Gender und Sex

Ist Gendertheorie Aufklärung oder ideologische Verblendung?

Gender Mainstreaming ist in aller Munde. Ampelmännchen sollen Ampelfrauen werden und es muss auch schwule und lesbische Ampelmännchen geben. Röhrende Hirsche müssen aus Prospekten für Wildparks verschwinden und der Begriff Gender-Mainstreaming wurde vor Kurzem in die 24. Ausgabe des Dudens aufgenommen.

Der Begriff wurde erstmals Mitte der 1980er Jahre auf einer UN-Weltfrauenkonferenz vorgeschlagen. Die Gleichstellung der Geschlechter sollte nicht mehr als Frauenproblem gesehen werden, sondern als gesamtgesellschaftliches. Seit Ende der 1990er Jahre ist Gender Mainstreaming erklärtes Ziel der EU.

Es geht um Geschlechtergerechtigkeit. Und diese muss überall hergestellt werden. Kindern soll in der Schule erklärt werden, dass es unendlich viele sexuelle Identitäten gibt, und "besorgte Bürger" und rechtspopulistische Organisationen laufen dagegen Sturm, fordern "ein Ende des Gender-Schwachsinns" und verlangen die "widernatürliche Ideologie an den Wurzeln auszumerzen".

Gleichzeitig werden EU-weit Milliarden von Euro für Genderprojekte ausgegeben. Neben Klos für Männer und Frauen soll es ein drittes Klo geben, ein Unisex-Klo für all die, die nicht wissen, ob sie Männlein oder Weiblein sind. Es entstanden mittlerweile etwa 200 Professuren für Genderstudien und 2.000 Gleichstellungsbeauftragte sind bundesweit beschäftigt. Als der renommierte Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera Gendertheorie als eine spezifisch europäische Variante der Leugnung der Evolution beschrieb, war das Geschrei groß. Man könnte meinen, dass, wenn es heute einen Kulturkampf gibt, er hier stattfindet.

Dabei hatte alles so schön begonnen, nämlich mit der umwerfenden Agnes-Studie des amerikanischen Soziologen Harold Garfinkel, der in den 1960er Jahren eine Geschlechtsumwandlung forschend begleitete. Agnes wurde mit einem männlichen Genital geboren, fühlt sich aber, solange sie denken kann, als Frau.

Wenn wir in ein Theater gehen, sind damit gewisse Erwartungen und Verpflichtungen verbunden: Die Erwartung und Verpflichtung, in einer Reihe zu stehen, um die Karte abzuholen, und eine Vorstellung schweigend anzusehen. Die Psychologie spricht hier von Skripts. Einige dieser Skripts sind geschlechtsspezifisch. In der Agnes-Studie wurde deutlich, dass das Geschlecht nicht nur eine Frage des biologischen Geschlechts ist, sondern dass es zu Praktiken der Her- und Darstellung des Geschlechts im täglichen Leben kommt, die im Normalfall unbemerkt in Alltagsroutinen reproduziert werden.

Agnes ist auch deshalb ein wunderbares Beispiel, weil sie ihre Rolle als Frau genoss und zum konservativen Frauenbild geradezu ein Liebesverhältnis hatte. Sie liebte es zu knicksen, in den Mantel geholfen zu bekommen, und sie liebte Küchen- und Handarbeiten. Diese wunderbare Studie kannte kein Gut und Böse, sondern es ging allein darum, die sozialen Tatbestände zu verstehen: Geschlecht ist nicht einfach nur angeboren, sondern hat immer auch mit Nachahmung und Identifikation zu tun.

Das Geschlecht drückt sich nicht einfach nur aus, sondern es wird als Rolle kulturell hergestellt. Doch kann man daraus schließen, dass es allein die Kultur und die Orientierung an Vorbildern und Stereotypen sind, die einen Mann zum Mann und eine Frau zur Frau machen? Könnte es nicht sein, dass sich hinter der offensichtlichen Zurschaustellung des einen oder anderen Geschlechts eine grundlegendere, nämlich biologische, Realität verbirgt?


