Gesundheitliche Zeitbombe

Nach einem Bericht ist die jetzige Generation der Jugendlichen in Großbritannien fetter, unfruchtbarer und psychisch kränker als jede andere Generation zuvor

Besser als jetzt ist es den Menschen in den reichen Industrieländern trotz wirtschaftlicher Probleme eigentlich nie gegangen. Gleichwohl steht es um die junge Generation, wenn ein Bericht, der eben von der British Medical Association, zutreffen sollte und von Großbritannien auf ganz Europa verallgemeinert werden könnte, nicht zum Besten. Die heutigen Kinder und Jugendlichen würden bald nicht nur die fetteste, sondern auch die unfruchtbarste Generation in der Geschichte der Menschheit werden.

Der Bericht Adolescent Health hat den gesundheitlichen Zustand der britischen Kinder und Jugendlichen im Hinblick auf Ernährung, Sport und Fettleibigkeit, Rauchen, Trinken und Drogenmissbrauch sowie psychische Störungen und Sexualität untersucht. Die Ergebnisse sind beunruhigend - die BMA spricht von einer "potenziellen Zeitbombe" - und wahrscheinlich auch auf andere Industrieländer übertragbar. Die wirklichen, oft kaum mehr revidierbaren Probleme kommen dann erst im Erwachsenenleben:

Junge Menschen in Großbritannien neigen zunehmend dazu, Übergewicht zu haben, sich in Gruppengelagen zu betrinken, mit einer übertragbaren Geschlechtskrankheit infiziert zu sein und unter psychischen Problemen zu leiden.

Allgemein ernähren sich die Jugendlichen nicht richtig (zu viel Fett, Zucker und Salz, zu wenig Früchte und Gemüse). 40 Prozent der Jungen und 60 Prozent der Mädchen bewegen sich zu wenig. Die Folgen sind Übergewicht und Fettleibigkeit, die wiederum später zu erhöhtem Krankheitsrisiko wie Diabetes oder Herzerkrankungen führen. Mindestens ein Fünftel der Jugendlichen sind übergewichtig.

Zwar würden Jugendliche eigentlich jetzt besser Bescheid wissen, was zur gesunden Ernährung notwendig sei, aber sich nicht daran halten, wobei sich allerdings Jugendliche aus reicheren Schichten vielfältiger ernähren als Angehörige der Schicht der gering Verdienenden. Die Autoren sprechen von einer "Ernährungsarmut", die nicht nur vom Lebensstil bedingt ist, sondern vermehrt in Regionen auftritt, die sich als "Lebensmittelwüsten" bezeichnen lassen. Hier haben die Menschen kaum einen Zugang zu gesunden Lebensmittel und oft nicht das Geld und die Motivation, weiter weg zum Einkaufen zu fahren.

Mit dem Rauchen beginnen Jugendliche früher als bislang zu "experimentieren". Über 20 Prozent der 15-Jährigen rauchen regelmäßig mindestens eine Zigarette in der Woche. Mädchen neigen dem Rauchen stärker zu als Jungen. Beim Trinken liegen die britischen Jugendlichen in Europa mit an der Spitze. Im letzten Jahrzehnt habe sich der Alkoholkonsum bei den 11- bis 15-Jährigen verdoppelt. 14 Prozent der 16- bis 19-Jährigen sollen schon Alkoholiker sein. Und auch der Drogenmissbrauch nehme zu, wobei es sich aber vor allem um Marihuana oder um psychoaktive Drogen wie Ecstasy, Amphetamine oder Koakin handelt.

10 Prozent der Jugendlichen sollen an psychischen Störungen leiden, bis zu 20 Prozent sollen vorübergehend psychische Probleme gehabt haben. Auch die Geschlechtskrankheiten würden zunehmen, vornehmlich die Harnwegsinfektion Chlamydia, von der 10 Prozent der jungen Frauen zwischen 16 und 19 Jahren infiziert sind, aber auch Tripper und Syphilis. Chlamydia tritt bei Frauen oft ohne merkliche Symptome auf, kann aber zur Unfruchtbarkeit führen. In Großbritannien werden auch mehr Mädchen unter 20 Jahren schwanger als in anderen europäischen Ländern.

Vivienne Nathanson von der BMA warnt, dass das Verhalten der Jugendlichen "eine außergewöhnliche Bedrohung für eine ganze Generation" darstelle. Die "Gesundheitskrise" betreffe die ganze Gesellschaft. Die Jugendlichen würden im Gesundheitssystem zwischen der Betreuung der Kinder und der von Erwachsenen durchfallen. Man dürfe aber nicht erwarten, dass Jugendlich von sich aus weit in die Zukunft denken.

Russell Viner vom University College Hospital und Mitautor des Berichts bezeichnete den Mangel an Angeboten für Jugendliche als "Skandal" und legte rhetorisch noch einen weiteren Gang ein:

Die nächste Generation wird die unfruchtbarste und fetteste sein, die es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat, und sie könnte auch die schlimmsten psychischen Störungen haben.

Die BMA spricht sich unter anderem für ein Rauchverbot in der Öffentlichkeit und ein Verbot von Werbung für Alkohol aus. Als besonders gefährlich werden die alkoholhaltigen Limonaden bezeichnet. Auch was Werbung und Verkauf von Fast und Snack Food betrifft, werden Werbeverbote erwogen. Gewarnt wird auch vor Medienbildern, die vor allem Mädchen zur Magersucht verführen könnten. Allgemein wird konstatiert, dass die Regierung die großen Einkommens- und Vermögensunterschiede in der Bevölkerung reduzieren müsse, um die Gesundheitslage der Nation zu verbessern. Der wichtigste Grund für schlechte Gesundheit sei Armut. Aber das ist eigentlich nichts Neues. (Florian Rötzer)

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