Geringe Arbeitslosigkeit und boomende Wirtschaft basieren auf Schaffung prekärer Jobs

In den USA wurden seit 1990 zunehmend Jobs im Niedriglohnbereich geschaffen, die Kluft zwischen Gering- und Gutverdienenden geht weiter auf, die Erwerbstätigenquote vor allem bei den Jungen zurück

In den USA ist es ähnlich wie in Deutschland. Der Wirtschaft ging es lange Zeit gut, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Börse boomt, Kredite sind billig, der Reichtum wächst. Es gehe den Menschen so gut wie noch nie, alle hätten am wachsenden Wohlstand teil, die Zufriedenheit sei hoch, wird von denen gepredigt, die alles beim Alten lassen wollen und dabei die Wirklichkeit für viele schönreden.

Ganz offensichtlich ist dies in den USA der Fall. Dafür gibt es Indizien. Nach einer Umfrage des Financial Health Network, das letztes Jahr schon nach der finanziellen Situation gefragt hatte, ist der Anteil der Amerikaner, die darum kämpfen, mit ihrem Einkommen zurechtzukommen, trotz Wirtschaftswachstum gleich geblieben. Nur 29 Prozent der Amerikaner seien finanziell "gesund", dagegen haben 70 Prozent Probleme mit einem Aspekt wie Verdienst, Schulden, Vorsorge, Sparen oder anfallende Rechnungen bezahlen. 20 Prozent der Mittelklasse-Angestellten, die zwischen 30.000 und 100.000 US-Dollar verdienen, sagen, sie geben mehr aus, als sie verdienen. Vier Prozent mehr als 2018. 20 Prozent der Frauen sind wegen Geld im Stress, bei den Männern sind es 13 Prozent.

Insgesamt gelten 17 Prozent als finanziell gefährdet. Zur Unsicherheit kommt hinzu, dass offenbar das Einkommen beträchtlich schwanken kann. Die "finanzielle Gesundheit" wird von der Organisation auf einer 100-Punkte-Skala erfasst. Mehr als die Hälfte von denjenigen, die letztes Jahr befragt wurden, erfuhren eine durchschnittliche Veränderung von 7,5 Punkten nach oben oder nach unten. Nach einer Umfrage des Urban Institute vom letzten Jahr kämpfen fast 40 Prozent der Amerikaner jeden Monat damit, grundlegende Ausgaben wie Miete, Lebensmittel oder Medikamente bezahlen zu können.

Geringverdiener in der Abwärtsschleife

Im Hintergrund steht, dass Wirtschaft und sinkende Arbeitslosigkeit darauf basieren, dass Gehälter stagnieren oder zunehmend prekäre Jobs geschaffen werden. Nach einem neuen U.S. Private Sector Job Quality Index (JQI), der von Wissenschaftlern der Cornell University, der Coalition for a Prosperous America, der University of Missouri, Kansas City und dem Global Institute for Sustainable Prosperity erstellt wird, ist die Qualität der Jobs seit den 1990er um über 14 Prozent zurückgegangen. In den Jahren vor der Finanzkrise hatte sich die Situation kurzfristig verbessert, um seitdem kräftig abzufallen mit einem Tief 2012, dem sich nun der Index wieder annähert. Mit dem Index werden höher bezahlte Jobs mit mehr Stunden ins Verhältnis zu schlechter bezahlten Jobs mit weniger Arbeitsstunden gesetzt. Letztlich bemisst sich die Qualität am wöchentlichen Verdienst durch einen Job.

Seit 1990 wurden in den USA mehr und mehr prekäre Arbeitsplätze geschaffen. Über 60 Prozent der Jobs in der Produktion und in nicht-leitenden Arbeitsplätzen, die seit 1990 geschaffen wurden, sind im Niedriglohnbereich. In den 1990er Jahren waren 47 Prozent dieser Jobs noch im Hochlohnbereich. Ingesamt sind hier 105 Millionen Menschen beschäftigt, 85 Prozent aller Beschäftigten in der Privatwirtschaft. 58 Millionen, also mehr als die Hälfte, verdient weniger als der amerikanische Durchschnittslohn, der bei 793 US-Dollar die Woche liegt. Meist erhalten sie auch keinen betrieblichen Krankenversicherungsschutz und andere Zuschüsse.

Die Lohnkluft zwischen Niedrig- und Hochlöhnern ist deutlich angewachsen. 1990 lag der Unterschied im wöchentlichen Einkommen noch bei 104 US-Dollar, so ist er 2018 auf 402 US-Dollar inflationsangepasst gestiegen. Ab 2004 hat sich die Kluft weiter schnell vergrößert. Zum Teil geht dies auf höhere Stundenlöhne im Hochlohnbereich zurück, vor allem aber nach den Wissenschaftlern auf sinkende Arbeitszeiten von 31 Wochenstunden 1999 auf 30 Wochenstunden 2018, im Hochlohnbereich, wo durchschnittlich 38,4 Wochenstunden gearbeitet wird, waren es nur 24 Minuten. Wenn bei den Niedriglöhnern eine Stunde weggefallen ist, hört sich das geringfügig an, nach dem Wissenschaftler wären dies bei der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 34 Stunden in diesem Bereich über 3 Millionen Arbeitsplätze weniger.

Die Erwerbstätigenquote in den USA geht nach einem Peak in den 1990er Jahren seit 2000 zurück, besonders stark seit der Finanzkrise, in den USA auch Große Rezession genannt. Jetzt beträgt sie 63 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung (in Deutschland zum Vergleich 76 Prozent). Das sei nicht nur eine Folge der Zunahme der Alten, schreiben die Wissenschaftler, zumal die Veralterung sinkt. Während nämlich die Erwerbstätigenquote bei den Menschen über 64 Jahren seit der Finanzkrise stark angestiegen ist, ist die der 25-64-Jährigen nach einem Peak Ende der 1990er Jahre von 67 Prozent der Alterskohorte auf 59 Prozent gesunken. Und bei den Jungen zwischen 16 bis 24 Jahren ging es auch seitdem nach unten, was nicht nur damit zu tun hat, dass mehr in Ausbildung sind. Hier war der Peak Anfang der 1970er Jahre auch bei 67 Prozent. Bis zur Finanzkrise war die Quote in der Kohorte schon auf 52 Prozent gerutscht, seit der Finanzkrise ging es noch schneller nach unten und steht nun bei 51 Prozent.

Hereinspielt auch der Zuwachs an Jobs im Dienstleistungssektor von 73 Prozent im Jahr 1990 auf jetzt nach einer sprungartigen Zunahme während der Finanzkrise auf 83 Prozent. Jobs im Dienstleistungssektor sind normalerweise weniger gut bezahlt als solche in der Produktion. Seit den 1960 Jahren gab es hier zunächst einen dramatischen Einbruch. 1960 lag der Verdienst bei Dienstleistungsjob mit 97 Prozent nur geringfügig unter dem bei Jobs in der Warenproduktion, bis in die 1980er Jahre stürzte das Verhältnis auf 67 Prozent ab und hat sich seitdem etwas verbessert, stagniert aber bei 73 Prozent seit 2015. Allein zwischen 2000 und 2010 gingen an die 5 Millionen meist besser bezahlte Arbeitsplätze in der Industrie verloren, was in der Regel zu Einkommensverlusten geführt hat. (Florian Rötzer)