Die Position, dass das Geschlecht allein oder vor allem sozial bestimmt sei, kann man nicht besser persiflieren, als es die prominenteste Vertreterin der Gender Studies unabsichtlich selbst getan hat. Nach Judith Butler ist die Aussage der Hebamme: "Dies ist ein Junge!" oder "Dies ist ein Mädchen!" kein deklarativer, sondern ein performativer Akt, d.h. die Hebamme stellt das Geschlecht nicht fest, sondern bestimmt es mit diesem Sprechakt; denn das Geschlecht, so Butler, sei nichts anderes als die Wiederholung von entsprechenden Sprechakten und Festschreibungen.

Geschlechtsumwandlungen könnte man sich nach dieser Theorie sparen. Stattdessen könnte man ein Ritual ausführen: Eine Menschengruppe kommt zusammen und wiederholt unter gleichförmig-monotonem Vor- und Zurückschaukeln des Oberköpers: "Dies ist ein Mädchen" oder "Dies ist ein Junge." In der Psychoanalyse würde man Butlers Auffassung als Glaube an die Allmacht der Gedanken bezeichnen, der, so Freud, insbesondere bei "Kindern, Wilden und Psychotikern" anzutreffen sei.

Die politischen Konsequenzen der absurden Haltung der völlig überschätzten Judith Butler kann man in Putins Russland beobachten. Dort ist die öffentliche Darstellung der Homosexualität verboten, weil nur so die Verführung der russischen Jugend zur Perversität verhindert werden kann.

Der Kolumnist Harald Martenstein berichtet, wie er im Gespräch mit der Genderforscherin Hannelore Faulstich-Wieland ein paar wissenschaftliche Studien ins Feld führt, um zu belegen, dass es durchaus biologische Unterschiede gebe. Worauf die gute Frau entgegnet: "Naturwissenschaft ist nur eine Konstruktion."

Das klingt tatsächlich nach dem Argument der Kreationisten, die die Evolutionstheorie nur für "eine Theorie" halten. Ja, Evolutionstheorie ist eine Theorie, aber eine gut begründetet, und ja, Wissenschaft ist eine Konstruktion, nur ist diese durchaus nützlich, denn wir sind mit wissenschaftlichen Theorien und Konstrukten bis auf den Mond gekommen, haben viele Krankheiten besiegt und werden in den nächsten zweihundert Jahren in direkter Weise in unser Erbgut eingreifen. Und nicht nur das. Auch Frau Professor Faulstich-Wieland durfte sich ihre Wehwehchen durch moderne Medizin behandeln lassen, obwohl Krankheit nachweislich eine Konstruktion ist.

Martenstein kommt zum Ergebnis: "Das Feindbild der meisten Genderforscherinnen sind die Naturwissenschaften. Genderforschung ist wirklich eine Antiwissenschaft. Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf."

Um das interessante Projekt der Reflexion und Dekonstruktion der Geschlechtsstereotypen von dem Kopf auf die Füße zu stellen, müssen wir uns zunächst vom primitiven Pro und Kontra verabschieden. In der Rhetorik spricht man von einem Strohmann-Argument, wenn man eine Position dadurch widerlegen will, dass man die Position des Gegenübers verzerrt und dann die verzerrte Position widerlegt, um die eigene These zu untermauern: "Wenn der Mensch aus dem Affen entstanden ist, warum entwickeln die Affen im Zoo sich nicht zu Menschen?"

Tatsächlich gibt es niemanden, der behauptet, dass aus einem Affen spontan ein Mensch hervorgehen könnte. Bei der Genderdiskussion sind die Strohmänner aber keine Fiktion, sondern sie existieren tatsächlich, nämlich in Form des deutschen Stammtisches und der religiösen Begründung der Geschlechter: Gott hat den Menschen, und die Menschin aus der Rippe des Menschen geschaffen, damit der Mensch nicht allein sei, und also sind Mann und Frau verschieden. Diese religiöse Position und der gern ein wenig frauenfeindliche Stammtisch werden zum Strohmann, dessen Argumentation nun von den Vertretern der Genderideologie widerlegt wird.

