Gesetz und Verbrechen

The Doctor and the Devils

Frische Leichen braucht das Land

Teil 1: Leichendiebe, Serienkiller und Chirurgen

1816 erreichte der Krieg der Leichendiebe seinen Höhepunkt. Zu Beginn des akademischen Jahres erhöhte Crouch den Leichenpreis, von damals 4 auf 6 Guineen (1 Guinee = 1 Pfund 1 Schilling, wobei ein Pfund 20 Schillinge hatte). Der Anatomische Club lehnte das ab. Die Londoner Krankenhäuser erhielten keinen Nachschub mehr. Nach drei Monaten überredeten die Chirurgen zwei der Snatcher, wieder für den alten Preis zu liefern. Crouch sorgte wie üblich dafür, dass die beiden Männer in flagranti erwischt wurden und drang mit einigen Kumpanen in den Sezierraum eines Krankenhauses ein. Die Bande bedrohte die Chirurgen und wurde festgenommen, nachdem sie drei frische Leichen zerschnitten hatte. Die Chirurgen forderten eine strenge Bestrafung. Crouch drohte, alles öffentlich zu machen. Der Anatomische Club nahm nun diskrete Verhandlungen auf, an deren Ende alle Vorwürfe gegen die Leichendiebe fallengelassen wurden und Crouch sich - finanziell abgefunden - aus dem Gewerbe zurückzog.

Krieg im Friedhof

Der Plan des Clubs, sich des Monopolisten Crouch zu entledigen, auf Seiten der Lieferanten mehr Wettbewerb herzustellen und so das Preisniveau abzusenken scheiterte an der eigenen Vetternwirtschaft. Weil Astley Cooper seinem Neffen Bransby zu einer steilen Karriere verhelfen wollte, fühlte sich Edward Grainger, ein vielversprechender junger Chirurg, zurückgesetzt. Er mietete sich im Haus eines Schneiders ein, gleich beim Friedhof St. Saviour’s, und gab dort im Dachgeschoß ab 1819 Privatunterricht in Anatomie. Damit war er so erfolgreich, dass er 1822 eine aufgelassene katholische Kirche kaufen konnte, die er in eine Sezierakademie umwandelte. Um die neue Konkurrenz auszuschalten, ließ Cooper alle Leichen aufkaufen. Grainger bot mehr Geld. Von dem entstehenden Preiskrieg konnten die Leichendiebe nur profitieren.

Die Nachfrage stieg ohnehin ständig. Neue Anatomiesäle wurden gebaut, die alten erweitert. Mittlerweile gehörte es zum Allgemeinwissen, dass laufend Leichen ausgegraben wurden. Es waren vor allem die Armen, die auf dem Seziertisch landeten, denn die Reichen konnten sich tiefe Gräber, von Dienern bewachte Grüfte und Dreifach-Särge (Holz-Blei-Holz) leisten. Aber eigentlich war niemand vor den Snatchern sicher, die durch Geschicklichkeit und Einfallsreichtum im Tod für eine gewisse Demokratisierung sorgten und Klassenunterschiede aufhoben. Viele Wachmänner ließen sich bestechen wie bisher auch, und 1829 deckte Thomas Wakley den Fall eines Anatomen auf, der einen Friedhof unterhielt und doppelt kassierte: von den Hinterbliebenen für ein sicheres Begräbnis und von den Studenten für die Leiche.

Mortsafes auf dem Friedhof von Logierait, Perthshire, Schottland. Bild: Judy Willson. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Man schützte sich, so gut man konnte. Die Zahl der Sargnägel wurde zum Statussymbol. Gemeinden errichteten Wachhäuser (gut erhalten im Londoner Stadtteil Wanstead und in St. John Horselydown, Bermondsey), von denen aus die nächtliche Totenruhe verteidigt werden sollte. In Glasgow formierte sich eine Vereinigung von Friedhofswächtern, die Gewehre an ihre 2000 Mitglieder ausgab. Man sorgte für Beleuchtung und sicherte die Gräber mit Tellerminen, Fallen und Selbstschussanlagen. Es ist kein Fall eines dadurch verletzten Leichendiebs bekannt (deren Frauen erkundeten tagsüber, als Hinterbliebene getarnt, das Terrain), aber für harmlose Passanten wurden die Friedhöfe so zum Sicherheitsrisiko. Einige Gemeinden bauten burgähnliche Totenhäuser, in denen die Leichen gegen Gebühr so lange aufbewahrt wurden, bis die Verwesung sie für die Chirurgen unbrauchbar gemacht hatte (im Friedhof des schottischen Ortes Crail ist noch eines zu sehen, aus dem Jahr 1829). Wer sich das nicht leisten konnte, mischte wenigstens Holzstäbe und Stroh unter die Graberde, um den Schaufeln der Resurrection Men mehr Widerstand entgegenzusetzen.

Vor allem in Schottland verwendete man sogenannte mortsafes: eiserne Käfige, in denen die Särge begraben oder die über den Gräbern festgemörtelt wurden (im Greyfriars-Friedhof in Edinburgh sind mehrere Exemplare zu besichtigen, und eines ist im Kirchhof von Henham in Essex erhalten). Viele Gemeinden - zum Beispiel Colinton, wo der Großvater von Robert Louis Stevenson Priester war - legten sich wiederverwendbare Mortsafes zu: riesige sargförmige Steine oder Eisenteile, die man über frische Gräber wuchtete. Auch solche Vorrichtungen garantierten keine ungestörte Totenruhe. 1915 wurde bei Grabungen im Kirchhof der schottischen Ortschaft Aberlour ein Mortsafe aus Eisen entdeckt, der einen leeren Sarg enthielt.

Mortsafe am Greyfriars Kirkyard, Edinburgh. Bild: Kim Traynor. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

1818 ließ sich Edward Bridgman, ein Talghändler und Bestattungsunternehmer aus London, einen neuen Sarg patentieren. Bridgmans schmiedeeiserner Patentsarg hatte Schnappverschlüsse an der Innenseite des Deckels, der sich deshalb nicht abheben ließ, und er konnte auch von der Seite nicht geöffnet werden. Der Sarg, das Stück zu 3 Pfund 10 Schillingen, war eine Sensation. Aber nachdem etwa hundert verkauft waren, kam es zum Eklat. Besonders in London waren die Friedhöfe, wie schon bemerkt, schrecklich überfüllt. Bridgman sah darin eigentlich einen Vorteil für seinen Eisensarg, denn er war kleiner als herkömmliche Holzmodelle. Aber er rostete zu langsam. Wenn es eng wurde, zerschlugen die Totengräber mit Spaten die alten Särge und schafften so mehr Platz. Mit dem Patentsarg war das nicht zu machen. Die Friedhofsverwaltung verlangte deshalb mehr Geld, oder sie verweigerte die Annahme.

Eisener Sarg in Colinton, nahe Edinburgh. Bild: Kim Traynor. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Im Februar 1819 - die Times berichtete - wollte ein gewisser Mr. Gilbert seine tote Gattin in Bridgmans Patentsarg beerdigen lassen. Mr. Clare, Rektor von St. Andrew’s in Holborn, hatte wenig Platz. Er wollte den Sarg unter die Erde bringen, aber nur als einmalige Ausnahme und gegen eine besonders hohe Gebühr. Das ärgerte Mr. Gilbert. Er verklagte Mr. Clare, der vor einer Entscheidung starb. Der Bischof von London schlug vor, Mrs. Gilbert vorläufig in einer Holzkiste und später, falls Mr. Gilbert den Prozess gewinnen sollte, im Eisensarg zu bestatten. Das war aber schon deshalb schwierig, weil die Tote bereits im Patentsarg lag, der sich nicht öffnen ließ. Zeit verging. Nach fünf Monaten sah Mr. Gilbert sich mit Strafverfolgung bedroht, weil er den Leichnam seiner Frau immer noch nicht beerdigt hatte. Das rief nun den Fabrikanten Bridgman auf den Plan. Am 11. Juni erschien er mit Witwer, Frau und Sarg vor den Friedhofstoren. Der Küster verwehrte ihnen den Zugang. Es kam zu Tumulten. Schließlich wurde Bridgman als Rädelsführer festgenommen. Mr. Gilbert blieb nur ein Trost: seine Gattin war für die Snatcher längst unbrauchbar geworden. (Wer wissen will, wie bissig der mitunter als gefühlsduselig verkannte Charles Dickens sein konnte: Der Beerdigungsunternehmer Mr. Sowerberry in Oliver Twist besitzt einen Bridgman-Patentsarg im Miniaturformat und verwendet ihn als Schnupftabaksdose.)

