George Orwells "1984" revisited

Strandgut am Strand von Eftalou, Nordküste von Lesbos, 18. August 2016. Bild: P. Oehler

Deutschland bzw. Europa nähert sich im Umgang mit geflüchteten Menschen den Zuständen in Orwells "1984" gefährlich an

Dieses "Big brother is watching you" war ja - und ist es vielleicht immer noch - Teil des kollektiven Bewusstseins, dass wir alle überwacht werden. In der ersten deutschen Übersetzung von 1950 klingt es noch etwas sanfter: "Der große Bruder sieht dich an!" Auch wenn die Methodiken etwas anders sind - bei Orwell die repressive Partei als Staatsgewalt, die auch unliebsame Bürger (Parteimitglieder und Proles) einfach verschwinden lässt, bei "uns" in der westlichen Welt doch viel freiheitlicher -, aber die Tendenz stimmt: Man muss die Leute einfach davon überzeugen, etwas scheinbar selbst zu wollen, dann tun sie es auch.

Selbstoptimierung als eine Form der Selbstausbeutung und Selbstüberwachung. Sich selbst preisgeben (und seine/ihre Daten) in sozialen Medien. Und schon hat man die Menschen unter ständiger Kontrolle und in ständiger Verfügbarkeit gehalten. Die Kontrolle hat sich teilweise vom öffentlichen Raum in den privaten Raum - in uns selbst - verlagert. Auch sind es wohl nicht mehr unbedingt die Staaten alleine, die so agieren, sondern eher die Großkonzerne. Aber das ist alles ein wenig nebulös, wie ja auch die Partei und der große Bruder in Orwells 1984 nebulös und als eine finstere Macht erscheinen.

Soweit nichts Neues: Wir sind bezüglich Kontrolle schon ziemlich nahe an den Zuständen in 1984 dran. Aber ein Wiederlesen von Orwells 1984 - geschrieben von 1946 bis 1948 - offenbart seine Aktualität auch bei einem anderen Thema. Denn auch im Umgang von Deutschland bzw. Europa mit geflüchteten Menschen zeigt sich, dass sich diese Gesellschaft(en) den Zuständen in 1984 gefährlich annähern.

Gestern abend im Kino. Lauter Kriegsfilme. Ein sehr guter, über ein Schiff voll Flüchtlingen, das irgendwo im Mittelmeer bombardiert wird. Zuschauer höchst belustigt durch eine Aufnahme von einem großen dicken Mann, den ein Helicopter verfolgt [...] dann war er ganz durchlöchert und das Meer rund um ihn färbte sich rosa und er versank so plötzlich, als sei das Wasser durch die Löcher eingedrungen. Zuschauer brüllten vor Lachen als er unterging.

George Orwell

Dieser Tagebucheintrag in 1984 erinnert am krassesten an die Flüchtlingssituation vor den Toren Europas. Selbst das Mittelmeer wird dabei genannt. Und wenn es noch nicht so weit ist, dass die Menschen über ertrunkene Flüchtlinge jubeln, so geht es doch schon in diese Richtung, wenn man (bzw. Staaten wie Italien!) freiwillige Seenotretter wie die "Sea Watch" kriminalisiert.

Apropos Flüchtlinge im Wasser abknallen: Im Sommer 2016 war ich auf Lesbos gewesen. Im Norden der Insel, da wo die meisten Boote von der Türkei her ankommen, erzählte man mir von einem Mann, der öffentlich auf einer Versammlung in Mólivos gesagt hat, man sollte doch Karabiner mit an den Strand nehmen und ankommende Flüchtlinge gleich im Wasser erschießen!

Ausländer [...] waren so etwas wie fremdartige Tiere. Man sah sie buchstäblich nie außer in der Gestalt von Gefangenen [...] Auch wußte man nicht, was aus ihnen wurde, abgesehen von den wenigen, die als Kriegsverbrecher gehängt wurden. Die übrigen verschwanden ganz einfach, vermutlich in Zwangsarbeitslagern.

