Gesichter und Gesten der Politiker

In Wahlkampfzeiten werden wir von den Spitzenkandidaten auch auf Webseiten und Plakaten angesprochen. Aber wen will man uns zeigen?

Ein Wahlkampf lebt wohl eher von Stimmungen, als von Argumenten, stärker von einfachen Slogans als von komplexen Gedanken. Und er wird in einer Mediendemokratie bestimmt von Personen, von deren Aussehen und Verhalten, wenn sie in den Medien für das Publikum "getestet" werden. Dafür werden die Hauptpersonen geschult und gestylt. Aber im Fernsehen bei Live-Auftritten lässt sich das "Image" nicht wirklich durchplanen, wohl aber in Werbespots oder mit Fotografien auf Plakaten oder im Internet.

Für den Wahlkampf machen sich alle "schön", also zumindest wichtig, kompetent und irgendwie attraktiv. Bei den Kanzlerkandidaten und den anderen Spitzenkandidaten ist der Auftritt auf Plakaten und Webseiten eine Sache der Berater, die ihren Kunden zu- und herrichten bzw. geeignete Fotos aussuchen und überarbeiten. Was sie uns damit sagen wollen?

Ich bin zunächst über ein Wahlkampfbild von Bundeskanzler Schröder gestolpert, das sich auf der Eingangsseite seiner Website findet. Auffallend sind die Hände, deren Geste wohl etwas Wichtiges mitteilen soll.

Schröder ist ganz konzentriert auf ein imaginäres Gegenüber. Es wird suggeriert, dass er mit dem Betrachter des Bildes spricht. Andererseits schaut er haarscharf daneben vorbei. Spricht er also doch mit einem Menschen, der sich knapp daneben befindet?

Irgendwie gibt es aber einen Bruch mit der ernsten Miene und der Geste der Hand, die doch symbolisiert, dass es sich nur um etwas Kleines, Handhabbares handelt, mit dem der wichtige Mann zu tun hat. Das schafft der alte Kanzler schon, der auch der neue werden will – oder zumindest so tut. Denn es ist auch ein Spiel. Die Wiederwahl hat Schröder zwar eingeleitet, aber wie wollte eine neue rot-grüne Koalition regieren. Sie müsste zumindest abwarten, dass sich etwas im Bundesrat ändert. Das aber wäre dann wohl äußerst unwahrscheinlich. Vielleicht will er sich vor der Abwahl nur noch einmal rechtfertigen?

Was der noch amtierende Kanzler klein reden bzw. zeigen muss, ist für die Kanzlerkandidatin Angela Merkel ein großer Schritt, schließlich hat sie schon die Schicksalswahl verkündet. Aber auf einem Bild würde es sich schlecht machen, wenn man das gestisch Kleingemachte des Kanzlers groß aufblähen würde. Auf der Webseite von Angela Merkel findet man dennoch ein Bild, in dem auch sie – allerdings auf einem Foto, das nicht gerade jüngsten Datums ist und in seiner Kleinheit überdies Bescheidenheit suggeriert - mit ihren Händen agiert. Ein wenig größer geht es hier schon zu, aber die Geste der sich öffnenden Arme ist betont ambivalent. Sie argumentiert lässig und freundlich, im Stil "So ist es doch!", zeigt sich aber gleichzeitig offen und eben auch zupackend, wenn man so will. Das Steinchen Schröders ist dann schon zum Ziegel geworden. Interessant ist hier, dass der Betrachter des Bildes ganz klar zum Beobachter eines Gesprächs wird, denn Merkel ist einer Person – Frau oder Mann? – zugewandt, die man von hinten angeschnitten sieht.

Auf einem Plakat hingegen präsentiert sich die in der Gegenwart angekommene Kanzlerkandidatin mit rosa Jacke, etwas verkniffen lächelnd und den Blick schräg vom Betrachter weg aus dem Bild hinausgerichtet. Hier ist sie nicht diejenige, die es besser weiß und sich durchsetzen kann, hier ist sie auch nicht Regierungschef, wie ihn Schröder herauskehrt, hier ist sie eine unschuldig drein blickende, harmlos wirkende Biederfrau im mittleren Alter. Von dieser Frau, so eine Art Mutti der Nation von nebenan, wenn sie denn eine wäre, geht, so suggeriert das Bild, keine Gefahr aus, avantgardistische Experimente wird es keine geben, Visionen auch nicht. Sie meint es gut, die Zukunft ist in sicheren Händen. Und falls es doch schief läuft, erscheint sie nicht als mächtig genug, eine Umorientierung der Politik verhindern zu können.

Joschka Fischers Webseite - beim Domainnamen reicht symptomatisch der Vorname - zeigt ein Bild, in dem der noch amtierende Außenminister – weder zu dick noch zu dünn - gewissermaßen als Mensch mit offenem Hemdkragen und überhaupt locker direkt den Betrachter ansieht.

