Gesetz und Verbrechen

Armut und Kriminalität

Jeremy Bentham, der Vordenker des Utilitarismus (das Streben nach dem größten Glück für die größte Zahl), hatte allerdings schon 1826 einen Gesetzesentwurf erarbeitet, der von einem "unausgesprochenen Vertrag" zwischen den Patienten eines Krankenhauses bzw. den Insassen eines Armenhauses und der jeweiligen Institution ausging: im Austausch für kostenlose Behandlung und Unterbringung stellten sie im Todesfall ihren Körper zur Sektion zur Verfügung - zumindest jene, deren Leiche nicht von Verwandten beansprucht wurde. Den "Vertrag" gelte es nun rechtlich abzusichern. Bentham führte zu dem Zweck eine geheime Korrespondenz mit dem Innenminister und machte diese auch einem seiner Anhänger zugänglich, dem Abgeordneten John Smith. Als Titel empfahl er euphemistisch "Ein Gesetz für die effizientere Verhinderung der Schändung von Friedhöfen". Anders ausgedrückt: Wenn die Armen seziert werden durften, mussten die anderen keine Angst mehr haben, nach ihrem Tod ausgegraben und an die Anatomen verkauft zu werden.

Im Sommer 1828 legten Warburton und Smith dem Parlament einen Gesetzesentwurf vor, der Benthams Handschrift trägt. Astley Cooper war als Präsident des Royal College of Surgeons allerdings mit der Forderung gescheitert, die Verteilung der Leichen (als Wettbewerbsvorteil gegenüber privaten Schulen) unter die Kontrolle seiner Organisation zu stellen. Und entfallen war Benthams Vorschlag, gleichzeitig die Sektion von Mördern abzuschaffen. Die Armen wurden somit den schlimmsten Verbrechern gleichgestellt. Das lag durchaus im Trend. Für Bentham war klar, dass sich der Markt um die Bedürftigen kümmern würde. Das war billig und mit dem geringsten Aufwand verbunden. Wenn mit den Armen "wissenschaftlich und ökonomisch" umgegangen wurde, würde sich alles regeln. Es war nicht Aufgabe des Staates, per Gesetz zur Sicherung des Existenzminimums beizutragen. Armut war eine Art natürliche Gegebenheit, die in der Gesellschaft überlebt hatte, und ebenso natürlich war die körperliche Strafmaßnahme, der Hunger. Somit war ein Zusammenhang zwischen Bedürftigkeit und Kriminalität etabliert.

Warburtons Anatomiegesetz wurde sehr kontrovers diskutiert. Besonders das Festhalten an der Sektion von Mördern sorgte (wegen der allzu deutlichen Kriminalisierung von Armut) für Empörung. Für eine Verabschiedung durch das Parlament schien es noch zu früh. Aber die Zeit und die Ereignisse waren auf Warburtons Seite, denn am 2. November 1828 wurden in Edinburgh William Burke und William Hare festgenommen. Zur Ehrenrettung der Resurrection Men muss gesagt werden, dass die beiden nie Snatcher waren, sondern Mörder. Als die Mordserie aufgedeckt wurde, spielten solche Unterscheidungen jedoch keine Rolle.

Der Kriminalfall war auch deshalb so schockierend, weil Burke und Hare zwar in Serie mordeten, ansonsten aber - wenigstens nach außen - ganz normale Leute waren, die sich weder durch einen unsteten Lebenswandel noch durch perverse Neigungen von ihren Nachbarn unterschieden. Hare betrieb mit seiner Gattin die Pension in Tanner’s Close, Burke hatte seine Flickschusterei, und beide verdingten sich als Erntearbeiter wie andere nach Schottland gekommene Iren auch. In Berichten der Sensationspresse, Büchern und Filmen wurden sie zu Tagedieben, weil sie so besser auszugrenzen waren. An Dr. Knox gerieten sie rein zufällig. Aller Wahrscheinlichkeit nach hätten die anderen Anatomieschulen von Edinburgh genauso bei ihnen gekauft. Später, als die Chirurgen dabei waren, sich als allseits respektierter Berufsstand zu etablieren, als "Halbgötter in Weiß", wollte man das nicht mehr wahrhaben. Also musste auch Dr. Knox ausgegrenzt werden.

