Generation Habermas

Bild: Wolfram Huke/ CC BY-SA 3.0

Der Weltgeist von Starnberg: Kein zweiter Denker hat die Bundesrepublik ähnlich geprägt wie Jürgen Habermas

Jürgen Habermas ist vergangene Woche 90 geworden - er ist der Theoretiker gegen die Angst, der Philosoph der Zivilisierung nach der Barbarei und das intellektuelle, politische Gewissen der Bundesrepublik.

Habermas, geborener Rheinländer, gilt als schwieriger Denker, doch tatsächlich gibt es wenige, die so offen und vielfältig denken wie er: Die wichtigsten Stichworte des Philosophen sind die "Einheit der Vernunft in der Vielheit ihrer Stimmen", der "Strukturwandel der Öffentlichkeit", in deren "Neuer Unübersichtlichkeit" sich "der zwanglose Zwang des besseren Arguments" durchsetzen könne. Am Ende steht der "Verfassungspatriotismus" und die "Urbanisierung der Provinz".

Die dumpfe Aktualität bewusst machen

Vor 40 Jahren, im Jahr 1979, machte sich Jürgen Habermas zu seinem 50. Geburtstag selbst und der Frankfurter Suhrkamp Verlag einem seiner schon damals wichtigsten Autoren gewissermaßen ein Geburtstagsgeschenk. Am 1. Oktober, gute drei Monate verspätet, erschien der ziegelrote Doppelband der edition suhrkamp mit der beziehungsreichen Nummer 1000 unter dem ironischen (?!) Titel "Stichworte zur 'Geistigen Situation der Zeit'", herausgegeben vom damals in Starnberg forschenden Philosophen.

Die Gebildeten erinnerten sich: Der Titel war eine offene Anspielung auf den knapp 50 Jahre zuvor erschienenen Bestseller von Karl Jaspers. In seinem erfolgreichsten Buch hatte der liberale Existentialist eine unausgesprochenes Gegenprogramm zu seinem intellektuellen Partner Heidegger und dessen katholisch grundierter Fundamentalontologie formuliert. Aber Jaspers folgte Heideggers Muster des Meisterdenkers, der vom Schreibtisch herab aus einer Perspektive die Welt erklärt.

"Das alles ist obsolet geworden", formuliert Habermas dazu in seiner immer noch sehr lesenswerten Einleitung: "Nicht obsolet geworden ist die Aufgabe von Intellektuellen, auf Sprünge, Entwicklungstendenzen, Gefahren auf kritische Augenblicke mit Parteinahme und Sachlichkeit, mit Sensibilität und Unbestechlichkeit zu reagieren. Es ist das Geschäft von Intellektuellen, die dumpfe Aktualität bewusst zu machen. Wir sollten das nicht Leuten überlassen, für die 'Intellektueller' ein Schimpfwort ist."

Habermas setzte auf Teambuilding, Kooperation und Pluralismus, gewissermaßen kulturgeschichtliche Sozialpartnerschaft - die Kardinaltugenden der frühen Bundesrepublik.

Der Doppelband war eine Sammlungsbewegung der Linksliberalen und der große Auftritt der Generation Habermas. Sie übte den Gegenschlag gegen die neokonservativen Bannerträger der "Tendenzwende", die gerade den Stahlhelm für die "militarisierte Demokratie ... an der semantischen Bürgerkriegsfront" aufgeschnallt hatten.

Sie tat dies in Form von "Stichworten", was keineswegs ein so bescheidener Anspruch war, wie es schien und von manchem mit dem Soupçon intellektueller Dürftigkeit auch wahrgenommen wurde. Denn man präsentierte sich selbstbewusst als "Stichwortgeber". Und in dem Pluralismus des Auftritts lag auch die Idee einer intellektuellen Avantgarde, die das "getrennt Marschieren, vereint Schlagen" in die politische Tat umsetzt, die Einheit der Vernunft in der Vielheit ihrer Stimmen.

Die zweite und entscheidende Schlacht gegen die Generation der Tendenzwende schlug Habermas dann im "Historikerstreit" ab 1985. Es war dies eine politische Wasserscheide für die heute etwa 50-jährigen Westdeutschen, die mit den Erfahrungen von "1968" und "1977" jeweils Brüche markiert, die den des Jahres 1989 an Intensität übersteigen.

Wache Kritik an der Kolonisierung der Lebenswelt

Bis heute ist Habermas wach. Früh erkennt er "Konflikte und Umschwünge, die eine Veränderung tiefsitzender Strukturen anzeigen". Sein zeitsymptomatisches Unbehagen, das er mit Jaspers teilt, machte ihn sensibel genug, bereits 1979 die "Kolonisierung der Lebenswelt" zu diagnostizieren und die "Verarmung der Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeiten in komplexen Gesellschaften" zu erkennen.

Habermas diesbezüglichen Bemerkungen und seinen Stichworten - "Die Instrumentalisierung der Berufsarbeit, die Mobilisierung am Arbeitsplatz, eine Verlängerung von Konkurrenz und Leistungsdruck bis in die Grundschule, die Monetarisierung von Diensten, Beziehungen und Lebenszeiten, die konsumistische Umdefinition des persönlichen Lebensbereichs … die Bürokratisierung und Verrechtlichung von privaten informellen Handlungsbereichen, vor allem die politisch administrative Erfassung von Schule, Familie, Erziehung, kultureller Reproduktion überhaupt" - ist auch nach 40 Jahren und vier digitalen "Revolutionen" wenig Substantielles hinzuzufügen.

