General Motors - Let's go east!

Der Autokonzern schreibt Geschichte beim Beschäftigungsabbau, ein Viertel der Arbeitnehmer soll GM verlassen, während die Gewinne schon wieder nach oben gehen und es in Europa zu Konflikten kommt

Fast 30.000 Beschäftigte von General Motors in den USA werden nach Angaben der Direktion den Konzern verlassen. Etwa ein Viertel aller Beschäftigten hat das Abfindungsangebot gezeichnet. Statt Industriegeschichte schreibt GM nun Geschichte beim Beschäftigungsabbau. Konfliktreicher geht es dabei in Europa zu. Wegen der angedrohten Schließung des portugiesischen Opel-Werk in Azambuja kommt es europaweit zu Protesten in den Werken der Tochterfirmen Opel, Saab und Vauxhall. GM bastelt derweil an Produktionsstätten und Joint Ventures in Osteuropa.

Das Wall Street Journal hatte es schon am Freitag gemeldet. In einem einmaligen Vorgang der Industriegeschichte der USA hätten sich in wenigen Monaten mehr als 28.000 Arbeiter freiwillig entschlossen, den weltweit zweitgrößten Autokonzern zu verlassen. Geplant ist die Schließung von diversen Werken in den USA und in Kanada, mit oft dramatischen Folgen für die jeweilige Region (Rüsselsheim ist überall). Den Sparplan hatte letztes Jahr GM-Chef Rick Wagoner angekündigt. Nach nur schmalen Gewinnen 2004 will der Konzern im folgenden Jahr mehr als zehn Milliarden US-Dollar Verluste eingefahren haben. Deshalb hatte Wagoner 2005 den mittelfristigen Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen angekündigt.

Ob die Zahlen stimmen, ist schwer zu sagen. Zu denken gibt, dass der Konzern im ersten Quartal 2006 schon wieder einen Gewinn von fast einer halben Milliarde US-Dollar ausweist. Es drängt sich die Vermutung auf, dass die Zahlen für 2005 extrem schlecht gerechnet wurden, um die Jobstreichungen argumentativ abzufedern. Die Rechnung ist in den USA aufgegangen. Wagoner hatte, als er im März die Abfindungsregelung ankündigte, als Ziel den Abbau von etwa 10.000-15.000 Stellen genannt. Wegen der hohen Akzeptanz für eine Frührente oder der Abfindungen sei das für 2008 angelegte Ziel für den Stellenabbau nun schon zwei Jahre zuvor erreicht.

Weil bis zu 140.000 US-Dollar pro Stelle gezahlt werden, sieht sich der Konzern kurzfristig einer enormen Finanzbelastung ausgesetzt. Allerdings sollen diese Kosten schnell durch den Wegfall der Lohnkosten für diese Mitarbeiter kompensiert werden, die sich jährlich auf etwa eine Milliarde US-Dollar belaufen sollen. Durch die Schließungen soll zudem die Auslastung der Werke gesteigert werden, die derzeit nur bei 80% läge.

Konfliktreicher gestaltet sich der Versuch von GM, in Europa Werke zu schließen oder Stellen abzubauen. Bisher ist bekannt, dass die Konzernleitung das portugiesische Opel-Werk in Azambuja, 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Lissabon, schließen will. Schon die Ankündigung sorgte dafür, dass es an europäischen GM-Standorten zu Streiks und Protesten kam. In den Opel-Werken in Rüsselsheim, Bochum und Eisenach nannte man das letzte Woche Betriebsversammlungen. Proteste gab es auch in Österreich, Ungarn, Holland und Spanien. Die Produktionsausfälle könnten nun dazu führen, dass Opel 2006 erneut keinen Gewinn macht. Zwar erklärte die Firma, die Ausfälle könnten über Sonderschichten wettgemacht werden, doch der Betriebsrat in Eisenach hat seine Zustimmung dafür verweigert.

Die große spanische Gewerkschaft Arbeiterkommissionen (CCOO) droht, die Belegschaft in Saragossa werde in jeder Schicht zwei Stunden streiken, sollte Azambuja geschlossen werden. Die Solidaritätsstreiks haben am Montag auch Schweden erreicht. In den Werken der GM-Tochter Saab in Trollhättan, Göteborg und in Södertälje (bei Stockholm) wurde zeitweise gestreikt.

Nach der massiven Antwort der Belegschaften und der Intervention der portugiesischen Regierung hatte GM die Entscheidung über die Werksschließung ausgesetzt. In einem Brief an die Gewerkschaften wurde der Plan für die Schließung zum 31. Oktober allerdings bestätigt. Ob die Würfel tatsächlich gefallen sind, ist unklar. Aus dem Brief wird aber deutlich, dass GM der Protest der Belegschaften stört. Dass ausgerechnet die Beschäftigten in Saragossa sich auf die Hinterfüße stellen, obwohl dorthin angeblich die portugiesische Produktion verlagert werden soll, ist für GM besonders ärgerlich. Aber auch dieses Werk wurde schon als Schließungskandidat gehandelt. Die CCOO erinnerte daran, dass der Versuch an den Polen gescheitert ist, polnische gegen die spanischen Arbeiter auszuspielen. GM hatte mehrfach gedroht, die Meriva-Produktion von Saragossa nach Gliwice zu verlagern. Deshalb appelliert die CCOO nun an die Solidarität aller Konzernbeschäftigten, um die Schließung von Azambuja zu verhindern.