Nach allem, was man weiß, war Robert Knox ein liebender Ehemann und Vater. Er war mit einer Frau aus einer Kaufmannsfamilie verheiratet, die aus derselben Schicht kam wie er und deren Eltern ihn beim Ausbau seiner Anatomieschule finanziell unterstützt haben dürften. 1870 veröffentlichte Robert Lonsdale ein Buch über Knox, in dem der Autor schreibt, die Frau des Anatomen sei "von niederem Stand" gewesen, die Gattinnen der Kollegen hätten sie geschnitten und das habe seinem sozialen Aufstieg "Fesseln angelegt". Das wurde nun ein fester Bestandteil der Burke-und-Hare-Geschichte: Knox hat die falsche Frau geheiratet und gehört nicht wirklich mit dazu (und hat als Außenseiter Leichen für seine Schule gekauft, was die anderen Anatomen nie getan hätten).

The Body Snatcher

Das am häufigsten aufgeführte Bühnenstück zum Kriminalfall ist James Bridies The Anatomist (1931, 1961 sehr statisch verfilmt). Da erfährt man, dass Frau Knox nicht präsentabel ist, weshalb Herr Knox immer mit Damen der guten Gesellschaft parlieren und seine Brillanz als Anatom demonstrieren muss, um den sozialen Makel wettzumachen. Der beste Film ist The Body Snatcher (1945) von Robert Wise, entstanden in der RKO-Produktionsgruppe von Val Lewton und basierend auf der Erzählung von Robert Louis Stevenson. Die Handlung ist in die nächste Generation verlegt. Dr. MacFarlane hat bei Dr. Knox gelernt, betreibt inzwischen selbst eine Anatomieschule und wird vom Fuhrmann Gray - Boris Karloff als das Symbol einer unbewältigten Vergangenheit - mit Leichen beliefert. MacFarlane ist eine nicht standesgemäße Ehe eingegangen, seine Frau muss darum - als Symbol des vom Anatomen geführten Doppellebens - so tun, als wäre sie seine Haushälterin. The Doctor and the Devils bemüht sich um eine Modernisierung. Die Damen von Edinburgh machen einen Bogen um die Frau von Dr. Rock, weil sie eine Künstlerin ist und anatomische Zeichnungen für ihren Gatten anfertigt (nicht ladylike). Rock jedoch bleibt der einzige Anatom von Edinburgh, der unter der Hand Leichen kauft und riskiert, dass ihm die medizinische Fakultät die Lizenz entzieht. Im echten Edinburgh des Jahres 1828 war das ganz anders. Wer über eine gute Quelle für Leichen verfügte, hatte den Kollegen gegenüber einen Wettbewerbsvorteil (und um das Wohl der Patienten ging es selbstredend auch, aber vielleicht nicht nur).

Verkauft an Dr. Knox

Nachdem sie ihre erste Leiche an Dr. Knox verkauft hatten, den eines natürlichen Todes gestorbenen Donald, ermordeten Burke und Hare innerhalb eines knappen Jahres mindestens 17 Menschen, meistens in der Pension der Hares. Die Opfer waren alle eine leichte Beute: nicht besonders groß und nicht besonders stark, Frauen und ältere Menschen, ein geistig zurückgebliebener Junge war auch dabei. Einziges erkennbares Motiv: Geld. Für die meisten der Leichen zahlte Dr. Knox 10 Pfund. Das muss man in Bezug zu den sonstigen Verdienstmöglichkeiten setzen. Die Iren in Schottland waren eine ausgebeutete Gruppe und erledigten zu Hungerlöhnen Tätigkeiten, die Einheimische nicht machen wollten. Versuche, sich zu organisieren und so die eigene Verhandlungsposition zu stärken, wurden von der Polizei unterbunden. Ein irischer Erntehelfer erhielt oft nur 8 Pence am Tag und in der Hochsaison, als erfahrene Kraft, maximal 3 Schillinge. Nach der ganzen Schufterei, am Ende der Erntezeit, blieben 3 Pfund übrig. Leute, die Wasserwege oder Straßen bauten, erhielten etwa 2 Schillinge am Tag. Lisa Rosner stellt diesen Vergleich an: Für das Geld, das mit einem Mord zu verdienen war, musste ein irischer Kanalbauer hundert Tage lang Stücke aus dem Fels hacken.

