Generation Tired

Es passt nicht so recht ins Bild der schönen neuen Digi-Welt, aber Mediennutzer selbst beklagen zunehmend Erschöpfung, ein hoher Anteil junger Frauen fühlt sich "unter Druck"

Man sollte doch ab und zu nachdenken dürfen über unsere digitalen Gewohnheiten, auch auf die Gefahr hin, als pessimistisch oder Nicht-auf-der-Höhe gebrandmarkt zu werden. Was wäre das denn: die "Höhe" - die Digitale Moderne? Oder, weniger euphorisch, unsere vollkommen gewordene Abhängigkeit von einem Flachmann, vollgestopft mit Elektronik, glatt, strahlend, rohstoffhungrig, immer am Ohr?

Für viele nichts weniger als die Einlösung einer Verheißung. Jedes Smartphone ist Teil der neuen, globalen Menschengesellschaft, wir sind Begeisterte, nicht Ausgebeutete. Und wir, viele von uns sind neuesten Befragungen zufolge - digital erschöpft.

Immer erreichbar, immer seltener fit

Es sind die Nutzer selbst, die uns laut einer im Herbst veröffentlichten Erhebung wissen lassen, welche Kehrseiten die schöne neue Medienwelt hat. Befragt wurden 14- bis 34-Jährige, in andern Worten: Jugendliche und junge Erwachsene beiderlei Geschlechts. "Zukunft Gesundheit 2019" war das Oberthema, zu dem die Schwenninger Krankenkasse zusammen mit der Stiftung "Die Gesundarbeiter" 1.072 jungen Bundesbürgern auf den Puls fühlte. Heraus kam eine repräsentative Studie. Den größten Raum darin nehmen die Digitalen Medien ein.

Die Ergebnisse in Kürze: Viele der Altersgruppe fühlen sich offensichtlich durch Digitale Medien gestresst. Das Stressgefühl ist binnen eines Jahres von 36 auf 41 Prozent der Teilnehmenden gestiegen. Das ist in summa kein geringer Anteil. Als Gründe werden genannt: Ablenkung durch Chats, Videos oder Social Media sowie die ständige Erreichbarkeit. Aber auch die allgemeine Informationsflut wird wohl als anstrengend erlebt (53 Prozent), daneben die Sorge, etwas zu verpassen (47 Prozent). Ein Drittel der Befragten nennt auch den Gruppenzwang als Übel, wie er etwa bei Aktivitäten in Chat-Gruppen erlebt wird (33 Prozent).

Stress - durch soziale Pflichtgefühle

Die Studie zeigt klar Unterschiede zwischen den Geschlechtern. 78 Prozent der weiblichen Befragten geben an, sie fühlten sich ständig medial unter Druck gesetzt (Männer: 58 Prozent). Vor allem junge Frauen erleben die sozialen Medien als Stressauslöser. Die Folgen: Gereiztheit, Schlafmangel, Erschöpfung. Die ständige Bereitschaft an Smartphone und Tablet fordert also ihren Preis, der geht leider - so in den Antworten der Studie nachzulesen - auch auf Kosten direkter sozialer Kontakte.

Tanja Katrin Hantke von der Schwenninger Krankenkasse erklärt zum Thema Stressempfinden der Jüngeren: "Je jünger die Befragten, desto intensiver nehmen sie Aktivitäten in den sozialen Medien als soziale Verpflichtung wahr."

Und es kommt noch schöner. Die Antwortoption: "Ich sehe kaum Möglichkeiten, etwas gegen den Stress durch digitale Medien zu tun" beantworten 51 Prozent mit "Trifft zu", also gut die Hälfte aller Teilnehmer, wobei die Zahl nur den Mittelwert anzeigt. In Wirklichkeit steigt die Schicksalsergebenheit in dieser Frage in der (höheren) Altersgruppe der 26- bis 34-Jährigen auf satte 55 Prozent.

Schlafmangel, Zeitmangel, ungesunde Ernährung

Andauernde Hingabe also, trotz erkannter Probleme? Mehr als die Hälfte aller Befragten leidet unter Schlafmangel, 53 Prozent geben Probleme beim Einschlafen an.

Die Einschränkung realer, d.h. persönlicher Kontakte als Folge des Medienverhaltens spielt besonders in den Reihen der 18- bis 34-Jährigen eine Rolle (Anstieg bis auf 45 Prozent), das ist ein bedenkenswerter Fingerzeig der Studie. Wir erleben ja umgekehrt, dass die neuen Medien Menschen zusammenführen - oder wünschen uns das zumindest. Weniger direkte persönliche Kontakte mit anderen Menschen zusammen mit einem weiteren Faktor - nämlich ungesunder Ernährung aufgrund von "Zeitmangel" - stimmen ebenfalls nachdenklich. Hier wären mehr bewusste Auszeiten gefragt.

Kids: Zu früh zu viel am Handy?

Das Thema beschäftigt auch die Jugendmediziner. Thomas Fischbach, Chef des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, warnte im Oktober vorm unbedachten Mediengebrauch. Besorgt über die seiner Meinung nach zu früh und intensiv einsetzende Mediennutzung befürwortete er im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung, die Kids nicht unter elf Jahren ans Smartphone zu lassen. Je später, desto besser, so Fischbach, denn den "medialen Dauerbeschuss macht das beste Hirn nicht mit". Der Mediziner sieht auch einen Zusammenhang zwischen erhöhter Mediennutzung und einknickenden schulischen Leistungen.

