Gentrifizierung und Integration: Vorbild Neukölln

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Eine andere Perspektive auf Berlin-Neukölln. Nicht Problembezirk, sondern Szenekiez und Chance auf praktische Integration. Kommentar

Besonders die Bewohner dünn besiedelter Landstriche fürchten den berühmt berüchtigten Berliner Kiez Neukölln. Sie haben Angst vor dem so genannten "Moloch", der dort herrschenden Kriminalität und vor den Migranten.

Auch die kommerziellen Medien spielen eine Rolle bei der Kreierung eines öffentlichen Bildes des offiziellen Problembezirks. Der Schwerpunkt ihrer Berichterstattung liegt auf sozialen Problemen und kriminellen Clans.

Nach fünf Jahren Berlin weiß ich, dass ich mich am helllichten Tag überall aufhalten kann, ohne dass mir der Angstschweiß ausbricht. Anders verhält es sich in der Nacht und an den Knotenpunkten der U- und S-Bahn-Stationen. Dort prallen regelmäßig exzessive Partygänger und streitlustige Krawallbrüder aufeinander, gewalttätige Auseinandersetzungen sind vorprogrammiert.

Aus Erzählungen einiger Altberliner, die in den 1990er Jahren das Nachtleben Neukölln erlebten, weiß ich, dass es hier um einiges gewalttätiger zuging, als dies heute der Fall ist. Doch die gefühlte Sicherheit sagt nur wenig über die tatsächliche aus.

Gefühlte und tatsächliche Sicherheit

Wenn es nach einigen Kritikern geht, ist die öffentliche Sicherheit in ganz Deutschland gefährdet. Diesen Kritikern muss Neukölln wie ein Kriegsgebiet erscheinen.

In den letzten Jahren haben sich hier viele Geflüchtete niedergelassen. Die Menschen aus Syrien, dem Libanon, Iran, Irak, Afghanistan, Pakistan finden an diesem Ort ihre kulturelle Identität wieder. Im Essen, in der Sprache, in den alltäglichen Interaktionen.

Aber hat sich dadurch die öffentliche Sicherheit verschlechtert? Gefühle können trügen, Zahlen lügen nicht. Im Jahr 2012 zählte die Polizeistatistik in Neukölln insgesamt 44.793 Straftaten. 2018 waren es 41.681 Straftaten. Die absoluten Fallzahlen sind also gesunken. Obwohl die Bevölkerung in diesem Zeitraum um mehr als 15.000 Menschen gestiegen ist.

Im Bereich schwerer und gefährlicher Körperverletzung gab es im Jahr 2006 1.367 Fälle. 2018 waren es 1.153. Die Einwohnerzahl betrug im Jahr 2006 305.458; 2018 waren es 329.767. Obwohl die Bevölkerung um mehr als 24.000 Menschen angewachsen ist, scheint keine signifikante Zunahme an schweren Körperverletzungen stattgefunden zu haben.

Ein Spaziergang durch Neukölln zeigt auch andere Seiten des Kiezes. Auf der Sonnenallee befinden sich Altberliner Kneipen mit Bierpreisen, welche die 1980er Jahre wiederaufleben lassen. In einer Raucherkneipe sind hinter vergilbten Vorhängen die Silhouetten der Gäste zu sehen, die an Relikte längst vergangener Zeiten erinnern.

Nur wenige Schritte weiter steht eine syrische Bäckerei. Daneben ein libanesischer Imbiss, es folgt ein Geschäft mit Hochzeitskleidern. Natürlich darf auch der obligatorische Handyladen nicht fehlen. Neben einem Restaurant lädt ein Bioladen die Gentrifizierer zum Einkaufen ein.

Der Hunger treibt mich in einen arabischen Imbiss. Dort gibt es Manakisch - das sind Minipizzen für einen Euro. Dazu erhält man einen Salat - gratis. Ich sitze allein am Tisch und esse mit den Händen. Als blonder rasierter Mann unter dunkelhaarigen Männern mit Bärten. Ich fühle mich als Exot und bilde mir ein, nachempfinden zu können, wie sich ein Asiate oder Afrikaner unter Deutschen fühlt.

An der Wand hängt eine Landkarte von Palästina. Alle essen und alles ist ganz friedlich. Niemand starrt mich an. Die einzige Person, die voller Neugier die anderen beobachtet, bin ich.

Als Fremder unter Fremden

Oft genug musste ich mich in den Provinzen deutscher Kleinbürgerlichkeit aufhalten. Mehr als 20 Jahre habe ich dort verbracht. Ich kenne die Gaststätten zum Einkehren, in die man eintritt, als wären es ein Saloon im Western. Nur tönt statt ein Piano Helene Fischer aus den Boxen der Musikanlage.

Die Blicke der männlichen Stammkundschaft liegen auf dem "Fremden". Ich fühle mich wie auf dem Präsentierteller und frage mich, wo der Spucknapf ist. Bloß nicht wirken wie ein Gutmensch. Politische Korrektheit ist hier nicht erwünscht.

Natürlich dürfen Frauen arbeiten, aber in erster Linie sollten sie sich um die Erziehung der Kinder kümmern. Die Familie steht in unserer Gesellschaft an Position Nummer Eins. Die Geflüchteten - Verzeihung für die politische Korrektheit Verniedlichungen mit -ling-Endung abzulehnen - die "Flüchtlinge" waren jetzt auch nicht in jeder Hinsicht gut. Was hat sich Merkel nur dabei gedacht?

Auf Merkel zu schimpfen, schafft einen gemeinsamen Nenner, eine Solidarität unter den Unzufriedenen, die sich eine politische und am besten auch eine gesellschaftliche Veränderung herbeiwünschen. Doch was soll man wählen, wenn die einst rechtskonservative CDU nicht mehr wählbar ist? Das hat nichts mit Osten oder Westen zu tun, eher mit einer Ghettobildung, die auch fernab von grauen Wohnblöcken möglich ist.

Wieder im arabischen Imbiss in Neukölln frage ich mich, ob ich mit einer Kippa auf dem Kopf in Ruhe meine Manakisch essen könnte. Dies wäre ein gewagtes Experiment, das ich jemand anders vorschlagen werde. Genau so wenig wie ich mit einer Kippa durch Neukölln spazieren würde, ginge ich mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz durch ein Dorf in Sachsen. Bis heute ist es mir ein Rätsel, wieso die Ablehnung dieses Symbols in gewissen Gegenden von Deutschland zu Konflikten führen kann. Immer noch. Oder wieder?