwandtschaft einander genetisch sehr ähnlich seien. Die versteckte Prämisse beider Annahmen ist, dass die Evolution immer und überall gleich schnell verlaufe.

Neue Untersuchungen konnten allerdings zeigen, dass der Mensch in einer ungewöhnlich schnellen Evolution entstanden ist. Diese schnelle Entwicklung blieb über Millionen Jahre auf einem Niveau, das im Tierreich nirgendwo sonst festgestellt wurde: Der amerikanische Evolutionsgenetiker Bruce Lahn wies nach, dass die Geschwindigkeit der Entwicklung zum Menschen seit der Trennung vom letzten gemeinsamen Vorfahren etwa sechzehnmal so schnell ablief wie die Entwicklung anderer Primatenstränge.

So viel in so wenig evolutionärer Zeit (ein paar Millionen Jahren) zu erreichen …, erfordert einen selektiven Prozess, der sich wahrscheinlich kategorisch von dem normalen Prozess, in dem ansonsten biologische Merkmale erworben werden, unterscheidet.

Lahn

Alles weist darauf hin: Die Außergewöhnlichkeit, die der Mensch darstellt, liegt nicht allein in seiner Kultur, sondern in seiner außergewöhnlichen Evolution. Wir unterscheiden uns von einem Schimpansen genetisch mehr als ein Schimpanse von einer Maus, obwohl die Linie, die zum Menschen führt, und die Linie, die zum Schimpansen führt, sich vor nur 6 Millionen Jahren getrennt haben, während die Trennung der Linie, die zu den Mäusen führte, und die, die zu den Schimpansen führte, vor mehr als 88 Millionen Jahren auseinanderliefen.

Es gibt viele Merkmale des Menschen, die sowohl universell (alle Menschen besitzen sie) als auch einzigartig sind (kein Tier besitzt sie). Hierzu gehört die Sprache, die Fähigkeit, anderen einen Geist, Wissen, eine Haltung, Gedanken und Gefühle zu unterstellen (theory of mind), und auch unser Bedürfnis, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erlangen. Um sprachliche Äußerungen zu produzieren oder zu verstehen, müssen unterschiedliche auf Sprache spezialisierte Teile des Großhirns ineinandergreifen. Sprachfähigkeit ist also zunächst eine Frage der Biologie.

Die interessante und grundsätzliche Frage bezieht sich nicht auf den Unterschied zwischen Geschlechtern und verschiedenen Menschen und Ethnien, sondern auf das, was uns vor anderen Tieren auszeichnet und uns einzigartig macht. Wenn wir uns selbst und unsern Geist begreifen wollen, müssen wir unsere Evolution verstehen.

Eine ähnliche Forderung stellt die evolutionäre Psychologie, die psychische Prozesse aus der Evolution erklären will. "Es scheint", so schreibt Nietzsche, "dass alle großen Dinge, um der Menschheit sich mit ewigen Forderungen in das Herz einzuschreiben, erst als lächerliche Fratzen über die Erde hin wandeln müssen." Eine solche lächerliche Fratze war die evolutionäre Psychologie der letzten Jahrzehnte. Im Namen der evolutionären Psychologie wurden Dinge behauptet, die dazu angetan waren, die an sich großartige und revolutionäre Idee, dem Menschen ein evolutionäres Fundament zu errichten, ad absurdum zu führen.

Derartige vorschnelle Erklärungen sind in der Regel entweder banal oder aber falsch. Banal sind die Erklärungen, warum wir gerne Fett und Süßes essen oder warum wir uns vor Exkrementen ekeln (so banal, dass wir, selbst wenn wir mit den Thesen der evolutionären Psychologie nicht vertraut sind, evolutionäre Erklärungen spontan entwickeln können). Andere Erklärungen bringen das Kunststück fertig, sowohl banal als auch falsch zu sein: Sie stellen eine Fortschreibung unserer Alltagspsychologie dar, denn sie begründen ein angeblich typisch weibliches oder männliches Verhalten mit fantasierten steinzeitlichen Lebensbedingungen.

Der Gedanke, dass wir unsere seelischen Prozesse aus der Evolution verstehen müssen, geht auf Darwin (1872) selbst zurück. Doch ist es falsch, daraus zu folgern, dass der Mensch durch die Anpassungen an die ostafrikanischen Savannen entstanden sei. Weder Sprache noch die Fähigkeit, anderen Geist, Glauben und Gedanken zu unterstellen, können durch eine Anpassung an die Savanne entstanden sein. Alles deutet darauf hin, dass sich die Evolution des Menschen so sehr von der Evolution der anderen Tiere unterscheidet wie die Fortpflanzung eines Schwammes von der Fortpflanzung eines Flamingos. Doch was ist passiert? Wir stehen vor dem größten Mysterium der Wissenschaft: der menschlichen Evolution.