Besonders problematisch findet Fischbach das immer frühere Einstiegsalter bei der Nutzung und appelliert an die Eltern, sie gingen oft den einfachen Weg und stellten ihre Kinder mit elektronischen Geräten ruhig, statt sich mit ihnen zu beschäftigen. Klingt altmodisch - oder? Und was, wenn die lieben Kleinen nicht auf Bäume klettern, stattdessen online spielen und dazu noch bergeweise Chips futtern? Der Doktor fordert, die Politik müsse eingreifen, es gehe darum, die grassierende Fettleibigkeit der Jüngsten im Lande zu bekämpfen: "Wir brauchen ein Werbeverbot für sogenannte Kinderlebensmittel."

Das Smartphone in Reichweite ...

Die große Mehrheit (85 Prozent) der zwölf- bis 17-Jährigen nutzt soziale Medien jeden Tag. Die tägliche Nutzungsdauer beträgt im Durchschnitt knapp drei Stunden (166 Minuten). Die meiste Zeit verbringen die Kinder und Jugendlichen mit der Nutzung von WhatsApp (66 Prozent), aber auch Instagram und Snapchat gebärden sich als Zeitfresser. Aber es geht um mehr: Es bilden sich, neben den Gewohnheiten, auch Zugehörigkeiten und Identitäten. Jugendliche bauen sich neue soziale Rollen und Kreise auf, codiert von Einsen und Nullen. Soziale Netzwerke sind ein permanentes Klassentreffen, ein Börsenplatz fürs Ego, jeder will beweisen, dass er es zu etwas gebracht hat. Es ist ein permanenter Kampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit, die sich manifestiert in noch mehr Klicks, noch mehr Likes, noch mehr Followern.

Die exzessive Mediennutzung bleibt nicht ohne Folgen. Auch der Anfang November veröffentlichte Drogen- und Suchtbericht der Bundesdrogenbeauftragten Daniela Ludwig (CSU) zeigt, dass die Nutzung sozialer Medien ein Suchtpotenzial birgt (es ist die Rede von "Drogenaffinität") und sich damit ungünstig auf beinahe alle Lebensbereiche auswirken kann. So verzeichnet der Bericht für den Zeitraum zwischen 2011 und 2015 aufgrund statistischer Daten eine Zunahme der Computerspiel- und Internetabhängigkeit bei der oben genannten Altersgruppe (der zwölf- bis 17-Jährigen), bei weiblichen Jugendlichen eine Verdoppelung.

Neue Droge – mit Folgen für die Kognition?

Im Mai 2019 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) formal beschlossen, die Diagnose "Gaming Disorder" in die Classification of Diseases (ICD-11) aufzunehmen. Damit ist das digitale Suchtverhalten seitens der WHO als Krankheitsbild anerkannt und in den Bereich der mentalen Verhaltens- und Neuroentwicklungsstörungen eingeordnet. Offenbar setzt sich die Erkenntnis durch, dass hier ein ernstzunehmendes Problem liegt.

Der Bericht beschreibt das Krankheitsbild so: "Die Betroffenen haben zum Beispiel ihren Umgang mit Internet und Computerspielen nicht mehr unter Kontrolle, sie beschäftigen sich gedanklich übermäßig stark damit, fühlen sich unruhig oder gereizt, wenn sie diese Angebote nicht nutzen können, oder sie vernachlässigen andere wichtige Lebensaufgaben wegen des Computerspielens oder der Internetnutzung."

Möglicherweise beeinträchtigt aber – und das geht wieder alle an - die ständige digitale Mediennutzung auch unsere kognitive Leistung. Zu dem Schluss kamen jedenfalls Wissenschaftler der University of Texas. Sie untersuchten für eine Studie 800 Probanden.

Und fanden heraus: Sobald sich ein Smartphone nur in Sicht- oder Reichweite befindet, reduziert das die Konzentrationsfähigkeit eines Menschen. Der Grund dafür klingt einleuchtend: Das Gehirn, so die Forscher, ist aktiv damit beschäftigt, sich nicht vom Smartphone oder Tablet ablenken zu lassen - und bindet mit dieser Leistung bereits wertvolle Ressourcen.

Nebenbemerkung: Digitale Nachhaltigkeit?

Über digitale Nachhaltigkeit lässt sich unterdes trefflich streiten. Bewusste Auszeit als Rettung für die, die sich zunehmend gestresst und abhängig fühlen, ist die eine Sache. Aber was ist mit dem Klima, mit dem Planeten? Forscher der Universität Bristol befassten sich unlängst mit einem – freilich sehr populären - Tummelfeld der Mediennutzung. Es geht um den digitalen Musikkonsum und dessen Treibhauspotenzial, heute (so ihre Schlussfolgerung) um bis zu 100 Prozent höher als noch im Jahr 2000.

Da kommt man dann endgültig ans Grübeln. Eindrucksvolles Beispiel: Durch Auswertung öffentlich zugänglicher Daten gelangten die Wissenschaftler aus Bristol zu dem Schluss, dass das Ausspielen von Youtube-Videos jährlich ungefähr so viel Strom verbraucht wie die schottische Stadt Glasgow. Nebenbei: Eine Stadt von rund 600.000 Einwohnern. Im Interview nennt deshalb Chris Preist, Professor für nachhaltige Computersysteme in Bristol, den überflüssigen Datenverkehr schlicht "digitalen Müll".