Gentechnik für alle?

Biohacking: Wie gefährlich kann Synthetische Biologie aus dem Gen-Baukasten werden?

Es war einmal eine Zeit, in der Dr. Sheldon Cooper der Jüngere mittels rekombinanter DNA-Technologie ein Fabelwesen als treuen Gefährten für den Heimgebrauch erschaffen wollte - einen Greif. Das Experiment kam jedoch nicht zustande, da sich seine Eltern wenig geneigt zeigten, die nötigen Mittel für die benötigten Adlereier und Löwensamen aufzubringen.

Doch die Epoche der Unerschwinglichkeit von Experimental-Utensilien neigt sich für Do-it-yourself-(DIY)-Biologen oder Biohacker ihrem Ende zu. Auch dank von Leuten wie Josiah Zayner, der eigentlich bei der NASA als synthetischer Biologe an Bakterien für das Mars Terraforming arbeitete und sich dann über eine Crowdfunding-Aktion selbständig machte.

Sein Biohacking-Ausrüster-Unternehmen Open Discovery Institute (ODIN) vertreibt DIY-CRISPR-Kits für Heimanwender: Gen-Scheren für zu Hause. Je nach ausgewähltem Baukasten lassen sich Bakterien dazu bringen, auf Medien zu gedeihen, die sie normalerweise nicht tolerieren würden. Mit einem anderen Kasten kann man Hefen zur Fluoreszenz verhelfen. Kostenpunkt eines Kits: rund 150 US-Dollar. Ein ebenfalls angebotenes Genetic Engineering Home Lab Kit kostet um die 1000 US-Dollar. Für die Einrichtung eines gentechnischen Labors werden momentan um 5000 US-Dollar veranschlagt.

Diese leichtere Verfügbarkeit bringt Probleme mit sich. Obwohl sich mit Zayners CRISPR-Kits nur ganz einfache Experimente bewerkstelligen lassen sollen, wittern Kritiker eine Weichenstellung für potentiellen Missbrauch, zum Beispiel für die unkontrollierte Entwicklung neuer Pathogene. Andere wiederum zeigen sich besorgt, dass die biologischen Experimente im Heim aus dem Rahmen der Sicherheitsstandards akademischer oder industrieller Labore fallen. Zayner selber liefert das Anschauungsmaterial. In seinem Kühlschrank stehen die Petrischalen gleich neben den Nahrungsmitteln. Ein eigens für Experimente angeschaffter Kühlschrank - das ist für ihn nicht nur eine Raum- und Geldfrage, das ist die Klassenfrage: Zayner will jeden einbeziehen, nicht nur die Interessierten weißer Hautfarbe, die aus der oberen Mittelklasse stammen und für die monatliche 100-Dollar-Labormieten kein Problem sind.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hatte im Januar 2017 daran erinnert, dass in Deutschland auch für die Biobaukästen das Gentechnikgesetz (GenTG) gilt, und zwar immer dann, wenn sie gentechnisch veränderte Organismen (GVO) enthalten, oder wenn sie damit erzeugt werden. In Deutschland ist das nur in geeigneten, behördlich überwachten Laboren gestattet, unter Aufsicht eines sachkundigen Projektleiters. Der Gesetzgeber verlangt einen Betreiber und einen Sicherheitsbeauftragten pro Gentech-Labor, die jeweils eine spezielle Zulassung und drei Jahre Laborerfahrung vorweisen müssen - auch in S-1-Laboren, den Laboren mit der geringsten Sicherheitsstufe.

Eine Anwendung außerhalb solcher gentechnischer Anlagen zieht gemäß § 38 Absatz 1 Nummer 2 GenTG eine Geldbuße von bis zu fünfzigtausend Euro nach sich. Sollten bei den Arbeiten auch noch GVO freigesetzt werden, droht gemäß § 39 Absatz 2 Nummer 1 GenTG eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe. Beim BVL sah man sich angesichts einer international florierenden DIY-Biologie und aufgrund von preisgünstigen Online-Angeboten an DIY-Biologie-Kits zu diesem Schritt gezwungen.

Die Durchsage verunsichert die Freizeit-Gentechniker nicht nur hier. Beim BVL weiß man, dass die sich aus den gesetzlichen Anforderungen an die Gentechnik ableitenden Regeln für Einzelwissenschaftler nicht praktikabel sind - eine Fußfessel für jene, die DIY-Biologie populärer machen wollen. Wird die deutsche Linie darüber hinaus anderen europäischen Nationen als Richtschnur für ihre Vorgaben dienen?

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