Ergebnisoffene Untersuchungen

Für die Kunden der Resurrection Men waren solche Ereignisse höchst unangenehm, weil dauernd in der Zeitung stand, dass sie unter der Hand Leichen kauften. Ärger bereiteten den Anatomen und Chirurgen auch Fortschritte in der Medizin, die große Erfolge mit Wiederbelebungsmaßnahmen an scheinbar Ertrunkenen feierte. Berichte darüber waren eine ständige Erinnerung daran, dass niemand genau wusste, wo das Leben aufhörte und wo der Tod begann, wo die Seele zu suchen war und wie lange es dauerte, bis sie den Körper verlassen hatte. Verurteilte, die am Galgen sterben sollten, taten das meistens nicht so wie im Film, schnell und durch Genickbruch, sondern qualvoll, zappelten oft minutenlang in der Luft, während der Strick langsam die Luftröhre eindrückte. Ein bewusstloser Delinquent, der für tot gehalten und vom Galgen abgenommen wurde, hatte eine Chance, das Ganze zu überleben, wenn seine Luftröhre noch funktionstüchtig und das Hirn nicht zu lange ohne Sauerstoff gewesen war. Das kam nicht sehr häufig vor, doch es passierte. Wenn der Gehängte aber auf dem Seziertisch landete, wurde er womöglich bei lebendigem Leib zerteilt.

In einem solchen Fall - wie theoretisch er ist, weiß auch niemand so genau - wurden die Anatomen selbst zum Henker, was ihnen wenig Freunde machte. Ohnehin lebten sie gefährlich. In London verlegte man 1783 die Hinrichtungen von Tyburn direkt ins Newgate-Gefängnis, um gewalttätige Ausschreitungen (auch gegen die Chirurgen) zu unterbinden. In den 1820ern rächten sich in Carlisle die Freunde eines sezierten Mörders an den beteiligten Medizinern: alle wurden schwer verletzt, einer getötet, ein anderer überlebte nur knapp einen Schuss ins Gesicht. Morddrohungen waren an der Tagesordnung. Zur Hebung ihres sozialen Status hatten sich die Chirurgen 1745 von den Barbieren getrennt. Jetzt fanden sie sich in der Gesellschaft von Henkern, Leichendieben und korrupten Totengräbern wieder. Das war aber nur das eine Problem. Ein anderes, die weiter steigenden Preise für frische Leichen, gefährdete zunehmend ihre Geschäftsgrundlage.

Die Kosten wurden direkt an die Studenten weitergegeben. Nach Napoleons Niederlage und dem Pariser Vertrag von 1815 tat sich eine Alternative zum teuren Anatomiestudium in Großbritannien auf. Das Reisen auf dem Kontinent war wieder sicherer. In Deutschland durften den Anatomen die Leichen von Selbstmördern, Prostituierten und Hingerichteten übergeben werden; in Frankreich die Toten, die man in Flüssen oder auf der Straße fand, die in öffentlichen Einrichtungen gestorben waren und für die sich kein Verwandter interessierte. Das machte alles viel billiger. Wer als angehender Mediziner seine anatomischen Kenntnisse in Paris erwarb, sparte Geld und konnte das Studium mit der Kavalierstour durch Europa verbinden, die damals zum Lebenslauf der Gebildeten gehörte.

In dieser schwierigen Gemengelage ereignete sich ein folgenschwerer Vorfall. 1827 gruben drei Männer im Friedhof von Warrington den Leichnam einer jungen Frau aus. Die Täter wurden erwischt. Zusammen mit ihren Auftraggebern, einem Medizinstudenten und einem auch als Chirurg arbeitenden Apotheker, landeten sie vor Gericht. Im März 1828 wurden die drei Leichendiebe freigesprochen. Die beiden Anstifter aber wurden verurteilt, weil sie die Leiche in Empfang genommen hatten. In Liverpool war kurz zuvor ein Anatomielehrer verurteilt worden, weil er einen Leichenraub in Auftrag gegeben hatte. Von nun an konnte der Besitz bestraft werden. Jeder Anatom im Lande war über Nacht zum potentiellen Kriminellen geworden. Das britische Parlament hatte sich bisher vornehm zurückgehalten. Mit der Gefährdung hochrangiger Chirurgen wuchs der Druck, endlich in der Angelegenheit aktiv zu werden.

Noch ehe die Geldbußen gegen die Verurteilten von Warrington verhängt worden waren (20 Pfund für den Apotheker, 5 für den Studenten), hatte sich unter Vorsitz des Abgeordneten Henry Warburton ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zum Anatomieunterricht gebildet. Befragt wurden Chirurgen, Leichendiebe (anonym), Polizisten und Richter. Für London ging der Ausschuss von zehn hauptberuflichen Leichenräubern und etwa zweihundert Teilzeitkräften aus. Die Anatomen verabscheuten die Profis, weil sie die Preise verdorben hatten. Von der Polizei wurde ihnen dagegen ein gutes Zeugnis ausgestellt: im Gegensatz zu Gelegenheitsdieben und dilettierenden Studenten waren sie - wenn nicht gerade in Bandenkriege verstrickt - gut organisiert, verschwiegen, diskret und fleißig.

Als im Juli 1828 die Resultate publik wurden, sah sich die britische Öffentlichkeit erstmals mit dem Ausmaß des Body Snatching konfrontiert. Warburtons Ausschuss legte Wert darauf, dass seine Untersuchungen "ergebnisoffen" durchgeführt worden seien (wie man heute sagen würde) und legte doch einen Bericht vor, der ein PR-Instrument für ein neues Anatomiegesetz war. Die Verbesserung von Forschung und Lehre, so der Ausschuss, sei ein bedeutender Wirtschaftsfaktor; vor allem aber könnten so viele Menschenleben gerettet werden. Ein Studium der Chirurgie und Anatomie dauerte im Schnitt sechzehn Monate. Nach Meinung der befragten Fachleute brauchte jeder Student drei Leichen (zwei für anatomische Studien, eine zum Erlernen von Operationstechniken). Astley Cooper, der Präsident des Royal College of Surgeons, versicherte, die aktuelle Zahl von siebenhundert Studenten in London deutlich steigern zu können, wenn erst einmal die Versorgung gesichert und die Abwanderung zu kontinentalen Anatomieschulen gestoppt sein würde. Warburtons Ausschuss assistierte ihm mit einer Statistik. 1827 starben 3744 Menschen in den Londoner Arbeitshäusern. 3103 wurden auf Kosten der Allgemeinheit begraben, und in geschätzten 1108 Fällen waren weder Verwandte noch Freunde anwesend. Daraus konnte jeder seine Schlüsse ziehen. Der Ausschuss hütete sich, konkrete Vorschläge zu machen.

Armut und Kriminalität

Jeremy Bentham, der Vordenker des Utilitarismus (das Streben nach dem größten Glück für die größte Zahl), hatte allerdings schon 1826 einen Gesetzesentwurf erarbeitet, der von einem "unausgesprochenen Vertrag" zwischen den Patienten eines Krankenhauses bzw. den Insassen eines Armenhauses und der jeweiligen Institution ausging: im Austausch für kostenlose Behandlung und Unterbringung stellten sie im Todesfall ihren Körper zur Sektion zur Verfügung - zumindest jene, deren Leiche nicht von Verwandten beansprucht wurde. Den "Vertrag" gelte es nun rechtlich abzusichern. Bentham führte zu dem Zweck eine geheime Korrespondenz mit dem Innenminister und machte diese auch einem seiner Anhänger zugänglich, dem Abgeordneten John Smith. Als Titel empfahl er euphemistisch "Ein Gesetz für die effizientere Verhinderung der Schändung von Friedhöfen". Anders ausgedrückt: Wenn die Armen seziert werden durften, mussten die anderen keine Angst mehr haben, nach ihrem Tod ausgegraben und an die Anatomen verkauft zu werden.

