Gesetz und Verbrechen

Burkophobie

Der Kriminalfall bescherte der englischen Sprache ein neues Wort: burking (töten wie Burke und Hare, mit Verkaufsabsicht oder ohne). Seit einiger Zeit hatte es Berichte über Vergewaltigungen und Raubüberfälle gegeben, bei denen dem Opfer ein Pflaster mit Pech oder Teer auf das Gesicht gedrückt wurde. Nach dem Prozess kamen Falschmeldungen dazu, dass das die in Edinburgh angewendete Mordmethode sei. Wer sich schützen wollte, schmierte sich Walsperma ins Gesicht, weil dann das Pflaster nicht halten würde. In mehreren Städten brach eine Massenpanik aus, die sich hinterher keiner mehr erklären konnte ("Burkophobie"). In Edinburgh formierte sich auf Veranlassung von Knox und seinen Unterstützern ein Komitee aus prominenten Bürgern der Stadt, das Knox’ Rolle genauer untersuchen sollte. Sir Walter Scott lehnte eine Mitwirkung ab, weil er nicht ganz zu Unrecht vermutete, dass der Anatom nur reingewaschen werden sollte. Das Komitee gelangte zu dem Schluss, dass Knox zu vertrauensselig gewesen, sonst aber nicht zu tadeln sei.

Im Schatten der Burke-und-Hare-Affäre versuchte Warburton, sein Anatomiegesetz in aller Heimlichkeit durch das Parlament zu schleusen. Ein im Lancet abgedruckter Leserbrief spricht von einem "Mitternachtsgesetz", weil es schien, als solle es bei Nacht und Nebel verabschiedet werden. Am 21. März 1829, als in Edinburgh das Knox-Komitee seine Ergebnisse präsentierte, wurde das Gesetz in erster Lesung den Abgeordneten des Unterhauses vorgelegt. Unterstützt wurde Warburton vom Staatsanwalt, der die Anklage gegen Burke und McDougal vertreten hatte. Die Debatten waren heftig. Ein Abgeordneter wandte ein, dass Kranke in Hospitälern nur einmal pro Woche besucht werden durften und Verwandte im Todesfall nicht informiert wurden, die Frist bis zur Freigabe der Leiche für den Anatomieunterricht aber nur zwei Tage betrug. Der Innenminister appellierte an das Verantwortungsbewusstsein der Parlamentarier und deutete an, dass Burke und Hare nur die Spitze des Eisbergs seien. Am 20. Mai passierte das Gesetz das Unterhaus. Aber am 5. Juni 1829 scheiterte es am Widerstand des Oberhauses. Dort hatten jene die Mehrheit, die am alten paternalistischen System festhielten - die also der Überzeugung waren, dass es einen Gesellschaftsvertrag gab, der (wenigstens theoretisch) die Fürsorge für die Armen mit einschloss; eine Fürsorge, die sich an der Bedürftigkeit orientierte und nicht, wie zunehmend gefordert, zwischen würdigen und unwürdigen Hilfeempfängern unterschied. Die Lords betonten das Recht der Armen auf ein anständiges Begräbnis und lehnten es ab, mit ihren Körpern so zu verfahren, als hätten sie sich strafbar gemacht.

Einstweilen ging das Geschäft mit den Leichen unvermindert weiter. Nur das Risiko hatte sich erhöht. Anatomieschulen hießen im Volksmund jetzt "Burkinghäuser". In Aberdeen grub ein Hund auf einem Grundstück hinter einer solchen Schule das Stück eines Körpers aus. Sofort verbreitete sich das Gerücht, dass dort überall zerstückelte Menschen herumlägen. Die empörte Menge drang in den Seziersaal ein und fand drei Leichen, die triumphierend durch die Straßen der Stadt getragen wurden. Schätzungen sprechen von 10.000 bis 20.000 Leuten, die ihrem Ärger Luft machten. Die Schule wurde niedergebrannt. Ein Student sollte gelyncht werden und wurde im letzten Moment gerettet. Der Leiter der Schule überlebte, weil er sich im Friedhof versteckte. Er kannte sich dort gut aus. Allen war klar, dass es so nicht bleiben konnte. Es gab den Vorschlag, das Beschaffungsproblem durch ein System freiwilliger Spenden zu lösen. Die Vertreter des Fortschritts sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Viele Betroffene fanden das übertrieben. Außerdem erschien ihnen der Vorschlag irgendwie gottlos (gleichzeitig wurden die Armen wegen ihres Aberglaubens getadelt, wenn sie nicht seziert werden wollten).

