Gescheiterte Staaten: Leben im Zusammenbruch

Die Herrschaft der Banden

Ohne eine emanzipatorische Perspektive schlagen die Aufstände gegen die Elendsverwaltung in der Dritten Welt in die Anomie, in eine chaotische Willkürherrschaft um. Die zentrale Machtstruktur der Anomie - die in den Massenmedien zumeist fälschlich als "Anarchie" bezeichnet wird - stellt die Bande, das Racket, dar. Hierbei handelt es sich um die Urform der Herrschaft, die sich immer in Zusammenbruchsstadien eines untergehenden Gesellschaftssystems herausbildet: Es ist ein aus den zerfallenden Machtstrukturen hervorgehender Männerbund, der die totale Loyalität und Unterwerfung nach innen mit dem totalen Krieg nach außen kombiniert.

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Die perspektivlosen Jugendlichen, die gegen die Herrschaft der Seilschaften und Clans aufbegehren, die den verwilderten Staatapparat usurpierten, finden sich im Laufe des Kampfes selber organisiert in Banden wieder. Ausgehend von den lokalen Gegebenheiten usurpiert das Racket die Macht in einer bestimmten Region, es praktiziert eine Art Plünderungsökonomie, oder es tritt gegebenenfalls als eine willkürlich handelnde "Ordnungskraft" auf lokaler Ebene auf, während es zugleich die Ressourcen und sonstigen Einkommensquellen in den gegebenen Zusammenbruchsregionen zu monopolisieren versucht. Diese anomische Herrschaft der Rackets ist dabei kein temporäres Übergangsphänomen, wie Somalia oder die DR Kongo zeigen, die sich schon seit Jahrzehnten in diesem Zustand strukturloser Banden- und Gewaltherrschaft befinden.

Racketbildung und anomische Herrschaft stellen mitnichten einen Rückfall in "frühere" oder traditionelle Gesellschaftszustände dar. Der alltägliche Massenmord in diesen Zusammenbruchsgebieten stellt die Fortführung der allseitigen kapitalistischen Konkurrenz nach dem Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaftsformation - also der Verwertung von Arbeitskraft im nennenswerten Ausmaß - dar. Ähnlich verhält es sich mit der einflussreichsten Krisenideologie in der Peripherie, mit dem extremistischen Islamismus, der mit traditionellen islamischen Religionsvorstellungen kaum etwas gemein hat. Der Islamismus stellt - ähnlich dem europäischen Rechtsextremismus - eine Krisenideologie dar, die es deren Trägern ermöglich, selbst noch den sozioökonomischen Zusammenbruch mit einem höheren Sinn und einer irren Perspektive aufzuladen: Sei es die Errichtung einer rassereinen Volksgemeinschaft oder eines panislamischen Kalifats von Atlas bis zum Hindukusch.

Dennoch verharrt nicht nur die westliche Öffentlichkeit, sondern auch ein Großteil der Linken in den erodierenden Zentren des Weltsystems in einer begriffslosen Indifferenz gegenüber diesen Umbrüchen. Der Unwille, den sich vor aller Augen entfaltenden Zusammenbruch auch als solchen zur Kenntnis zu nehmen, rührt wohl nicht nur aus der Verfangenheit des Bewusstseins in kapitalistischen Kategorien, sondern auch aus dem langen Zeithorizont, in dem dieser Prozess abläuft. Da es sich bei diesen Erosionsprozessen in der Peripherie um einen langfristigen Vorgang handelt, hat sich in der geschichtsvergessenen westlichen Öffentlichkeit längst ein Gewöhnungseffekt eingestellt. Man geht hierzulande davon aus, dass es sich beim sozioökonomischen Zusammenbruch weiter Teile der "Dritten Welt" um eine ahistorische Konstante - und nicht um das Ergebnis eines Prozesses gescheiterter Modernisierung - handelt.

Man hat sich daran gewöhnt, mit der Katastrophe in der Peripherie zu leben. Wenn nun von weiteren "Failed States" in den Medien die Rede ist, dann werden die bereits bestehenden kulturalistischen und rassistischen Ressentiments eben um die entsprechenden Regionen erweitert. Die westeuropäische Öffentlichkeit wird nur dann kurz auf ihrer diesbezüglichen Ignoranz wachgerüttelt, wenn mal wieder Hunderte von Flüchtlingen im Mittelmeer ertrinken, die der anomischen Hölle in den Zusammenbruchsgebieten der Peripherie zu entkommen versuchten.

Dabei könnte zumindest die Linke - wenn sie nicht gerade bei Querfrontveranstaltungen ihrer Selbstauflösung Vorschub leisten würde - schon jetzt in die Zukunft schauen und endlich radikale Antworten auf die in Barbarei übergehende Krise des kapitalistischen Weltsystems finden, die nicht aus der ideologischen Konservenkiste des 19. und 20. Jahrhunderts stammen. Die Zeit drängt dabei: Gen Süden blickend können wir einen Einblick in eine ungeheure Krisendynamik erhalten, die letztendlich - sollte sie nicht emanzipatorisch überwunden werden - auch in den Zentren des Kapitalismus eine Dystopie realisieren wird, die irgendwo zwischen Mad Max und 1984 angesiedelt sein dürfte. (Tomasz Konicz)

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