Von den 10 Pfund gingen 6 an Hare, weil er den Tatort zur Verfügung stellte und 4 an Burke, wovon er 1 Pfund an Hares Frau Margaret abgeben musste, die beim Morden half oder zumindest nichts dagegen hatte. Burke war der weniger Geschäftstüchtige und der weniger Geschickte von den beiden. Helen McDougal, seine Lebensgefährtin, ging leer aus und Burke bestand später darauf, dass sie nichts gewusst habe. Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Es war allgemein bekannt, dass es einen schwarzen Markt für Leichen gab. Wenn jemand Verdacht schöpfte erklärten Burke und Hare, dass sie Verstorbene von deren Angehörigen erwarben und an die Anatomen verkauften. Dieselbe Geschichte erzählten sie, falls sie gefragt wurden, in der Anatomieschule. Und Dr. Knox? Wusste er, dass ihm seine Lieferanten ermordete Menschen brachten?

Das ist schwer zu sagen. 1828 war man Lichtjahre von CSI entfernt. Die Möglichkeiten zur Feststellung der Todesursache waren sehr begrenzt. In The Doctor and the Devils sagt Dr. Rock zu einem seiner Assistenten, der Verdacht geschöpft hat, dass eine Morduntersuchung Sache der Polizei sei und einen Anatomen nicht zu kümmern habe. Vielleicht sah es Dr. Knox genauso, weil das praktisch war. Oder er hatte die Art von beruflichem Tunnelblick entwickelt, der Ausgangspunkt vieler Gruselgeschichten aus dem Transplantationswesen ist. Da sieht der Doktor nicht mehr den todkranken Patienten, den man heilen oder dem man ein würdevolles Sterben ermöglichen muss, sondern das menschliche Ersatzteillager und die Kosten-Nutzen-Rechnung (ein Tod hilft viele Leben retten, durch Transplantation und Fortentwicklung der Medizin). Der Erfolg von Thrillern wie Fleisch (das Original von Reiner Erler ist besser als das Remake), Coma oder Anatomie ist ein Beleg für die Existenz dieser Ängste. Die Transplantationsbefürworter und -bürokraten täten gut daran, sie offen anzusprechen, statt sie in den Bereich der Schauermärchen abzuschieben und das Thema für "intellektuell absurd" (siehe Teil 1) und damit für beendet zu erklären. So leicht wird das nicht funktionieren, weil die Medizin ein paar dunkle Kapitel ihrer Geschichte im Gepäck hat, die sich tief in das kollektive Bewusstsein eingegraben haben.

The Doctor and the Devils

Man konnte das sehen, als Gunther von Hagens, der Erfinder der Plastination, Anfang des Jahrtausends seine "Körperwelten"-Ausstellung nach Großbritannien brachte und mit sicherem Gespür für die Provokation Orte bespielen wollte, wo sich Anatomie und lokale Geschichte auf beunruhigende Weise verbunden hätten. Das löste noch wütendere Proteste aus als bei uns. In Edinburgh, der Stadt von Burke und Hare und Dr. Knox, wurde 2003 verhindert, dass von Hagens seine Plastinate als Teil des alljährlichen Festivals zeigen durfte, obwohl da sonst Platz für Sachen ist, die noch viel kontroverser sind. In Deutschland wurden Varianten des Nicht-Standesgemäßen bemüht, mit denen man einst Dr. Knox ausgegrenzt hatte. Zur Berichterstattung gehörte der Hinweis, dass von Hagens eigentlich Liebchen heiße und den Namen seiner Frau angenommen habe, als sei das etwas Ungehöriges (falscher Adeliger). Obwohl sich der Vorwurf des Titelmissbrauchs als haltlos erwies, wird er in Zeitungen und im Fernsehen bis heute als Hochstapler mit falschem Professorentitel präsentiert.

Auf dem Höhepunkt der Hysterie steuerte ein gebührenfinanzierter Sender eine Reportage bei, in der ein Informant von Plänen des Plastinators erzählte, den "Irischen Riesen" auszugraben, um ihn in sein Museum zu stellen oder finsteren Versuchen zuzuführen. Den Details nach kann das nur Charles Byrne gewesen sein. Etwa zwei Meter dreißig groß, wurde Byrne auf Jahrmärkten als "Irischer Riese" zur Schau gestellt. Ich glaube nicht, dass ihn von Hagens wirklich ausgraben wollte. Byrne starb im Juni 1783 in London. Übles ahnend, soll er testamentarisch eine Seebestattung verfügt haben, um nicht seziert zu werden. Umsonst. Sofort gab es einen Wettlauf der Forscher und der Sammler. John Hunter, ein Pionier der Anatomie, bestach den Bestatter und machte das Rennen (Kostenpunkt: 500 Pfund). Byrnes Skelett steht jetzt in einem Glaskasten, gleich beim Eingang zu Hunters Kollektion im Royal College of Surgeons, Lincoln’s Inn Fields. Die Reportage über von Hagens war miserabel recherchiert und doch informativ, weil sie wieder einmal deutlich machte, was für ein langes Leben die alten Geschichten haben.