Gleichzeitig werden biologische Argumentationen mit Rassismus und Eugenetik assoziiert und für indiskutabel erklärt. Das Totschlagargument ist, dass nur ein Reaktionär anzweifeln könne, dass Geschlechter sozial konstruiert seien. Das logisch komplexe Problem kann man auf die einfache Formel bringen: Dass es Idioten gibt, die Gender-Theorie ablehnen, bedeute nicht, dass man notwendig ein Idiot sein muss, wenn man sie kritisiert.

Man muss also zweierlei unterscheiden: die Frage der Gleichberechtigung und das Hinterfragen der geschlechtlichen Stereotypen einerseits und anderseits die absurden Annahmen, dass das Geschlecht biologisch nicht existiere und allein auf kultureller Prägung beruhe.

Die Pluralität und Diversität, die durch Gender Mainstreaming erreicht werden sollen, werden durch die strenge Trennung der beiden gut befestigten Lager ad absurdum geführt. Warum sind es überhaupt zwei Lager und nicht drei, vier oder unendlich viele? Warum positioniert sich jeder Artikel über Gender Mainstreaming und Gender Theorie auf der einen oder anderen Seite? Offensichtlich gibt es spieltheoretische Situationen, in denen die beste (evolutionär stabile) Strategie darin besteht, auf der einen oder anderen Seite zu stehen, und dies trifft eben auch zu für die vor etwa 600 Millionen Jahren entstandenen biologischen Geschlechter.

Doch alles dies ist ganz langweilig. Lassen wir die Vorurteile und Vorderhandschätzungen und das dumpfe Gerede der Stammtische und der staatlich finanzierten Gender-Ideologinnen hinter uns und betreten das Feld der ernsthaften, das heißt wissenschaftlichen, Diskussion: Wie weit sind wir durch die Gene bestimmt und wie weit trägt der Einfluss von Gesellschaft und Kultur? Was also ist der Mensch? Ist er ein Tier wie andere Tiere oder wurde der Mensch erst durch das zum Menschen, was ihn von anderen Tieren unterscheidet: durch Philosophie, Religion, Kunst, Wissenschaft, soziale Organisation, Kulturtechniken und Institutionen?

Erst wenn wir verstanden haben, wer wir eigentlich sind und durch was wir bestimmt sind, können wir mit der Frage nach dem biologischen und gesellschaftlichen Geschlecht vorankommen. Gibt es - Vorsicht, unanständiges Wort! - eine menschliche Natur? Und wenn es diese menschliche Natur gibt, warum wird sie von der Genderideologie geleugnet?


Die Genderstudien setzen nur eine alte europäische Tradition fort, die mit Wilhelm von Humboldt (1767-1835) und der Hinwendung zu den Geschichtswissenschaften im 19. Jahrhundert verbunden ist. "Nichts ist im Verstande, was nicht vorher in den Sinnen war", hatte der englische Empirist John Locke (1690) geschrieben und der deutsche Rationalist Gottfried Wilhelm Leibniz (1704) hatte geantwortet: "Ausgenommen der Verstand selbst."

Was aber ist der Verstand selbst? Diese Frage wird zu der Ausgangsfrage Kants (1781): Was ist die Bedingung aller kognitiven Prozesse und muss bereits vor aller sinnlichen Erfahrung vorhanden sein? Und obwohl etwa hundert Jahre nach Kants Kritik der reinen Vernunft Darwin sein Buch über die menschliche Evolution veröffentlichte (Darwin, 1871), wurde die Idee des vor aller sinnlichen Erfahrung liegenden Geistes in der Philosophie nicht durch ein biologisches Konzept ersetzt.

