Gestern vs Morgen

Die Energie- und Klimawochenschau: Die Auseinandersetzung um die Weichenstellungen zur zukünftigen Energieversorgung kulminiert zur Zeit an der Nordseeküste.

Uraltplanungen für fossile Großkraftwerke treffen auf Bürgerprotest, die neue Großtechnologie der Offshore-Windparks gewinnt dagegen an Akzeptanz.

Am nächsten Sonntag wird in Emden gegen den Bau des Steinkohlekraftwerks an der Dollartküste protestiert. Mit Rückendeckung durch das Land Niedersachsen will der dänische Energiekonzern DONG Energy sein 1.600 MW Kohlekraftwerk in eine Region setzen, deren Kapital bisher frische Luft war - für den Tourismus und die boomende Windkraft. Gleichzeitig entstehen dort zur Zeit die beiden ersten Offshore-Windparks in der Nordsee. Der Interessenwiderstreit zwischen alten und neuen Konzepten trifft aufeinander. In welche Richtung geht die Entwicklung, weiter zentrale Energieversorgung mit endlichen Energieträgern oder dezentral verknüpfte und regenerativ gespeiste Stromnetze?

Offshore - Die Letzten wollen die Ersten sein

Nach einer Greenpeace-Studie könnten durch Offshore-Windenergienutzung in der gesamten Nordsee 40 Kohlekraftwerke ersetzt werden. Offshore-Windräder liefern gegenüber Anlagen an Land doppelt so viel Strom, weil der Wind gleichmäßiger und stärker weht. Von den möglichen 8760 Volllaststunden pro Jahr laufen Windräder an Land im Durchschnitt 2000, Anlagen an der Küste 3000, Offshore-Anlagen aber nahezu 4000 Volllaststunden.

Kein Wunder, dass sie, neben dem Repowering an Land, als die Hoffnungsträger für den weiteren Ausbau der regenerativen Stromversorgung gehandelt werden. Vor den deutschen Küsten sind deshalb bereits 21 Windparks mit 1.200 Anlagen genehmigt. Deutschland ist damit gegenüber Dänemark und Großbritannien, mit ihren mehr küstennahen „nearshore“ Windparks, zeitlich im Hintertreffen, dafür werden die neuen Anlagen aber wirklich weit draußen „offshore“ errichtet.

Bild: BARD Engineering GmbH

Zwei Windparks in der Nordsee sollen noch in diesem Jahr ans Netz gehen. Den ersten Windpark, 90 km vor Borkum, errichtet BARD Engineering. Zwei küstennahe Testanlagen demonstrieren bereits, wie die Anlagen im Windpark aussehen werden. Die Rotoren haben 122 Meter Durchmesser, sind aber mit einer Turmhöhe von 90 Meter kleiner als Landanlagen gleicher Leistung. Das reicht auf hoher See aus, da der Wind dort weniger verwirbelt ist als an Land. Andererseits bestehen auf See ganz andere Anforderungen an Stabilität und Korrosionsschutz. Die Anlagen sind auf 5 Megawatt Nennleistung ausgelegt, entsprechend dem Verbrauch von 5.000 Mehrpersonenhaushalten (von der Leyensche Normfamilie: Eltern und zwei Kinder).

Von den 80 Anlagen, die Bard im ersten kommerziellen Feld "Bard Offshore 1" in der Nordsee aufstellen will, sollen 400 Megawatt geleistet werden, entsprechend dem Stromverbrauch von 400.000 Mehrpersonenhaushalten. Die Landeshauptstadt Hannover mit ihren 550.000 Einwohnern ließe sich mengenmäßig mit einem Feld versorgen.

Ab Juni soll die Montage des Windparks beginnen. Da die Umspannanlage bereits installiert ist, könnten noch im Herbst die ersten Anlagen ans Netz gehen – das ist wichtig für die Höhe der Einspeisevergütung. Um die Montagetechnik zu erproben, wurde im Oktober 2008 eine Nearshore-Anlage bei Wilhelmshaven errichtet, dabei wurde zum ersten Mal das Errichterkonzept getestet. Die Windräder stehen auf "Tripiles", Dreibein-Fundamenten. Drei Pfähle werden dazu in den Boden gerammt und mit einem Stützkreuz verbunden. Das Errichterschiff selbst ist so ausgelegt, dass es Teile bis 500 Tonnen auf 121 Meter Höhe heben kann.

