Gesellschaftskritik und psychische Gesundheit

Bild: Pixabay.com/CC0

Die wissenschaftliche und politische Dimension der Frage, ob immer mehr Menschen psychisch gestört sind

An der Frage, ob psychische Störungen zunehmen, gleich bleiben oder gar abnehmen, scheiden sich die Geister. Die Einen argumentieren gesellschaftskritisch, dass die heutige Zeit mit ihren Veränderungen der Arbeitswelt, der Medien und ihren Krisen die Menschen krank mache. Die Anderen halten das für Kulturpessimismus, den es schon immer gegeben habe, und zeichnen ein positives Bild der Gegenwart.

Unstrittig ist, dass immer mehr Menschen wegen psychisch-psychiatrischer Probleme behandelt werden. Während die Vertreter aus dem kritischen Lager dies als Bestätigung werten, winken die Optimisten ab: Das liege bloß an der größeren Aufmerksamkeit für das Seelenwohl und an veränderten Diagnosegewohnheiten. Beide Seiten berufen sich auf wissenschaftliche und gesellschaftliche Daten. Wer hat Recht?

Politik und Gesundheit

Es handelt sich hier um keine rein akademische Debatte. Vielmehr schwingt eine soziopolitische Komponente nicht nur mit, sondern steht sogar im Mittelpunkt: Wenn die heutigen Verhältnisse viele Menschen krank machen, dann sollte man sie ändern. Hier sei einmal an den Psychoanalytiker und Philosophen Erich Fromm (1900-1980) erinnert, der in Entwicklungen wie Entfremdung oder Massenkonsum pathologische Kräfte sah (etwa "Haben oder Sein", 1976) und sich gegen eine Sozialwissenschaft stellte, die den Menschen für beliebig anpassbar hielt.

Wenn die Menschen hingegen gut mit den Veränderungen der letzten Jahrzehnte leben können, man denke an Globalisierung und Neoliberalismus, dann spricht viel für diese; dann gibt es auch kaum Gründe für Beschwerden oder die Ablehnung des Status quo. Es geht also um reformerische gegenüber konservativen Tendenzen, die aus den Tatsachen über das Wohlbefinden der Menschen abgeleitet werden.

Wer gilt als psychisch gestört?

Ich schrieb hier schon einmal 2012 über neue epidemiologische Forschung - also Forschung über die Häufigkeit psychischer Störungen -, die zu dem Ergebnis kam, dass fast die Hälfte der Menschen in Europa Jahr für Jahr mindestens einmal eine psychische Störung hat (Beinahe jede(r) Zweite gilt als psychisch gestört). Das klingt nach viel und wirft das theoretische Problem auf, dass die Störungen eigentlich vom Normalzustand abgegrenzt werden sollen. Wenn es aber schon normal ist, so eine Störung zu haben, sind dann vielleicht die Nicht-gestörten die Abnormalen?

Dieses bis heute ungelöste Problem wurde bereits 1881/1882 in einer Folge von Kurzgeschichten, später erschien sie unter dem Titel "Der Psychiater" als Novelle, von dem brasilianischen Autor Joaquim Maria Machado de Assis (1839-1908) behandelt. Mir ist nur eine englische Übersetzung bekannt. Die Erzählung hat in den mehr als 130 Jahren aber nichts von ihrer Aktualität und Skurrilität eingebüßt und eignet sich auch hervorragend als Unterrichtsmaterial. Für Ärzte und Psychotherapeuten sollte sie Pflichtlektüre sein.

Sind 40, 45 oder 50% viel?

Bleiben wir aber bei der Frage, ob es viel ist, wenn 40, 45 oder gar 50% der Bevölkerung Jahr für Jahr an mindestens einer psychischen Störung leiden sollen? Zur Erinnerung: Die Spannweite der Schätzung ergab sich daraus, dass der epidemiologische Befund zur Häufigkeit (38%) auf der Untersuchung von nur 27 der häufigsten Störungen beruhte. Man kann aber mehrere Hundert davon unterscheiden. Das wäre in den ohnehin schon sehr komplexen Studien jedoch nicht mehr handhabbar.

Hier ist noch einmal ein historischer Rückblick hilfreich, wenn auch nicht so weit wie im Falle des brasilianischen Autors: Einer der Meilensteine bei der Erforschung der Häufigkeit psychischer Störungen war die in den 1950er Jahren in Manhattan durchgeführte und 1962 erschienene Studie "Mental Health in the Metropolis", deren Titel wohl nicht zufällig an den berühmten Aufsatz "Die Großstädte und das Geistesleben" Georg Simmels aus dem Jahr 1903 erinnerte.

Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren - die letzterreichte Umgestaltung des Kampfes mit der Natur, den der primitive Mensch um seine leibliche Existenz zu führen hat.

Der erste Satz aus Simmels Aufsatz von 1903

Die Manhattan-Studie über das Seelenleben der Großstädter, die auf knapp 2000 repräsentativen Interviews beruhte, wurde dann auch dahingehend zitiert, dass rund 80% der Stadtbewohner psychische Probleme hätten. Kritiker der Landflucht fühlten sich bestätigt: Der Mensch sei eben doch für die Natur, die Dörfer und allenfalls Kleinstädte geschaffen.

Eine Frage der Grenzziehung

Die Sache hatte nur einen Haken: Auf die Zahl, genauer: auf die 81,5% kommt man nur, wenn man ausschließlich die 18,5% der Befragten, die überhaupt keine Probleme angaben, als psychisch gesund ansieht. Die Forscher von der Cornell University in New York, die die großangelegte Studie durchführten, hatten die Symptomstärke der Menschen auf einer Skala von 0 bis 6 eingeordnet. Wo soll man die Grenze ziehen?

Wenn man es nicht zwischen 0 und 1 tut, wie es damals häufig gemacht wurde, sondern beispielsweise zwischen 2 und 3, dann gelten plötzlich nur noch rund ein Viertel der Großstadtmenschen als psychisch gestört. 81,5 oder 23,4% - beide Mal geht es um dieselbe Studie, dieselben Menschen, dieselben Daten.

Es gibt kein ehernes Gesetz, aus dem sich eine eindeutige Antwort ableiten ließe. Man sollte nur transparent mit seiner Grenzziehung umgehen und die Begründung dafür mitliefern. Das gilt im Übrigen für die Berichterstattung für heute genauso wie die von damals.