Kurzer Prozess

Vor Burke und Hare waren die Resurrection Men gelegentlich sogar gelobt worden, weil sie sich um den medizinischen Fortschritt verdient machten. Danach galten sie alle als Mörder. Wer mit Leichen handelte, so die Logik, würde früher oder später auch töten. Burke und Hare waren nie Leichendiebe gewesen, aber das fand kaum Beachtung. Und dann geschah etwas, das die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen schien. Am 5. November 1831 wurde die Londoner Polizei zum King’s College gerufen. Vier Mitglieder einer Bande von Body Snatchern hatten den verdächtig aussehenden Körper eines etwa 14-jährigen Jungen gebracht. Der Junge war erschlagen worden. Zwei von den vier Männern, John Bishop und Thomas Williams (alias John Head), waren Wohnungsnachbarn in den Nova Scotia Gardens, einer heruntergekommenen und unübersichtlichen Ansammlung kleiner Häuser (gegenüber dem heute noch existierenden Birdcage Pub). Die Polizei fand dort blutverschmierte Werkzeuge, blutige Kleider und menschliche Überreste, darunter die Kopfhaut einer Frau.

William Hare, William Burke

Der Prozess gegen Bishop und Williams war kurz. Am 2. Dezember 1831 wurden einige Zeugen gehört. Vier Sachverständige erklärten, der Junge sei durch einen Schlag auf den Kopf getötet worden. Die Angeklagten wurden zum Tod durch den Strang mit anschließender Sektion verurteilt. In ihren Zellen in Newgate legten Bishop und Williams umfangreiche Geständnisse ab. Die Aussagen weichen stark voneinander ab. Bishop wollte offenbar seine Frau und seine Schwester schützen, Williams war weniger rücksichtsvoll. Trotzdem blieben Zweifel, was Mrs. Bishop, Mrs. Williams und die Nachbarn mitbekommen hatten. Die Verurteilten gaben an, dass sie die Londoner Anatomieschulen in den letzten Jahren mit 500 bis 1000 - "regulär" ausgegrabenen oder vor der Beisetzung gestohlenen - Leichen versorgt hätten. Und sie gestanden drei Morde. Wahrscheinlich waren es mehr.

Bishop sagte, er sei durch die Medien auf Mordgedanken gekommen, durch die Berichte über Burke und Hare. Es war aber wohl eher so, dass sich eine günstige Gelegenheit ergab, als Williams in die frei gewordene Nachbarwohnung einzog. Im heillos übervölkerten London galten die Nova Scotia Gardens als einsam und finster. Die Familien Bishop und Williams teilten sich einen Garten mit einer großen, in den Boden eingelassenen Wassertonne als Trinkwasserspeicher. Die beiden zu Mördern gewordenen Resurrection Men boten Obdachlosen ihre Gastfreundschaft an, betäubten sie und hängten die Ohnmächtigen mit dem Kopf nach unten in die Wassertonne, eine halbe Stunde lang. Das hinterließ am Körper keine Spuren von Gewalteinwirkung. Bei dem 14-jährigen Jungen wurden sie nachlässig, das war ihr Verhängnis.

