Gesteuerte Berichterstattung: Mehrheit der Deutschen bezweifelt Unabhängigkeit der Medien

Umfrage des Bayerischen Rundfunks zur Glaubwürdigkeit der "vierten Gewalt"

"Haben Sie den Eindruck, dass den Deutschen Medien vorgegeben wird, worüber oder auf welche Art sie berichten?" So lautet eine der Fragen, die bei einer repräsentativen Umfrage vom Bayerischen Rundfunk gestellt wurde.

Das Ergebnis: 60 Prozent der Menschen in Deutschland beantworteten die Frage mit: "Ja, ich habe den Eindruck." In Ostdeutschland bejahten die Fragen 67 Prozent der Umfrageteilnehmer.

65 Prozent meinen, Journalisten dürften oft nicht sagen, was sie denken, 48 Prozent sagen, sie würden oft einseitig berichten, 27 Prozent gehen sogar davon aus, dass sie häufig Sachverhalte bewusst verfälschen. Warum dann 88 Prozent sagen, die Journalisten verstünden ihr Handwerk, und 85 Prozent, dass diese wichtige Arbeit für die Demokratie leisten, ist kaum nachzuvollziehen. Und wie zusammenpasst, dass 47 Prozent von einer gelenkten Berichterstattung beim Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen ausgehen, aber gleichzeitig 75 Prozent der Meinung sind, es sei glaubwürdig, ist ebenfalls ein Rätsel.

Zum eher negativen Bild von den Medien passt, dass 55 Prozent der Meinung sind, die Nachrichtenmedien würden die "Mächtigen" im Land stützen. Das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen schneidet dabei genau wie die Boulevardmedien ab, nur die privaten Sender stützen die "Mächtigen" noch stärker (51 Prozent).

Die Befragten sehen im Hinblick auf Vorgaben in der Berichterstattung nur einen geringen Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen Medien und den Privaten sowie den Boulevardzeitungen. 51 Prozent der Befragten gehen von einer gelenkten Berichterstattung bei den privaten Fernseh- und Radiosendern aus, 47 Prozent sind es, die Vorgaben auch bei den Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsender vermuten. Bei Boulevardzeitungen waren 50 Prozent der Befragten der Ansicht, dass diese Vorgaben bei ihrer Berichterstattung erhalten. Die Menschen in Ostdeutschland halten die Vorgaben, die angeblich innerhalb den Öffentlich-Rechtlichen gegeben sind, gar für noch größer (59 Prozent) als bei den Privaten (56 Prozent).

Mit diesen Ergebnissen liegt das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen hinter den Tageszeitungen (41 Prozent), dem öffentlich-Rechtlichen Radio (39 Prozent) und Wochenzeitungen und Magazinen (36 Prozent), bei denen die die Befragten weniger Vorgaben vermuten. Dabei wird das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen mit 47 Prozent am unabhängigsten von politischen und wirtschaftlichen Interessen eingestuft, allerdings nur knapp vor den (privaten) Tageszeitungen. Am wenigsten unabhängig gelten die Boulevardzeitungen, was seltsam ist, wenn sich Öffentlich-Rechtliches Fernsehen und Boulevardzeitungen nur wenig unterscheiden sollen, wenn es um Vorgaben für die Berichterstattung geht.

Das Ergebnis kommentiert der Bayerische Rundfunk mit den Worten: "Auch hier schneiden die Öffentlich-Rechtlichen gut ab. 46 Prozent glauben, dass das Fernsehen unabhängig von politischen oder wirtschaftlichen Interessen berichtet. 42 Prozent glauben das auch vom Radio. Tageszeitungen bescheinigen dies 44 Prozent." Sagen ließe sich auch: Dass mehr als jeder zweite Deutsche demnach die Öffentlich-Rechtlichen als nicht "voll und ganz" bzw. "weitgehend" unabhängig betrachtet.

Zu Beginn präsentiert der Bayerische Rundfunk eine Zusammenfassung: "Die zentrale Erkenntnis: Die Menschen vertrauen den etablierten Medien." Das hätte man wohl gerne, geht aber aus der Umfrage gerade nicht hervor. Diese Art von Deutung zugunsten der eigenen Interessen dürfte die Glaubwürdigkeit nicht gerade stärken.

Insgesamt ist das Misstrauen gegenüber Medien und Politik erstaunlich hoch. Mit 55 Prozent sagen mehr als die Hälfte, dass in Medien häufig absichtlich die Unwahrheit gesagt wird. 70 Prozent werfen den Politikern vor, dass sie sich nicht groß darum kümmern, wie die Menschen denken - und 72 Prozent gehen sowieso davon aus, dass die "etablierten Parteien die wichtigsten Probleme Deutschlands nicht im Griff haben". Noch mehr sagen, Deutschland befinde sich auf einer schiefen Bahn, wenn 76 Prozent meinen, sie könnten verstehen, "dass manche Leute derzeit die Werte Deutschlands in Gefahr sehen". Damit liegt, müsste man sagen, die AfD voll im Trend als "Alternative für Deutschland", die das Misstrauen in die Systemmedien und die Altparteien und deren Zusammenhang stärkt.

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