"Instinkte", so schreibt der amerikanische Sozialpsychologe und Soziologe Ellsworth Faris (1925), "schaffen keine Sitten und Bräuche, sondern Sitten und Bräuche schaffen Instinkte." Die dominierende Ideologie des 20. Jahrhunderts (die insbesondere in den europäischen Geisteswissenschaften vorherrschte) war, dass der Mensch bei seiner Geburt ein "unbeschriebenes Blatt" sei, "ein Gefäß, das mit Kultur gefüllt wird". Die Evolution hat uns ein großes Gehirn gegeben, aber wie dieses Gehirn gefüllt wird, hängt von der Kultur ab.

Alle Probleme der Gesellschaft und des Menschen wurden damit begründet, dass dieser Abfüllungsprozess nicht so abgelaufen ist, wie er hätte ablaufen sollen. "Der Mensch hat keine Natur. Was er hat, ist Geschichte", schrieb der spanischer Philosoph und Soziologe Ortega y Gasset (1935). Dies ist das Credo der herrschenden Ideologie der europäischen akademischen Welt des 20. Jahrhunderts und dominiert bis heute die universitäre Lehre in Frankreich und Deutschland, aber eben auch die Kulturwissenschaften im englischsprachigen Raum, einschließlich der Gender Studies.

Die Vorstellung, dass die Gene für geistige Fähigkeiten eine Rolle spielen, wurde von den meisten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts abgelehnt und das Wort "Biologismus" zum Schimpfwort. Es ist verblüffend, wie hartnäckig sich in diesem Zusammenhang vollkommen abwegige Vorstellungen halten: Der einzige Instinkt, mit dem das Kind geboren sei, bestehe darin, dass es bei lauten Geräuschen erschrickt. Alles andere sei durch Kultur erlernt (Montagu, 1973).

In den letzten Jahrzehnten setzte sich - vor allem im englischsprachigen Raum und in den Naturwissenschaften - eine ganz andere Beschreibung der Stellung des Menschen durch. Hier wird der Mensch aus seiner Evolution erklärt: Unsere Vorfahren haben sich vor etwa sechs Millionen Jahren von den Vorfahren der Schimpansen getrennt. Dies ist evolutionär eine sehr kurze Zeit. Deshalb wird eine starke Kontinuität zwischen den Menschen und den anderen Tieren angenommen und erklärt, dass allein der Anthropozentrismus dafür verantwortlich sei, dass der Mensch sich für etwas Besonderes halte.

Scheinbar stehen die kulturwissenschaftliche und die naturwissenschaftliche Position einander diametral gegenüber: hier die Vorstellung, dass die Kultur auf die Evolution aufsetze und durch Sprache und Selbstbewusstsein etwas vollkommen Neues entstehe ("Alles ist erlernt und Kultur!"), und dort die Auffassung, dass wir durch die gleichen evolutionären Mechanismen entstanden seien wie andere Tiere auch und der Unterschied zwischen uns und ihnen eher überschätzt werde ("Wir sind auch nur Tiere!").

Beide Positionen nehmen an, dass sich damit vieles, was am Menschen außergewöhnlich erscheint - dass er in den Weltraum fliegt, Opern komponiert und Atomwaffen baut -, aus einer kulturtechnischen Entwicklung ergebe und der Schimpanse und der Mensch aufgrund ihrer engen Verwandtschaft einander genetisch sehr ähnlich seien. Die versteckte Prämisse beider Annahmen ist, dass die Evolution immer und überall gleich schnell verlaufe.

Neue Untersuchungen konnten allerdings zeigen, dass der Mensch in einer ungewöhnlich schnellen Evolution entstanden ist. Diese schnelle Entwicklung blieb über Millionen Jahre auf einem Niveau, das im Tierreich nirgendwo sonst festgestellt wurde: Der amerikanische Evolutionsgenetiker Bruce Lahn wies nach, dass die Geschwindigkeit der Entwicklung zum Menschen seit der Trennung vom letzten gemeinsamen Vorfahren etwa sechzehnmal so schnell ablief wie die Entwicklung anderer Primatenstränge.

