Gesundheitskluft zwischen Arm und Reich wächst mit zunehmendem Alter der Menschen

In China ist gegenwärtig ein umgekehrter Trend zu beobachten, das könnte mit dem Lebensstil der neuen Reichen zu tun haben

Reiche Menschen können sich nicht nur mehr leisten und ein angenehmeres Leben führen, sie sind normalerweise auch physisch und psychisch gesünder als ärmere Menschen und leben länger. Die "Gesundheitskluft" zwischen den Armen und Reichen wird entsprechend mit zunehmenden Alter größer.

Nach Untersuchungen der Soziologen Feinian Chena und Guangya Liua von der North Carolina State University und Yang Yang von der University of Chicago gibt es auch in China die "Gesundheitskluft", wie sie in den USA vorliegt. Allerdings unterscheiden sich die kapitalistischen USA, wie die Soziologen in der Zeitschrift American Sociological Review schreiben, von China in einem interessanten Punkt. Hier wird die Kluft mit zunehmendem Alter zwischen reicheren und ärmeren Schichten in neuerer Zeit kleiner.

Für ihre Analyse werteten die Wissenschaftler eine Langzeitstudie aus, für die medizinische Daten von über 7.400 Erwachsenen aus neun Provinzen während einer Zeitspanne von 13 Jahren (1991-2004) gesammelt wurden. Danach ist es so, dass die Gesundheitskluft zwischen den niedrigen und hohen sozioökonomischen sowie zwischen den geringer und den höher ausgebildeten Schichten insgesamt mit zunehmendem Alter ebenso wie in den USA ansteigt. Das verdankt sich den addierenden (kumulativen) Benachteiligungen der Ärmeren, die die medizinische Versorgung weniger nutzen können, sich oft schlechter ernähren, einer stärker gesundheitsbelastenden Arbeit nachgehen müssen oder anderen, die Gesundheit und die Lebenserwartung beeinträchtigenden Faktoren ausgesetzt sind. Die Menschen, die in den chinesischen Städten leben, sind zudem insgesamt gesünder als die Menschen vom Land, eine ebensolche Kluft gibt es zwischen den reichsten Provinzen (Shandong und Jiangsu) und den ärmsten (Guizhou and Guangxi).

Während der letzten Generationen, bei den zwischen 1961 und 1970 Geborenen, ist der Abstand jedoch von Generation zu Generation geschrumpft, während dies in den USA – und in den anderen Industrieländern - genau umgekehrt ist. Die Ursachen für den gegenteiligen Trend in China sind nicht bekannt, die Soziologen vermuten, dass dies mit den sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten 20 Jahre zusammenhängt, in denen durch die Öffnung des Marktes ein enormes Wirtschaftswachstum erzielt werden konnte, das auch die Lebensbedingungen und den Zugang zur medizinischen Versorgung für breite Schichten verbesserte, obgleich die Einkommensungleichheit seit den 80er Jahren rasant angestiegen ist – vor allem zwischen der städtischen und der ländlichen Bevölkerung. Die Lebenserwartung lag 1950 noch bei 41 Jahren, 1980 bereits bei 66 Jahren. Ein enormer Anstieg. Die Kommunisten hatten die vor der Revolution bestehende Kluft zwischen Arm und Reich verringert, das Gesundheitssystem aus- und die Gesundheitskluft abgebaut. So wurden Massenimpfprogramme durchgeführt, die Hygiene verbessert oder die "Barfußärzte" eingeführt. Mit der marktwirtschaftlichen Öffnung war auch das Gesundheitssystem stark durch Privatisierung und zurückgehende staatliche Gelder eingebrochen – besonders betroffen davon war auch wieder die Landbevölkerung.

Als einen Grund, der den Unterschied zwischen China und den USA mit erklären könnte, nennen die Soziologen, dass die reicheren Schichten, die in China erst seit kurzem nach marktwirtschaftlichen Öffnung in den 80er Jahren entstanden sind, auch ein anderes Konsumverhalten und einen anderen Lebensstil haben als die reichen Schichten in den Industrieländern. So steigt der Alkohol- und Nikotinkonsum in China gegenwärtig noch mit dem sozioökonomischen Status an. Die Reicheren essen auch fetter und nehmen mehr Zucker zu sich, weil sie sich dies auch eher leisten können. Daher könnte die abnehmende Gesundheitskluft auch deswegen nur ein vorübergehendes Phänomen sein, weil die Reichen zunächst den Konsum nachholen und zur Schau stellen, während die Reicheren in den Industrieländern gemeinhin stärker als die Ärmeren auf ihre Gesundheit achten, sich mehr bewegen, sich besser ernähren etc.

Daher könnte und dürfte sich der Trend auch schnell wieder umkehren, wenn beispielsweise der gesellschaftliche Wohlstand nicht an die Gesamtbevölkerung weiter gegeben wird, das Wirtschaftswachstum abflaut, die staatlichen Sozialsysteme nicht weiter ausgebaut werden, die Grenzen zwischen den Klassen undurchlässiger werden und sich eine gehobene Mittelschicht und Oberschicht ausgeprägt hat. Es sei gut möglich, so die Soziologen, dass sich der Trend bereits umgekehrt hat, weil sich der Staat immer weiter aus dem Gesundheitssystem zurückzieht. Da Daten über die jüngsten Generationen fehlen, ließ sich dies aber noch nicht untersuchen. (Florian Rötzer)

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