Nackte Venus

Burke und Hare suchten nicht besonders große und nicht besonders kräftige Menschen als Opfer aus und solche, die schon betrunken waren oder sich leicht betrunken machen ließen. Das half beim Töten. Das erste Mordopfer erstickten sie, vermutlich im Januar 1828, mit einem Kissen. Danach verfielen sie auf die Methode, die Boris Karloff in The Body Snatcher anwendet, wenn er Bela Lugosi tötet. Hare drückte dem Opfer mit der Hand Nase und Mund zu. Burke legte sich quer über die Brust. Durch die Last auf dem Brustkasten wurden das Zwerchfell und die Lunge an der Ausdehnung gehindert. Hare sorgte dafür, dass durch Nase und Mund keine Luft in die Lunge kam. Das führte zum Ersticken und war mit den damaligen Mitteln der Gerichtsmedizin nicht nachweisbar. Trotzdem gab es noch genug Verdachtsmomente, die Knox hätte erkennen können und vielleicht auch müssen. Ob er sich für die Haltung entschied, dass der Zweck (der medizinische Fortschritt) die Mittel heiligt oder ob er, bewusst oder unbewusst, wegschaute, um den Nachschub an frischen, nicht schon von Würmern durchsetzten Leichen nicht zu gefährden, wird sein Geheimnis bleiben.

The Body Snatcher

Die 10 Pfund pro Leiche reichten nicht aus, um die Situation der Mörder substantiell zu verbessern (durch den Kauf von Land oder einem Laden), waren aber mehr als genug, um den Lebensstandard anzuheben und sich kleine Annehmlichkeiten, bessere Kleider und dergleichen zu leisten. Auf dieses Zubrot wollten Burke, Hare und die beiden Frauen wohl nicht mehr verzichten. Eine wichtige Rolle spielte der Alkohol. Die Mörder tranken mit ihren Opfern, um sie leichter umbringen zu können, und Burke brauchte immer mehr davon, um sein Gewissen zu beruhigen (Hare scheint ein eher geschäftsmäßiges Verhältnis zum Töten gehabt zu haben). Zuerst mordeten sie, wenn sich zufällig eine Gelegenheit ergab. Dann fingen sie an, gezielt nach Opfern Ausschau zu halten.

Das bekannteste der Opfer hieß Mary Paterson (oder Mitchell), war etwa 18 Jahre alt, wurde im April 1828 erstickt und sorgte in der Anatomieschule für einen ersten Verdacht. Burke und Hare brachten den Körper eines jungen, wenige Stunden zuvor gestorbenen Mädchens, der keine Anzeichen einer Krankheit aufwies. Mindestens einer der Studenten glaubte, die Tote kürzlich noch sehr lebendig auf der Straße gesehen zu haben. Burke und Hare sagten, sie hätten die Leiche einer alten Frau abgekauft. Dafür gab es 8 Pfund von Dr. Knox und man fragt sich, ob Knox wirklich keine Ahnung hatte, von wem er seine Anatomieleichen bezog oder ob er die verdächtigen Umstände vielleicht sogar nützte, um den üblichen Preis zu drücken. Seine Verteidiger führen sein weiteres Verhalten als Beweis dafür an, dass er in gutem Glauben handelte und nicht daran zweifelte, dass Burke und Hare die Leichen von Angehörigen und Bestattern erwarben.

Knox war begeistert von dem schönen, gut proportionierten Körper, den er da gekauft hatte. Statt ihn schnellstmöglich per Sektion verschwinden zu lassen, machte er ihn zum Schauobjekt und konservierte ihn drei Monate lang in Whiskey. Ein von Knox beauftragter Maler und mehrere Studenten sollen ihn abgezeichnet haben. In The Doctor and the Devils taucht Mary Paterson in Form eines nackten, von Dr. Rocks Frau gezeichneten Busens wieder auf. Sie ist das Erotik-Element, das der Kriminalfall dringend brauchte, um zu einer süffigen, publikumswirksamen Geschichte mit Moral zu werden. Man weiß fast nichts über Mary Paterson - also auch nicht, ob sie eine gewerbsmäßige Hure war, ob sie sich gelegentlich prostituierte oder ob sie ein tugendhaftes Leben führte, wenn sie nicht beim Whiskeytrinken in der Kneipe saß. Doch an ihr entzündete sich die Phantasie der Chronisten.