Im Sommer 1828 legten Warburton und Smith dem Parlament einen Gesetzesentwurf vor, der Benthams Handschrift trägt. Astley Cooper war als Präsident des Royal College of Surgeons allerdings mit der Forderung gescheitert, die Verteilung der Leichen (als Wettbewerbsvorteil gegenüber privaten Schulen) unter die Kontrolle seiner Organisation zu stellen. Und entfallen war Benthams Vorschlag, gleichzeitig die Sektion von Mördern abzuschaffen. Die Armen wurden somit den schlimmsten Verbrechern gleichgestellt. Das lag durchaus im Trend. Für Bentham war klar, dass sich der Markt um die Bedürftigen kümmern würde. Das war billig und mit dem geringsten Aufwand verbunden. Wenn mit den Armen "wissenschaftlich und ökonomisch" umgegangen wurde, würde sich alles regeln. Es war nicht Aufgabe des Staates, per Gesetz zur Sicherung des Existenzminimums beizutragen. Armut war eine Art natürliche Gegebenheit, die in der Gesellschaft überlebt hatte, und ebenso natürlich war die körperliche Strafmaßnahme, der Hunger. Somit war ein Zusammenhang zwischen Bedürftigkeit und Kriminalität etabliert.

Warburtons Anatomiegesetz wurde sehr kontrovers diskutiert. Besonders das Festhalten an der Sektion von Mördern sorgte (wegen der allzu deutlichen Kriminalisierung von Armut) für Empörung. Für eine Verabschiedung durch das Parlament schien es noch zu früh. Aber die Zeit und die Ereignisse waren auf Warburtons Seite, denn am 2. November 1828 wurden in Edinburgh William Burke und William Hare festgenommen. Zur Ehrenrettung der Resurrection Men muss gesagt werden, dass die beiden nie Snatcher waren, sondern Mörder. Als die Mordserie aufgedeckt wurde, spielten solche Unterscheidungen jedoch keine Rolle.

Der Kriminalfall war auch deshalb so schockierend, weil Burke und Hare zwar in Serie mordeten, ansonsten aber - wenigstens nach außen - ganz normale Leute waren, die sich weder durch einen unsteten Lebenswandel noch durch perverse Neigungen von ihren Nachbarn unterschieden. Hare betrieb mit seiner Gattin die Pension in Tanner’s Close, Burke hatte seine Flickschusterei, und beide verdingten sich als Erntearbeiter wie andere nach Schottland gekommene Iren auch. In Berichten der Sensationspresse, Büchern und Filmen wurden sie zu Tagedieben, weil sie so besser auszugrenzen waren. An Dr. Knox gerieten sie rein zufällig. Aller Wahrscheinlichkeit nach hätten die anderen Anatomieschulen von Edinburgh genauso bei ihnen gekauft. Später, als die Chirurgen dabei waren, sich als allseits respektierter Berufsstand zu etablieren, als "Halbgötter in Weiß", wollte man das nicht mehr wahrhaben. Also musste auch Dr. Knox ausgegrenzt werden.

Nach allem, was man weiß, war Robert Knox ein liebender Ehemann und Vater. Er war mit einer Frau aus einer Kaufmannsfamilie verheiratet, die aus derselben Schicht kam wie er und deren Eltern ihn beim Ausbau seiner Anatomieschule finanziell unterstützt haben dürften. 1870 veröffentlichte Robert Lonsdale ein Buch über Knox, in dem der Autor schreibt, die Frau des Anatomen sei "von niederem Stand" gewesen, die Gattinnen der Kollegen hätten sie geschnitten und das habe seinem sozialen Aufstieg "Fesseln angelegt". Das wurde nun ein fester Bestandteil der Burke-und-Hare-Geschichte: Knox hat die falsche Frau geheiratet und gehört nicht wirklich mit dazu (und hat als Außenseiter Leichen für seine Schule gekauft, was die anderen Anatomen nie getan hätten).

The Body Snatcher

Das am häufigsten aufgeführte Bühnenstück zum Kriminalfall ist James Bridies The Anatomist (1931, 1961 sehr statisch verfilmt). Da erfährt man, dass Frau Knox nicht präsentabel ist, weshalb Herr Knox immer mit Damen der guten Gesellschaft parlieren und seine Brillanz als Anatom demonstrieren muss, um den sozialen Makel wettzumachen. Der beste Film ist The Body Snatcher (1945) von Robert Wise, entstanden in der RKO-Produktionsgruppe von Val Lewton und basierend auf der Erzählung von Robert Louis Stevenson. Die Handlung ist in die nächste Generation verlegt. Dr. MacFarlane hat bei Dr. Knox gelernt, betreibt inzwischen selbst eine Anatomieschule und wird vom Fuhrmann Gray - Boris Karloff als das Symbol einer unbewältigten Vergangenheit - mit Leichen beliefert. MacFarlane ist eine nicht standesgemäße Ehe eingegangen, seine Frau muss darum - als Symbol des vom Anatomen geführten Doppellebens - so tun, als wäre sie seine Haushälterin. The Doctor and the Devils bemüht sich um eine Modernisierung. Die Damen von Edinburgh machen einen Bogen um die Frau von Dr. Rock, weil sie eine Künstlerin ist und anatomische Zeichnungen für ihren Gatten anfertigt (nicht ladylike). Rock jedoch bleibt der einzige Anatom von Edinburgh, der unter der Hand Leichen kauft und riskiert, dass ihm die medizinische Fakultät die Lizenz entzieht. Im echten Edinburgh des Jahres 1828 war das ganz anders. Wer über eine gute Quelle für Leichen verfügte, hatte den Kollegen gegenüber einen Wettbewerbsvorteil (und um das Wohl der Patienten ging es selbstredend auch, aber vielleicht nicht nur).

Verkauft an Dr. Knox

Nachdem sie ihre erste Leiche an Dr. Knox verkauft hatten, den eines natürlichen Todes gestorbenen Donald, ermordeten Burke und Hare innerhalb eines knappen Jahres mindestens 17 Menschen, meistens in der Pension der Hares. Die Opfer waren alle eine leichte Beute: nicht besonders groß und nicht besonders stark, Frauen und ältere Menschen, ein geistig zurückgebliebener Junge war auch dabei. Einziges erkennbares Motiv: Geld. Für die meisten der Leichen zahlte Dr. Knox 10 Pfund. Das muss man in Bezug zu den sonstigen Verdienstmöglichkeiten setzen. Die Iren in Schottland waren eine ausgebeutete Gruppe und erledigten zu Hungerlöhnen Tätigkeiten, die Einheimische nicht machen wollten. Versuche, sich zu organisieren und so die eigene Verhandlungsposition zu stärken, wurden von der Polizei unterbunden. Ein irischer Erntehelfer erhielt oft nur 8 Pence am Tag und in der Hochsaison, als erfahrene Kraft, maximal 3 Schillinge. Nach der ganzen Schufterei, am Ende der Erntezeit, blieben 3 Pfund übrig. Leute, die Wasserwege oder Straßen bauten, erhielten etwa 2 Schillinge am Tag. Lisa Rosner stellt diesen Vergleich an: Für das Geld, das mit einem Mord zu verdienen war, musste ein irischer Kanalbauer hundert Tage lang Stücke aus dem Fels hacken.

