"Gestaltung der Macht"

Interview mit Andreas Koop zur Corporate Identity des Nationalsozialismus

Der Designer Andreas Koop befasst sich in NSCI mit dem visuellen Erscheinungsbild der Nationalsozialisten von den Anfangstagen der Hitler-Partei bis zum Ende des Dritten Reiches. Das aufwändig bebilderte Buch zur Corporate Identity (CI) der "Bewegung" verfolgt Entwicklungen von der Sprache und der Architektur über das Logodesign und die Uniformen bis hin zu Typographie und Farbe.

Herr Koop - wenn man sich den 1935 vollendeten Leni-Riefenstahl-Film Triumph des Willens ansieht und die nur drei Jahre darauf fertiggestellten Olympia-Filme, dann hat man den Eindruck, dass Welten dazwischen liegen: Im einen Film relativ hässliche, abgearbeitete Gesichter, pittoreske Fachwerkhäuser und Menschen, die sehr dialektgebunden sprechen – im anderen ausgesprochen künstlich-natürliche Arno-Breker-Körper und nichts Volkstümliches mehr ...
Andreas Koop: Das ist richtig. Was das visuelle Erscheinungsbild angeht, sind die Unterschiede zwischen den Anfangsjahren der "Bewegung" und der Zeit nach der "Machtergreifung" höchst markant. Sprich das Improvisierte (teilweise ja sogar illegale), mit geringen Mitteln (weshalb die Armbinde eine, wenn man so will, geniale Idee war – sozusagen als "Minimal-Uniformisierung" mit trotzdem hoher Widererkennung/Zuordnung/Zugehörigkeit) und ohne allzu große Mittel und das spätere Auftreten, als fatalerweise dann die Partei zum Staat wurde. Kriegbedingt sieht man dann ab 1943 mehr und mehr Rückschritte bei den Medien (vor allem den Zeitschriften) was soweit geht, dass viele sogar eingestellt werden.
Was war die Keimzelle der Corporate Identity?
Andreas Koop: Die wird man wohl in der Fahne sehen können – Hitler wollte ein (einendes, wiedererkennbares) Symbol, ein Zeichen für seine Partei, für die "nationalsozialistische Bewegung". Dazu wählte er bekannterweise das Hakenkreuz aus; allerdings im Grunde nie als Zeichen für sich, sondern immer in eine Anwendung bereits implementiert. Sein erster Entwurf war deshalb die Fahne – der Partei und später der Nation. Also die rote Grundfläche mit weißem Kreis, indem das Hakenkreuz in schwarz platziert wurde (er hat dies ja in "Mein Kampf" ausführlich beschrieben). Daraus lässt sich einiges ablesen: zum einen war Hitler die Wirkung und Farbe wohl bewusst, weshalb er sich kurzerhand das eigentlich ja kommunistische Rot entlieh; zum anderen war die erste Anwendung des Erscheinungsbildes eine Fahne – also für Massenkundgebungen, Aufmärsche etc., was sozusagen die programmatische Medienwahl und Situation der Zeit widerspiegelt. Und auch ein Stück weit das Größenwahnsinnige, als er mit Sicherheit schon in den 1920er Jahren sich vorgestellt hat, wie diese Fahne über dem gesamten Reich wehen wird.
Über welche Bereiche erstreckte sich das einheitliche Erscheinungsbild?
Andreas Koop: So einheitlich war das visuelle Erscheinungsbild – mindestens im Detail – ja nicht. Es gibt aber einige Konstanten, auch wenn deren Darstellung oft in zahlreichen Varianten existierte. Konsequent wurde die Farbe rot eingesetzt, der Reichsadler und das Hakenkreuz – beide aber in zahlreichen Variationen und Formen – ziehen sich ebenfalls durch im Grunde alle wichtigen Anwendungen (teilweise parallel, oft auch sich ausschließend).
Was wurde ausgemerzt? Warum konnte sich beispielsweise der "Nordische Expressionismus" nicht durchsetzen? Oder ging er doch im Design auf?
Andreas Koop: Ich nehme an, sie meinen den der Bildenden Kunst. Da gab es ja anfangs tatsächlich eine Diskussion, ob der Expressionismus als offizielle Staatskunst gerade die Dynamik der "Bewegung" und die "neue Zeit" darstellen könnte – was aber von den konservativen Führern, allen voran Rosenberg und Hitler selbst aber nicht gewünscht war. Auch das Konstruktivistische war, im Produkt- und Grafikdesign eine Option, stand aber dem Bauhaus, Russland … zu nahe (wobei es einzelne Anwendungen gibt, die sich genau dieser Formensprache bedienen). Man kann im Grafik-Design nicht direkt von "Ausmerzen" sprechen, aber das Moderne an sich war nach 1933 von staatlicher Seite natürlich "nicht mehr gefragt".
Inwieweit trugen Rechtsvorschriften wie das Gesetz zum Schutz der nationalen Symbole zur Entstehung einer Corporate Identity bei?
