Geplante Terroranschläge in Düsseldorf: Die seltsame Geschichte des Saleh A.

Laut einem französischen Medienbericht lieferte sich der mutmaßliche Chef der IS-Schläferzelle der Polizei in Paris aus Müdigkeit aus und weil ein Geschäft im Vatikan nicht zustandekam

Saleh A. steht im Mittelpunkt der gestrigen Festnahmen von drei Syrern, die vom Generalbundesanwalt verdächtigt werden, einen Terroranschlag auf die Düsseldorfer Altstadt geplant zu haben (IS-Terrorgefahr in Deutschland: Drei Festnahmen und offene Fragen). Dass Hamza C. (27), Mahood B. (25) und Abd Arahman A. K. (31) verhaftet wurden, ist maßgeblich auf Aussagen von Saleh A. (25) zurückzuführen, die er den französischen Behörden gegenüber machte.

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Die Zeitung Le Monde veröffentlicht heute einen Artikel zu seinen Aussagen. Bei der Lektüre kommt man sich vor wie in einer "Homeland"-Folge, wie ein Kommentarbeitrag treffend feststellt. Was an den Aussagen wirklich ist und was Fiktion, ist jedenfalls schwer voneinander zu unterscheiden.

Die Behörden - zunächst Beamte der Antiterror-Abteilung der Polizeipräfektur in Paris, danach Geheimdienstmitarbeiter der Zentraldirektion für Inlandsaufklärung (DGSI) - stuften dem Zeitungsbericht zufolge manche Aussagen als "gekünstelt" ein, als alambiqué, ein Begriff, der auf ein Gefäß verweist, mit dem in Ägypten und in der griechischen Antike ätherische Öle hergestellt wurden.

Letztlich fanden die französischen Anti-Terrorspezialisten die Enthüllungen des Syrers allerdings derart beunruhigend, dass man die deutschen Kollegen schon einen Tag, nachdem sich Saleh A. im Kommissariat des 18. Arrondissement freiwillig gestellt hatte, verständigte, am 2. Februar dieses Jahres.

Die Frage, was den mutmaßlichen Chef einer IS-Schläferzelle dazu bewegte, sich am 1. Februar zu stellen, ist nicht ganz sauber geklärt, sondern eben nur "alambisch". Er sei müde gewesen, lautet eine Antwort. Zwei Jahre lang sei er von Flüchtlingsaufnahmelager zu Flüchtlingsaufnahmelager herumgeirrt.

Als erste Station des Weges zum wichtigsten Zeugen der Anklage des Generalbundesanwalts werden im Artikel die "Kerker von Damaskus" genannt. Saleh A. war seinen Angaben nach zwischen November 2009 und Juli 2011 inhaftiert. Zur Last gelegt wurde ihm von den syrischen Behörden, dass er den Präsidenten Baschar al-Assad beleidigt habe. Er sei ein Oppositioneller gewesen, so Saleh A. Das Datum seiner Freilassung, das er mit 31. Juli 2011 angibt, stimmt mit der großen Amnestiewelle überein, die al-Assad für diesen Tag verfügte.

Danach schloss sich Saleh A. der Freien Syrischen Armee an. Beinahe aus einem Musterbuch ausgeschnitten folgen die nächsten Stationen: ab 2012 die al Nusra-Front, weil sie "besser ausgestattet" war und dann im November 2013 Bewerbungsversuche bei der ISIS, weil die Miliz noch "besser bewaffnet" war. Die Verhandlungen sollen allerdings schlecht verlaufen sein: Er wird in Raqqa eingesperrt, bis zum Januar 2014.

Im April 2014 wird der Dschihadist dann gleichwohl auf Reise geschickt, im Auftrag des IS. Neun oder zehn Monate verbringt er zunächst in der Türkei, dann kommt der Befehl zur Abreise nach Europa, im Februar 2015. Laut Zeitungsbericht, der sich auf ungenannte Quellen im Geheimdienst beruft, soll Saleh A. Anweisungen direkt von einem Mann aus der Führung des IS erhalten haben, von einem gewissen Abu Dujana al-Tunisi, offensichtlich ein Tunesier, der auch "Emir der Ausländer" genannt wird. Er habe den Dschihadisten zum Beispiel angewiesen, die anderen Mitglieder der Zelle zu aktivieren.

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Deren Anzahl, so erfährt man bei Le Monde, soll sich auf über 20 belaufen, verteilt auf Orte "zwischen Düsseldorf und einem Flüchtlingsaufnahmelager im niederländischen Nijmegen".

Saleh A. soll zusammen mit Flüchtlingen im Boot von der Türkei nach Griechenland gelangt sein, von dort aus über Serbien und Ungarn nach Deutschland, wo er im März 2015 Asyl beantragt hat, wie dies deutsche Behörden bestätigen würden.

Der Plot, der dem hinzugefügt wird, ist fernsehserienreif. Nach seiner Inhaftierung in den Zellen des IS in Raqqa wurde Saleh A. in ein Ausbildungslager des IS geschickt. Dort lernte er ein Mitglied der "Geheimpolizei des IS" kennen. Der Mann soll ihm von einem Video erzählt haben, in dem der Priester Paolo Dall’Oglio auftaucht. Dieser war Ende Juli 2013 vom IS entführt worden worden, angeblich als er sich in Raqqa für Geiseln eingesetzt hatte. Es soll der Plan gereift sein, mit dem Video von Paolo Dall’Oglio Geld vom Vatikan zu bekommen.

Saleh A. wollte mit seinem IS-Bekannten oder - Freund, dem gestern in Deutschland festgenommenen Hamza C., zum Vatikan reisen, um mit einem "Carlos" einen Preis des Videos zu auszuhandeln. Sie erhofften sich angeblich 10.000 Euro. Das Video hatte einen Wert als Lebenszeichen des verschwundenen Priesters. Ob Saleh jemals in Besitz des Videos gekommen ist, welche Rolle "Carlos" bei der Geschichte genau spielt, ist dem Zeitungsbericht nicht zu entnehmen.

Fest steht nur, dass Saleh A. und Hamza C. nicht im Vatikan waren. Die Erklärung, weshalb diese Reise nicht angetreten wurde, führt einen weiteren Schauplatz in die Geschichte ein: einen Frisörladen im 18. Arrondissement in Paris. Dort wollte sich Saleh A. das Reisegeld für den Rombesuch besorgen. Angeblich lag im Salon de Coiffure ein Umschlag bereit. Verbürgt ist, dass Saleh A. bei Blablacar ein Auto für eine Fahrt nach Paris am 30. Januar dieses Jahres reserviert hatte.

Der Umschlag war anscheinend nicht da, es gab kein Geld. Möglicherweise war das der wahre Grund, weshalb sich Saleh A. zwei Tage später der Polizei im 18. Arrondissement stellte, spekuliert der Artikel.

Dass Saleh A. ausgepackt hat, wird damit erklärt, dass er sich eine Kronzeugenregelung mit entsprechenden Belohnungen für sich erhoffte. Die französischen Behörden verweigerten ihm dies zu seiner großen Enttäuschung. Durch die - wahrscheinliche - Auslieferung nach Deutschland mache er sich wahrscheinlich Hoffnungen, dass ihm dort der Status gewährt wird. (Thomas Pany)

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