Der Windpark „BARD Offshore 1“ soll im Herbst mit den ersten Anlagen ans Netz gehen. Er liegt 90 Kilometer von Borkum und 120 Kilometer von Helgoland entfernt. Bild: BARD Engineering GmbH

In der „Nachbarschaft“, 45 km nördlich der Insel Borkum, entsteht der Alpha Ventus Offshore-Windpark, ein Gemeinschaftsprojekt der Energieunternehmen EWE, EON und Vattenfall. Hier mischt auch die Bundesregierung mit. Die Windenergieanlagen der 5 Megawattklasse werden bei einer Meerestiefe von ca. 30 Metern installiert. Im letzten September wurde das Umspannwerk vor Ort im Meer errichtet und letzte Woche an das Stromnetz angeschlossen. Gerade werden die ersten beiden Fundamente von insgesamt 12 Windkraftanlagen gebaut.

Neue Kraftwerke - Akzeptanz und Widerspruch

Im Planungs- und Genehmigungsprozess der letzten Jahre gab es auch Proteste gegen die Offshore-Pläne. Umweltschützer befürchten, dass von den Offshore-Anlagen Gefahren insbesondere für die großen Meeressäuger ausgehen: durch Baulärm bei den Rammarbeiten und im Betrieb der Offshore-Windräder. Deshalb wird im Windpark „Alpha Ventus“ vier Jahre lang Begleitforschung empirische Daten sammeln und neue Installationsmethoden erproben, etwa Luftblasenschleier, die bei den Rammarbeiten die Schallausbreitung und damit Lärmschäden von Meeressäugern verhindern sollen.

Die Insel Borkum klagte gegen den Windpark, die Befürchtung war, er verschandele die Sicht aufs Meer, führe zu Einbußen im Tourismus und die Windparks stellten eine Gefährdung für die Schifffahrt dar und Havarien an den Masten gefährdeten wiederum die Küsten. Seitdem setzte ein zunehmender Akzeptanzprozess ein, in dem auch die Kritikpunkte stärker berücksichtigt werden. Die Anlagen sollen jenseits der Sichtweite und außerhalb der Schifffahrtsstraßen errichtet werden. Aber auch wirtschaftliche Gründe tragen zu mehr Akzeptanz bei, so hat schon die Windkraftindustrie an Land geholfen, einen neuen Wirtschaftszweig im Norden einzuführen, der viele Arbeitsplätze auch in den Zulieferbetrieben geschaffen hat. Die Stadt Emden hat gar einen Radführer für Besucher aufgelegt, der zu den regenerativen Energieanlagen führt. Eine neue Form des naturnahen Techniktourismus zieht Besucher an.

Dagegen formiert sich zunehmender Protest gegen den geplanten Bau des Steinkohlekraftwerks bei Emden. Die dänische Firma Dong plant das Kraftwerk zusammen mit dem Land Niedersachsen. Seit über 30 Jahren und damit aus einer Zeit als noch die zentralisierte Energieversorgung en vogue war stammen das noch immer geltende Landesraumordnungsprogramm und der Flächennutzungsplan der Stadt Emden. Dort ist ein Großkraftwerk vorgesehen. Bürger und Umweltverbände kritisieren die Haltung des Rates der Stadt, der sich zwar gegen ein Kohlekraftwerk ausgesprochen hat, ansonsten aber auf die Zuständigkeit des Landes verweist. Und die niedersächsische CDU Regierung favorisiert eindeutig das Kohlekraftwerk. Dabei landet die norwegische Gasco gerade hier bei Emden 20% des deutschen Erdgasbedarfs an. Wenn schon ein neues Verbrennungskraftwerk errichtet werden soll, so wäre ein regelfähiges Gaskraftwerk im Verbund mit den Windanlagen sinnvoller.