Strukturwandel der Öffentlichkeit

"Kommunikation" heißt der Zentralbegriff im Werk von Habermas. Über alle Entwicklungen, Veränderungen, zuweilen Brüche in der mittlerweile über 60jährigen Geschichte seines Werks hat der am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geborene, bedeutendste lebende deutsche Philosoph an der Idee einer "universalen Verständigung" festgehalten. Und zumindest für sein eigenes Werk hat er dieses Ideal erreicht.

Heute liest man Habermas in China und bei der SPD, achtet und schätzt sein Werk am Pariser Seineufer, dessen postmoderne Meisterdenker er seinerzeit mit Verve bekämpfte, ebenso wie auf dem Campus von Harvard, zu dessen Sprachphilosophie er gewissermaßen das europäische Gegenmodell entwickelte.

Habermas, der heute in Starnberg lebt, ist ebenso ein Gesprächspartner für erzkonservative römische Kardinäle wie für die Bürgerrechtler der ganzen Welt. Nur logisch, dass so einer gerade 2001, vier Wochen nach 9/11, auch noch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekam.

Fast ein wenig zu harmonisch wirkt dieses Bild, und man zweifelt, dass es Habermas so ganz behagt. Denn dem Streit ist er nie ausgewichen, Verständigung und Konsens kann es in seiner Auffassung überhaupt nur geben, wo auch gestritten wird. Die Art, wie man streitet, ist aber entscheidend.

Es begann mit einem Paukenschlag: Vor über 50 Jahren, im Sommer 1953, rezensierte der damals junge unbekannte Doktorand den neuen Vorlesungsband von Martin Heidegger, der gerade die Vorwürfe wegen seiner NS-Verstrickungen abgeschüttelt und es sich wohlig in der jungen Republik eingerichtet hatte. Verbindlich im Ton, scharfsinnig in der Sache störte Habermas diese Gemütlichkeit, und das so nachhaltig, dass man weder ihn noch seine Argumente seitdem wieder vergessen konnte.

In der Weise, in der er die Frage nach der Verantwortung des Denkens aufwarf und auf die direkt zurückliegende Vergangenheit anwandte, machte sich Habermas zum Sprecher jener jungen Generation von Nachkriegsakademikern, die sich mit falscher Versöhnung zwischen den Älteren nicht abfinden wollten. Hier zeigten sich erste Konturen des philosophisch-politisches Profils, das sein Werk prägte und über das er in Bezug auf andere, weltanschauliche Freunde wie Feinde, in vielen seiner Bücher schrieb.

Wer sich mit Werk und Wirkung von Habermas befasst, kann beides nicht von dessen Geburtsjahr trennen. 1929, kurz vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, in einer Epoche, die wir heute als Jahre einer kurzlebigen, scheiternden Republik und "Zwischenkriegszeit" kennen.

Ein erstaunlicher historischer Gezeitenwechsel, der durch dieses Leben überbrückt wird: Die "Gnade der späten Geburt" bewahrte Habermas vor dem Kriegseinsatz, aber seine ganze bewusste Kindheit war geprägt von der Erfahrung der NS-Diktatur. Kein Widerständler, sondern ein angepasster Opportunist sei der Vater gewesen, berichtete er später.

Die Erfahrung der Diktatur, des materiell wie moralisch zerstörten Deutschland, die Hoffnungen und Chancen der "Stunde Null", die positiv erfahrene Verwestlichung Deutschlands, Jazzmusik, Hollywood-Filme, freie Presse und das allmähliche Entstehen eines aus eigenem Recht und Wollen demokratischen Deutschlands prägten das Erwachsenwerden dieser Generation. Und aus ihr darf man Habermas' Werk bis heute verstehen.

Ich selbst bin ein Produkt der reeducation, und ich hoffe, kein allzu negatives. Ich möchte damit sagen, dass wir gelernt haben, dass der bürgerliche Verfassungsstaat in seiner französischen oder amerikanischen oder englischen Ausprägung eine historische Errungenschaft ist.

Jürgen Habermas

Von den ersten Jahren der Bundesrepublik, als er in Göttingen, Zürich und Bonn studierte und im Feuilleton der FAZ erste Texte veröffentlichte, hat dieser Philosoph seine Gesellschaft begleitet, sich als ihr Zeitgenosse und wohlwollender Kritiker verstanden. Darum ist Habermas auch schon in den 1960er Jahren, über sein von Anfang an einflussreiches Werk hinaus, eine öffentliche Person und einer der führenden Intellektuellen unseres Landes gewesen.

Habermas' Bereitschaft, öffentlich über Politik, Recht und Moral zu streiten, trennt ihn deutlich von vielen anderen. Die eher bürgerlich-konservative Ausbildung in Göttingen und Bonn wurde durch die Jahre in Frankfurt ergänzt.

Hier arbeitete er beim renommierten "Institut für Sozialforschung" als Assistent bei den zurückgekehrten Emigranten Max Horkheimer und Th. W. Adorno. Sein engster Freund und Kollege am Institut war der Liberale Ralf Dahrendorf. "Da begannen sich philosophische und politische Dinge zum ersten Mal zu berühren," schrieb er später.

Nachdenken müsste man hierüber noch einmal länger: Über die Versöhnung der klassischen deutschen Geistestraditionen mit den neuen Wissenschaften, die bei Habermas vielleicht doch auch in einen existentiellen Liberalismus münden. Übersehen sollte man nicht, dass Horkheimer auch Schopenhauer-Leser war, Adorno auch Nietzsche-Leser. Wieviel Jaspers, Arendt und Sartre hat Habermas gelesen? Nur einmal, beim Sartre-Kongress 1987, deutete Habermas' Ex-Assistent Axel Honneth diese unbeschriebenen Parallelen an.