Andreas Koop: Zur Entstehung oder Verbesserung des visuellen Erscheinungsbildes trugen diese Gesetze nichts bei. Es ging eher darum, dass die Staatssymbole nicht mehr von jedem (vor allem Institutionen und Unternehmen) verwendet werden dürfen. Das richtete sich einmal vor allem gegen den "Wildwuchs" an Parteisymbolen, die "verkaufsfördernd" auf Verpackungen und Anzeigen etc. eingesetzt wurden – ab sofort musste dazu eine Genehmigung eingeholt werden. Und einmal ging es um den Reichsadler. Gerade aber diese Regelung führte zu noch mehr Variantenreichtum, da man auf diese Weise den Vorgaben wiederum entweichen konnte.
Welche Schwierigkeiten gab es, bis eine "Gleichschaltung der Symbole" erreicht wurde – etwa bei der "Übernahme" der Reichswehr?
Andreas Koop: Zum einen muss man sehen, dass in einer Diktatur vieles "leichter" ist. Und Design ist, ganz am Rande bemerkt, ohnehin nichts, was sich demokratisch herleiten und verbessern ließe. Sicherlich gab es auch im "Dritten Reich" viele persönliche Befindlichkeiten, Rangeleien und Profilierungstendenzen (Hitler förderte dies ja teilweise auch ganz bewusst indem er ähnliche Institutionen parallel mit nicht exakt definierten Kompetenzen schuf). Die Gleichschaltung der Symbole vollzog sich grafisch aber eher so, dass "die alten" Signets der Institutionen etc. großteils einfach wegfielen und für die jeweils neue NS-Variante auch ein neues Zeichen gestaltet wurde. Inwieweit die "Vernationalsozialisierung" (beispielsweise beim Deutschen Roten Kreuz) freiwillig oder mit Widerstand verbunden war, ist mir nicht bekannt. Die Wehrmacht, als "die traditionelle Einrichtung" wurde auch grafisch erst einmal mit Samthandschuhen angelangt – kein Wunder, dass deren Adler sich im Grunde nicht verändert hat; bis auf die Blickrichtung, sollte er jetzt (heraldisch) auch nach rechts blicken "um die Verbundenheit zur Partei" zu visualisieren.
Welche Firmen arbeiteten dabei mit?
Andreas Koop: Ich würde es eher so formulieren: Wer wurde mit den Umsetzungen beauftragt? Die Antwort dazu ist im Grunde: alle! Gerade ab 1933 gab es ja immer weniger "normale, zivile" Auftraggeber. Also die Verlage, Druckereien etc. hatten (ökonomisch und das Moralische ausblendend) keine großen Alternativen.
Wen zitierten die Nationalsozialisten in ihren Symbolen, ihrem Design?
Andreas Koop: Alles mögliche! Zum einen natürlich das Römische Reich, dann auch Aspekte von Mussolini (Duce, Führer; den Gruß etc.), ebenso das, was man für "Germanisch" hielt, wie die Runen (wobei hier oft eher die Zeichensprache der "Völkischen Bewegung" überlebt hat), bei den Plakaten findet man teilweise einen Stil, der an die Fremdenverkehrswerbung dieser Zeit (und in hoher Qualität) erinnert, die Zeitschriften orientierten sich teilweise stark an internationalen Vorbildern bzw. wurden, wie bei der "Brennessel" direkt vom "Simpicissimus" übernommen – und so weiter!
Wieso der ausgiebige Rückgriff auf das Römische Imperium, das ja der historische Feind der Germanen war?
Andreas Koop: Das mag mehrerlei Ursachen haben, wobei man vielleicht zuerst gleich einmal betonen muss, dass es die Nationalsozialisten weder mit der Geschichte, noch ihrer Instrumentalisierung/Zunutzemachung jemals sehr genau nahmen! Sicher war "Rom" wie schon in den vielen Jahrhunderten zuvor zu einer Art "Reflex" geworden, dem sich offenbar keiner so recht entziehen konnte: Ewigkeit, Macht, Alleinstellung, … Über Mussolini war, zumindest in den Anfangsjahren, ja zudem ein direkter Bezug (und späterer Verbündeter) gegeben, der eine kurze Zeit auch eine gewisse Vorbildfunktion hatte.
Hatten Sie eigentlich rechtliche Schwierigkeiten, das Buch herauszubringen?
Andreas Koop: Nein, es gab keine rechtlichen Probleme und auch noch keine Anfrage vom Verfassungsschutz! Zu wissenschaftlichen Zwecken und in solchen Publikationen dürfen diese verbotenen Zeichen ja dargestellt werden. Die große Schwierigkeit war eher, einen Verlag für dieses Thema zu finden – das sozusagen eine Nische in der Nische darstellt. Die Historiker sehen Design und Gestaltung (zumindest bisher noch) als Nebenaspekt, den Gestaltern fehlt oft das historische Interesse. Aber genau darin liegt auch der Gewinn dieser Arbeit: Historiker sehen, dass "Form" bereits "Inhalt" sein kann, Gestalter wiederum sehen, wie schnell ihre Arbeit "Politik" werden kann.
Das übrigens ist auch ein ganz zentraler Aspekt meiner Forschungsarbeit "Schrift und Macht", die ich seit zwei Jahren an der Zürcher Hochschule der Künste betreibe und die in diesem Jahr abgeschlossen wird.


(Peter Mühlbauer)

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