Geplatzte Kohle-Träume

Die Energie- und Klimawochenschau: Dong storniert Kohlepläne, Taifune verwüsten den Norden der Philippinen und Afrika tritt selbstbewusster in den Klimaverhandlungen auf

Das sind zur Abwechslung mal gute Nachrichten: Nach Datteln und Mainz Ende September sowie Kingshorth (Großbritannien) letzte Woche, kommt nun das Aus für weitere Kohlekraftwerke. Der dänische Staatskonzern Dong Energy gab am Montag bekannt, auf drei von vier Bauvorhaben verzichten zu wollen.

Betroffen sind die Standorte North Ayrshire in Schottland, Humberside in England sowie Emden in Deutschland. In Humberside will Dong zwar immer noch ein Kraftwerk bauen, aber statt Kohle sollen Gas und Biomasse zum Einsatz kommen. Das wäre für das Klima durchaus ein Gewinn, denn in modernen Gaskraftwerken sind die Treibhausgasemissionen pro Kilowattstunde elektrischer Energie nur halb so hoch, wie in einem Kohlekraftwerk. Außerdem sind sie flexibler, weshalb sie besser die Windenergieanlagen ergänzen können.

Mindestens zwei Wermuttropfen bleiben. Erstens: In North Ayrshire hält der lokale Dong-Partner Ayrshire Power nach einem Bericht von BBC an dem Projekt fest. Die örtliche Protest hat also noch keine Veranlassung, die Füße hoch zu legen. Allerdings scheinen die Aussichten nicht allzu schlecht zu stehen, den Bau gänzlich zu stoppen. Denn einen wirtschaftlichen Betrieb der Anlage scheint sich auch Ayrshire Power nicht vorstellen zu können. Laut einer örtlichen Zeitung fordert das Unternehmen für jede verwendete Tonne Kohle Subventionen in Höhe von 75 Euro. Dong ist das wohl zu wackelig gewesen, denn als einer der Gründe für den Rückzug wurde mangelnde Wirtschaftlichkeit genannt.

Zweiter Wermuttropfen: Dong hält an seinen Plänen für ein 1600 Megawatt-Kraftwerk in Lubmin bei Greifswald fest (siehe: Kohlekraftwerk im Touristenparadies). Doch auch dort gibt es weiter erheblichen Widerstand gegen das Vorhaben, der durch die jüngste Entscheidung sicherlich Auftrieb bekommt. Die dünn besiedelte Region, die selbst keinerlei Bedarf für Strom aus einem neuen Kraftwerk hat, lebt im erheblichen Umfang vom Fremdenverkehr. Entsprechend reicht der Protest gegen das Vorhaben bis in die Ortsverbände von CDU und SPD hinein, deren Landesminister in Schwerin jedoch für das Kohleprojekt eingenommen sind. Dong erwartet eine Genehmigung für das nächste Jahr.

Unterdessen hat die Financial Times einen neuen Grund ausgemacht, der hiesige Energiekonzerne Abstand von ihren Kohleplänen nehmen lässt: die von Union und FDP geplante Verlängerung der AKW-Laufzeiten. Werde sie tatsächlich durchgesetzt, würde der Großmarktpreis für Strom deutlich sinken und die Rentabilität neuer Kohlekraftwerke ungewiss. Ob diese Überlegung bei den bisherigen Rückzügen schon eine Rolle gespielt hat, ist fraglich, zumal sich die Koalitionäre zunächst nur auf schwammige Formulierungen festlegen wollten. Wie es aussieht, sollen unbequeme Entscheidungen bis nach der wichtigen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen aufgeschoben werden.

Verwüstungen auf den Philippinen

Zwei Taifune haben, wie berichtet, in kurzer Folge die Philippinen heimgesucht. Nach dem "Ketsana" die Hauptstadtregion Metro Manila unter Wasser gesetzt und rund 300 Menschen das Leben gekostet hatte (107 weitere einige Tage darauf in Vietnam), suchte nur eine Woche später Anfang Oktober "Parma" nahezu die gleichen Gebiete heim. Zu allem Überfluss zeigte dieser Taifun auch noch ein ganz ungewöhnliches Verhalten. Zunächst verlagerte sich sein Zentrum weiter Richtung China, um dann im Zickzack noch einmal zurückzukehren. Dem Norden von Luzon, einer der Hauptinseln des Archipels, auf der auch Manila liegt, bescherte das besonders langanhaltende Wolkenbrüche.