George Orwell
Flüchtlinge bei der Ankunft in Skala Sykameas, Nordküste von Lesbos, 4. September 2016. Bild: P. Oehler

In Deutschland sind es die Abschiebungen, insbesondere nach Afghanistan. Auch das ist eine Form des Verschwindenlassens.

Wäre es ihm erlaubt, mit Ausländern in Berührung zu kommen, so würde er entdecken, daß sie ganz ähnliche Menschen sind wie er selber und daß das meiste, was man ihm von ihnen erzählt hat, erlogen ist. Die künstlichen Schranken, in der er lebt, würden fallen, und die Furcht, der Haß und die Selbstgerechtigkeit, von denen seine Moral abhängt, könnten sich verflüchtigen.

George Orwell

Nicht dass es bei uns verboten wäre, Kontakt mit Geflüchteten aufzunehmen. Aber es ist doch erstaunlich, wie wenig Deutsche das auch tun. Die meisten halten sich lieber fern - oder schauen fern. Mir erzählte unlängst ein Grieche in Westmazedonien, dass wir alle in einer Lügenwelt leben, bei kleinen Kindern beginnt das ab drei, vier Jahren. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir zwar, dass das, was uns aufgetischt wird, nicht stimmt. Da wir aber keine Alternativen sehen, glauben wir es. Wir leben also in einer Blase, in "künstlichen Schranken", so wie die Menschen in 1984.

Und wieso hat mir das gerade ein Grieche erzählt? Wohl bemerkt ein Grieche, der jahrzehntelang in Frankfurt gelebt und gearbeitet hat. Weil die Griechen in Frankfurt oder ganz allgemein in Deutschland eine andere Sicht auf die Wirklichkeit haben (was mir in vielen Interviews mit ihnen bestätigt worden ist). Bzw. gilt das ganz allgemein für Migranten, sofern sie halbwegs gut integriert sind, was zu allererst heißt, die Sprache des Aufnahmelandes zu beherrschen. Denn das sind alles Menschen, die mühelos die Medien mehrerer Länder verfolgen können und die erkennen, wie krass unterschiedlich die Berichterstattung ist: Was in dem einen Land als wahr und richtig dargestellt wird, ist im anderen Land falsch und daneben. Gerade die Griechen in Deutschland können bezüglich der Griechenlandkrise ab 2010 darüber "ein Liedchen singen".

Gemälde Flucht beim "Hope Project Arts", 10. September 2018. Bild: P. Oehler

Damit wären wir bereits bei den sogenannten Fake News, die durch einen Donald Trump mittlerweile gesellschaftsfähig geworden sind. Diese Form der Geschichtsschreibung ist für 1984 nichts Ungewöhnliches, bestürzt aber doch die Hauptperson Winston Smith: "Das Schrecklichste war, daß einfach alles wahr oder falsch sein konnte, wenn die Partei sich so in die Vergangenheit einmischen und von diesem oder jenem Ereignis behaupten konnte, es habe nie stattgefunden - war das nicht furchtbarer als Folter und Tod?" Winston arbeitet sogar in einer staatlichen Abteilung, die solche Manipulationen gezielt vornehmen: "Die Vergangenheit war ausradiert, und dann war sogar die Tatsache des Radierens vergessen, die Lüge war zur Wahrheit geworden."

Aber 1984 geht noch einen Schritt weiter, dass nämlich von Staates Seite versucht wird, Sprache gezielt zu verändern: "Wenn die Neusprache erst ein für allemal angenommen und die Altsprache vergessen worden war [...] sollte sich ein unorthodoxer - das heißt ein von den Grundsätzen des Engsoz abweichender Gedanke - buchstäblich nicht mehr denken lassen, wenigstens insoweit Denken eine Funktion der Sprache ist." Und das hat Konsequenzen, im Denken: "Es war also in der Neusprache so gut wie unmöglich, verbotene Ansichten [...] Ausdruck zu verleihen [...] da die nötigen Worte dafür fehlten." Aber auch im Handeln: "Viele Verbrechen und Vergehen würde dieser Mensch nicht mehr begehen können, weil er keinen Namen mehr dafür hatte und sie sich deshalb gar nicht mehr vorstellen könnte." Hier könnte man nun einwenden, davon sind wir ja nun wirklich noch sehr weit von entfernt.

