"Geschlagen, beleidigt, gedemütigt"

Trauernde Eltern der Opfer der Enführung von Chibok. Bild: VOA / Public Domain

Stefan Klein über die Massen-Entführung von Schulmädchen durch Boko Haram

Im April 2014 entführte die islamistische Terrororganisation Boko Haram in Nigeria nahezu 300 Schülerinnen. Der Journalist Stefan Klein konnte drei der Entführungsopfer interviewen und hat darüber ein Buch geschrieben: Boko Haram: Terror und Trauma.

Herr Klein, was ist Boko Haram und welches Programm verfolgt diese Organisation?
Stefan Klein: Boko Haram war ursprünglich eine systemkritische und sozial orientierte Sekte, deren Anliegen politisch hätten verhandelt werden können. Doch der Staat lies die Armee los. Ein blutiger Konflikt entwickelte sich, der 2009 mit der Verhaftung und anschließenden Ermordung des Sektengründers Mohammed Yusuf seinen schauerlichen Höhepunkt erreichte. Hunderte von Sektenmitgliedern kamen um, doch vernichtet war Boko Haram damit nicht, im Gegenteil: Neu radikalisiert unter Yusufs Nachfolger Abubakar Shekau wurde Boko Haram zu der mörderischen Guerillaorganisation, die sie bis heute ist.
Wörtlich übersetzt heißt Boko Haram "westliche Bildung ist Sünde", und das sind nicht nur Worte, es ist auch Programm. In ihrem Operationsgebiet im Nordosten Nigerias gehen Kämpfer von Boko Haram mit brutaler Gewalt gegen Einrichtungen vor, in denen westliche Bildung vermittelt wird. Dabei wurden Hunderte von Lehrern getötet, wurden Schüler entführt, Schüler aus der Schule weg als Kämpfer zwangsrekrutiert oder gleich getötet. Außerdem wurde eine Vielzahl von Schulen in Schutt und Asche gelegt. Ziel der salafistischen Bewegung ist die Errichtung eines Kalifats nach den Regeln der Scharia.

"Moralische und wirtschaftliche Fäulnis"

Wie populär ist Boko Haram in Nigeria und wer ist die unterstützende Basis?
Stefan Klein: Zulauf erhält Boko Haram aus dem elenden Heer arbeitsloser junger Männer, denen der nigerianische Staat nichts zu bieten hat außer Armut, Analphabetentum, Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Es ist das Lumpenproletariat, das so etwas wie soziale Gerechtigkeit oder Gleichheit vor dem Gesetz nie gekannt und stattdessen immer nur erlebt hat, wie sich die Reichen und Mächtigen mästen, die Korruption perfektionieren, Staatsgelder plündern und damit ihr Leben in märchenhaftem Luxus perfektionieren. Es sind diese Verhältnisse, nirgendwo so krass ausgeprägt wie im Norden des Landes, die es den Dschihadisten und Salafisten von Boko Haram leicht gemacht haben, kampfbereite Anhänger zu finden.
Anders als die säkularen Strukturen, die in den Augen vieler nur zu moralischer und wirtschaftlicher Fäulnis geführt haben, hat Boko Haram mit dem Ideal der Scharia, dem Sittenkodex des Islam, eine attraktive Alternative anzubieten, ein göttliches Instrument, scharf genug, um den Exzessen der regierenden Klasse Einhalt zu gebieten. Es gibt Menschen in Nordnigeria, die sagen, Boko Haram ohne Gewalt und Grausamkeit, aber als Garant einer strikten und gerechten Anwendung der Scharia sei ihnen lieber als der korrupte Staat. Doch Boko Haram ist nicht abzukoppeln von Gewalt und Grausamkeit, weshalb von Popularität auch keine Rede sein kann.

"Regierung und Armee reagierten sehr zögerlich"

