"Geschlagen, beleidigt, gedemütigt"

"Es auf der politischen Ebene am Willen"

Wie reagierten Politik und Institutionen auf die Entführung?
Stefan Klein: Die Regierung von Goodluck Jonathan, der während der Entführung Staatspräsident war, hatte über zwei Wochen lang nichts zu sagen zur Verschleppung der Mädchen. Nichts zur Frage ihrer Rettung. Aus dem Präsidentensitz kam kein Trost, kein Mitgefühl, kein Versuch, den verzweifelten Eltern Mut zu machen. Als die Regierenden ihre Sprache schließlich wiedergefunden hatten, erweckten sie den Eindruck, eine große militärische Operation sei im Gange, um die Mädchen zu finden.
Tatsächlich jedoch passierte nichts dergleichen. Eine schnell reagierende Eingreiftruppe hätte das Schicksal der Mädchen mit großer Wahrscheinlichkeit wenden können. Doch dazu war das Militär im Nordosten nicht gut genug aufgestellt. Außerdem fehlte es auf der politischen Ebene am Willen, auch weil dort all die Zweifler das Sagen hatten, die skeptisch waren, ob eine Entführung überhaupt stattgefunden hatte und lieber abwarten wollten, ob die Mädchen nicht nach ein paar Tagen zurückkehren würden. Das Militär räumte später ein, das Zögern sei ein schwerer Fehler gewesen, "denn wenn du in so einem Fall nicht auf der Stelle handelst, ist es vollkommen unmöglich, die Initiative zurückzugewinnen."
Wie wurde die Politik unter Druck gesetzt, um etwas für die Entführten zu unternehmen?
Stefan Klein: Großen Druck übte eine pressure group aus, die sich BBOG (Abkürzung für "Bring back our girls") nennt und bis heute existiert. Es handelt sich dabei um Aktivisten, die für die Rettung der Mädchen zum ersten Mal am 30. April 2014, zwei Wochen nach der Entführung, in der Hauptstadt Abuja auf die Straße gegangen sind und sich seither jeden Tag zu einer Art Mahnwache auf einem Platz am sogenannten "Brunnen der Einheit" mitten in Abuja treffen und jede Gelegenheit nützen, um das Schicksal der Mädchen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Ohne die Hartnäckigkeit und Langlebigkeit dieser Gruppe, das gilt inzwischen als sichere Annahme, wäre die Zeit längst über diese Tragödie hinweggegangen, und es wäre wohl auch nicht dazu gekommen, dass zumindest fast die Hälfte der Mädchen befreit werden konnte.
Eine solche Bürgerinitiative, die sich jenseits der üblichen Trennlinien von Religion, Status und politischer Überzeugung zusammenfindet, ist neu in Nigeria und kann als Beleg dafür gelten, dass sich nach der langen Zeit der Militärdiktaturen die Demokratie in Nigeria zu verwurzeln beginnt. Der Regierung ist BBOG außerordentlich lästig, aber die Gruppe hört nicht auf, sie immer wieder aufs Neue daran zu erinnern, dass es in einer freien Gesellschaft einen sozialen Vertrag gibt zwischen Regierten und Regierenden und dass Letztere Verpflichtungen haben gegenüber Ersteren. Ihr vorerst letzte große Aktion, unterstützt von Sympathisanten in Großbritannien und den USA, fand am 14. April dieses Jahres aus Anlass des 5. Jahrestags der Entführung statt.

"Zwangskonvertierung hat nichts bedeutet"

Sind einige der Frauen nach ihrer Befreiung beim Islam geblieben?
Stefan Klein: Nicht dass ich wüsste. Die Frauen haben gleich nach ihrer Befreiung, als sie in Bussen vom Roten Kreuz abtransportiert wurden, christliche Lieder gesungen und christliche Dankgebete gesprochen. Im Frauenzentrum in Abuja, wo sie nach der Befreiung zwecks Resozialisierung einige Monate verbrachten, wurde auf ausdrücklichen Wunsch der Frauen die Möglichkeit geschaffen, morgens und abends gemeinsam Gebete zu sprechen.
Mehr noch: Die Frauen ließen sich taufen. Jedenfalls diejenigen unter ihnen, die noch nicht getauft waren. Was immer an leisen Zweifeln noch bestanden haben mag, die Frauen seien womöglich eingeschwenkt auf die Linie der Islamisten, durch die Taufe wollten sie das Gegenteil beweisen. Sie wollten nicht nur sich selber einer Art Reinigungsritual unterziehen, sondern auch in aller Öffentlichkeit demonstrieren, dass die Zwangskonvertierung nichts bedeutet hat. (Reinhard Jellen)