Von den 10 Pfund gingen 6 an Hare, weil er den Tatort zur Verfügung stellte und 4 an Burke, wovon er 1 Pfund an Hares Frau Margaret abgeben musste, die beim Morden half oder zumindest nichts dagegen hatte. Burke war der weniger Geschäftstüchtige und der weniger Geschickte von den beiden. Helen McDougal, seine Lebensgefährtin, ging leer aus und Burke bestand später darauf, dass sie nichts gewusst habe. Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Es war allgemein bekannt, dass es einen schwarzen Markt für Leichen gab. Wenn jemand Verdacht schöpfte erklärten Burke und Hare, dass sie Verstorbene von deren Angehörigen erwarben und an die Anatomen verkauften. Dieselbe Geschichte erzählten sie, falls sie gefragt wurden, in der Anatomieschule. Und Dr. Knox? Wusste er, dass ihm seine Lieferanten ermordete Menschen brachten?

Das ist schwer zu sagen. 1828 war man Lichtjahre von CSI entfernt. Die Möglichkeiten zur Feststellung der Todesursache waren sehr begrenzt. In The Doctor and the Devils sagt Dr. Rock zu einem seiner Assistenten, der Verdacht geschöpft hat, dass eine Morduntersuchung Sache der Polizei sei und einen Anatomen nicht zu kümmern habe. Vielleicht sah es Dr. Knox genauso, weil das praktisch war. Oder er hatte die Art von beruflichem Tunnelblick entwickelt, der Ausgangspunkt vieler Gruselgeschichten aus dem Transplantationswesen ist. Da sieht der Doktor nicht mehr den todkranken Patienten, den man heilen oder dem man ein würdevolles Sterben ermöglichen muss, sondern das menschliche Ersatzteillager und die Kosten-Nutzen-Rechnung (ein Tod hilft viele Leben retten, durch Transplantation und Fortentwicklung der Medizin). Der Erfolg von Thrillern wie Fleisch (das Original von Reiner Erler ist besser als das Remake), Coma oder Anatomie ist ein Beleg für die Existenz dieser Ängste. Die Transplantationsbefürworter und -bürokraten täten gut daran, sie offen anzusprechen, statt sie in den Bereich der Schauermärchen abzuschieben und das Thema für "intellektuell absurd" (siehe Teil 1) und damit für beendet zu erklären. So leicht wird das nicht funktionieren, weil die Medizin ein paar dunkle Kapitel ihrer Geschichte im Gepäck hat, die sich tief in das kollektive Bewusstsein eingegraben haben.

The Doctor and the Devils

Man konnte das sehen, als Gunther von Hagens, der Erfinder der Plastination, Anfang des Jahrtausends seine "Körperwelten"-Ausstellung nach Großbritannien brachte und mit sicherem Gespür für die Provokation Orte bespielen wollte, wo sich Anatomie und lokale Geschichte auf beunruhigende Weise verbunden hätten. Das löste noch wütendere Proteste aus als bei uns. In Edinburgh, der Stadt von Burke und Hare und Dr. Knox, wurde 2003 verhindert, dass von Hagens seine Plastinate als Teil des alljährlichen Festivals zeigen durfte, obwohl da sonst Platz für Sachen ist, die noch viel kontroverser sind. In Deutschland wurden Varianten des Nicht-Standesgemäßen bemüht, mit denen man einst Dr. Knox ausgegrenzt hatte. Zur Berichterstattung gehörte der Hinweis, dass von Hagens eigentlich Liebchen heiße und den Namen seiner Frau angenommen habe, als sei das etwas Ungehöriges (falscher Adeliger). Obwohl sich der Vorwurf des Titelmissbrauchs als haltlos erwies, wird er in Zeitungen und im Fernsehen bis heute als Hochstapler mit falschem Professorentitel präsentiert.

Auf dem Höhepunkt der Hysterie steuerte ein gebührenfinanzierter Sender eine Reportage bei, in der ein Informant von Plänen des Plastinators erzählte, den "Irischen Riesen" auszugraben, um ihn in sein Museum zu stellen oder finsteren Versuchen zuzuführen. Den Details nach kann das nur Charles Byrne gewesen sein. Etwa zwei Meter dreißig groß, wurde Byrne auf Jahrmärkten als "Irischer Riese" zur Schau gestellt. Ich glaube nicht, dass ihn von Hagens wirklich ausgraben wollte. Byrne starb im Juni 1783 in London. Übles ahnend, soll er testamentarisch eine Seebestattung verfügt haben, um nicht seziert zu werden. Umsonst. Sofort gab es einen Wettlauf der Forscher und der Sammler. John Hunter, ein Pionier der Anatomie, bestach den Bestatter und machte das Rennen (Kostenpunkt: 500 Pfund). Byrnes Skelett steht jetzt in einem Glaskasten, gleich beim Eingang zu Hunters Kollektion im Royal College of Surgeons, Lincoln’s Inn Fields. Die Reportage über von Hagens war miserabel recherchiert und doch informativ, weil sie wieder einmal deutlich machte, was für ein langes Leben die alten Geschichten haben.

Nackte Venus

Burke und Hare suchten nicht besonders große und nicht besonders kräftige Menschen als Opfer aus und solche, die schon betrunken waren oder sich leicht betrunken machen ließen. Das half beim Töten. Das erste Mordopfer erstickten sie, vermutlich im Januar 1828, mit einem Kissen. Danach verfielen sie auf die Methode, die Boris Karloff in The Body Snatcher anwendet, wenn er Bela Lugosi tötet. Hare drückte dem Opfer mit der Hand Nase und Mund zu. Burke legte sich quer über die Brust. Durch die Last auf dem Brustkasten wurden das Zwerchfell und die Lunge an der Ausdehnung gehindert. Hare sorgte dafür, dass durch Nase und Mund keine Luft in die Lunge kam. Das führte zum Ersticken und war mit den damaligen Mitteln der Gerichtsmedizin nicht nachweisbar. Trotzdem gab es noch genug Verdachtsmomente, die Knox hätte erkennen können und vielleicht auch müssen. Ob er sich für die Haltung entschied, dass der Zweck (der medizinische Fortschritt) die Mittel heiligt oder ob er, bewusst oder unbewusst, wegschaute, um den Nachschub an frischen, nicht schon von Würmern durchsetzten Leichen nicht zu gefährden, wird sein Geheimnis bleiben.

The Body Snatcher

Die 10 Pfund pro Leiche reichten nicht aus, um die Situation der Mörder substantiell zu verbessern (durch den Kauf von Land oder einem Laden), waren aber mehr als genug, um den Lebensstandard anzuheben und sich kleine Annehmlichkeiten, bessere Kleider und dergleichen zu leisten. Auf dieses Zubrot wollten Burke, Hare und die beiden Frauen wohl nicht mehr verzichten. Eine wichtige Rolle spielte der Alkohol. Die Mörder tranken mit ihren Opfern, um sie leichter umbringen zu können, und Burke brauchte immer mehr davon, um sein Gewissen zu beruhigen (Hare scheint ein eher geschäftsmäßiges Verhältnis zum Töten gehabt zu haben). Zuerst mordeten sie, wenn sich zufällig eine Gelegenheit ergab. Dann fingen sie an, gezielt nach Opfern Ausschau zu halten.

Das bekannteste der Opfer hieß Mary Paterson (oder Mitchell), war etwa 18 Jahre alt, wurde im April 1828 erstickt und sorgte in der Anatomieschule für einen ersten Verdacht. Burke und Hare brachten den Körper eines jungen, wenige Stunden zuvor gestorbenen Mädchens, der keine Anzeichen einer Krankheit aufwies. Mindestens einer der Studenten glaubte, die Tote kürzlich noch sehr lebendig auf der Straße gesehen zu haben. Burke und Hare sagten, sie hätten die Leiche einer alten Frau abgekauft. Dafür gab es 8 Pfund von Dr. Knox und man fragt sich, ob Knox wirklich keine Ahnung hatte, von wem er seine Anatomieleichen bezog oder ob er die verdächtigen Umstände vielleicht sogar nützte, um den üblichen Preis zu drücken. Seine Verteidiger führen sein weiteres Verhalten als Beweis dafür an, dass er in gutem Glauben handelte und nicht daran zweifelte, dass Burke und Hare die Leichen von Angehörigen und Bestattern erwarben.

