German Naivität

Der Aufregung über einen Film über eine deutsch-syrische Jugendliebe begegnet der Hessische Rundfunk mit einem altbewährten Mittel: Verharmlosung des fundamentalen Islams. Ein Kommentar

Am 26.11.2017 strahlte der Sender KinderKanal (KiKa), ein gemeinsames Projekt von ARD und ZDF, den Beitrag "Schau in meine Welt - Malvina, Diaa und die Liebe" aus. Darin reden die deutsche Schülerin Malvina und ihr syrischer Freund Diaa (Mohammed Diayadi) offen über ihre Liebe und auch über die Schwierigkeiten einer solchen bi-nationalen Beziehung.

Viele der Äußerungen Diaas in dem Beitrag lassen auf ein fundamentales Islamverständnis schließen, wenngleich es auch Momente gibt, die dem widersprechen. Der Beitrag gibt einen offenen, dennoch sehr kleinen Einblick in die Beziehung der beiden. Demnach funktioniert diese, weil Malvina sich mehr oder weniger seinen durch die tiefe Religiosität geprägten Ansprüchen fügt.

Auch wenn sie klare Grenzen aufzeigt, z. B. wenn es um die Frage "Kopftuch" geht. Ob sie diese Grenzen wirklich wahren kann, oder ob entweder sie sich doch fügt, oder die Beziehung an dem Punkt endet, wo er seine Forderungen nachdrücklicher stellt, wird die Zukunft entscheiden.

Allerdings steht nach dem Schock des Mordes an der 15jährigen Mia in Kandel die Frage im Raum, wie eine solche Trennung unter Umständen für das Mädchen ausgehen könnte.

Dass diese Frage überhaupt gestellt wird, erscheint dem Hessischen Rundfunk (HR) offenbar als ungehörig. "Was ist los in unserer Gesellschaft, dass der Film für so viel Aufregung sorgt?", war auf der Webseite des HR zu lesen. Darin spiegelt sich der gewohnte Umgang mit Fragen nach Problemen im Zusammenleben mit tief gläubigen Muslimen wieder: Diese werden bestenfalls verharmlost und beschönigt, meistens aber in Abrede gestellt.

Dass auch der HR auf heile Multi-Kulti-Welt macht, wundert nicht angesichts der Tatsache, dass das Land Hessen Kooperationen mit fragwürdigen muslimischen Organisationen einging und ein fundamentaler Muslim als Vertreter dem der türkischen Religionsbehörde DIYANET unterstellten DITIB-Landesverbandes Hessen einen Sitz im Rundfunkrat hat.

Vermutlich war der Schock über den Mord an Mia der Grund, weshalb der Film ca. 6 Wochen nach der Erstausstrahlung eine heftige öffentliche Debatte auslöste. Diese nahm dermaßen Fahrt an, dass der Hessische Rundfunk, der den Beitrag für KiKa produziert hatte, von einem "Shitstorm" sprach.

Der HR sah sich deshalb gezwungen, den Film im eigenen Programm auszustrahlen, begleitet von einer Diskussion mit verschiedenen Expertinnen und Experten und dem AfD-Bundestagsabgeordneten Dirk Spaniel, der sozusagen für den "Shitstorm" verantwortlich gemacht wurde.

Im Vorfeld dieser Sendung war der Film 100 Kindern zwischen 8 und 13 Jahren vorgeführt und deren Meinung dazu abgefragt worden. Die Medienwissenschaftlerin Maya Götz hatte dieses Projekt begleitet.

Ein für die Sendung angekündigtes Interview mit dem Protagonisten Diaa alias Mohammed Diyaaba wurde nicht ausgestrahlt, mit der Begründung, dass dieser Morddrohungen von religiösen Extremisten erhalten habe, weil ihnen der junge Syrer viel zu modern erschienen sei und seiner Freundin viel zu viel erlauben würde. Das Paar steht deshalb unter Polizeischutz.

Tenor der Sendung im HR Engel fragt - Spezial: Malvina, Diaa und die große Aufregung über einen KiKA-Film war: Die Debatte, insbesondere in den sozialen Netzwerken, über den Film habe das Paar in Gefahr gebracht.

Moderator Philipp Engel machte aus den von HR-Programmdirektorin Gabriele Holzner erwähnten Morddrohungen seitens religiöser Extremisten schnell noch "und anderen Extremisten" und die Runde, bestehend neben Spaniel, Götz und Holzner aus der Religionslehrerin Lamya Kaddor sowie dem Extremismus-Experten Thomas Mücke, hatte in AfDler Spaniel den Buhmann schnell ausgemacht. Der Shitstorm ist das Problem, mit dem Film ist alles in bester Ordnung. (Birgit Gärtner)

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