Gendersternchen: Gerechte Sprache, gerechte Welt?

Stellungnahme von Frauenministerin Lambrecht sorgt für Rauschen im Blätterwald

Zahlreiche Nachrichtenportale verwiesen am gestrigen Mittwoch - interessanterweise jeweils ohne Quellenangabe - auf einen Zeitungs- beziehungsweise Medienbericht, in dem sich Bundesministerin Christine Lambrecht (SPD) gegen das Gendersternchen und andere Symbole zur Kennzeichnung unterschiedlicher Geschlechter aussprechen solle. Sie empfehle einen pragmatischen Umgang und, wo möglich, die Verwendung neutraler Begriffe.

Für eine "Teilnehmerliste" lässt sich einfach die "Teilnahmeliste" als Alternative verwenden. Die "Ministerpräsidentenkonferenz" durch die "Konferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder" zu ersetzen, würde aber auch der Frauenministerin zu bunt. Vom Abwechseln männlicher und weiblicher Formen halte sie aber auch nicht so viel.

Im Studium (2000-2005) sahen mich einige politisch aktive Kommilitoninnen als "Feminist", weil ich von "Studierenden" sprach. Als mir klar wurde, dass es denen nicht um grundlegende Gerechtigkeit für alle ging, sondern um die systematische Bevorzugung von Frauen, wehrte ich mich aber gegen die Vereinnahmung in dieses Lager. (Beispiel: Kinder sollten prinzipiell den Familiennamen der Mutter tragen, da diese ihnen "viel näher" sei.)

Als Autor oder auch als Gast in verschiedenen Medien wurde ich bisher immer nur kritisiert, nie gelobt, wenn ich mich um "inklusive Sprache" bemühte, beispielsweise von "Zuhörerinnen und Zuhörern" sprach oder mal abwechselte, "Psychologinnen und Psychiater". Allmählich werde ich des Themas müde.

Gendersprache unbeliebt

Wenn es eine einfache Lösung für das Problem im Deutschen gäbe, dann hätten wir sie längst gefunden. Unsere Pattsituation könnte man dazu nutzen, ein paar grundlegende Punkte noch einmal zu bedenken: Was wäre "gendergerechte" Sprache überhaupt? Was ist den Bürgerinnen und Bürgern wichtig? Passen die Ziele der Politik dazu? Und wie steht es allgemein um die Gleichstellungspolitik?

Wie beispielsweise die FAZ noch im Mai dieses Jahres schrieb, lehnten fast zwei Drittel der Deutschen eine "gendergerechte Sprache" ab. Laut der Befragung von Infratest Dimap sei sogar unter den Grünen eine (wenn auch knappe) Mehrheit dagegen. Auf der Seite der FAZ sind dann auch von rund 72.500 Leserinnen und Lesern ganze 80 Prozent gegen eine "gendersensible Sprache", 14 Prozent dafür und 6 Prozent unentschieden.

Warum also viel Aufheben von dem Thema machen, wenn eine klare - und der Umfrage nach sogar zunehmende - Mehrheit dagegen ist? Für Gerechtigkeit, hier: eine "gendergerechte Sprache", könnte man meinen. Und wer wäre gegen Gerechtigkeit? Ist es nicht gerade die Funktion demokratischer Rechtsstaaten, verschiedene Interessen gegeneinander abzuwägen und so zu viel Konzentration von Macht an einem Ort zu vermeiden?

Nehmen wir einmal an, es gäbe eine Verpflichtung für das Binnen-I (ArbeitnehmerInnen), Gendersternchen (Arbeitnehmer*innen), den Gender-Gap (Arbeitnehmer_innen) oder was auch immer. Wäre das wirklich eine gerechtere Welt? Würde es dann Frauen, Männern und geschlechtlich diversen Menschen besser gehen? Wen würde das, abgesehen von Genderpolitikerinnen und -Politikern, wirklich befriedigen?

Sprachliche und weltliche Probleme

Was mich zu dem grundlegenden Punkt bringt, inwiefern eine gerechte Sprache wirklich eine gerechte Welt bedeutet. Dafür ist von Bedeutung, dass die Bedeutung von Wörtern nichts Feststehendes und Abstraktes, sondern etwas Dynamisches und Erlebtes ist.