Knox war begeistert von dem schönen, gut proportionierten Körper, den er da gekauft hatte. Statt ihn schnellstmöglich per Sektion verschwinden zu lassen, machte er ihn zum Schauobjekt und konservierte ihn drei Monate lang in Whiskey. Ein von Knox beauftragter Maler und mehrere Studenten sollen ihn abgezeichnet haben. In The Doctor and the Devils taucht Mary Paterson in Form eines nackten, von Dr. Rocks Frau gezeichneten Busens wieder auf. Sie ist das Erotik-Element, das der Kriminalfall dringend brauchte, um zu einer süffigen, publikumswirksamen Geschichte mit Moral zu werden. Man weiß fast nichts über Mary Paterson - also auch nicht, ob sie eine gewerbsmäßige Hure war, ob sie sich gelegentlich prostituierte oder ob sie ein tugendhaftes Leben führte, wenn sie nicht beim Whiskeytrinken in der Kneipe saß. Doch an ihr entzündete sich die Phantasie der Chronisten.

The Doctor and the Devils

In den Druckerzeugnissen zu Burke und Hare wurde Mary Paterson sehr schnell zur wunderschönen Prostituierten, die sich zwischen zwei Freiern mit einem Whiskey stärkt, dabei William Burke begegnet und ihren liederlichen Lebenswandel mit dem Tod bezahlt. Das führte zu (unbestätigten) Gerüchten, dass noch viele andere Prostituierte verschwunden und auf dem Seziertisch von Dr. Knox gelandet seien. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die nun schon sehr oft erzählte Geschichte eine Auffrischung vertragen konnte, kam der Medizinstudent und/oder Assistent von Dr. Knox dazu, der ein Verhältnis mit der schönen Hure hat und deren Leiche im Anatomiesaal wiederfindet. William Roughead gab 1920 seinem Buch über Burke und Hare das Bildnis einer jungen Frau als nackte Venus bei und identifizierte sie - sehr verklausuliert, weil er wohl selbst nicht daran glaubte - als Mary Paterson, damals im Auftrag von Dr. Knox gezeichnet. Im 19. Jahrhundert waren solche Bilder das, was heute die Porno-Websites sind. Zur Legende gehören die Studenten, die ebenfalls Zeichnungen der toten Mary anfertigten. Das war günstig für Roughead nachfolgende Autoren, die auch eine Illustration haben wollten. Mittlerweile ließe sich eine kleine Galerie mit nackten "Mary Patersons" zusammenstellen.

The Body Snatcher

Val Lewton und Robert Wise mussten 1945 den Vorschriften des Production Code genügen. Deshalb wurde Mary Paterson in The Body Snatcher auf zwei Rollen verteilt. Der Student liebt eine schöne Witwe, deren Tochter von Dr. MacFarlane operiert wird. Boris Karloff ermordet eine Blinde, die ihren Lebensunterhalt als Straßensängerin verdient - und das auch nachts in dunklen, menschenleeren Ecken. Da wusste jeder, was gemeint war. The Flesh and the Fiends, 1959 in England gedreht, kann sich mehr Direktheit leisten. Billie Whitelaw als Hure wird nicht nur vom Assistenten begehrt, sondern auch von Donald Pleasance als Hare, der sie vergewaltigen will, dabei tötet und zusammen mit Burke an Dr. Knox verkauft, in dessen Anatomieschule sie der Medizinstudent entdeckt.

The Flesh and the Fiends

Eine so traurige Liebesgeschichte wollte The Doctor and the Devils dem Publikum nicht zumuten. Fallon und Broom (alias Burke und Hare) töten nicht die Hure Jennie (gespielt vom ehemaligen Supermodel Twiggy), sondern deren Kollegin. Julian Sands als der die Hure liebende Dr. Murray kann Jennies Ermordung im letzten Moment verhindern, was zur Ergreifung von Fallon und Broom führt. Die Mordserie mit der Rettung der schönen Dirne zu beenden war reizvoller als das, was die Wirklichkeit zu bieten hatte.

The Doctor and the Devils

Sektion

Die genial anmutende Methode des Erstickens war mehr dem Zufall geschuldet als - wie manchmal vermutet - der speziellen Unterweisung durch Dr. Knox. Die Mörder waren weder klug noch sonderlich geschickt und es war auch Glück dabei, dass sie so lange nicht erwischt wurden. Am 1. November 1828 fand Ann Gray, eine Verwandte von Helen McDougal, die nackte, im Stroh versteckte Leiche einer kleinen, zwischen 40 und 50 Jahre alten Frau. Das war Margaret Docherty, deren Abtransport sich wegen schlechter Planung verzögert hatte. Ann Gray holte die Polizei. Der Leichnam war inzwischen verschwunden. Am nächsten Morgen wurde er in der Anatomieschule von Dr. Knox entdeckt. Die Polizei nahm die beiden Hares, Burke und McDougal in Gewahrsam.

Drei Experten fanden keinen eindeutigen Beweis dafür, dass Mrs. Docherty ermordet worden war. Die anderen an Knox verkauften Leichen waren seziert und entsorgt. Den ganzen November über gelang es nicht, die Verhafteten zu einem Geständnis zu bewegen. Mordprozesse wurden vor einem Geschworenengericht verhandelt. Die schottischen Geschworenen standen in dem Ruf, die Beweise sehr genau zu prüfen und im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden. Die Probleme des von den regierenden Tories eingesetzten Staatsanwalts wurden durch die politische Konstellation noch größer. In publikumswirksamen Fällen wie diesem stellten die Whigs, die größte Oppositionspartei, den Angeklagten die wortmächtigsten Verteidiger aus ihrem Lager zur Seite, um dem politischen Gegner eine Niederlage zuzufügen.

Seit am 3. November die ersten Presseberichte erschienen waren, häuften sich die Vermisstenmeldungen. Die Staatsanwaltschaft stand unter Druck, den Fall zur Beruhigung der Öffentlichkeit möglichst schnell aufzuklären und das Verfahren abzuschließen. Dafür musste ein Kronzeuge her. Margaret Hare konnte nicht gegen ihren Mann aussagen. Helen McDougal war nicht mit Burke verheiratet, schwieg aber beharrlich. Blieben noch die beiden Haupttäter. Die Staatsanwaltschaft hatte stärkere Beweise gegen Burke als gegen Hare und bot deshalb zunächst Hare einen Handel an. Am 1. Dezember 1828 legte er ein Geständnis ab. Burke und McDougal wurde der Prozess gemacht. Hauptbelastungszeugen waren die straffrei ausgehenden William und Margaret Hare.

Weil Hare alles zugegeben hatte (oder jedenfalls genug, um Burke an den Galgen zu bringen), musste Dr. Knox nicht aussagen. Die Behörden achteten überhaupt darauf, das medizinische Establishment so gut wie möglich zu schonen. Helen McDougal wurde wegen Mangels an Beweisen freigesprochen, William Burke zu Hängen mit anschließender Sektion verurteilt. Vor seiner Hinrichtung am 28. Januar 1829 legte auch er ein Geständnis ab - und gerüchteweise noch ein zweites, in dem er mehr als die bereits von Hare gestandenen 17 Morde zugegeben haben soll. Ob es doch mehr Tote gab, und ob Burke und Hare außer Dr. Knox auch andere Anatomen beliefert hatten, wie manche zu wissen glaubten, blieb offen. Am Morgen nach der Hinrichtung wurde Burkes Leichnam zur Universität von Edinburgh gebracht und Professor Alexander Monro tertius zur Sektion übergeben. Am 1. Februar, als er seine Arbeit beendet hatte, tauchte Professor Monro einen Federkiel in Burkes Blut, um die ordnungsgemäße Durchführung des ihm vom Gericht erteilten Auftrags zu protokollieren. Zur Erinnerung behielt er ein paar blutverkrustete Haare von Burkes Bein und vielleicht noch etwas mehr. Burkes Skelett kann man heute im Museum der Universität von Edinburgh besichtigen. Das Royal College of Surgeons ist im Besitz einer Brieftasche, die aus seiner Haut angefertigt worden sein soll.

