Gentests bestätigen berberische Herkunft der Ureinwohner der Kanaren

Spanier rotteten männliche Guanchen weitgehend aus und vermischten sich mit den weiblichen

Ein Team aus spanischen und portugiesischen Wissenschaftlern fand in den Y-Chromosomen aus alten Zähnen weitere genetische Ähnlichkeiten zwischen den Ureinwohnern der kanarischen Inseln und den Bergbewohnern Nordafrikas. Damit bestätigen sie nicht nur die bisher durchgeführten Gentests, sondern auch linguistische1 und archäologische2 Theorien.

Den Untersuchungsergebnissen3 zufolge dominieren in den Zähnen der Ureinwohner die für Berber typischen Y-Chromosomen-Lineages E-M81, E-M78 und J-M267, was eine Herkunft aus Nordafrika bekräftigt. Der Anteil von J-M267 (16,7 Prozent) weist zudem darauf hin, dass nordafrikanische Vorkommen der Haplo-Untergruppe J1 vorarabisch sein dürften.

Guanchenzahn. Bild: Rosa Fregel / SINC

Überraschend ist, dass der Anteil von R1b1b2 bei etwa 10 Prozent und damit deutlich höher als in Nordafrika liegt. Auch die ebenfalls typisch europäische Haplogruppe I ist mit 6,7 Prozent stärker vertreten als in Marokko oder Algerien. Zudem scheinen die auf den Kanaren gewonnenen Erkenntnisse einer gängigen Vorstellung über die Verbreitung der J-Haplogruppe zu widersprechen, die von einer frühen neolithischen Besiedelung mit J2-Ackerbauern ausgeht, welcher eine J1-Verbreitung durch Araber folgt: Neben R1a. fehlt in den Ureinwohner-Zähnen nämlich auch die Haplo-Untergruppe J2 vollständig.

Bereits in den vergangenen Jahren waren HVR-1-Abschnitte und RFLPs aus mitochondrialer DNA analysiert worden.4 Sie hatten gezeigt, dass es bei den Guanchen U6b1-Lineages gab, die zwar bei den heutigen Einwohner der Kanaren die zahlenmäßig stärkste U6-Untergruppe bilden, aber in Afrika nicht nachgewiesen sind, weshalb bereits damals als wenig wahrscheinlich galt, dass die Berber-Gene auf nordafrikanische Sklaven oder auf die auch auf der iberischen Halbinsel vorhandenen Anteile zurückgehen. Zudem dominiert in Nordwestafrika die Untergruppe U6a, die auf den Inseln kaum vorkommt.

Weil U6-Haplo-Untergruppen auf den Kanaren deutlich häufiger sind, als auf dem spanischen Festland, ging man davon aus, dass sich die Guanchen mit den Spaniern vermischten. Durch die neueren Untersuchungen weiß man mehr darüber, wie dies vor sich ging: Danach stammen heute 83 Prozent der Einwohner väterlicherseits von europäischen Einwanderern ab. Die älteren Untersuchungen der über die weibliche Linie vererbten mitochondrialen DNA hatten ergeben, dass dort der europäische Anteil nur bei 55 Prozent liegt. Es scheint also, dass sich die Veteranen, an die die spanische Krone nach der Unterwerfung der Ureinwohner Land verteilte, häufig Guanchen-Frauen nahmen.

Aus der Untersuchung der Zähne geht auch hervor, dass der europäische Anteil im väterlichen Erbgut im 17. und 18. Jahrhundert bei nur 63 Prozent lag. Während er anstieg, sank der Anteil des männlichen Erbguts der Ureinwohner von 31 auf 17 Prozent. Derjenige afrikanischer Sklaven, der damals noch 6 Prozent ausmachte, verschwand praktisch. Erklärt werden könnte diese Entwicklung durch eine auch in den Jahrhunderten nach der spanischen Eroberung andauernde deutliche wirtschaftliche Schlechterstellung und eine damit verbundene höhere Sterblichkeit von Guanchen-Männern. Beim weiblichen Erbgut stieg der europäische Anteil im gleichen Zeitraum von 48 auf 55 Prozent, der von den Ureinwohnerinnen stammende nahm von 40 auf 42 Prozent zu und derjenige afrikanischer Sklavinnen sank von 12 auf drei Prozent.

Die genetischen Untersuchungen legen darüber hinaus nahe, dass die Besiedelung der Inseln nicht vor dem ersten vorchristlichen Jahrtausend stattfand. Wie die Vorfahren der Guanchen auf die Kanaren kamen, ist weiterhin ungeklärt. Als die Spanier das Gebiet zwischen 1402 und 1495 eroberten, trafen sie ihren eigenen Aufzeichnungen zufolge auf Menschen, die keine Ahnung von der Seefahrt hatten, Messer aus Stein benutzten und Kleider aus Tierfellen trugen. Möglicherweise war die Kultur zum Zeitpunkt der Besiedlung der Inseln weiter entwickelt, degenerierte aber aufgrund der geringen Einwohnerzahl von nur einigen zehntausend Menschen und ihrer Lage abseits der Handelswege der Antike und des Mittelalters. (Peter Mühlbauer)

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