German Naivität 2

Wilmersdorfer Ahmadiyya-Moschee von oben. Foto: Thomas Scherer / CC BY-SA 3.0 D

Über den nachlässigen Umgang mit dem fundamentalistischen Islam. Hintergründe zu einem Kommentar

Der Kommentar German Naivität von Birgit Gärtner hat große Aufmerksamkeit gefunden. Im folgenden Text werden die Einschätzungen und ihre Hintergründe genauer dargelegt und begründet

Am 26.11.2017 strahlte der Sender KinderKanal (KiKa) den Beitrag "Schau in meine Welt - Malvina, Diaa und die Liebe" aus. Darin reden die deutsche Schülerin und ihr syrischer Freund offen über ihre Liebe und auch über die Schwierigkeiten einer solchen bi-nationalen Beziehung.

Viele Äußerungen des Syrers in dem Beitrag lassen auf ein fundamentales Islamverständnis schließen, wenngleich es auch Momente gibt, die dem widersprechen. Der Beitrag gibt einen offenen, dennoch sehr kleinen Einblick in die Beziehung der beiden. Demnach funktioniert diese, weil sie sich mehr oder weniger seinen durch tiefe Religiosität geprägten Ansprüchen fügt. Auch wenn sie klare Grenzen aufzeigt, z. B. wenn es um die Frage "Kopftuch" geht.

Ob sie diese Grenzen wirklich wahren kann, oder ob entweder sie sich letztlich fügt, oder die Beziehung endet an dem Punkt, wo er seine Forderungen nachdrücklicher stellt, wird die Zukunft entscheiden. Allerdings steht nach dem Schock des Mordes, begangen an der 15jährigen Mia in Kandel die Frage im Raum, wie eine solche Trennung unter Umständen für das Mädchen ausgehen könnte.

Der Beitrag war vom Hessischen Rundfunk (HR) für KiKa, ein Gemeinschaftsprojekt von ARD und ZDF, produziert worden. Der HR hatte sich aufgrund der heftigen öffentlichen Debatte entschieden, den Film im eigenen Programm begleitet von einer Diskussion am vergangenen Samstag noch einmal auszustrahlen. Diese Debatte wurde offenbar als ungehörig empfunden.

"Was ist los in unserer Gesellschaft, dass der Film für so viel Aufregung sorgt?", war auf dessen Webseite zu lesen. Darin spiegelt sich der gewohnte Umgang mit Fragen nach Problemen im Zusammenleben mit tief gläubigen Muslimen wider: Diese werden bestenfalls verharmlost und beschönigt, meistens aber in Abrede gestellt.

Dass auch der HR auf heile Multi-Kulti-Welt macht, wundert nicht angesichts der Tatsache, dass das Land Hessen Kooperationen mit fragwürdigen muslimischen Organisationen einging und ein fundamentaler Muslim als Vertreter des der türkischen Religionsbehörde Diyanet unterstellten Ditib-Landesverbandes Hessen einen Sitz im Rundfunkrat hat.

Unabhängig von der konkreten Liebesgeschichte, die nun von allen Medien in die Öffentlichkeit gezerrt wird, lässt sich an diesem Beispiel aufzeigen, welches fragwürdige Frauenbild in den Medien, einem Sender, dessen primäre Zielgruppe 10- bis12-Jährige sind zumal, transportiert wird, nämlich das der anpassungsfähigen sanften Gespielin, welche zwar Ansprüche stellen, nicht aber auf deren Realisierung beharren darf.

Zudem ist problematisch, welche Vorstellung von Musliminnen und Muslimen in den Kinderköpfen verankert werden, nämlich der streng religiösen, stetig betenden, männlich dominierten Gesellschaft, Mädchen und Frauen mit dem scheinbar unvermeidbaren Kopftuch.

Und wie selbstverständlich die Akzeptanz dieses religiösen Fundamentalismus der restlichen Gesellschaft abverlangt wird und wie nachlässig und leichtfertig über die Gefahren, die dieser religiöse Fundamentalismus und dessen Protagonisten für unsere Gesellschaft bedeuten, oder zumindest bedeuten können, hinweggesehen wird.

Sowie mit welcher Einigkeit und Entschlossenheit die vielerorts aufgebotenen Expertinnen und Experten Kritik daran als unbotmäßig betrachten und die Kritikerinnen und Kritiker als "rechts", "rassistisch" oder - das ist das neudeutsche Lieblingswort - "islamophob" geißeln. So dass sich schlussendlich, und auch das zeigt dieses Beispiel - tatsächlich nur noch Rechte in die Bütt trauen.