Entsprechend katastrophal ist die Schadensbilanz. UN-Mitarbeiter in Manila sprechen von insgesamt 669 Toten, die beide Stürme seit dem 26. September gekostet haben. Die ökonomischen Schäden werden auf 336 Millionen US-Dollar geschätzt. Sechs Millionen Menschen wurden insgesamt von den Überschwemmungen betroffen. In vielen Dörfern und Städten sei das Wasser noch immer nicht abgelaufen, was bei den tropischen Temperaturen erhebliche Gesundheitsprobleme verursachen kann. Die Gewässer sind nicht nur ein Brutherd für Bakterien, weil sie unter anderem auch Abwässer und Müllhalden mitreißen, sondern auch für Krankheitserreger übertragende Mücken.

Heiße Arktis

Die Klimafachleute des britischen Wetterdienstes, des so genannten Metoffice in Exeter, haben mal wieder ihre Modelle verfeinert und ein Business-as-usual-Szenario durchgerechnet. Dafür werden zunächst die Treibhausgasemissionen für den Fall berechnet, dass auch in den nächsten Jahrzehnten an Entwaldung und Verbrauch fossiler Brennstoffe im gewohnten Umfang festgehalten wird.

Dann wird aus diesen Zahlen mit bestimmten Annahmen über Biosphäre und Ozeane berechnet, wie viele dieser Emissionen dauerhaft in der Atmosphäre verbleiben. Heikle Fragen an dieser Stelle sind zum Beispiel, ob die Ozeane auch weiter fast 50 Prozent der CO2-Emissionen aufnehmen, was keinesfalls sicher ist, aber meist angenommen wird. Auch das Verhalten der Biosphäre unter Wärmestress ist ungewiss. Ihre Aufnahmefähigkeit könnte sich vermindern.

Doch die Briten waren konservativ, das heißt sie haben zunächst angenommen, dass diesbezüglich alles beim Alten bleibt. Mit der so berechneten atmosphärischen CO2-Konzentration haben sie sodann ihr Klimamodell gefüttert. Für die Mathematiker: Der Wert wurde als Randbedingung eingegeben. Damit lässt sich denn schließlich ein neues Klima berechnen.

Die Ergebnisse wurden kürzlich der Öffentlichkeit vorgestellt. Global würde sich die Temperatur um mehr als vier Grad erhöhen, was gut zu den Ergebnissen diverser anderer Klimamodelle passt, die für den letzten Bericht des UN-Klimarates IPCC zusammengefasst wurden.

Regional fiel die Erwärmung sehr unterschiedlich aus. In der Arktis könnten sich die Temperaturen im Jahresmittel um bis zu 15,2 Grad Celsius erhöhen. Eisbedeckung würde es in diesem Falle bestenfalls noch im Winter geben. Auch in einige Regionen Afrikas könnten die Temperaturen im Mittel um zehn Grad Celsius steigen und somit mitunter lebensbedrohlich werden. Zentralamerika, das südliche Afrika und die Mittelmeerregion würden weniger Niederschläge bekommen. In anderen Regionen wie Indien würde der Niederschlag zunehmen, was aber vermutlich eher Fluch als Segen wäre, weil er in Form von extremen Regengüssen fiele. Zusammengenommen, so die Autoren, bdeueten die Veränderungen enorme Gefahren für die Welternährung.

Erwärmung zum Ende des Jahrhunderts gegenüber dem Mittelwert der Jahre 1961 bis 1990 im Falle eines Szenarios besonders hoher Treibhausgasemissionen. (Voraussetzung: Die Menschheit schert sich nicht weiter um den Klimawandel und setzt die Verwendung fossiler Energieträger unbeirrt fort.) Bild: Metoffice

Bei all dem ist zweierlei zu beachten. Erstens: Wie oben dargestellt stecken ein paar sehr konservative Annahmen in den Daten, mit denen das Modell gefüttert wurde. Sollte der Ozean in den nächsten Jahrzehnten, wie immer mehr Stimmen warnen, durch den steigenden CO2-Gehalt der Atmosphäre versauern, dann wird er vermutlich auch weniger Treibhausgas aus der Atmosphäre entziehen können. Zweitens: Das Metoffice-Modell enthält keine Simulation des Kohlenstoffkreislaufs, das heißt drei wichtige Effekte bleiben unberücksichtigt.

