"Generation what?": Das misstrauische "junge Europa"

Eine groß angelegte Jugendstudie deutet auf weit verbreitete Skepsis gegenüber Politik und Medien und offenbart aufständisches Potential

Eben kam doch noch die Meldung, dass das Medienvertrauen der Deutschen so hoch ist wie seit 15 Jahren nicht mehr, jetzt konterkariert die größte europäische Jugendstudie das gute Gefühl. "In allen befragten Ländern herrscht großes Misstrauen gegenüber den eigenen Medien", steht auf Seite 20 des Abschlussberichts.

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Europaweit sind es 80 Prozent, die den "eigenen Medien" misstrauisch gegenüberstehen. 39 Prozent haben überhaupt kein Vertrauen in die "Medienlandschaft", 41 Prozent sind "zumindest skeptisch". Nur 2 Prozent sprechen den Medien völliges Vertrauen aus. 17 Prozent gaben an, dass sie ihnen mehr oder weniger vertrauen.

Diese niedrigen Vertrauenswerte seien alarmierend angesichts der Rolle der Medien, bemerken dazu die Verfasser der Studie mit dem Titel "Generation What?". Die Glaubwürdigkeit der Medien sei essentiell für einen demokratischen Staat. Den Gründen für das Umfrage-Misstrauensvotum konnte man im Rahmen der Studie nicht nachgehen, ist zu lesen.

Wer die 49-seitige Studie konsultiert, bekommt einen mit spitzen Fingern servierten, in seiner Vorsicht und Korrektheit fast schon humorigen Erklärungsversuch geboten:

Es ist nicht auszuschließen, dass man Medien als korrumpierbar einstuft bzw. deren Unabhängigkeit anzweifelt. Auch ist denkbar, dass man bewusste Fehlinformation und Manipulation für möglich hält. Ebenfalls könnte die Vermutung oder Wahrnehmung journalistischer handwerklicher Fehlleistungen eine Rolle spielen.

"Generation What?" Abschlussbericht

Die öffentlichen Sender BR, SWR und das ZDF wirkten am Projekt "Generation What?" in Deutschland "leitend" mit, wie die Studie am Anfang erklärt. International werde es von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) koordiniert.

In Deutschland fallen die Werte wesentlich besser aus: Hier gaben nur 22 Prozent an, dass sie gar kein Vertrauen in die Medien haben. Das nur wird von der Studie in Anführungszeichen gesetzt. Immerhin ist es jede(r) Fünfte. Aber im Vergleich zu Griechenland, wo 71 Prozent der Befragten gar kein Vertrauen bekunden sowie Italien (48% ohne Vertrauen) und Frankreich (46%), ist es vergleichsweise weniger schlimm um das allgemeine Misstrauen gegenüber der Medienlandschaft bestellt.

Es ist ein "erschütterndes Ergebnis", kommentiert Meedia: "Junge Europäer haben kaum Vertrauen in Institutionen - dazu gehören auch die Medien."

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Nun ist das so eine Sache mit dem "jungen Europa" - in der Studie wird die Formulierung öfter verwendet. Sie wird als "größte europäische Jugendstudie" beschrieben und die Zahlen mögen das begründen: europaweit 212.656 Teilnehmer, im Alter zwischen 18 und 34 Jahren, nach den Geboten der Repräsentativität ausgewählt.

Wer aber einen Blick auf die 11 Teilnehmerländer wirft (Seite 4 des PDF), bemerkt schnell das Fehlen vieler nord- und osteuropäischer Länder, auch Portugal fehlt. Es sind vor allem die Länder der Mitte Europas, die dabei sind. Griechenland ist eine Ausnahme. Übrigens auch bei vielen Werten, was gelegentlich mit der dortigen Jugendarbeitslosigkeit in Verbindung gebracht wird. Die Jugendarbeitslosigkeit wird von einigen Interpreten der Studie als eine Art Wasserscheide zur Erklärung für eklatante Unterschiede angeboten. Etwa bei einem weiteren "alarmierenden Wert".

Die Politik hat, wie es die Studie formuliert, "einen sehr schweren Stand im jungen Europa". Die Umfragewerte sind tatsächlich haarsträubend schlecht. 82 Prozent haben kein Vertrauen in die Politik. 45 Prozent haben "überhaupt keines" und 37 Prozent "eher keines". Lediglich 1 Prozent vertraut "der Politik" völlig, 16 Prozent mehr oder weniger.

Unter den befragten Griechen hatten 67 Prozent überhaupt kein Vertrauen in die Politik, in Frankreich waren es 62 und in Italien 60 Prozent. In Deutschland dagegen äußerten nur (in der Studie wieder in Anführungszeichen gesetzt) 23 Prozent, dass sie gar kein Vertrauen in die Politik haben.

Die Länderunterschiede sind deutlich, was mit der Arbeitsmarktsituation in Zusammenhang gebracht wird. Das Geschlecht hingegen spielte kaum eine Rolle, das Bildungsniveau, das ebenfalls mit den Aussichten auf dem Arbeitsmarkt, zu tun hat, schon. Ebenso das Alter: "Bei den 18- und 19-Jährigen sind es 'nur' 37 Prozent, die der Politik völlig misstrauen, bei den 30- bis 34-Jährigen sind es 50 Prozent."

Ähnlich wie beim Medienvertrauen wird der Komplex "Vertrauen in Politik" sehr pauschal befragt. Aller realen Erfahrung nach gibt es Abstufungen bei der Einschätzung von Medien. Die "Medienlandschaft" wird noch nicht einmal grob nach TV, Radio, Print und online getrennt etwas genauer besehen, geschweige denn nach interessanteren Reliefs, sie ist ein ominöser großer weißer Fleck, eine abstrakte Unbekannte mit der wichtigen Rolle für die Demokratie.

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