Was es dann der Anti-AfD-Koalition von der CSU bis zur autonomen Antifa um so leichter macht, den Kritikerinnen und Kritikern aus den eigenen Reihen oder gar muslimisch geprägten Mahnenden, AfD-Nähe zu unterstellen. Insofern ist der Beitrag tatsächlich "pädagogisch wertvoll", wenngleich anders als die vom HR ins Studio gerufenen Expertinnen und Experten uns glauben machen wollen und ganz sicher nicht für ein 3 bis 13-Jähriges Publikum, an das sich KiKa üblicherweise wendet.

Vermutlich war der Schock über den Mord an Mia der Grund, weshalb der Film ca. 6 Wochen nach der Erstausstrahlung eine heftige öffentliche Debatte auslöste. Diese nahm dermaßen Fahrt an, dass der HR von einem "Shitstorm" sprach. Der Sender sah sich deshalb gezwungen, den Film noch einmal im eigenen Programm auszustrahlen, begleitet von einer Diskussion mit verschiedenen Expertinnen und Experten und dem bis dato unbekannten AfD-Bundestagsabgeordneten Dirk Spaniel, der sozusagen für den "Shitstorm" verantwortlich gemacht wurde.

Im Vorfeld dieser Sendung war der Film 100 Kindern zwischen 8 und 13 Jahren vorgeführt und deren Meinung dazu abgefragt worden. Die Medienwissenschaftlerin Maya Götz hatte dieses Projekt begleitet.

Ein für die Sendung angekündigtes Interview mit dem männlichen Protagonisten des Films wurde nicht ausgestrahlt, mit der Begründung, dass dieser Morddrohungen von religiösen Extremisten erhalten habe, weil ihnen der junge Syrer viel zu modern erschienen sei und seiner Freundin viel zu viel erlauben würde. Das Paar steht deshalb unter Polizeischutz.

Tenor der Sendung im HR "Engel fragt - Spezial: Malvina, Diaa und die große Aufregung über einen KiKA-Film" war: Die Debatte, insbesondere in den sozialen Netzwerken, über den Film habe das Paar in Gefahr gebracht.

Moderator Philipp Engel machte aus den von HR-Programmdirektorin Gabriele Holzner erwähnten Morddrohungen seitens religiöser Extremisten "Morddrohungen von rechter Seite" und fügte schnell noch "und von anderen Seiten" hinzu. In der Huffington Post sind mittlerweile nur noch die "rechten Hetzer" übrig geblieben.

Um eins unmissverständlich klarzustellen: Auch wenn die in dem Film gezeigte Beziehung des ungleichen Paares viele Fragen aufwirft, und die Sorge, wie diese für das Mädchen wohl ausgehen mag, durchaus berechtigt ist: Niemand, nicht Rechte, nicht religiöse Fanatiker und auch nicht der aufgebrachte Mob in den sozialen Medien, hat das Recht, ihn oder sie zu beschimpfen, beleidigen, bepöbeln, ihnen mit Gewalt oder gar mit dem Tode zu drohen.

Die hessischen Justizbehörden sollten vorhandene Erkenntnisse über die rechte und auch die salafistische Szene nutzen, um dem Einhalt zu gebieten. Trotzdem müssen wir über diesen Beitrag reden.

Die HR-Runde, bestehend neben Spaniel, Götz und Holzner aus der Religionslehrerin Lamya Kaddor sowie dem Extremismus-Experten Thomas Mücke, machte in dem AfDler Spaniel den Buhmann schnell aus. Der Shitstorm ist das Problem, mit dem Film ist alles in bester Ordnung.

Über diesen waren sie sogar voll des Lobes, ein pädagogisches Musterbeispiel gelebter Selbstbestimmung und Kompromissbereitschaft. Der Film zeige, "egal was ist, ich bleibe bei mir", fasste Sozialpädagoge und Extremismus-Experte Mücke seinen Eindruck zusammen. Eine gewagte These angesichts Aussage der Protagonistin des Films wie: "Einer gibt nach und das bin meistens ich." Oder: "Ich habe das Gefühl, dass ich in eine Richtung gelenkt werde, in die ich nicht will."

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