Nehmen wir einmal an, wir hätten eine in Geschlechtsfragen perfekt ausbalancierte Sprache: Weder Frauen, Männer, noch geschlechtlich diverse Menschen hätten irgendeinen Grund, sich sprachlich ausgeschlossen zu fühlen. In der Praxis würde man aber systematisch Menschen aufgrund ihres Geschlechts ausgrenzen. Das würden wir wohl keine gerechte Welt nennen.

Im Gegenteil könnte man orwellsche Verhältnisse (siehe "Animal Farm" oder "1984") vermuten, weil Sprache und Realität weit auseinanderklafften. Die Wörter würden Gleichberechtigung der Geschlechter suggerieren, während viele Menschen in ihrem Alltag Ungleichheit erführen. Das hätte schon Züge von Propaganda.

Man sollte Gerechtigkeit also nicht oder jedenfalls nicht primär an Sprachregelungen messen, sondern an den tatsächlichen Lebensverhältnissen der Menschen. Nehmen wir das Beispiel, dass man rassistische Begriffe wie "Neger" aus Kinderbüchern entfernt hat. Etwas gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft zu unternehmen, ist eine gute Sache (siehe auch Artikel 3 GG, im niederländischen Grundgesetz ist es gar der allererste Artikel).

Wie glaubwürdig wäre so eine Initiative aber in einer Gesellschaft, die Menschen in solchen Herkunftsländern für ihre Arbeit schlecht bezahlt (denken wir an Bananen, Kaffee, Schokolade oder Tee), die an Waffenlieferungen an solche Länder beziehungsweise ihre Gegner gut verdient (z.B. Saudi-Arabien), die solche Länder mal militärisch besetzt, dann wieder fallenlässt (z.B. Afghanistan), die mit rechtlichen Tricks das Wahrnehmen von Menschenrechten (z.B. Asyl) von Flüchtlingen aus solchen Ländern erschwert, der es relativ gleichgültig ist, wie es den Flüchtenden ergeht (z.B. Ertrinkende im Mittelmeer), die den trotzdem Aufgenommenen dann Steine auf den Weg der Integration legt (z.B. Arbeitserlaubnis) und noch viel mehr?

Ungerechtigkeit im Innern

Man muss aber nicht erst die Außenpolitik bemühen. Schon in Inland gibt es genügend Ungerechtigkeit: Wie ist es beispielsweise um die Millionen Kinder bestellt, die in unnötiger Armut aufwachsen müssen, die dann auf schlecht ausgestatteten Schulen schlechtere Bildung erhalten und denen aufgrund ihrer sozialen Herkunft wichtige Aufstiegschancen verwehrt bleiben?

In der Genderpolitik wird der "Gender Pay Gap" als großes Problem gesehen. Laut Statistischem Bundesamt verdienten 2020 Frauen im Mittel 18 Prozent weniger als Männer (in Ostdeutschland war der Unterschied mit 6 Prozent übrigens viel geringer).

Das liegt aber vor allem daran, dass viele Berufe, die Frauen vorziehen (denken wir an Erzieherinnen, Pflegerinnen), schlechter bezahlt werden. Wo es um öffentliche Einrichtungen geht, könnten die Politikerinnen und Politiker das Problem direkt lösen, indem sie eben höhere Löhne bezahlen, doch tun sie es nicht.

Bereinigt man solche Faktoren, dann bleiben 6 Prozent Gehaltsunterschied übrig. Vergleichen wir das einmal damit, dass am oberen Ende des Bildungswegs, bei der Promotion, 100-mal so viele Kinder aus Akademikerfamilien einen Doktorgrad erwerben als Kinder aus Arbeiterfamilien. Das sind keine mageren 6 Prozent Unterschied, sondern satte 9.900 Prozent!

Da das Bildungssystem (überwiegend) in öffentlicher Hand ist, kann man seinen Repräsentanten nicht abkaufen, dass es ihnen wirklich um Gleichberechtigung geht. Zudem muss man den Unterschied zur Gleichstellung bedenken: Diese schaut darauf, ob am Ende gleich viele Frauen und Männer in einer bestimmten Position sind.