Dass Kohlekraftwerke bei entsprechendem Engagement auch regional zu stoppen sind, zeigt das Beispiel Ensdorf im Saarland. Die Emder Nachbargemeinde Krummhörn hat sich bereits klar gegen das Kohlekraftwerk ausgesprochen. Bürgerprotest organisiert vor allem die Bürgerinitiative Saubere Luft Ostfriesland, sie lädt am Sonntag zur Demo um den „Bau dieses Klimakillers“ zu verhindern.

Protest gegen die Pläne des dänischen Energiekonzerns DONG Energy der plant mit Unterstützung der niedersächsischen Landesregierung den Bau eines 1.600 MW Kohlekraftwerks in Emden. Bild: Bürgerinitiative Saubere Luft Ostfriesland

Kohlekraft – nicht integrationsfähig im regenerativ gespeisten Stromnetz

Von der Demo soll auch ein bundespolitisches Signal ausgehen. Denn Steinkohlekraftwerke sind inkompatibel mit dem Ziel regenerative Energien auszubauen. Im Netzverbund mit Strom aus Wind und Sonne sind sie nicht schnell regelfähig, sondern behindern die Netzintegration fluktuierender Energielieferanten wie Windkraft- und Solaranlagen. Gerade letzten Donnerstag hat der Bundestag noch das Gesetz zur Beschleunigung des Ausbaus der Höchstspannungsnetze mit dem zentralen Energieleitungsausbaugesetz verabschiedet.

Es soll die Integration insbesondere neuer Windkraftanlagen erleichtern. Wenn nun an die neuen Leitungen wieder nur Grundlast-Großkraftwerke angeschlossen werden, um deren Überschussstrom zu exportieren, wäre das absurd. Eine Entscheidung ist fällig, denn wenn die Offshore-Anlagen ans Netz gehen, müssten die Großkraftwerke heruntergeregelt werden, was bei Kohlekraftwerken besonders schwierig und unwirtschaftlich ist. Große thermische Kraftwerke in dünnbesiedelten Regionen haben zudem den Nachteil, dass es nicht genügend Abnehmer für die bei der Stromerzeugung anfallenden großen Wärmemengen gibt. Auch dies widerspricht dem seit Jahren propagierten bundespolitischen Ziel der Nutzung auch der Wärme in KWK-Anlagen und so einer höheren Energie- und Anlageneffizienz.

Trotz der Proteste auf lokaler Ebene und bundespolitisch anderer Zielvorgaben denkt die niedersächsische Landesregierung aber anscheinend in mehr herkömmlichen Bahnen. Dabei ist das Bundesland sogar Windkraft-Spitzenreiter in Deutschland, 25% des Stromverbrauchs werden durch Windkraft gedeckt. Zu verlockend scheinen aber die Aussichten auch die Dollartregion zu einem gigantomanischen Hafenstandort auszubauen.

Denn die Niederlande planen die Ems auf 14,5 Metern Tiefe auszubaggern, Emden kann dann einen Tiefwasserhafen mit 12 Metern bekommen, so dass 3/4 der Weltschifffahrtsflotte in Emden anlanden könnten. Und das soll anscheinend nicht nur wie bisher Windkraft- und Autoindustrie nach Emden locken, sondern auch große Kohlefrachter.

Dass es regional keinen Bedarf für noch mehr fossil erzeugten Strom gibt scheint ungehört. Dabei soll auch auf der niederländischen Seite im benachbarten friesischen Eemshaven zusätzlich ein Energiepark entstehen. Dort sollen mehrere Gas- und Kohlekraftwerke mit einer Nennleistung von zusammen 7.500 Megawatt gebaut werden. Die Pläne lassen befürchten, dass für Strom, der nur für den Export bestimmt ist, eine Region aufs Spiel gesetzt werden soll, die bisher für saubere Luft, naturnahen Tourismus und die Nutzung regenerativer Energien bekannt ist. (Matthias Brake)