Gentherapie unter Anklage

In den USA wurden Probleme und Todesfälle nicht den Behörden mitgeteilt

Nachdem aufgrund des Todes des 18-jährigen Jesse Gelsinger, der mit Gentherapie behandelt wurde, die Food and Drug Administration (FDA) vor 10 Tagen die Weiterführung der gentherapeutischen Experimente am Institute for Human Gene Therapy der University of Pennsylvania wegen zahlreicher Mängel untersagt hatte, wurden jetzt noch weitere Todesfälle in den USA bekannt, vor allem aber eine notorische Missachtung der Meldevorschriften.

Gentherapie ist ein heißes Thema, das aufgeladen ist mit Hoffnungen und Ängsten. Wenn sie erfolgreich wäre, verspricht sie viel Geld. Auch wenn bislang noch keine wirksame Gentherapie realisiert wurde, neigen womöglich Kliniken und Forscher dazu, unliebsame Fakten möglichst nicht der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um Geldgeber nicht zu abzuschrecken und Ängste der Bevölkerung nicht zu verstärken. Zynisch könnte man auch sagen, dass mit dem Bekanntwerden der Risiken möglicherweise auch keine Versuchspersonen mehr zur Verfügung stehen.

Diese Strategie der Informationsunterdrückung könnte aber jetzt nach hinten ausschlagen, nachdem bekannt wurde, dass die Forscher und ihre Institutionen nicht wie vorgeschrieben sofort negative Auswirkungen von gentherapeutischen Experimenten bei den National Institutes of Health (NIH) gemeldet haben. Im Gegensatz zur FDA kann die NIH Informationen über Vorkommnisse veröffentlichen, was dazu beigetragen haben könnte, dass hier nur spärlich Berichte eingingen. Nach dem Tod von Jesse Gelsinger, der als erstes Opfer der Gentherapie galt und an mehrfachem Organversagen, nachdem ihm Schnupfenviren mit dem Gen in die Leber gespritzt wurde, kam es zu einer großen Medienaufmerksamkeit auf das Thema. Die NIH erinnerte alle Forschungsinstitutionen, dass sie "sofort" die Behörde benachrichtigen müssen, wenn es Probleme gibt. Plötzlich kamen 691 Berichte mit negativen Ergebnissen, von denen 652 der NIH zuvor noch nicht eingereicht worden sind, wie die Washington Post berichtet, die aufgrund des Freedom of Information Act die Berichte inzwischen erhalten hat.

Herausgekommen ist, dass Gelsinger nicht der erste Todesfall ist, der sich im Laufe einer Gentherapie ereignet hat. So sind beispielsweise in der Harvard Medival School im letzten Sommer bei einem gentherapeutischen Experiment drei der ersten sechs Patienten gestorben, wobei der Leiter des Experiments beteuert, dass dies nicht auf die Behandlung zurückzuführen sei. Bei vielen der Patienten, die sich freiwillig gentechnischen Behandlungen unterzogen haben, traten erhebliche körperliche Beschwerden wie Fieber oder Blutdruckabfall auf, wie das auch bei Gelsinger der Fall war. Beispielsweise kam es bei Experimenten, bei denen Gene in Hirntumore injiziert wurden, wiederholt zu neurologischen Folgen wie teilweiser Lähmung. Doch die Gentherapeuten betonen in ihren Berichten, dass die Behandlung zwar einige schwerwiegende Symptome verursacht habe, aber dass die Sterbefälle nicht auf die Gentherapie, sondern auf andere Ursachen zurückzuführen seien. Meist handelt es sich in der Tat um schwererkrankte und oft ältere Patienten, die in der Gentherapie ihre letzte Rettung sehen.

Wo auch immer die Gründe an den bisherigen Misserfolgen der Gentherapie liegen, so wird durch die Verschleierungstaktik das Vertrauen in diese nicht gerade wachsen. Die "Geheimhaltung" der Probleme, die mit gentherapeutischen Eingriffen auftreten, dient auch der Wissenschaft nicht, die nur fortschreiten kann, wenn die Schwierigkeiten bekannt und erklärt werden können. Die übliche Taktik der Experten, alle Probleme auf andere Ursachen zurückzuführen und die Risiken herunterzuspielen, schadet nur den Chancen, die in der Gentherapie liegen könnten. (Florian Rötzer)