Gewalt gegen Journalisten: "Dann werden wir alle Waffen dabei haben"

"Das Mädchen mit dem Kopftuch" - Journalisten mit dem Leben bedroht

Die Insel Lesbos ist die griechische Grenzinsel, auf der wegen des EU-Türkei-Deals unter inhumanen Bedingungen die meisten Flüchtlinge und Immigranten festsitzen. Zahlreiche Bürger haben mit diesem Zustand Probleme. Die einen stört die Präsenz der Flüchtlinge, die anderen missbilligen die Lager wegen der dort herrschenden Zustände.

Beide Gruppen liefern sich zahlreiche Auseinandersetzungen. In diesem Zusammenhang kam es bereits mehrfach zu Angriffen auf Journalisten, die von Demonstrationen der einen oder anderen Seite berichteten. Die Journalisten erhielten nach der Veröffentlichung von Berichten zahlreiche Drohbriefe aus dem nationalistischen und dem rechtsextremen Lager. Tätliche Übergriffe sind keine Seltenheit.

Örtliche, der Nea Dimokratia nahe stehende Lokalpolitiker verbrüdern sich in der Hetze gegen Flüchtlinge mit Anhängern der Goldenen Morgenröte. Im Mai 2019 stehen Kommunal- und Regionalwahlen an. Ausländerfeindliche Äußerungen gibt es auch von den lokalen Parlamentariern der zur Europäischen Volkspartei gehörenden Nea Dimokratia. Die Grenzen zwischen den konservativen und rechtsradikalen Bürgern auf der Insel sind hinsichtlich der Rhetorik gegenüber Flüchtlingen fließend.

Das sich immer weiter aufheizende politische Klima auf der Insel erreichte vor wenigen Wochen einen traurigen Höhepunkt als eine Gruppe von Rechtsradikalen vor einer Kirche ein neunjähriges Mädchen angriff und schlug. Das "Vergehen" des Kindes war, dass sie ein Kopftuch anhatte und von den Rechtsradikalen für eine Muslima gehalten wurde. Tatsächlich handelt es sich bei dem Mädchen um eine Griechin, was dem rassistisch motivierten, verabscheuungswürdigen Angriff eine neue Dimension gibt.

Der Vorfall landete in den Berichten lokaler und landesweit publizierender Journalisten aus Presse und Fernsehen. Die Kollegen fanden für die Täter keinerlei gute Worte, was wiederum von deren Gesinnungsgenossen nicht goutiert wurde.

In der Folgezeit wurden alle Journalisten, die über den Vorfall berichtet hatten, in Leib und Leben und hinsichtlich des Wohls ihrer Familienangehörigen bedroht. Es blieb nicht nur bei verbalen Attacken. Nach zahlreichen körperlichen Übergriffen entschlossen sich die Journalisten samt der Mitarbeiter in Pressebetrieben zum Streik am 13. September. Sie fordern die Politik auf, dem gefährlichen Treiben rechtsradikaler Gruppen endlich Einhalt zu gebieten.

Die Politik hat jedoch noch ein weiteres Problem, ihre eigenen Ordnungshüter. Als wäre die Situation in Thessaloniki nicht ohnehin bereits explosiv genug gewesen, sahen sich einige Athener Polizisten bemüßigt, ihren Rassismus gegenüber den Bewohnern Thessalonikis Ausdruck zu verleihen. Während die Bereitschaftspolizei einer Gruppe von friedlich auftretenden Nationalisten gegenüber stand, entschlossen sich die Polizisten selbst Ausschreitungen zu provozieren.

Sie riefen den Nordgriechen "Bulgaren, Bulgaren, Bulgaren!" zu. Diese verächtlich benutzte Bezeichnung von Nordgriechen als Bulgaren treibt vor allem nationalbewussten Bürgern die Zornesröte ins Gesicht. Ein Journalist zeichnete den Vorfall mit seiner Kamera auf.

Provokationen gegen Demonstranten sind bei einigen Polizisten ein beliebtes Mittel, um ihrem Einsatz etwas mehr Abenteuer zu verschaffen. Ihr oft brutales Vorgehen gegen Pressevertreter und ihre Teilnahmslosigkeit gegenüber Vorfällen, bei denen Journalisten vor ihren Augen angegriffen werden, lässt sich damit erklären, dass Veröffentlichungen über derartige Provokationen für die ertappten Beamten durchaus Konsequenzen haben können.

Die betreffenden Polizisten wurden nach ihrer Rückkehr nach Athen festgenommen, und müssen sich nun vor Gericht verantworten.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Leserkommentare in griechischen Onlineportalen. Für die mit einer Schusswaffe bedrohten Fotoreporter hatten Leser in der rechtspopulistischen Online-Publikation Proto Thema kein Mitgefühl.

Schließlich sei einer von ihnen Angestellter der staatlichen Nachrichtenagentur Athens News Agency / Macedonian News Agency meinte einer der Kommentatoren. Damit sei er als Angestellter der Regierung ein zu Recht bedrohtes Sprachrohr des verhassten Premierministers. Bei Berichten über die Vorfälle auf Lesbos lassen sich zahlreiche den Gewalttaten zustimmende Kommentare finden.

Es ist offensichtlich, dass die Angriffe auf Journalisten im Land nicht ein auf diese Berufsgruppe beschränktes Phänomen ist. Der Gesellschaft im Land droht die Spaltung. Die Rolle der Politik, die nun der Geister die sie selbst rief, nicht Herr werden kann, ist der Kern des Problems. (Wassilis Aswestopoulos)

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