Gerade in freieren Ländern ist es aber so, dass sich mehr Frauen für "typische Frauenberufe" (z.B. Biologie, Medizin) und mehr Männer für "typische Männerberufe" (z.B. Elektrotechnik, Informatik) entscheiden (Studienwahl: Geschlechtsunterschiede bleiben). Ob solche Unterschiede biologisch, psychologisch oder sozial bedingt sind, sei dahingestellt. Fakt ist: Es gibt sie.

An ihren Taten sollt ihr sie messen

Das heißt, dass das Frauen- und Männerbild der Gleichstellungspolitik nicht den Tatsachen entspricht. Die Bevölkerung - mit ihren Entscheidungen männlicher, weiblicher und geschlechtlich diverser Bürger - trotzdem an das Ideal der Gleichstellungspolitiker anzupassen, hätte schon totalitaristische Züge.

Kurzum, an ihren Taten soll man die Politikerinnen und Politiker messen, eher als an ihren Worten. Zudem ist in der virtuellen Welt des World Wide Web schnell ein Shitstorm auf Twitter organisiert, bequem vom Bürostuhl aus. Damit ist aber an der Situation der Betroffenen noch nichts verbessert. Vielmehr könnte es sich um ein Feigenblatt handeln.

Wie wir die deutsche Sprache "gendergerecht" bekommen, ist unklar; ebenso unklar ist, was das für Frauen, Männer und geschlechtlich diverse Menschen brächte. Klar ist aber, dass wir im Innern wie Äußeren große Ungerechtigkeiten haben und aufrechterhalten. Beschäftigen wir uns lieber mit den realen Problemen als mit den imaginierten.

Die Ethik weist hier einen Ausweg: Ihr geht es darum, die Interessen aller Betroffenen gleichermaßen zu berücksichtigen und abzuwägen. Anstatt nur aufs Ergebnis zu schielen, wie es die Gleichstellungspolitik macht, sollte man den Weg betrachten: Wie kann man für mehr Chancengerechtigkeit sorgen?

(Beim Beispiel mit dem Nachnamen des Kindes könnte man dann darauf kommen, dass die Beziehung des Kindes mit der Mutter unmittelbar nach der Geburt tatsächlich intensiver ist, dass für ein Kind - und damit indirekt auch die Mutter - aber die Beziehung zum Vater ebenfalls wichtig ist. Der Name könnte die Distanz zwischen Kind, Mutter und Vater also noch vergrößern - oder das natürlich bestehende Ungleichgewicht verringern.)

Gleichwertigkeit

Das passt im Übrigen zum politischen Liberalismus, auf dem unsere Gesellschaft fußt, viel besser als zum Totalitarismus: Die Menschen sind nämlich nicht gleich (Individualismus vs. Uniformität), doch gleichwertig! Mit gleichen Chancen für alle wäre auch das Endergebnis gerecht, selbst wenn sich dann Unterschiede zwischen bestimmten Gruppen ergeben.

In diesem Sinne, anders kann ich es leider nicht sagen, verfehlt unsere Demokratie aber ihr Ziel und verdient das Gros der Regierungskoalitionen die Note mangelhaft. Politikerinnen und Politiker stehen für mehr Diversität ein. Trotzdem halten sie Institutionen aufrecht (z.B. Bildungswesen, Steuerrecht), die Menschen mit bestimmten sozialen Merkmalen systematisch benachteiligen.

Insofern sollten wir die Lösung sprachlicher Zwickmühlen zurückstellen, bis wir drängendere reale Probleme gelöst haben. Dafür braucht es mehr als ein Rauschen im Blätterwald. Für ein Minimum an Glaubwürdigkeit zum Thema Gerechtigkeit führt aber kein Weg daran vorbei.

Einigen wir uns darauf: Menschen sind nicht gleich, sondern gleichwertig. Diese Gleichwertigkeit muss sich in gleichen Chancen ausdrücken. Das gilt umso mehr für eine kapitalistische Wettbewerbsgesellschaft, wenn sie sich einen demokratischen Rechtsstaat nennen will.

Hinweis: Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.

(Stephan Schleim)