Am 5. Dezember 1831 wurden Bishop und Williams gehängt. Die aufgebrachte Menge - es sollen 30.000 Schaulustige gewesen sein - stand dichtgedrängt an den Barrieren, die von der Kirche St. Sepulchre’s auf der einen bis zu Ludgate Hill auf der anderen Seite von Old Bailey aufgebaut waren und den Richtplatz schützen sollten. Bishop starb sofort. Williams wurde langsam stranguliert und zappelte unter allgemeinem Gejohle mehrere Minuten am Seil, ehe auch er tot war. Einige Zuschauer stürmten das Gerüst, es gab zahlreiche Verletzte und drei Tote. Nach einer Stunde wurden die Körper abgeschnitten. Die Leiche von Thomas Williams wurde zu Bart’s Hospital gebracht, gleich neben dem Richtplatz, und dort seziert. Bishop überstellte man an das King’s College, wo der in Rekordzeit abgewickelte Kriminalfall seinen Ausgang genommen hatte.

Mittlerweile machte das Gerücht die Runde, Bishop habe am Abend vor der Hinrichtung ungefähr 60 Morde gestanden; das werde geheim gehalten, um eine Massenpanik zu verhindern. Die Burkophobie hatte ohnehin einen neuen Höhepunkt erreicht. Eine Frau wurde fast gelyncht, weil sie einen Schal trug, der aussah wie der Schal von einer der Frauen aus der Familie Bishop. Ein Schneider, der für Williams einen Mantel umgearbeitet hatte, versuchte in einem Anfall von Schuldgefühlen, sich umzubringen. Die Presse berichtete täglich über mutmaßliche Burking-Attacken. In den verschiedenen Blättern stritten sich die Kommentatoren, ob alles hysterische Übertreibung sei, oder ob es noch andere Mörder gebe, die geschickter zu Werke gingen und deshalb nicht entdeckt würden. Thomas Wakley sprach in The Lancet von Opferzahlen im dreistelligen Bereich.

Warburton sah eine Chance, sein Anatomiegesetz doch noch durchzubringen. Eine Woche nach der Hinrichtung von Bishop und Williams erhielt der Innenminister eine Petition des Royal College of Surgeons. Darin hieß es, der hohe Leichenpreis (in London zwischen 8 und 20 Pfund, abhängig von Angebot und Nachfrage) sei ein Mordanreiz, und das Burking werde weitergehen, falls an der gängigen Praxis nichts geändert werde. Es sei paradox, künftigen Medizinern Kenntnisse über die menschliche Anatomie abzuverlangen und ihnen zugleich die legitimen Mittel vorzuenthalten, diese Kenntnisse zu erwerben. Am 15. Dezember 1831 brachte Warburton seinen zweiten Entwurf für ein Anatomiegesetz ein. Unter dem Eindruck der Burkophobie wurde das Gesetz nun durch das Unterhaus gepeitscht. Gegenüber dem ersten Entwurf hatte sich wenig geändert. Nur die Formulierungen waren anders.

Zwangsspende

Der Wortlaut des Gesetzes war voller Euphemismen. Um die Assoziation mit Strafe und Hinrichtung loszuwerden, wurde das Wort "Sektion" durch "anatomische Untersuchung" ersetzt, was den eigentlichen Vorgang - die Zerstückelung und letztlich die Vernichtung des Körpers - verschleiern sollte. Um die Chirurgen aus dem Umfeld des Henkers zu lösen, wurde die Sektion als Strafe für Mord abgeschafft. Für Bedürftige machte es aber keinen Unterschied, ob sie neben Mördern auf dem Seziertisch endeten oder an deren Stelle. Ziel des Gesetzes war nach wie vor, Arme zur Sektion freizugeben, die im Kranken- oder Arbeitshaus gestorben waren und deren Körper nicht von Angehörigen für eine ordentliche Beerdigung reklamiert wurde. Im zweiten Entwurf fanden die Arbeits- und Krankenhäuser allerdings keine Erwähnung mehr. Der Text war so verklausuliert, dass die soziale Herkunft der Toten aus ihm nur zu erschließen war, ohne direkt genannt zu werden.