So viel in so wenig evolutionärer Zeit (ein paar Millionen Jahren) zu erreichen …, erfordert einen selektiven Prozess, der sich wahrscheinlich kategorisch von dem normalen Prozess, in dem ansonsten biologische Merkmale erworben werden, unterscheidet.

Lahn

Alles weist darauf hin: Die Außergewöhnlichkeit, die der Mensch darstellt, liegt nicht allein in seiner Kultur, sondern in seiner außergewöhnlichen Evolution. Wir unterscheiden uns von einem Schimpansen genetisch mehr als ein Schimpanse von einer Maus, obwohl die Linie, die zum Menschen führt, und die Linie, die zum Schimpansen führt, sich vor nur 6 Millionen Jahren getrennt haben, während die Trennung der Linie, die zu den Mäusen führte, und die, die zu den Schimpansen führte, vor mehr als 88 Millionen Jahren auseinanderliefen.

Es gibt viele Merkmale des Menschen, die sowohl universell (alle Menschen besitzen sie) als auch einzigartig sind (kein Tier besitzt sie). Hierzu gehört die Sprache, die Fähigkeit, anderen einen Geist, Wissen, eine Haltung, Gedanken und Gefühle zu unterstellen (theory of mind), und auch unser Bedürfnis, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erlangen. Um sprachliche Äußerungen zu produzieren oder zu verstehen, müssen unterschiedliche auf Sprache spezialisierte Teile des Großhirns ineinandergreifen. Sprachfähigkeit ist also zunächst eine Frage der Biologie.

Die interessante und grundsätzliche Frage bezieht sich nicht auf den Unterschied zwischen Geschlechtern und verschiedenen Menschen und Ethnien, sondern auf das, was uns vor anderen Tieren auszeichnet und uns einzigartig macht. Wenn wir uns selbst und unsern Geist begreifen wollen, müssen wir unsere Evolution verstehen.

Eine ähnliche Forderung stellt die evolutionäre Psychologie, die psychische Prozesse aus der Evolution erklären will. "Es scheint", so schreibt Nietzsche, "dass alle großen Dinge, um der Menschheit sich mit ewigen Forderungen in das Herz einzuschreiben, erst als lächerliche Fratzen über die Erde hin wandeln müssen." Eine solche lächerliche Fratze war die evolutionäre Psychologie der letzten Jahrzehnte. Im Namen der evolutionären Psychologie wurden Dinge behauptet, die dazu angetan waren, die an sich großartige und revolutionäre Idee, dem Menschen ein evolutionäres Fundament zu errichten, ad absurdum zu führen.

Derartige vorschnelle Erklärungen sind in der Regel entweder banal oder aber falsch. Banal sind die Erklärungen, warum wir gerne Fett und Süßes essen oder warum wir uns vor Exkrementen ekeln (so banal, dass wir, selbst wenn wir mit den Thesen der evolutionären Psychologie nicht vertraut sind, evolutionäre Erklärungen spontan entwickeln können). Andere Erklärungen bringen das Kunststück fertig, sowohl banal als auch falsch zu sein: Sie stellen eine Fortschreibung unserer Alltagspsychologie dar, denn sie begründen ein angeblich typisch weibliches oder männliches Verhalten mit fantasierten steinzeitlichen Lebensbedingungen.

Der Gedanke, dass wir unsere seelischen Prozesse aus der Evolution verstehen müssen, geht auf Darwin (1872) selbst zurück. Doch ist es falsch, daraus zu folgern, dass der Mensch durch die Anpassungen an die ostafrikanischen Savannen entstanden sei. Weder Sprache noch die Fähigkeit, anderen Geist, Glauben und Gedanken zu unterstellen, können durch eine Anpassung an die Savanne entstanden sein. Alles deutet darauf hin, dass sich die Evolution des Menschen so sehr von der Evolution der anderen Tiere unterscheidet wie die Fortpflanzung eines Schwammes von der Fortpflanzung eines Flamingos. Doch was ist passiert? Wir stehen vor dem größten Mysterium der Wissenschaft: der menschlichen Evolution.