Aber auch die dazugehörigen Anfänge werden in 1984 benannt, nämlich "einfach Euphemismen. So bedeuten zum Beispiel Worte wie Lustlager (= Zwangsarbeitslager) [...] fast das genaue Gegenteil von dem, was sie zu besagen schienen."

Hierzu fällt mir direkt ein Wort im Zusammenhang mit Flüchtlingen ein: Die von der EU geforderten "Hotspots" auf den ostägäischen Inseln und anderswo. Denn "Hotspot" ist eine mildernde und beschönigende Umschreibung für das Wort Konzentrationslager (in seiner ursprünglichen Bedeutung). Ein Hotspot hat laut Duden verschiedene Bedeutungen. Neben denen aus dem wissenschaftlichen oder technischen Bereich meint das Wort einen "Ort, der eine besondere Anziehungskraft ausübt, besonders viele Menschen anlockt" oder "etwas, was ein hohes Konfliktpotenzial in sich birgt, von großer Brisanz ist". Und genau das kann man von den Flüchtlingszentren der EU nicht behaupten. Wenn sie trotzdem konfliktbehaftet und brisant sind, dann ist das nämlich nicht die Intention der EU gewesen.

Der sogenannte "Hotspot" Mória, 7. September 2018. Bild: P. Oehler

In 1984 wird dem bedrohlichen System das Subversive der Liebe als so ziemlich einzige Waffe entgegen gestellt: "Nicht nur die Liebe zu einem Menschen, sondern der animalische Trieb, die einfache, blinde Begierde: das war die Kraft, die die Partei in Stücke sprengen würde." Sie ermöglicht ein Sich-Entziehen, "weil die Sexualität sich eine Welt für sich zu schaffen verstand, die außerhalb der Kontrolle der Partei lag".

Dem gegenüber wird das Volk in 1984 still gehalten mit den nicht nur üblichen Mitteln: Alkohol, Pornos und öffentlichen Hinrichtungen. Bier für die Proles und übelschmeckender "Viktory-Gin" für die äußeren Parteimitglieder ist nichts Ungewöhnliches. Denn: Wer säuft, rebelliert nicht. Aber "billige pornographische Erzeugnisse [...], die heimlich von Jugendlichen aus dem Proletariat gekauft wurden, armen Ahnungslosen, die damit etwas gesetzlich streng Verbotenes und im geheimen Hergestelltes zu erstehen glaubten", das ist schon subtiler. Dahinter verbirgt sich die interessante Vorstellung, dass der Staat gezielt Pornographie herstellen lässt, um bestimmte Bevölkerungsgruppen unter Kontrolle zu halten.

Einige eurasische Gefangene, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt wurden, sollten an diesem Abend im Park gehängt werden [...] ein beliebtes Schauspiel. Kinder verlangten immer, dazu mitgenommen zu werden. [...] Ihre [der Kinder] ganze Wildheit wurde nach außen gelenkt, gegen die Staatsfeinde, gegen Ausländer, Verräter, Saboteure, Gedankenverbrecher.

George Orwell

Diese Art von "Unterhaltung" hat mit unserer Realität nichts zu tun, aber es ist der andere Aspekt in diesem Zitat, der erschreckt: Dieses Nach-außen-Lenken, damit von der eigenen Mittelmäßigkeit und Unfähigkeit ablenken, findet man in Deutschland überall, vielleicht am ausgeprägtesten bei der AfD und bei Pegida. Genauso wie im obigen Zitat Ausländer mit Staatsfeinden und Saboteuren quasi gleichgesetzt werden ("alles die gleiche Mischpoke!"), so kann man auch bei uns problemlos Leute finden, die nicht groß unterscheiden zwischen Geflüchteten und Islamisten oder IS-Kämpfern.

(Peter Oehler)