Unter vielen Möglichkeiten zur Bezeichnung derer, die seziert werden sollten, entschieden sich die Autoren des Gesetzestextes für den "Spender". Statt die Einverständniserklärung eines solchen "Spenders" oder seiner Angehörigen erforderlich zu machen, durften die Chirurgen sezieren, wenn kein ausdrücklicher Widerspruch vorlag. In öffentlichen Einrichtungen wurde meistens ohne das Beisein von Angehörigen gestorben. Die Betroffenen waren in der Regel Analphabeten, hinterließen weder Testament noch Testamentsvollstrecker, und eine Registrierung von Widersprüchen gegen die Sektion war nicht vorgesehen. Eine Pflicht zur Benachrichtigung der Angehörigen gab es nach wie vor nicht. Wenn kein Widerspruch vorlag, konnten die Chirurgen den Körper 48 Stunden nach Eintreten des Todes abholen.

Einer der wenigen Gegner der Gesetzesvorlage unter den Abgeordneten war Henry Hunt. Er hatte erfahren, dass der berühmte Anatom John Hunter (der Käufer und Sezierer des Irischen Riesen) Vorkehrungen getroffen hatte, um selbst nicht seziert zu werden. Hunt schlug vor, nur denjenigen zum Studium zuzulassen, der seinen Körper zuvor der Anatomie vermacht hatte. Eine Variante davon wird bald wieder auf den Tisch kommen, wenn das kürzlich verabschiedete Organspendegesetz nicht die erhofften Ergebnisse bringt: Transplantationen nur für Organspender. Außerdem wird man dann wieder darüber diskutieren, ob alle zur Organspende herangezogen werden sollten, die nicht ausdrücklich widersprochen haben.

Hunt war auch dafür, gekrönte Häupter zu sezieren, statt öffentliche Gelder für teure Staatsbegräbnisse zu verwenden. Das wurde als völlig unakzeptable, dem Ernst des Themas nicht angemessene Polemik zurückgewiesen. Einige zweifelten die Schätzungen an, wie viele Leichen benötigt wurden und wollten prüfen lassen, ob der Unterricht an Wachsmodellen praktikabel sei. Sie blieben eine kleine Minderheit. Eine ausführliche Parlamentsdebatte mit einem sorgfältigen Abwägen von Pro und Contra fand nicht statt. Das Gesetz wurde in Nachtsitzungen oder in den frühen Morgenstunden behandelt, mit wenigen Anwesenden. Warburton und seine Unterstützer hielten es nicht einmal für nötig, zu den Einwänden der Gegner Stellung zu nehmen. Für die Mehrheit scheint es zum System der Zwangsspende keine denkbare Alternative gegeben zu haben. Die Vorlage passierte beide Häuser des Parlaments. Am 1. August 1832 wurde sie Gesetz.

Für die große Masse der Bevölkerung hatte das Anatomiegesetz nichts mit Wissenschaft und Heilkunst, dafür aber sehr viel mit Bestrafung und sozialer Ungerechtigkeit zu tun. Wer konnte Anspruch auf einen Leichnam erheben? Die Rede war von "nahen Angehörigen", was in der Praxis sehr eng ausgelegt wurde und die soziale Realität vieler Bedürftiger, ihr Netzwerk aus Freunden und Bekannten, ignorierte. Wenn es darum gegangen wäre, alle Toten den Chirurgen zu überlassen, die ohne trauernde Hinterbliebene gestorben waren, hätte man das klar formulieren können. Es blieb aber auch offen, was unter "beanspruchen" (to claim) zu verstehen war. Für Arme war es ein enormer Unterschied, ob damit gemeint war, dass ein Verwandter am Begräbnis teilnahm, oder dass er die Beerdigung finanzieren musste. Tatsächlich handelte es sich - das zeigte sich in der Umsetzung - um eine finanzielle Kategorie, nicht um eine emotionale. Das entscheidende Auswahlkriterium war deshalb die Armut.

