Gespräche über grenzüberschreitenden Terror in Kaschmir?

Staatsführer Indiens und Pakistans provozieren sich gegenseitig

Nach einem Terrorangriff auf zwei Armeelastwagen und ein Polizeifahrzeug im indischen Teil Kaschmirs, bei dem in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch zwei Soldaten und ein Polizist ums Leben kamen, wurden die Sicherheitskräfte in der Region in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Wer für den Angriff im etwa 60 Kilometer westlich der Regionalhauptstadt Srinagar gelegenen Bezirk Baramulla verantwortlich ist, ist noch unklar. In Frage dafür kommen mehrere islamistische Gruppen, die teils für einen unabhängigen Gottesstaat und teils für einen Anschluss an Pakistan kämpfen.

Grafik: TP

Das Fürstentum Jammu und Kaschmir, zu dem die Region früher gehörte, war religiös dreigeteilt: Jammu war mehrheitlich hinduistisch und Ladakh buddhistisch. Insgesamt bestand in dem an Pakistan grenzenden Fürstentum aber eine moslemische Bevölkerungsmehrheit. Obwohl der durch ein Eindringen paschtunischer Stammeskrieger aus Pakistan unter Druck gesetzte Maharadscha, dem die Kolonialverwaltung die Entscheidung überlassen hatte, 1947 für einen Verbleib bei Indien votierte, berief sich Pakistan auf den Präzedenzfall Junagadh (einem Duodezfürstentum, dessen moslemischer Herrscher trotz überwältigender Hindu-Bevölkerungsmehrheit für eine Zugehörigkeit zu Pakistan votiert hatte, was eine indische Invasion zur Folge hatte), machte einen Anspruch auf ganz Jammu und Kaschmir geltend und unterstrich dies mit einem Einmarsch.

Seitdem hält Pakistan die Nordgebiete (Karakorum) und das "Asad Kaschmir" besetzt, während Indien Jammu, den größten Teil Ladakhs, aber auch zahlreiche Gebiete mit moslemischer Bevölkerungsmehrheit kontrolliert. China besetzte 1962 Demchok, Aksai-Chin und das Shaksam-Tal - allesamt buddhistische Gebiete.

1965, 1971 und 1999 war die Region Auslöser von Kriegen zwischen Indien und Pakistan. Zwischen 2010 und Juni 2016 war es dort wieder relativ ruhig. Danach konnte auch eine Ausgangssperre nicht verhindern, dass 60 Menschen ums Leben kamen.

Destabilisierung nicht nur in eine Richtung möglich

Am Montag gab Nafees Zakaria, der Sprechers des pakistanischen Außenministeriums, bekannt, dass der indische Außenminister über den Botschafter in Islamabad eine Einladung zu Gesprächen über die Zukunft Kaschmirs erhalten habe. Gestern kam die Antwort aus Neudelhi: Indien nimmt das Gesprächsangebot grundsätzlich an, will aber nicht über den Kaschmirkonflikt, sondern nur über grenzüberschreitenden Terrorismus sprechen.

Vorher hatten sich die Führer der beiden Länder in ihren Ansprachen zum jeweiligen Unabhängigkeitstag gegenseitig provoziert: Nawaz Sharif, der pakistanische Premierminister, hatte den 14. August der "Freiheit Kaschmirs" gewidmet und in Anspielung auf die im Juli wieder aufgeflammten Kämpfe gemeint, dort befinde sich der "Geist der Freiheit […] auf einem Höhepunkt".

Der indische Ministerpräsident Narendra Modi konterte am 15. August mit dem Bekenntnis, er sei stolz darauf, dass sich "viele Menschen" aus den pakistanischen Regionen Belutschistan, Gilgit und Nordwestkaschmir "mit ihrem Wunsch nach Unterstützung an Indien wenden" - ein Hinweis darauf, dass sich Destabilisierung nicht nur in Indien fördern lässt. Bereits am 12. August hatte er Pakistan beschuldigt, in Nordwestkaschmir und Belutschistan "Gräueltaten" an der dortigen Bevölkerung zu begehen. (Peter Mühlbauer)

Anzeige