Das Rätsel der menschlichen Evolution beginnt sich zu lüften. So konnte gezeigt werden, dass Sprache an das Erzählen von Geschichten angepasst ist und dafür eingesetzt wird, dass wir innere Zeitreisen machen.

Sprache ist nicht dafür entstanden, relevante technische Informationen zu übermitteln und beispielsweise jemandem zu erklären, wie man einen Speer herstellt, sondern um Geschichten über Freunde und sich selbst zu erzählen.

Wir können mit Sprache Handlungen beschreiben, die in der Zukunft stattfinden werden oder in der Vergangenheit stattgefunden haben. Wir leben in Geschichten und sind mit unserer Vergangenheit und Zukunft beschäftigt. Dadurch erst bekommt unser Leben einen Sinn und wir empfinden uns als Persönlichkeit und das heißt: als ein Wesen mit Vergangenheit und Zukunft. Dies alles haben wir der Evolution und unseren Genen zu verdanken.

Zwar werden in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Geschichten auf unterschiedliche Weise und mit Hilfe unterschiedlicher Kulturtechniken (Schrift, Druck, Radio, Film, Fernsehen, Internet) erzählt, doch die Grundlage des Geschichtenerzählens liegt in der Biologie des Menschen und ist universell. Dies alles wissen wir, und dennoch stehen wir im Dunkeln und können nur darüber spekulieren, welchen Anteil die Kultur und welchen Anteil die Gene an unserem Leben und an unseren geistigen Prozessen haben.

Wenn wir den Menschen aus seiner Herkunft verstehen wollen, brauchen wir ein Modell, das den Bruch innerhalb der Evolution erklärt (derartige Brüche gibt es einige, wie beispielsweise die Entstehung des Zellkerns oder die Entstehung der sexuellen Selektion). Diese Theorie müsste nicht nur die Geschwindigkeit unserer Evolution erklären, sondern auch die Entwicklung von Merkmalen, die sich nicht als Anpassungen an die Umwelt erklären lassen.

Warum neigen Männer in allen Kulturen dazu, von ihren Heldentaten zu erzählen, und finden kein anderes Thema so faszinierend wie sich selbst, während Frauen eher von ihren inneren Erlebnissen und Gefühlen sprechen? Weshalb ist für Jungen nichts so schlimm, wie als Feigling zu gelten, und warum gibt es bei Mädchen fast immer Tränen, wenn es darum geht, wer in der Klasse neben wem sitzt und wer bei einer Klassenfahrt in welchem Zimmer schläft? Und sind diese Unterschiede tatsächlich genetisch bedingt?

Eine erste Hypothese hierzu ist, dass der Mensch durch sich selbst in doppelter Weise selektiert wurde. Er ist also nicht nur Gegenstand der Selektion, sondern auch ihr Agent. Wie aber sollen wir uns das vorstellen? Menschengruppen waren die selektierende Umwelt anderer Menschengruppen und Frauen haben Männer ausgewählt.

Während bei den Männern besonders Angeben, Heldentaten und das Erzählen von Geschichten selektiert wird, wird bei Frauen die Fähigkeit selektiert, Qualität und Vertrauenswürdigkeit von Männern zu prüfen. In beiden Formen der Selektion durch sich selbst spielt Kultur eine Rolle: Kriegskulturen und die Konventionen der Erzählung, einschließlich der Sprache und der Fähigkeit, sich in einen Helden einer Erzählung hineinzuversetzen und sich vorzustellen, was der Hörer bereits weiß und was noch nicht.