Ideologisch ist das Anatomiegesetz eng verknüpft mit den damaligen Bemühungen, die Mitwirkung der Mittelklasse (nicht aber der Unterschicht) am politischen Prozess abzusichern und auszubauen. Die herrschenden Eliten hatten erkannt, dass das Bürgertum keine Gefahr für die bestehende Ordnung darstellte, sie (durch eine Allianz von Geld und Abstammung) sogar stützen würde. Das Anatomiegesetz war, wie Ruth Richardson in Death, Dissection and the Destitute betont, eine Art Probelauf für die neuen Armengesetze von 1834. Die Legislative sammelte Erfahrungen, wie man sich auf Kosten der Unterschicht von alten (und humaneren) Methoden trennen konnte, Armut wahrzunehmen und mit ihr umzugehen, ohne auf nennenswerte Opposition zu stoßen.

1834 wurde das neue Konzept des Armenhauses gesetzlich festgeschrieben. Es sollte so abschreckend sein, dass niemand sich um Aufnahme bemühen würde, der nicht wirklich in Not war. Wer arm war, musste beizeiten sehen, wo er blieb. Im sich rapide verändernden Gesellschaftssystem war jeder für sich selbst verantwortlich. Der Gedanke an den Tod (und das Schicksal danach) prägte das tägliche Leben. Menschen, die ohnehin nicht genug zu essen hatten, sparten sich vom Mund die Beiträge für friendly societies ab: eine Art kommunaler Sterbeversicherung, die für eine ordentliche Beerdigung garantieren sollte. Für derartige Organisationen begann 1832 eine ungeahnte Wachstumsperiode. Die Friendly Societies sind einer der Vorläufer unserer heutigen Versicherungssysteme, die früher mal auf dem Solidarprinzip beruhten, was jetzt Stück für Stück wieder abgeschafft wird.

Wer in die Sterbeversicherung einzahlte, tat es nur zum Teil aus dem Wunsch heraus, auf dem letzten Weg den Anschein von Wohlanständigkeit zu wahren. Es war auch eine Versicherung gegen die Sektion. Arme lebten so in ständiger Furcht, durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder als Saisonarbeiter mit den Beiträgen in Rückstand zu geraten. In dem Fall mussten sie überhöhte Strafgebühren entrichten, oder sie verloren alles. Ruth Richardson berichtet von Friendly Societies, die ihre Gebühreneintreiber absichtlich nicht mehr in bestimmte Viertel schickten, um eben dies eintreten zu lassen. Das Schicksal, nach dem Tod in die Hände der Chirurgen zu fallen und zerstückelt zu werden, hat britische Autoren immer wieder beschäftigt. Mrs. Gaskell etwa schildert in ihrem Roman Mary Barton den Schrecken der Betroffenen, wenn Ben Davenport seine Arbeit verliert und die Beiträge für die Friendly Society nicht rechtzeitig bezahlen kann.

Warteliste

Die Geschichte der Anatomie kann nicht ohne die zahlreichen Ausbrüche kollektiver Frustration erzählt werden. Aus der Ära des Body Snatching und des Anatomiegesetzes sind mehrere Revolten in britischen Armenhäusern überliefert. Im Mai 1829 gab es einen Aufruhr im Arbeitshaus von Shadwell, als ein Insasse eine Zeitung einschmuggelte und die Details des ersten Warburton-Entwurfs vorlas. Als der Mann den Verdacht äußerte, die Suppe enthalte menschliche Überreste, wurde er sofort vor Gericht gebracht und abgeurteilt, um weitere Proteste im Keim zu ersticken. Der Leiter des Arbeitshauses fühlte sich genötigt, einen Topf Suppe (und das Rezept) in den Gerichtssaal zu bringen, um die Anwürfe zu entkräften. Die Ballade "The Poor Workhouse Boy", die in den 1830er und 1840er Jahren mit großem Erfolg vertrieben wurde, beschreibt Burking im Arbeitshaus und widmet sich allen Aspekten eines aufgezwungenen Kannibalismus. Und in Kent hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass in Arbeitshäusern aus Kindern Pasteten gemacht würden.