Wie hat sich die Entführung der Mädchen zugetragen und wie lange hat sie gedauert? Sind alle Frauen inzwischen frei?
Stefan Klein: Die Entführung der 276 Mädchen der "Government Secondary School" in dem kleinen Marktflecken Chibok ereignete sich in der Nacht vom 14. auf den 15. April 2014. Zu dem Zeitpunkt befanden sich die Schülerinnen gerade mitten in ihrer Abiturprüfung. Schulen im Bundesstaat Borno, zu dem auch Chibok gehört, waren von den Behörden wegen der Bedrohung durch Boko Haram zwar geschlossen worden, doch für das Examen in Chibok hatte man eine Ausnahme gemacht - und das, obwohl die Schule einen Drohbrief von Boko Haram erhalten hatte.
Das Kommando von Boko Haram überfiel Chibok am Abend nach Einbruch der Dunkelheit, ohne dass die wenigen im Ort stationierten Soldaten und Polizisten Widerstand geleistet hätten. Läden und Marktstände wurden geplündert und anschließend niedergebrannt. Zwischen 22 und 23 Uhr kamen bewaffnete Kämpfer, manche in Armeeuniformen, auf das Schulgelände, trieben die Mädchen zusammen und schafften sie auf Lastwagen weg, nachdem sie zuvor die Gebäude in Brand gesteckt hatten.
57 Mädchen gelang die Flucht, manchen gelang sie noch auf dem Schulgelände, andere sprangen von den fahrenden Fahrzeugen. Weil Regierung und Armee zunächst gar nicht und später sehr zögerlich reagierten, gelang es Boko Haram, die Mädchen in einem "Sambisa" genannten Dornenstrauch-Revier im Nordosten zu verstecken.
Dank der Vermittlungsbemühungen eines nigerianischen Rechtsanwalts gelangten im Oktober 2016 21 Mädchen zurück in die Freiheit, wobei als Gegenleistung der nigerianische Staat wohl einen hohen Betrag gezahlt und angeblich auch gefangene Kämpfer freigelassen hat. Ein zweiter Austausch fand sieben Monate später statt - diesmal kamen 82 Mädchen frei, und als Gegenleistung wurden fünf Kämpfer freigelassen. Zusammen mit vier Mädchen, denen die Flucht gelungen ist, sind damit insgesamt 107 Mädchen wieder in Freiheit.
Das heißt: 112 Schulmädchen, inzwischen junge Frauen, befinden sich nach wie vor in der Gewalt von Boko Haram, wobei von denen mindestens 15 umgekommen sind, die meisten bei Luftangriffen. Wie viele unter dem Eindruck jahrelanger Indoktrination und Manipulation durch die Salafisten die Seiten gewechselt und sich Boko Haram angeschlossen haben, ist unklar. Es dürfte die Mehrzahl sein.
Es wurden Christinnen und Muslimas entführt. Wurden die jungen Frauen unterschiedlich behandelt und haben sie sich zu den Entführern divergent verhalten?
Stefan Klein: Die große Mehrheit der Entführten waren Christinnen. Die wenigen Muslimas standen bei ihren christlichen Klassenkameradinnen im Verdacht, als Zuträgerinnen für Boko Haram zu arbeiten und zum Beispiel zu verraten, wenn die Christinnen heimlich in Bibeln lasen, die sie, versteckt unter ihren Kleidern, zum Trost mit in die Gefangenschaft genommen hatten. Dass die Muslimas einen anderen Status hatten, erkennt man auch daran, dass sie schon mal für die beiden Koranlehrer einsprangen, wenn diese verhindert waren.

"Sie wurden geschlagen, beleidigt, gedemütigt und mussten niedere Arbeiten verrichten"

Wie ist den jungen Frauen während der Entführung ergangen?
Stefan Klein: Denkbar schlecht. Die Gefangenen wurden in eine ihnen fremde Religion gezwungen, wurden zweimal am Tag mit Koranunterricht traktiert, mussten den Hidschab tragen und fünfmal am Tag das islamische Gebet verrichten. Sie wurden geschlagen, beleidigt, gedemütigt und mussten niedere Arbeiten verrichten - Latrinen ausheben, Gras schneiden, Hütten bauen, Wasser heranschaffen, Brennholz sammeln. Sie wurden massiv gedrängt, Kämpfer zu "heiraten". So groß war der Druck, dass viele Mädchen ihm nachgaben. Als "Ehefrauen" waren sie etwas besser dran und konnten fortan die anderen, die sich geweigert hatten, für sich arbeiten lassen. Zeitweilig brach die Versorgung mit Nahrungsmitteln zusammen.
Die Mädchen litten großen Hunger und magerten ab. Bei manchen stoppte die Menstruation. An Wasser mangelt es, außer in der Regenzeit, ständig. Die größte Gefahr für die Mädchen kam aus der Luft. Immer wieder waren sie Bombenangriffen der nigerianischen Luftwaffe ausgesetzt, bei denen außer Kämpfern zahlreiche Mädchen umkamen oder schwer verletzt wurden. Nicht zuletzt wegen dieser Angriffe mussten die Mädchen während ihrer Gefangenschaft ihre Quartiere immer wieder wechseln.
Alle Frauen mussten zum Islam konvertieren. Hatte das Auswirkungen auf ihre Behandlung?
Stefan Klein: Jedenfalls machte die Zwangskonvertierung ihr Leben nicht besser.