An dieser Stelle kommt es, insbesondere bei evolutionären Psychologen (die von ihrer Ausbildung her keine Evolutionsbiologen sind) zu einem Denkfehler. Sie nehmen an, dass die Gene, die bei einem Geschlecht selektiert werden, in jedem Fall zu einem Unterschied zwischen den Geschlechtern führen. Nehmen wir an, Männer würden allein aufgrund ihrer Intelligenz von Frauen gewählt und nur die 10% intelligentesten Männer könnten sich fortpflanzen, während der Reproduktionserfolg der Frau nur vom Zufall abhänge. Wie würde sich die Intelligenz der Männer und Frauen entwickeln?

Nach der Logik der evolutionären Psychologie müssten Männer dadurch intelligenter als Frauen werden. Falsch! Denn Gene werden in der Regel unabhängig vom Geschlecht weitergegeben. Wenn also die Leserin einen Mann aufgrund seines Humors wählt und selbst weitgehend humorlos ist (was wir nicht hoffen wollen), werden ihre Söhne im Durchschnitt nicht mehr Humor besitzen als ihre Töchter. Nur dort, wo unterschiedliche, einander ausschließende Strategien sinnvoll sind, entstehen Unterschiede, beispielsweise in Bezug auf die Risikobereitschaft.

Männer waren gezwungen, sich stärkeren Risiken auszusetzen, um damit ihre Paarungschancen zu erhöhen. Sie sind stärker der Selektion ausgesetzt (d.h. in Bezug auf den reproduktiven Erfolg treten bei Männern größere Unterschiede als bei Frauen auf). "Frauen versuchen ihr Glück, Männer riskieren ihres", sagt Lord Henry in Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray. Wie sinnlos dies unter den heutigen Lebensbedingungen sein kann, kann man an dem Verhalten männlicher Jugendlicher überall auf der Welt beobachten.

Sichtbare Unterschiede ergeben sich aufgrund des sexualspezifischen Schmuckes, also all jener Merkmale, die ein Geschlecht für die Auswahl durch das andere benötigt und die es attraktiv machen. Hierzu gehören Bartwuchs, tiefe Stimme und Größe beim Mann und schmale Taille, breite Hüften und Brüste bei der Frau.

Auch in Bezug auf die räumliche Orientierung wurden Unterschiede zwischen den Geschlechtern festgestellt. Frühe Studien kamen zu dem Schluss, dass Männer in diesem Bereich überlegen seien. Evolutionäre Psychologen und andere Laien behaupteten, dass dies dadurch begründet sei, dass es für den Mann notwendig sei, sich bei der Jagd zu orientieren.

Später stellte man fest, dass Männer und Frauen das Problem der räumlichen Orientierung unterschiedlich lösen und dass die frühen Versuche so aufgebaut waren, dass die männliche Form der Orientierung besser abschnitt. Männer neigen dazu, innere Landkarten zu entwickeln und sich nach den Himmelsrichtungen zu richten, während Frauen sich an Hinweise und Wegmarken halten. Die männliche Orientierung ist für großes unbekanntes Gelände besser geeignet, während die weibliche Orientierung in bekannten Räumen schneller und zuverlässiger ist.

Für grundsätzliche kognitive Fähigkeiten, die für beide Geschlechter einen Vorteil darstellen, ergeben sich keine Unterscheide zwischen den Geschlechtern, selbst wenn sie nur in einem Geschlecht selektiert wurden. Wir sind das, was wir sind, durch unsere Gene, denn es sind unsere Gene, die uns von einer Amöbe oder einem Eisbären unterscheiden. Die Unterschiede zwischen Menschen und auch zwischen Männern und Frauen sind im Verhältnis dazu verschwindend gering. Doch könnte dieser kleine Unterschied auch wiederum Hinweise auf die Evolution des Menschen geben.

Sind also die Unterschiede zwischen Männern und Frauen biologisch gegeben und kommen darüber hinaus die Unterschiede, die in den sozialen Rollen liegen noch dazu? Dies würde heißen, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen durch die Kultur verstärkt wird. Könnte es nicht auch umgekehrt sein und die Geschlechtsunterschiede könnten von einer Kultur abgemildert werden?