  1. Durch die Erwärmung zersetzt sich die Humusschicht in den gemäßigten Breiten schneller, wodurch größere Mengen CO2 freigesetzt werden.
  2. Noch dramatischere Auswirkungen würde das großflächige Auftauen des Permafrost, des dauerhaft gefrorenen Bodens in Sibirien und Nordamerika haben, denn in ihm haben sich über Jahrzehntausende Tierkadaver und Pflanzenreste erhalten, die nun zu Methan und Kohlendioxid zersetzt würden (Eine klimatische Zeitbombe im hohen Norden)
  3. Schließlich kann die Erwärmung des arktischen Meeres die unter seinem Boden vorhandenen Gashydratfelder destabilisieren. Diese bestehen aus Methan, das bei niedrigen Temperaturen und hohem Wasserdruck in Eiskristallen gefangen ist. Zerfallen diese Hydrate, wird das Methan, seinerseits ein hoch effektives Treibhausgas, freigesetzt (Anzeichen für Rückkopplung)

Afrika meldet sich zu Wort

Afrikas 54 Staaten haben in den Klimaverhandlungen nur eine untergeordnete Rolle gespielt, was zum Teil an mangelndem Engagement der Regierungen und fehlender gemeinsamer Vorbereitung gelegen hat. Das soll sich ändern. Am Wochenende erklärte nach einem Bericht der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou der Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union Jean Ping, dass die 53 Mitglieder (alle afrikanischen Staaten außer Marokko) seiner Organisation bei den Klimaverhandlungen in Kopenhagen geschlossen auftreten wollen. Es sei ein Verhandlungsteam zusammengestellt worden, das für die AU sprechen soll.

Der Klimawandel werde künftig in Afrika als ein integraler Bestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung angesehen. Ein großes Problem wird für den Kontinent die Anpassung an jene Teile des Klimawandels sein, die auf keinen Fall mehr aufzuhalten sind. Zuletzt sind die Ernten zwar in vielen Ländern besonders gut ausgefallen, langfristig müssen einige Regionen aber mit stärkeren Regendefiziten oder auch vermehrten Unwettern rechnen.

Afrikas Position ziele in den Verhandlungen darauf, so Ping, dass sich die für den Klimawandel Verantwortlichen, insbesondere die Industriestaaten, mehr engagieren. Zum einen müssten diese ihre Emissionen reduzieren und zum andern das Prinzip anerkennen, dass der Verschmutzer für den angerichteten Schaden zu zahlen hat. Afrika sei stark vom Klimawandel bedroht, trage aber nur 3,5 Prozent der Treibhausgas-Eimssionen bei.

Ähnlich sieht das Ruandas Präsident Paul Kagame in einem Interview mit dem Handelsblatt. Die Entwicklungsländer müssten jedoch, "so gut es geht, auf 'grünes Wachstum' setzen" und hätten den Vorteil, Entwicklungsstufen zu überspringen. Die Industriestaaten hätten eine Verpflichtung, dies mit Geld zu unterstützen, wobei es nicht um eine Umschichtung der Entwicklungshilfegelder gehe.

Während die Verhandlungen um einen Klimaschutzvertrag sich unter anderem um einen Topf drehen, in den die Industriestaaten für diese Zwecke einzahlen sollen, wobei die Höhen der Summen zu den großen Streitpunkten gehören, schweben Kagame vor allem marktwirtschaftliche Lösungsansätze vor:

Beim Klimaschutz muss das System von Zuckerbrot und Peitsche auf alle Staaten ausgeweitet werden: Mit den Strafgeldern für Verschmutzer sollen Anreize für Nichtverschmutzer bezahlt werden. In dieses Emissions-Handelssystem müssen Entwicklungs- und Schwellenländer einbezogen werden. Damit würde verhindert, dass sie zu wenig für den Klimaschutz tun. Der Marktmechanismus ist auch besser als Forderungen an die westliche Welt, zusätzlich 100 Mrd. Dollar jährlich für den Klimaschutz auszugeben. Wir brauchen also ein System, in das die Industriestaaten mehr einzahlen, weil sie die größten Verschmutzer sind und die nötigen Mittel haben. Auf der anderen Seite erhält derjenige mehr Geld, der sich bemüht, beim Wirtschaftswachstum möglichst wenig CO2 zu produzieren. Im Übrigen: Statistisch gesehen, produziert jeder US-Bürger heute 23 Tonnen CO2 im Jahr - ein Einwohner Ruandas nur 0,3 Tonnen.

Paul Kagame

(Wolfgang Pomrehn)