Dr. Jekyll and Sister Hyde

Margaret Hare und Helen McDougal verließen Edinburgh und verschwanden spurlos. Einem Gerücht nach ging William Hare nach England, wo er erkannt und von einer wütenden Menge geblendet wurde wie im Hammer-Film Dr. Jekyll and Sister Hyde (1971). Viel später, am Ende des viktorianischen Zeitalters, meldeten sich Zeugen, die Hare als blinden Bettler beim Britischen Museum in London gesehen haben wollten, als sie Kinder waren. Doch die Geschichte von der Blendung hatte höchstwahrscheinlich mehr mit dem Bedürfnis zu tun, auch Hare zur Rechenschaft zu ziehen als mit einer tatsächlichen Begebenheit. Unter dem Eindruck der Mordserie zog in Edinburgh mehrfach ein Mob durch die Straßen, der die Fensterscheiben von Knox’ Privathaus einwarf und an seiner Stelle eine Puppe verbrannte. Dr. Knox übersiedelte schließlich nach London, schrieb Bücher und arbeitete in einem Krankenhaus. Er starb am 20. Dezember 1862 und wurde am 29. Dezember im Friedhof von Brookwood in Surrey beigesetzt. Darauf, seinen Körper der Forschung und der Wissenschaft zu vermachen, hatte er verzichtet.

Burkophobie

Der Kriminalfall bescherte der englischen Sprache ein neues Wort: burking (töten wie Burke und Hare, mit Verkaufsabsicht oder ohne). Seit einiger Zeit hatte es Berichte über Vergewaltigungen und Raubüberfälle gegeben, bei denen dem Opfer ein Pflaster mit Pech oder Teer auf das Gesicht gedrückt wurde. Nach dem Prozess kamen Falschmeldungen dazu, dass das die in Edinburgh angewendete Mordmethode sei. Wer sich schützen wollte, schmierte sich Walsperma ins Gesicht, weil dann das Pflaster nicht halten würde. In mehreren Städten brach eine Massenpanik aus, die sich hinterher keiner mehr erklären konnte ("Burkophobie"). In Edinburgh formierte sich auf Veranlassung von Knox und seinen Unterstützern ein Komitee aus prominenten Bürgern der Stadt, das Knox’ Rolle genauer untersuchen sollte. Sir Walter Scott lehnte eine Mitwirkung ab, weil er nicht ganz zu Unrecht vermutete, dass der Anatom nur reingewaschen werden sollte. Das Komitee gelangte zu dem Schluss, dass Knox zu vertrauensselig gewesen, sonst aber nicht zu tadeln sei.

Im Schatten der Burke-und-Hare-Affäre versuchte Warburton, sein Anatomiegesetz in aller Heimlichkeit durch das Parlament zu schleusen. Ein im Lancet abgedruckter Leserbrief spricht von einem "Mitternachtsgesetz", weil es schien, als solle es bei Nacht und Nebel verabschiedet werden. Am 21. März 1829, als in Edinburgh das Knox-Komitee seine Ergebnisse präsentierte, wurde das Gesetz in erster Lesung den Abgeordneten des Unterhauses vorgelegt. Unterstützt wurde Warburton vom Staatsanwalt, der die Anklage gegen Burke und McDougal vertreten hatte. Die Debatten waren heftig. Ein Abgeordneter wandte ein, dass Kranke in Hospitälern nur einmal pro Woche besucht werden durften und Verwandte im Todesfall nicht informiert wurden, die Frist bis zur Freigabe der Leiche für den Anatomieunterricht aber nur zwei Tage betrug. Der Innenminister appellierte an das Verantwortungsbewusstsein der Parlamentarier und deutete an, dass Burke und Hare nur die Spitze des Eisbergs seien. Am 20. Mai passierte das Gesetz das Unterhaus. Aber am 5. Juni 1829 scheiterte es am Widerstand des Oberhauses. Dort hatten jene die Mehrheit, die am alten paternalistischen System festhielten - die also der Überzeugung waren, dass es einen Gesellschaftsvertrag gab, der (wenigstens theoretisch) die Fürsorge für die Armen mit einschloss; eine Fürsorge, die sich an der Bedürftigkeit orientierte und nicht, wie zunehmend gefordert, zwischen würdigen und unwürdigen Hilfeempfängern unterschied. Die Lords betonten das Recht der Armen auf ein anständiges Begräbnis und lehnten es ab, mit ihren Körpern so zu verfahren, als hätten sie sich strafbar gemacht.

Einstweilen ging das Geschäft mit den Leichen unvermindert weiter. Nur das Risiko hatte sich erhöht. Anatomieschulen hießen im Volksmund jetzt "Burkinghäuser". In Aberdeen grub ein Hund auf einem Grundstück hinter einer solchen Schule das Stück eines Körpers aus. Sofort verbreitete sich das Gerücht, dass dort überall zerstückelte Menschen herumlägen. Die empörte Menge drang in den Seziersaal ein und fand drei Leichen, die triumphierend durch die Straßen der Stadt getragen wurden. Schätzungen sprechen von 10.000 bis 20.000 Leuten, die ihrem Ärger Luft machten. Die Schule wurde niedergebrannt. Ein Student sollte gelyncht werden und wurde im letzten Moment gerettet. Der Leiter der Schule überlebte, weil er sich im Friedhof versteckte. Er kannte sich dort gut aus. Allen war klar, dass es so nicht bleiben konnte. Es gab den Vorschlag, das Beschaffungsproblem durch ein System freiwilliger Spenden zu lösen. Die Vertreter des Fortschritts sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Viele Betroffene fanden das übertrieben. Außerdem erschien ihnen der Vorschlag irgendwie gottlos (gleichzeitig wurden die Armen wegen ihres Aberglaubens getadelt, wenn sie nicht seziert werden wollten).

Kurzer Prozess

Vor Burke und Hare waren die Resurrection Men gelegentlich sogar gelobt worden, weil sie sich um den medizinischen Fortschritt verdient machten. Danach galten sie alle als Mörder. Wer mit Leichen handelte, so die Logik, würde früher oder später auch töten. Burke und Hare waren nie Leichendiebe gewesen, aber das fand kaum Beachtung. Und dann geschah etwas, das die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen schien. Am 5. November 1831 wurde die Londoner Polizei zum King’s College gerufen. Vier Mitglieder einer Bande von Body Snatchern hatten den verdächtig aussehenden Körper eines etwa 14-jährigen Jungen gebracht. Der Junge war erschlagen worden. Zwei von den vier Männern, John Bishop und Thomas Williams (alias John Head), waren Wohnungsnachbarn in den Nova Scotia Gardens, einer heruntergekommenen und unübersichtlichen Ansammlung kleiner Häuser (gegenüber dem heute noch existierenden Birdcage Pub). Die Polizei fand dort blutverschmierte Werkzeuge, blutige Kleider und menschliche Überreste, darunter die Kopfhaut einer Frau.

William Hare, William Burke

Der Prozess gegen Bishop und Williams war kurz. Am 2. Dezember 1831 wurden einige Zeugen gehört. Vier Sachverständige erklärten, der Junge sei durch einen Schlag auf den Kopf getötet worden. Die Angeklagten wurden zum Tod durch den Strang mit anschließender Sektion verurteilt. In ihren Zellen in Newgate legten Bishop und Williams umfangreiche Geständnisse ab. Die Aussagen weichen stark voneinander ab. Bishop wollte offenbar seine Frau und seine Schwester schützen, Williams war weniger rücksichtsvoll. Trotzdem blieben Zweifel, was Mrs. Bishop, Mrs. Williams und die Nachbarn mitbekommen hatten. Die Verurteilten gaben an, dass sie die Londoner Anatomieschulen in den letzten Jahren mit 500 bis 1000 - "regulär" ausgegrabenen oder vor der Beisetzung gestohlenen - Leichen versorgt hätten. Und sie gestanden drei Morde. Wahrscheinlich waren es mehr.