The Doctor and the Devils

In den Druckerzeugnissen zu Burke und Hare wurde Mary Paterson sehr schnell zur wunderschönen Prostituierten, die sich zwischen zwei Freiern mit einem Whiskey stärkt, dabei William Burke begegnet und ihren liederlichen Lebenswandel mit dem Tod bezahlt. Das führte zu (unbestätigten) Gerüchten, dass noch viele andere Prostituierte verschwunden und auf dem Seziertisch von Dr. Knox gelandet seien. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die nun schon sehr oft erzählte Geschichte eine Auffrischung vertragen konnte, kam der Medizinstudent und/oder Assistent von Dr. Knox dazu, der ein Verhältnis mit der schönen Hure hat und deren Leiche im Anatomiesaal wiederfindet. William Roughead gab 1920 seinem Buch über Burke und Hare das Bildnis einer jungen Frau als nackte Venus bei und identifizierte sie - sehr verklausuliert, weil er wohl selbst nicht daran glaubte - als Mary Paterson, damals im Auftrag von Dr. Knox gezeichnet. Im 19. Jahrhundert waren solche Bilder das, was heute die Porno-Websites sind. Zur Legende gehören die Studenten, die ebenfalls Zeichnungen der toten Mary anfertigten. Das war günstig für Roughead nachfolgende Autoren, die auch eine Illustration haben wollten. Mittlerweile ließe sich eine kleine Galerie mit nackten "Mary Patersons" zusammenstellen.

The Body Snatcher

Val Lewton und Robert Wise mussten 1945 den Vorschriften des Production Code genügen. Deshalb wurde Mary Paterson in The Body Snatcher auf zwei Rollen verteilt. Der Student liebt eine schöne Witwe, deren Tochter von Dr. MacFarlane operiert wird. Boris Karloff ermordet eine Blinde, die ihren Lebensunterhalt als Straßensängerin verdient - und das auch nachts in dunklen, menschenleeren Ecken. Da wusste jeder, was gemeint war. The Flesh and the Fiends, 1959 in England gedreht, kann sich mehr Direktheit leisten. Billie Whitelaw als Hure wird nicht nur vom Assistenten begehrt, sondern auch von Donald Pleasance als Hare, der sie vergewaltigen will, dabei tötet und zusammen mit Burke an Dr. Knox verkauft, in dessen Anatomieschule sie der Medizinstudent entdeckt.

The Flesh and the Fiends

Eine so traurige Liebesgeschichte wollte The Doctor and the Devils dem Publikum nicht zumuten. Fallon und Broom (alias Burke und Hare) töten nicht die Hure Jennie (gespielt vom ehemaligen Supermodel Twiggy), sondern deren Kollegin. Julian Sands als der die Hure liebende Dr. Murray kann Jennies Ermordung im letzten Moment verhindern, was zur Ergreifung von Fallon und Broom führt. Die Mordserie mit der Rettung der schönen Dirne zu beenden war reizvoller als das, was die Wirklichkeit zu bieten hatte.

The Doctor and the Devils

Sektion

Die genial anmutende Methode des Erstickens war mehr dem Zufall geschuldet als - wie manchmal vermutet - der speziellen Unterweisung durch Dr. Knox. Die Mörder waren weder klug noch sonderlich geschickt und es war auch Glück dabei, dass sie so lange nicht erwischt wurden. Am 1. November 1828 fand Ann Gray, eine Verwandte von Helen McDougal, die nackte, im Stroh versteckte Leiche einer kleinen, zwischen 40 und 50 Jahre alten Frau. Das war Margaret Docherty, deren Abtransport sich wegen schlechter Planung verzögert hatte. Ann Gray holte die Polizei. Der Leichnam war inzwischen verschwunden. Am nächsten Morgen wurde er in der Anatomieschule von Dr. Knox entdeckt. Die Polizei nahm die beiden Hares, Burke und McDougal in Gewahrsam.

