Gestatten, ich bin B.A. hon.

Gibt es bald so viele Titel wie Absolventen?

Es gibt Situationen, in denen erscheint die vorgegebene Struktur wirkmächtiger als die individuelle Handlung. Auch die vermeintlichen Mitgestalter ertappen sich dann oft als passive Vollstrecker einer Idee, die irgendwie vom Himmel gefallen zu sein scheint. Keine Angst, wir sprechen in diesem Fall von keinem totalitären Regime, sondern bloß vom sagenumwobenen Bologna-Prozess.

Eines Morgens stellte der große österreichische Kulturkritiker und Humorist Hermes Phettberg folgendes fest: Über Nacht war ganz Österreich, bis in die kleinste Gemeinde hinein, mit einem dichten Netz von "Schlecker"-Filialen überzogen worden. Ähnlich erging es den österreichischen Universitäten anno 2000: Urplötzlich befanden sie sich im Bologna-Prozess. Er war einfach da, über unsere Köpfe hinweg beschlossen worden. Freilich wurde intern überall eifrig diskutiert. Aber: Europäisierung und Internationalisierung wurden als Ziele vorgegeben, und der Weg dorthin erschien auch nach eingehender Prüfung recht alternativlos.

Grassierender Kürzelwahn

Nehmen wir an, Sie haben es im deutschsprachigen Raum mit einem Absolventen zu tun, der Journalistik, Medien- oder Kommunikationswissenschaft studiert hat. Auf seiner Visitenkarte steht heute (und morgen erst recht) nicht mehr "Diplom-Journalist", "Mag." oder "Dr.". Das war international einfach nicht anschlussfähig. Neue Grade mussten her, oder genauer: In anderen Ländern und Erdteilen übliche kamen hinzu.

Hier eine Liste (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): "B.A." (Bachelor of Arts), "M.A." (Master of Arts), die österreichische Mutation des Bachelors ist "Bakk." (Bakkalaureus) oder "Bakk. Komm." (Bakkalaureat in Kommunikationswissenschaft), eine Spielart ist auch "B.A. hon." (Bachelor of Arts Honors), letzterer ist wiederum äquivalent mit dem "Diplom" (Dipl.), und das ist immer noch so etwas Ähnliches wie der "Magister" (Mag.). Dann gibt es freilich noch den "MAS" (Master of Advanced Studies), und wiederum in Österreich kann nach dem Diplom auch noch ein "(FH)" stehen (Absolvent einer Fachhochschule). Nicht zu vergessen: Auch einen MBA in Medienmanagement kann man erlangen, und das geschlechtsspezifische hochgestellte a bei Bakk.a und Mag.a sollte alleine schon zwecks correctness nicht unerwähnt bleiben. Ergibt summa summarum wie viele neue Titel? Zehn? Gar mehr?

"Es ist alles sehr kompliziert", sprach dereinst ein medienuntauglicher österreichischer Kanzler. In EU-Europa gilt: "Es wird alles immer komplizierter." Von der angestrebten Harmonisierung zur neuen Unübersichtlichkeit war es nur ein kleiner Schritt.

Bologna-Prozess oder: Die Kontingenz des Abschlusses

Wer jetzt schon verwirrt ist, dem kann man noch nachhelfen: Ein an ein Bakkalaureat anschließendes Master-Studium dauert in München vier Semester, für den "B.A. hon." in Hannover hingegen genügen zwei Semester. Einen "MAS" erhält man mitunter wiederum nach drei Semestern. Wer hat jetzt noch einmal wie lange was studiert?

Die EU lehrt uns: Europäisierung und Internationalisierung, das hat jetzt bitte nichts mit Reduktion von Komplexität zu tun. Und hat sich schon jemand überlegt, wie man einen BA, einen BA hon. oder einen MAS eigentlich anspricht? Oder – einen Vorteil hätte die Sache dann ja doch! – bedeuten die neuen europareifen und vor allem US-kompatiblen Grade ein Ende des oralen Titelkults, wie er insbesondere in Österreich immer noch Usus ist?

300 Arbeitsstunden für ein Seminar?

Während sich die journalistische (und allgemein die mediale) Praxis durch das Netz radikal verändert, werden bereits existierende Lehrveranstaltungen gebündelt und schnell mal in "Module" umbenannt. Das ECTS (European Credit Transfer System) sichert auch gleich, dass Studierende in ganz Europa gleich viel arbeiten: Nämlich zum Beispiel erstaunliche 250 bis 300 Arbeitsstunden pro Seminar. Wer behauptet da noch, eine Seminararbeit nach der beliebten Copy, Shake & Paste-Methode ließe sich in einer knappen Stunde erstellen? (Freilich besagt eine noch nicht veröffentlichte österreichische Studie, dass Studierende in Wirklichkeit viel weniger arbeiten als es die 'Credit Points' suggerieren.)

Oberflächenkosmetik ist angesagt: Ein Bakkalaureatsstudium wird flugs zum Magisterstudium ohne Diplomarbeit. Macht uns das fit für Europa? Sollte man nicht besser die Lehrpläne selbst aktualisieren und nicht bloß deren Organisation und Benennung?

"Nicht zu kritisch" in den Arbeitsmarkt?

Ein gar spöttisches Studentenmagazin hat schon vor einiger Zeit aus der universitätsinternen Selbstbeschreibung eines reformwilligen Instituts folgendes zitiert:

Die Nachfrage [...] wird voraussichtlich noch steigen, weil [...] Bakk-AbsolventInnen einen Bedarf an kurzzeitig ausgebildeten (praxisorientiert, nicht zu wissenschaftlich, nicht zu kritisch) Arbeitskräften decken.

Commitment zu Bologna in Stellenanzeige

"Nicht zu wissenschaftlich, nicht zu kritisch" (man wünscht sich, das sei ein Fehlzitat!): Fürwahr, diese Arbeitskräfte braucht die prekarisierende und turbokapitalistische Welt! Dazu passt auch gut, dass in einer Anfang August veröffentlichten Stellenausschreibung eines anderen Instituts gleich ein explizites Bekenntnis zu Bologna eingefordert wurde:

Erwartet wird eine in Lehre und Forschung ausgewiesene Persönlichkeit mit starkem Commitment zur Innovation (Bologna-Prozess, Gender Mainstreaming, E-Learning), die die Vertretungsprofessur bereits im Wintersemester 2005/06 ausfüllen kann.

Das offensichtliche Hauptfeindbild dieses Stellenprofils: Ein Wissenschaftler (männlich), kein Vertreter der Gender Studies, Bologna-kritisch und (noch) nicht der Powerpointitis erlegen. – Nein, der Autor meint nicht sich selbst, und er hat sich auch nicht vergeblich auf diese Stelle beworben. Er ist sogar bekennender Freund seiner ppt-Files, aber dennoch wagt er es, Bologna-kritisch zu denken.

In Anbetracht der Realität wird jedoch auch ihm nur noch die Flucht nach vorne bleiben: Es würde ihn also irgendwie auch ehren, bald im Zuge des Bologna-Prozesses seine ersten Lehrveranstaltungen auf Englisch halten zu dürfen – freilich dann für zwei japanische Studierende und 98 der deutschen Sprache prinzipiell Mächtige. In seinem zukünftigen eigenen Institut plant er, an die Absolventen folgenden Titel zu verleihen: Einen MCSSH. Den Master of Critical Science Studies Honors. Die besondere Auszeichnung für den kritischen, wissenschaftlichen Nachwuchs. (Stefan Weber)

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