Bishop sagte, er sei durch die Medien auf Mordgedanken gekommen, durch die Berichte über Burke und Hare. Es war aber wohl eher so, dass sich eine günstige Gelegenheit ergab, als Williams in die frei gewordene Nachbarwohnung einzog. Im heillos übervölkerten London galten die Nova Scotia Gardens als einsam und finster. Die Familien Bishop und Williams teilten sich einen Garten mit einer großen, in den Boden eingelassenen Wassertonne als Trinkwasserspeicher. Die beiden zu Mördern gewordenen Resurrection Men boten Obdachlosen ihre Gastfreundschaft an, betäubten sie und hängten die Ohnmächtigen mit dem Kopf nach unten in die Wassertonne, eine halbe Stunde lang. Das hinterließ am Körper keine Spuren von Gewalteinwirkung. Bei dem 14-jährigen Jungen wurden sie nachlässig, das war ihr Verhängnis.

Am 5. Dezember 1831 wurden Bishop und Williams gehängt. Die aufgebrachte Menge - es sollen 30.000 Schaulustige gewesen sein - stand dichtgedrängt an den Barrieren, die von der Kirche St. Sepulchre’s auf der einen bis zu Ludgate Hill auf der anderen Seite von Old Bailey aufgebaut waren und den Richtplatz schützen sollten. Bishop starb sofort. Williams wurde langsam stranguliert und zappelte unter allgemeinem Gejohle mehrere Minuten am Seil, ehe auch er tot war. Einige Zuschauer stürmten das Gerüst, es gab zahlreiche Verletzte und drei Tote. Nach einer Stunde wurden die Körper abgeschnitten. Die Leiche von Thomas Williams wurde zu Bart’s Hospital gebracht, gleich neben dem Richtplatz, und dort seziert. Bishop überstellte man an das King’s College, wo der in Rekordzeit abgewickelte Kriminalfall seinen Ausgang genommen hatte.

Mittlerweile machte das Gerücht die Runde, Bishop habe am Abend vor der Hinrichtung ungefähr 60 Morde gestanden; das werde geheim gehalten, um eine Massenpanik zu verhindern. Die Burkophobie hatte ohnehin einen neuen Höhepunkt erreicht. Eine Frau wurde fast gelyncht, weil sie einen Schal trug, der aussah wie der Schal von einer der Frauen aus der Familie Bishop. Ein Schneider, der für Williams einen Mantel umgearbeitet hatte, versuchte in einem Anfall von Schuldgefühlen, sich umzubringen. Die Presse berichtete täglich über mutmaßliche Burking-Attacken. In den verschiedenen Blättern stritten sich die Kommentatoren, ob alles hysterische Übertreibung sei, oder ob es noch andere Mörder gebe, die geschickter zu Werke gingen und deshalb nicht entdeckt würden. Thomas Wakley sprach in The Lancet von Opferzahlen im dreistelligen Bereich.

Warburton sah eine Chance, sein Anatomiegesetz doch noch durchzubringen. Eine Woche nach der Hinrichtung von Bishop und Williams erhielt der Innenminister eine Petition des Royal College of Surgeons. Darin hieß es, der hohe Leichenpreis (in London zwischen 8 und 20 Pfund, abhängig von Angebot und Nachfrage) sei ein Mordanreiz, und das Burking werde weitergehen, falls an der gängigen Praxis nichts geändert werde. Es sei paradox, künftigen Medizinern Kenntnisse über die menschliche Anatomie abzuverlangen und ihnen zugleich die legitimen Mittel vorzuenthalten, diese Kenntnisse zu erwerben. Am 15. Dezember 1831 brachte Warburton seinen zweiten Entwurf für ein Anatomiegesetz ein. Unter dem Eindruck der Burkophobie wurde das Gesetz nun durch das Unterhaus gepeitscht. Gegenüber dem ersten Entwurf hatte sich wenig geändert. Nur die Formulierungen waren anders.

Zwangsspende

Der Wortlaut des Gesetzes war voller Euphemismen. Um die Assoziation mit Strafe und Hinrichtung loszuwerden, wurde das Wort "Sektion" durch "anatomische Untersuchung" ersetzt, was den eigentlichen Vorgang - die Zerstückelung und letztlich die Vernichtung des Körpers - verschleiern sollte. Um die Chirurgen aus dem Umfeld des Henkers zu lösen, wurde die Sektion als Strafe für Mord abgeschafft. Für Bedürftige machte es aber keinen Unterschied, ob sie neben Mördern auf dem Seziertisch endeten oder an deren Stelle. Ziel des Gesetzes war nach wie vor, Arme zur Sektion freizugeben, die im Kranken- oder Arbeitshaus gestorben waren und deren Körper nicht von Angehörigen für eine ordentliche Beerdigung reklamiert wurde. Im zweiten Entwurf fanden die Arbeits- und Krankenhäuser allerdings keine Erwähnung mehr. Der Text war so verklausuliert, dass die soziale Herkunft der Toten aus ihm nur zu erschließen war, ohne direkt genannt zu werden.

Unter vielen Möglichkeiten zur Bezeichnung derer, die seziert werden sollten, entschieden sich die Autoren des Gesetzestextes für den "Spender". Statt die Einverständniserklärung eines solchen "Spenders" oder seiner Angehörigen erforderlich zu machen, durften die Chirurgen sezieren, wenn kein ausdrücklicher Widerspruch vorlag. In öffentlichen Einrichtungen wurde meistens ohne das Beisein von Angehörigen gestorben. Die Betroffenen waren in der Regel Analphabeten, hinterließen weder Testament noch Testamentsvollstrecker, und eine Registrierung von Widersprüchen gegen die Sektion war nicht vorgesehen. Eine Pflicht zur Benachrichtigung der Angehörigen gab es nach wie vor nicht. Wenn kein Widerspruch vorlag, konnten die Chirurgen den Körper 48 Stunden nach Eintreten des Todes abholen.

Einer der wenigen Gegner der Gesetzesvorlage unter den Abgeordneten war Henry Hunt. Er hatte erfahren, dass der berühmte Anatom John Hunter (der Käufer und Sezierer des Irischen Riesen) Vorkehrungen getroffen hatte, um selbst nicht seziert zu werden. Hunt schlug vor, nur denjenigen zum Studium zuzulassen, der seinen Körper zuvor der Anatomie vermacht hatte. Eine Variante davon wird bald wieder auf den Tisch kommen, wenn das kürzlich verabschiedete Organspendegesetz nicht die erhofften Ergebnisse bringt: Transplantationen nur für Organspender. Außerdem wird man dann wieder darüber diskutieren, ob alle zur Organspende herangezogen werden sollten, die nicht ausdrücklich widersprochen haben.

Hunt war auch dafür, gekrönte Häupter zu sezieren, statt öffentliche Gelder für teure Staatsbegräbnisse zu verwenden. Das wurde als völlig unakzeptable, dem Ernst des Themas nicht angemessene Polemik zurückgewiesen. Einige zweifelten die Schätzungen an, wie viele Leichen benötigt wurden und wollten prüfen lassen, ob der Unterricht an Wachsmodellen praktikabel sei. Sie blieben eine kleine Minderheit. Eine ausführliche Parlamentsdebatte mit einem sorgfältigen Abwägen von Pro und Contra fand nicht statt. Das Gesetz wurde in Nachtsitzungen oder in den frühen Morgenstunden behandelt, mit wenigen Anwesenden. Warburton und seine Unterstützer hielten es nicht einmal für nötig, zu den Einwänden der Gegner Stellung zu nehmen. Für die Mehrheit scheint es zum System der Zwangsspende keine denkbare Alternative gegeben zu haben. Die Vorlage passierte beide Häuser des Parlaments. Am 1. August 1832 wurde sie Gesetz.

Für die große Masse der Bevölkerung hatte das Anatomiegesetz nichts mit Wissenschaft und Heilkunst, dafür aber sehr viel mit Bestrafung und sozialer Ungerechtigkeit zu tun. Wer konnte Anspruch auf einen Leichnam erheben? Die Rede war von "nahen Angehörigen", was in der Praxis sehr eng ausgelegt wurde und die soziale Realität vieler Bedürftiger, ihr Netzwerk aus Freunden und Bekannten, ignorierte. Wenn es darum gegangen wäre, alle Toten den Chirurgen zu überlassen, die ohne trauernde Hinterbliebene gestorben waren, hätte man das klar formulieren können. Es blieb aber auch offen, was unter "beanspruchen" (to claim) zu verstehen war. Für Arme war es ein enormer Unterschied, ob damit gemeint war, dass ein Verwandter am Begräbnis teilnahm, oder dass er die Beerdigung finanzieren musste. Tatsächlich handelte es sich - das zeigte sich in der Umsetzung - um eine finanzielle Kategorie, nicht um eine emotionale. Das entscheidende Auswahlkriterium war deshalb die Armut.