Drei Experten fanden keinen eindeutigen Beweis dafür, dass Mrs. Docherty ermordet worden war. Die anderen an Knox verkauften Leichen waren seziert und entsorgt. Den ganzen November über gelang es nicht, die Verhafteten zu einem Geständnis zu bewegen. Mordprozesse wurden vor einem Geschworenengericht verhandelt. Die schottischen Geschworenen standen in dem Ruf, die Beweise sehr genau zu prüfen und im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden. Die Probleme des von den regierenden Tories eingesetzten Staatsanwalts wurden durch die politische Konstellation noch größer. In publikumswirksamen Fällen wie diesem stellten die Whigs, die größte Oppositionspartei, den Angeklagten die wortmächtigsten Verteidiger aus ihrem Lager zur Seite, um dem politischen Gegner eine Niederlage zuzufügen.

Seit am 3. November die ersten Presseberichte erschienen waren, häuften sich die Vermisstenmeldungen. Die Staatsanwaltschaft stand unter Druck, den Fall zur Beruhigung der Öffentlichkeit möglichst schnell aufzuklären und das Verfahren abzuschließen. Dafür musste ein Kronzeuge her. Margaret Hare konnte nicht gegen ihren Mann aussagen. Helen McDougal war nicht mit Burke verheiratet, schwieg aber beharrlich. Blieben noch die beiden Haupttäter. Die Staatsanwaltschaft hatte stärkere Beweise gegen Burke als gegen Hare und bot deshalb zunächst Hare einen Handel an. Am 1. Dezember 1828 legte er ein Geständnis ab. Burke und McDougal wurde der Prozess gemacht. Hauptbelastungszeugen waren die straffrei ausgehenden William und Margaret Hare.

Weil Hare alles zugegeben hatte (oder jedenfalls genug, um Burke an den Galgen zu bringen), musste Dr. Knox nicht aussagen. Die Behörden achteten überhaupt darauf, das medizinische Establishment so gut wie möglich zu schonen. Helen McDougal wurde wegen Mangels an Beweisen freigesprochen, William Burke zu Hängen mit anschließender Sektion verurteilt. Vor seiner Hinrichtung am 28. Januar 1829 legte auch er ein Geständnis ab - und gerüchteweise noch ein zweites, in dem er mehr als die bereits von Hare gestandenen 17 Morde zugegeben haben soll. Ob es doch mehr Tote gab, und ob Burke und Hare außer Dr. Knox auch andere Anatomen beliefert hatten, wie manche zu wissen glaubten, blieb offen. Am Morgen nach der Hinrichtung wurde Burkes Leichnam zur Universität von Edinburgh gebracht und Professor Alexander Monro tertius zur Sektion übergeben. Am 1. Februar, als er seine Arbeit beendet hatte, tauchte Professor Monro einen Federkiel in Burkes Blut, um die ordnungsgemäße Durchführung des ihm vom Gericht erteilten Auftrags zu protokollieren. Zur Erinnerung behielt er ein paar blutverkrustete Haare von Burkes Bein und vielleicht noch etwas mehr. Burkes Skelett kann man heute im Museum der Universität von Edinburgh besichtigen. Das Royal College of Surgeons ist im Besitz einer Brieftasche, die aus seiner Haut angefertigt worden sein soll.

Dr. Jekyll and Sister Hyde

Margaret Hare und Helen McDougal verließen Edinburgh und verschwanden spurlos. Einem Gerücht nach ging William Hare nach England, wo er erkannt und von einer wütenden Menge geblendet wurde wie im Hammer-Film Dr. Jekyll and Sister Hyde (1971). Viel später, am Ende des viktorianischen Zeitalters, meldeten sich Zeugen, die Hare als blinden Bettler beim Britischen Museum in London gesehen haben wollten, als sie Kinder waren. Doch die Geschichte von der Blendung hatte höchstwahrscheinlich mehr mit dem Bedürfnis zu tun, auch Hare zur Rechenschaft zu ziehen als mit einer tatsächlichen Begebenheit. Unter dem Eindruck der Mordserie zog in Edinburgh mehrfach ein Mob durch die Straßen, der die Fensterscheiben von Knox’ Privathaus einwarf und an seiner Stelle eine Puppe verbrannte. Dr. Knox übersiedelte schließlich nach London, schrieb Bücher und arbeitete in einem Krankenhaus. Er starb am 20. Dezember 1862 und wurde am 29. Dezember im Friedhof von Brookwood in Surrey beigesetzt. Darauf, seinen Körper der Forschung und der Wissenschaft zu vermachen, hatte er verzichtet.