Solche Pasteten, nehme ich an, gab es nicht wirklich. Aber sie sind das Sinnbild für sehr reale Ängste aus einer Zeit, in der der Körper zur Ware wurde. Bei den ans Licht gekommenen Skandalen und Verbrechen fällt auf, wie gründlich tote Menschen verwertet wurden. Totengräber waren im Talghandel aktiv. Durch den Prozess gegen Bishop und Williams erfuhr eine breitere Öffentlichkeit, dass die großen Londoner Krankenhäuser und Anatomieschulen bei den Friedhöfen Körbe aufstellten, um den Resurrection Men den Transport der geraubten Leichen zu erleichtern. Das, was die Anatomen für Forschung und Lehre nicht brauchten, ließ sich anderswo zu Geld machen. Zwölf Zähne des von Bishop und Williams ermordeten Jungen, mit Zahnfleisch und einem Stück vom Kieferknochen, wurden bei einem Dentisten gefunden. In der Anatomieschule von Dr. Knox holte einer der Studenten eine Schere, damit William Burke der toten Mary Paterson die Haare abschneiden konnte. Sie dürften an einen Perückenmacher gegangen sein.

Natürlich sind das Schauergeschichten aus einer längst vergangenen Epoche, die mit unserer aufgeklärten und modernen Gesellschaft nichts zu tun haben - oder höchstens dann, wenn Gunther von Hagens mit seinem Plastinationsmobil unterwegs ist und den Irischen Riesen ausgraben will, obwohl der längst als Skelett im Schaukasten der königlichen Chirurgen steht. Heute geht es darum, die Früchte des medizinischen Fortschritts einzufahren, zu dem die Anatomieleichen des 19. Jahrhunderts entscheidend beigetragen haben. Die Lebenden können jetzt in einem viel direkteren Sinne als früher von den Toten (oder, je nach Definition, den Sterbenden) profitieren. Organe retten Leben. Nur darum, habe ich durch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender erfahren, geht es beim neuen Organspendegesetz.

Der Deutsche Bundestag hat die Chance verpasst, das im Plenum ausführlich zu behandeln, weil die Abgeordneten, vermute ich, das komplizierte Thema endlich loswerden wollten. Also ist der mündige Bürger gefragt. Selbiger sollte sich vorher überlegen, ob er sich komplett spenden oder auf dem Spenderausweis ein paar Einschränkungen vermerken will. Nicht alles, was er geben kann, wird Leben retten. Bestimmt wird niemand aus Knochen und Körperfett eine Suppe kochen, wie es die Armen im 19. Jahrhundert befürchteten. Aber Knorpel und Sehnen nutzt die moderne Medizin für Labortests, Arzneimittel und Schönheitsoperationen. Die Liste des verwertbaren Materials ist lang. In der ergebnisoffenen Informationsbroschüre, die uns demnächst ins Haus flattert, wird das sicher ausführlich dargelegt sein. Oder sollte man sich auf Herz, Leber, Lunge und Nieren konzentrieren, statt zu sehr ins Detail zu gehen? Ein potentieller Lebensretter, der die bisherige Debatte und die Wortmeldungen der zuständigen Politiker und Transplantationslobbyisten verfolgt hat, könnte sich getäuscht fühlen, ein Wutbürger werden und ganz von einer Spende Abstand nehmen. Das würde den Erfolg des neuen Gesetzes gefährden. Lassen wir die unangenehmen Teilaspekte lieber weg. Öffentlichkeit ist lästig. Und 12.000 todkranke Menschen warten auf ein Organ. (Hans Schmid)