Ideologisch ist das Anatomiegesetz eng verknüpft mit den damaligen Bemühungen, die Mitwirkung der Mittelklasse (nicht aber der Unterschicht) am politischen Prozess abzusichern und auszubauen. Die herrschenden Eliten hatten erkannt, dass das Bürgertum keine Gefahr für die bestehende Ordnung darstellte, sie (durch eine Allianz von Geld und Abstammung) sogar stützen würde. Das Anatomiegesetz war, wie Ruth Richardson in Death, Dissection and the Destitute betont, eine Art Probelauf für die neuen Armengesetze von 1834. Die Legislative sammelte Erfahrungen, wie man sich auf Kosten der Unterschicht von alten (und humaneren) Methoden trennen konnte, Armut wahrzunehmen und mit ihr umzugehen, ohne auf nennenswerte Opposition zu stoßen.

1834 wurde das neue Konzept des Armenhauses gesetzlich festgeschrieben. Es sollte so abschreckend sein, dass niemand sich um Aufnahme bemühen würde, der nicht wirklich in Not war. Wer arm war, musste beizeiten sehen, wo er blieb. Im sich rapide verändernden Gesellschaftssystem war jeder für sich selbst verantwortlich. Der Gedanke an den Tod (und das Schicksal danach) prägte das tägliche Leben. Menschen, die ohnehin nicht genug zu essen hatten, sparten sich vom Mund die Beiträge für friendly societies ab: eine Art kommunaler Sterbeversicherung, die für eine ordentliche Beerdigung garantieren sollte. Für derartige Organisationen begann 1832 eine ungeahnte Wachstumsperiode. Die Friendly Societies sind einer der Vorläufer unserer heutigen Versicherungssysteme, die früher mal auf dem Solidarprinzip beruhten, was jetzt Stück für Stück wieder abgeschafft wird.

Wer in die Sterbeversicherung einzahlte, tat es nur zum Teil aus dem Wunsch heraus, auf dem letzten Weg den Anschein von Wohlanständigkeit zu wahren. Es war auch eine Versicherung gegen die Sektion. Arme lebten so in ständiger Furcht, durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder als Saisonarbeiter mit den Beiträgen in Rückstand zu geraten. In dem Fall mussten sie überhöhte Strafgebühren entrichten, oder sie verloren alles. Ruth Richardson berichtet von Friendly Societies, die ihre Gebühreneintreiber absichtlich nicht mehr in bestimmte Viertel schickten, um eben dies eintreten zu lassen. Das Schicksal, nach dem Tod in die Hände der Chirurgen zu fallen und zerstückelt zu werden, hat britische Autoren immer wieder beschäftigt. Mrs. Gaskell etwa schildert in ihrem Roman Mary Barton den Schrecken der Betroffenen, wenn Ben Davenport seine Arbeit verliert und die Beiträge für die Friendly Society nicht rechtzeitig bezahlen kann.

Warteliste

Die Geschichte der Anatomie kann nicht ohne die zahlreichen Ausbrüche kollektiver Frustration erzählt werden. Aus der Ära des Body Snatching und des Anatomiegesetzes sind mehrere Revolten in britischen Armenhäusern überliefert. Im Mai 1829 gab es einen Aufruhr im Arbeitshaus von Shadwell, als ein Insasse eine Zeitung einschmuggelte und die Details des ersten Warburton-Entwurfs vorlas. Als der Mann den Verdacht äußerte, die Suppe enthalte menschliche Überreste, wurde er sofort vor Gericht gebracht und abgeurteilt, um weitere Proteste im Keim zu ersticken. Der Leiter des Arbeitshauses fühlte sich genötigt, einen Topf Suppe (und das Rezept) in den Gerichtssaal zu bringen, um die Anwürfe zu entkräften. Die Ballade "The Poor Workhouse Boy", die in den 1830er und 1840er Jahren mit großem Erfolg vertrieben wurde, beschreibt Burking im Arbeitshaus und widmet sich allen Aspekten eines aufgezwungenen Kannibalismus. Und in Kent hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass in Arbeitshäusern aus Kindern Pasteten gemacht würden.

Solche Pasteten, nehme ich an, gab es nicht wirklich. Aber sie sind das Sinnbild für sehr reale Ängste aus einer Zeit, in der der Körper zur Ware wurde. Bei den ans Licht gekommenen Skandalen und Verbrechen fällt auf, wie gründlich tote Menschen verwertet wurden. Totengräber waren im Talghandel aktiv. Durch den Prozess gegen Bishop und Williams erfuhr eine breitere Öffentlichkeit, dass die großen Londoner Krankenhäuser und Anatomieschulen bei den Friedhöfen Körbe aufstellten, um den Resurrection Men den Transport der geraubten Leichen zu erleichtern. Das, was die Anatomen für Forschung und Lehre nicht brauchten, ließ sich anderswo zu Geld machen. Zwölf Zähne des von Bishop und Williams ermordeten Jungen, mit Zahnfleisch und einem Stück vom Kieferknochen, wurden bei einem Dentisten gefunden. In der Anatomieschule von Dr. Knox holte einer der Studenten eine Schere, damit William Burke der toten Mary Paterson die Haare abschneiden konnte. Sie dürften an einen Perückenmacher gegangen sein.

Natürlich sind das Schauergeschichten aus einer längst vergangenen Epoche, die mit unserer aufgeklärten und modernen Gesellschaft nichts zu tun haben - oder höchstens dann, wenn Gunther von Hagens mit seinem Plastinationsmobil unterwegs ist und den Irischen Riesen ausgraben will, obwohl der längst als Skelett im Schaukasten der königlichen Chirurgen steht. Heute geht es darum, die Früchte des medizinischen Fortschritts einzufahren, zu dem die Anatomieleichen des 19. Jahrhunderts entscheidend beigetragen haben. Die Lebenden können jetzt in einem viel direkteren Sinne als früher von den Toten (oder, je nach Definition, den Sterbenden) profitieren. Organe retten Leben. Nur darum, habe ich durch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender erfahren, geht es beim neuen Organspendegesetz.

Der Deutsche Bundestag hat die Chance verpasst, das im Plenum ausführlich zu behandeln, weil die Abgeordneten, vermute ich, das komplizierte Thema endlich loswerden wollten. Also ist der mündige Bürger gefragt. Selbiger sollte sich vorher überlegen, ob er sich komplett spenden oder auf dem Spenderausweis ein paar Einschränkungen vermerken will. Nicht alles, was er geben kann, wird Leben retten. Bestimmt wird niemand aus Knochen und Körperfett eine Suppe kochen, wie es die Armen im 19. Jahrhundert befürchteten. Aber Knorpel und Sehnen nutzt die moderne Medizin für Labortests, Arzneimittel und Schönheitsoperationen. Die Liste des verwertbaren Materials ist lang. In der ergebnisoffenen Informationsbroschüre, die uns demnächst ins Haus flattert, wird das sicher ausführlich dargelegt sein. Oder sollte man sich auf Herz, Leber, Lunge und Nieren konzentrieren, statt zu sehr ins Detail zu gehen? Ein potentieller Lebensretter, der die bisherige Debatte und die Wortmeldungen der zuständigen Politiker und Transplantationslobbyisten verfolgt hat, könnte sich getäuscht fühlen, ein Wutbürger werden und ganz von einer Spende Abstand nehmen. Das würde den Erfolg des neuen Gesetzes gefährden. Lassen wir die unangenehmen Teilaspekte lieber weg. Öffentlichkeit ist lästig. Und 12.000 todkranke Menschen warten auf ein Organ.