Imageberater scheinen dem direkten Blick offenbar nicht zu trauen. Das zur Seite Schauen ist allerdings alte Tradition, auch in den gemalten Portraits sieht kaum mal jemand den Betrachter direkt an. Das ist zu aufdringlich, könnte abstoßen und Angst machen, schafft womöglich mehr Distanz, schließlich kann bei abgewandtem Blick auch der Betrachter im Dunkeln bleiben und unbeobachtet näher kommen, neugieriger schauen.

Fischer wird nicht in Aktion gezeigt, sondern versucht das Nähertreten über den Blickkontakt durch ein freundliches Lächeln zu kompensieren. Auch dieser Mensch will nur Gutes. Er ist nicht der hochoffizielle Außenminister und Diplomat, sondern der Mensch, der mitten aus dem Alltag in die Politik tritt und offen sowie direkt handelt.

Aber natürlich gibt es auch den Wahlkämpfer. Hier suchte man bei den Grünen einen lässig argumentierenden Fischer mit zerfurchtem Gesicht und erhobener Hand aus. Die Hand, wegen der heftigen Bewegung nur verschwommen erkennbar, hämmert die Wahrheit in die Köpfe der Angesprochenen. Selbstverständlich sieht Fischer hier nicht auf den Betrachter, sondern aus dem Bild. Entweder sollen die Anhänger vom besorgten Papa angefeuert oder Gegner bzw. Unentschlossene vom Verkünder der Wahrheit weich geklopft werden.

Ganz treu der Devise, den Blickkontakt zu meiden, sieht auch Guido Westerwelle auf seiner Webseite am Betrachter vorbei. Geschniegelt und gestriegelt lächelt der Spitzenkandidat, als wäre da gerade links neben ihm ein willkommener Besucher gekommen, dem er sich zuwendet, dabei aber stumm bleibt. Westerwelle ist hier nach den Autoritätspersonen, den Mamas und Papas ganz der liebe Bubi, korrekt gekleidet, um den Eltern zu gefallen, weit entfernt von jedem Schabernack – der Spaßwahlkampf war einmal – und in seiner Bravheit ebenso ungefährlich wirkend wie Angela Merkel.

Auf einem Wahlkampfplakat kann zwar Westerwelle der Bubi-Charakter nicht weggezaubert werden, aber hier blickt er hinreichend ernst immerhin den Betrachter an. Das macht diesen so baff, wie Westerwelle hier schaut. Das Gespann Mama Merkel und Bubi Westerwelle passt freilich gut zusammen und kontrastiert mit den gewichtigen Männern, die einerseits Autorität und andererseits konventionelle Unbekümmertheit ausstrahlen.

Aber da gibt es auch noch Edmund Stoiber aus dem Süden, der auf dem Foto auf seiner Webseite - im Gegensatz zu Fischer besteht der Domainnamen nur aus dem Nachnamen - ganz jovial daher kommt. Zwar korrekt und streng gekleidet, lehnt er mit verschränkten Armen lässig nach vorne und hört offenbar – mit dem üblichen beiseite gedrehten Blick – einer anderen, wohlwollenden Person zu, die aber, nach dem Blick zu urteilen, höher als der bayerische Regierungschef steht. Der ist souveräner demokratischer Dienstleister, zugänglich, aber doch distanziert, ein höfliches, nicht so sehr freundliches Lächeln auf den Lippen.

Das Gespann Gregor Gysi und Oskar Lafontaine geht ähnlich Schröder/Fischer an die Bildfront. Beide haben es noch nicht geschafft, eine eigene Webseite einzurichten. Bei Gregor-Gysi.de wird man immerhin zur Parteiseite umgeleitet. Nach dem Einbruch der ersten Höhenflüge dürfte aber die Anstrengung vielleicht auch im Internetkampf noch höher werden.

Oskar Lafontaine soll den gediegenen und erfahrenen, daher in der Krawatten-Anzug-Rüstung auftretenden Politiker mimen. Auf dem Bild wirkt er aber, als würde ihn etwas erschrecken. Den Blick, vom Betrachter ausgesehen, schräg nach rechts oben gerichtet und mit leicht geöffnetem Mund scheint er Schlimmes zu erkennen und sich wegzuducken. Vielleicht meinte man ja, Deutschland zu retten, setzt erst einmal die Wahrnehmung des Schrecklichen voraus, das käme, wenn Retter Lafontaine nicht einspringt.

Gysi hingegen ist ganz der lässige und listige Spieler. Er sieht dem Betrachter ins Angesicht, mit offenem Hemdkragen, in vertrauter Atmosphäre, mit dem Kopf lässig – oder müde? - auf der Hand aufgestützt. Uns kann nichts passieren. Wir gehen in den Kampf, aber es ist nur ein Spiel, an dem wir Spaß haben. Wenn es nicht klappt, auch gut. Versprochen wird hier nichts. Ginge man nur von diesen beiden Bildern der Spitzenkandidaten der Linkspartei aus, so würde man dieser wohl keine große Hoffnung machen können. (Florian Rötzer)

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