Geschichten aus dem Computerbarock

Textadventures als genuine Erzählform der ersten Digerati

Wie im Barock durch das Zusammentreffen der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und der beginnenden Verbreitung von Schriftkenntnis der Roman als Erzählform populär wurde, fällt die aufkommende Verbreitung von Heimcomputern mit der Form der Textadventures zusammen.

Diese These vertritt Jason Scott in seiner gerade in Produktion befindlichen Dokumentation Get Lamp. Scott archiviert das Gedächtnis der aufkommenden Heimcomputerkultur, die sich in verschiedensten neuen Ausprägungen abgezeichnet hat und heute noch die Metaphern des Umgangs mit Computern und deren Peripherie prägen.

Metaphern wiederum sind wichtige Faktoren für das Verständnis der Welt an sich. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Begriff Cyberspace: Wie Cory Doctorow in seiner Lesung des Buchs The Hacker Crackdown von Bruce Sterling anmerkt, wurde es manchen Nutzern von BBS erst klar, dass Chats nicht mit Unterhaltungen in ihrem Wohnzimmer vergleichbar sind, als der Begriff Cyberspace für die vernetzte Computerwelt eingeführt war - eine Unterscheidung, die für viele Internetnutzer heutzutage selbstverständlich ist.

DVD-Cover BBS Documentary

Scott versucht auf seiner Website textfiles.com das Gedächtnis der BBS aus den 1980er Jahren aufrecht zu erhalten und hat bereits eine mehr als 5 Stunden dauernde Filmdokumentation über die Szene veröffentlicht, ein Mammutwerk.

Jetzt nimmt er sich die Geschichte der Textadventures vor - ein Computerspielgenre, das auch als Interaktive Fiction bekannt ist. Der Film wird über so genanntes Crowdfunding finanziert, d. h. Personen spenden 100 US$, erhalten eine Kopie der BBS Dokumentation, drei Kopien des fertigen Films über Adventures und eine Erwähnung im Abspann der Dokumentation.

Scott interviewte für den Film Entwickler und Spieler von Textadventures und erklärt die Faszination, die von diesem Genre ausging.

Teaser zur Filmokumentation Get Lamp

Das genre- und begriffbildende Spiel heißt Collosal Cave Adventure, das vom Höhlenforscher und Programmierer Will Crowther 1972 entwickelt wurde. Crowthers Spiel basiert auf einer Höhle in Kentucky, die er untersuchte. Diese Höhle ist dermaßen gut dargestellt, dass sie von Spielern problemlos anhand der Erfahrungen aus dem Spiel durchwandert werden kann. Diese Version hatte kein Ziel, sondern man konnte nur das "maze of twisty little passages, all alike" durchwandern, wobei bereits ein axtwerfender Zwerg und eine magische Brücke vorkamen.

In den Jahren 1975 und 1976 nahm der Student Don Woods den Quellcode des Spiels und fügte Fantasy-Elemente wie einen Troll, Elfen und Schätze ein. Er entwickelte ein Punktesystem und somit auch ein Spielziel: Man musste alle Schätze aus der Höhle an sich bringen und konnte 350 Punkte erreichen. Von diesem Spiel gab es eine Reihe Neuimplementierungen, die als ADVENT oder Adventure bekannt waren, u. a. lieferte Microsoft eine Version mit MS-DOS 1.0 aus.

Den Höhepunkt erreichten Textadventures mit der Zork-Reihe von Infocom, die ab 1977 veröffentlicht wurde. Infocom veröffentlichte zahlreiche weitere Spiele, darunter auch zwei Kooperationen mit Douglas Adams: The Hitchhiker's Guide to the Galaxy und Bureaucrazy. Alle Infocom-Spiele können mittlerweile online gespielt werden.

Ein wesentliches Element der interaktiven Erzählung ist die direkte Ansprache an den Spieler, wobei die Umgebung sehr detailliert geschildert wird ("You are standing in an open field west of a white house, with a boarded front door."). Häufig müssen auch Rätsel gelöst werden, die meist auch durch logische Schlussfolgerungen machbar sind. Auf bestimmte Eingaben des Spielers folgt eine lustige Ausgabe des Spiels. Wenn zum Beispiel der Spieler nach unten fällt und eine Richtungseingabe macht, kommt folgender lustiger Dialog zustande:

east

Down seems more likely

Ende der 1980er Jahre war die große Zeit der kommerziellen Textadventures zuende, es erschienen immer mehr grafische Spiele. Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards aus dem Jahr 1987 ist eines der bekanntesten Beispiele. Aber auch in diesem Spiel mussten die Befehle noch per Hand eingegeben und gefunden werden ("open door", "walk to bar"). Im selben Jahr erschien das erste Adventure, das eine Navigation und Interaktion nur noch mit Mausklicks zuließ, Maniac Mansion von Lucasfilm Games.

Dennoch hat sich das Genre gehalten und wird gegenwärtig meist als Interactive Fiction bezeichnet. Seit 1996 gibt es den Xyzzy Award für Interactive Fiction, benannt nach einem Cheatcode aus Collosal Cave Adventure.

Ähnlich wie Elemente des Romans Trutz Simplex oder Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen als Vorlage für Bert Brechts Drama Mutter Courage und ihre Kinder diente, so tauchen Passagen aus Textadventures in anderen Spielen und Computerprogrammen auf: der Cheatcode Xyzzy funktioniert auch bei vielen Versionen von Minesweeper. Ebenso lassen sich daraus die in vielen Programmen enthaltenen Easter Eggs zurückführen, also versteckte Programme. So startet beispielsweise =GAME("StarWars") in einer Zelle der OpenOffice.org Tabellenkalkulation ein bekanntes Arcadespiel. Auch das Konzept der versteckten optionalen Passagen in vielen Ego-Shootern lässt sich auf dieses Genre zurückführen.

Auch das direkte Ansprechen des Spielers wurde in viele moderne Computerspiele übernommen, ebenso wie die Bedeutung des Lösens von Puzzles, die z. B. auch in der Tomb Raider Serie vorhanden sind.

Viele Textpassagen sind heute in das kollektive Gedächtnis von Nerds und Hackern eingegangen. Das oben angeführte "maze of twisty little passages, all alike" wird häufig als Verweis auf schwer lesbaren Programmcode verwendet und die Währung aus Zork taucht auch in NetHack oder Literatur auf.

(Thomas Mayer)

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