In seinem Brief an die portugiesischen Gewerkschaften schreibt der europäische Exekutivdirektor Geral Johnson, die Proteste der portugiesischen Belegschaft würden sich nur negativ auf ihre Situation und ihre Abfindungen auswirken. Statt zu protestieren, sollten die Gewerkschaften, ganz nach US-Vorbild, in die Verhandlungen über die Höhe der Entschädigungen eintreten. Die Vorarbeiten für den schnellen Produktionswechsel nach Zaragoza müssten schnell geschaffen werden, heißt es in dem Brief. Die Gewerkschaften wiesen Johnsons „Drohungen“ zurück. Ohnehin ist kaum anzunehmen, dass die Portugiesen den Abbau der eigenen Job vorbereiten. Sie kündigten neue Proteste an. Dazu gehört ein 24stündiger Ausstand am Donnerstag.

Die portugiesischen Gewerkschaften fordern von der Regierung, sie müsse alle „Anstrengungen unternehmen, damit Opel in Portugal bleibt”. Denn über das Werk werden 0,6 % des portugiesischen Bruttoinlandsprodukts geschaffen. Geschätzt wird, dass neben 1.150 direkten Arbeitsplätzen weitere 9.000 indirekt über die Werkschließung zerstört werden. Die Vereinigung der Autofabrikanten (AFALA) teilte mit, 21 Zulieferer von Opel in Portugal müssten mit einem Produktionsausfall im Wert von 100 Millionen Euro jährlich rechnen. Etwa zehn Prozent ihrer gesamten Produktion entfiel auf Opel, erklärt die Exekutivdirektorin der Vereinigung Teresa Dieguez.

Die Schließung des Werks in Azambuja würde nicht nur „zahllose Familien, sondern auch einen bedeutsamen Sektor des Landes treffen”, erklärte der Generalsekretär der Arbeiterunion (UGT), João Proença. Falls GM das Werk schließe, müsse die Regierung dafür sorgen, dass der Konzern „alle erhaltenen Beihilfen zurückzahlt und mit einer maximalen Strafe“ belegt werde. Proença begründete dies damit, dass der Multi die mit der Regierung geschlossenen Verträge nicht einhalte. Zwischen 30 und 40 Millionen Euro Beihilfe soll Opel in Portugal erhalten haben. Dazu könnten deftige Konventionalstrafen kommen.

Für den Betriebsratsvorsitzenden in Azambuja, Paulo Vicente, wäre die Schließung eine „Katastrophe“ für die Region. Auch er hofft weiter darauf, das Werk retten zu können. Vicente bezweifelt auch, dass die Stückkosten für den Bau eines Combo tatsächlich 500 Euro über denen in anderen Werken lägen. Er forderte Einsicht in die betreffende Studie: „Uns würde interessieren, wie sie zu dem Ergebnis gelangt sind”, sagte Vicente und vermutet, es gäbe eine „politische Entscheidung“. Dass GM die Produktion aus Portugal nur einige Hundert Kilometer ins nordspanische Saragossa verlagert, wird dort bezweifelt. Nach Angaben von Opel seien in Saragossa die Produktionskosten sogar noch höher als in Portugal.

GM verweigert nicht nur den Betriebsräten die Einsicht in die Studie, sondern weigert sich auch, mit den Gewerkschaften über die zukünftigen Produktionspläne zu diskutieren. Die befürchten deshalb, dass ein Teil der Produktion langfristig nach Osteuropa verlagert werden soll. Let´s go east, heißt die Parole auch bei GM. Erst am Freitag wurde im russischen Sankt Petersburg der Grundstein für ein neues Werk gelegt. Man stehe auch in fortgeschrittenen Verhandlungen mit dem ukrainischen Autohersteller UkrAVTO über ein polnisches Gemeinschaftsunternehmen, bestätigte ein GM-Sprecher am Sonntag. Er behauptet aber, dass beträfe die Opel-Produktion nicht.

Doch daran zweifelt der Gesamtbetriebsrat. Besonders der Fertigung des Corsa in Eisenach und Saragossa drohe langfristig Gefahr durch die Osterweiterung des Konzerns. Das Werk von UkrAVTO bei Warschau habe eine Kapazität von 300.000 Fahrzeugen pro Jahr. Doch vom Kleinwagen Chevrolet Aveo sollen dort nur 25 000 Fahrzeuge produziert werden. Der Betriebsratschef von GM Europe, Klaus Franz, zeigte sich gegenüber der Fachzeitschrift Automotive News Europe darüber besorgt, dass diese Entwicklung auch zur Reduzierung von Kapazitäten in Westeuropa führen könne. Das Joint Venture könnte der erste Schritt sein, um Corsa- Produktionskapazitäten von West- nach Osteuropa zu verlagern.

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