Da, wo die Kulturen zusammenbrechen und sich Menschen ohne gemeinsame kulturelle Tradition und ohne staatliche Institutionen reorganisieren, entstehen bandenähnliche soziale Strukturen, die sich zu Recht manchmal tribes (Stämme) nennen. Die Männer erwerben hier die Anerkennung vor allem durch Mut und Gewalttätigkeit und die Frauen durch Schönheit und Treue. In diesen spontan entstehenden Gesellschaften ist der Bruch eines Versprechens schlimmer als die Ermordung eines Menschen. Das Töten eines Mitglieds einer verfeindeten Gruppe erscheint als Heldentat und verschafft wie nichts anderes Reputation.

Im heutigen Kapitalismus sind die Ansprüche an die Geschlechter dagegen ähnlich. Der Kapitalismus verstärkt also nicht die biologischen Unterschiede, sondern mildert sie ab. Anerkennung können heute sowohl Männer als auch Frauen vor allem durch Anpassung und Karriere erreichen. Ein Instrument dieser Angleichung der Geschlechter, die heute ähnlichen ökonomischen Zwängen unterworfen sind, ist eine Ideologie, die Geschlechtsunterschiede leugnet.

Gendertheorie ist aus diesem Blickwinkel der ideologische Überbau eines alle Lebensbereiche durchdringenden Kapitalismus. Was sagt uns dies über die Einzigartigkeit des Menschen? Es sagt uns, dass wir ein ganz besonderes Tier sind, nämlich eines, das in Mythen und Ideologien lebt.

Wenn wir vor diesen grundsätzlichen Fragen stehen, wie klein und lächerlich erscheint uns dann der Streit um Gender Studies! Warum ist unser Interesse an Polemiken, Streit, Klatsch und Tratsch so groß und unser Interesse an unserer Herkunft so klein? - Auch auf diese Frage muss die Theorie zur Entstehung des Menschen eine Antwort finden. Wir müssen uns aus unserem Ursprung verstehen und es gibt Anzeichen dafür, dass diese Selbsterkenntnis des Menschen unmittelbar bevorsteht.

Was also ist Gendertheorie? Sie ist eine Ideologie und damit ein Instrument der Macht. Die staatliche Verordnung dieser Ideologie hat wenig mit Geschlechtergerechtigkeit zu tun, sondern vielmehr mit Umerziehung und der Einübung in die überkommene Ideologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie stellt eine ideologische Anpassung an den alle Lebensbereiche durchdringenden Kapitalismus dar.

Es handelt sich hier nicht um eine offene politische Diskussion und schon gar nicht um Wissenschaft. Eine gewisse Ähnlichkeit ergibt sich mit dem Marxismus-Leninismus in der DDR. Wenn man diese Studien nicht generell abschaffen und beispielsweise durch Soziologie (die zu Unrecht an deutschen Universitäten an Boden verliert) ersetzen will, müsste man sie in Sex-und-Genderstudien umbenennen und auch Evolutionsbiologie miteinbeziehen. Denn eine Wissenschaft beginnt nicht mit einer Antwort, sondern mit einer Frage.

Till Nikolaus von Heiseler (Twitter) ist Philosoph und unabhängiger Forscher. 2013 erschien sein Buch "Friedrich Kittlers Flaschenpost". In den Jahren 2008-2015 führte er ein Forschungsprojekt zur Evolution des Menschen und der Sprache durch. Es folgten entsprechende Publikationen in Fachzeitschriften und die Vorstellung seiner Hypothese auf Fachtagungen (u.a. EVOLANG). Parallel zu seiner Forschung arbeitet er mit Gehörlosen im Theater und im Film. 2016 wird sein Buch "Die Pullo-Vorenus-Hypothese - Die Entstehung des Menschen aus dem Geiste der Narration" (Arbeitstitel) erscheinen. Bis dahin entstehen eine Reihe von Artikeln für Zeitungen, Zeitschriften und Blogs, von denen einige Ausschnitte aus dem Buch enthalten und auf das Buch neugierig machen sollen.

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