Gewalt und Drohungen gegen christliche Flüchtlinge

Erstaufnahmeeinrichtung - Zeltlager Jenfelder Moorpark in Hamburg-Jenfeld im Juli 2015. Bild: An-d/CC BY-SA 3.0

Die christliche Hilfsorganisation Open Doors schlägt Alarm: In Aufnahmeeinrichtungen würden christliche Flüchtlinge von muslimischen Flüchtlingen und Sicherheitspersonal drangsaliert und bedroht

Am häufigsten werden Beleidigungen genannt, von 96 Personen. Dann Körperverletzungen, von 86 Personen. Schließlich auch Todesdrohungen (73 Personen). Die Schilderungen der Drangsale umfasst Spucken, Beleidigungen wie "Hure", Beiseitedrängen bei der Essensausgabe, Schläge, Schubsen, andere körperliche Übergriffe ("Herabreißen von Anhängern mit einem Kreuz") und auch sexuelle Belästigung. Beklagt werden Diebstahl von Essen, aber auch von Fahrrädern, Schikanen durch Wecken in frühesten Morgenstunden mit einem überlauten Muezzinruf, Dauerbeschallung durch laute religiöse Musik und/oder Gebete. "Drei von vier Befragten berichteten von mehrfachen Übergriffen."

Das alles zusammen ergebe ein Klima der "Angst und Panik" unter den christlichen Flüchtlingen, die zusammen mit muslimischen Flüchtlingen in Aufnahmeeinrichtungen untergebracht sind, sagt Markus Rode. Rode ist Geschäftsführer des christlichen Hilfswerks Open Doors. (Anm. d. Redaktion: Rode ist nicht, wie hier irrtümlich stand, Mitglied der Unionsfraktion, vielmehr ist er auf der Fraktions-Webseite als Referent aufgeführt). Die eingangs erwähnten Zahlen stammen aus einer Open-Doors-Studie zu "religiös motivierten Übergriffen gegen christliche Flüchtlinge in Deutschland".

Zwei Thesen sind damit verbunden: Aggressionen gegen christliche Flüchtlinge sind keine Einzelfälle und damit keine Ausnahmeerscheinungen. Die zweite Annahme baut darauf auf: Es handle sich um einen Konflikt, der von den Herkunftsländern nach Deutschland gebracht wird. Die Politik sollte besser für die christlichen Schutzbedürftigen sorgen, so die Überschrift zu einer Reihe von Forderungen an Politiker.

Es sind insgesamt 231 Flüchtlinge, die in unterschiedlichen Aufnahmezentren (die meisten in Berlin) bis zum 15. April 2016 einen 5-seitigen Fragebogen beantwortet haben, der in der Studie einzusehen ist. Die meisten Befragten kommen aus Iran, aus Afghanistan und Syrien. Überwiegend sind es junge Männer.

Auffallend ist der enorm hohe Anteil von Konvertiten, nämlich 86 Prozent. Und etwas überraschend ist auch, dass Schikanen auch von den Wachmannschaften gemeldet wurden, die nach Angaben der Organisation die ihre Stellen zu einem hohen Anteil mit muslimischen Mitarbeitern besetzen. Daran sind einige Spannungsfelder abzulesen, die in die Studie mit hineingespielt haben. Es heißt, dass es engagiertes Eingehen gebraucht habe und häufig Übersetzer, damit die Fragebögen ausgefüllt werden konnten.

Verwiesen wird in der Studie auch auf die Dunkelziffer der sexuellen Übergriffe. Hier würde oft der Mut zur Anzeige fehlen. Zumal auf einige Anzeigen mit Gegenanzeigen reagiert wurde. Dies gehört zum Kontext der Studie, die Einschüchterung - ein "Klima der Angst" - hervorhebt.

Kritiker von Open Doors werfen der Hilfsorganisation, die bekannt ist für ihren Weltverfolgungsindex, fragwürdige Methoden bei der Erstellung eben dieses Index vor. Man könnte dies mit einem missionarischen Überengagement umschreiben, die Kritik selbst geht schärfer vor (siehe Wie Christen zur meist verfolgten Glaubensgruppe gemacht wurden). Die Frage wäre, warum finden sich so viele konvertierte Christen unter den Befragten?

Weil sie besonders schutzbedürftig sind in einer muslimischen Umgebung, ist in der Studie zu lesen, mit Verweisen darauf, dass christliche Konvertiten in ihren Herkunftsländern Iran, Afghanistan oder auch Pakistan existentiell bedroht sind. Dass es dort auch zu Todesurteilen kommen kann, ist bekannt. Erklärt dies dann auch die besonders hohe Zahl von Konvertiten unter den Flüchtlingen?

Ihre Vulnerabilität und besondere Schutzbedürftigkeit ist viel zu wenig bekannt. Deshalb wurde im Rahmen des Fragebogens auch nach dem christlichen Hintergrund gefragt. 69% der zum christlichen Glauben konvertierten Betroffenen stammen aus dem Iran, knapp 13% aus Afghanistan und fast 5% aus Syrien. Gerade die beiden erstgenannten Länder befinden sich seit vielen Jahren unter den ersten zehn Ländern des jährlich von Open Doors veröffentlichten Weltverfolgungsindex. Afghanistan steht hier für das Jahr 2016 auf Platz 4, der Iran auf Platz 9.

Nachdenklich stimmt auch die Zahl, die in der Studie selbst nicht erwähnt wird, aber bei der Präsentation der Studie genannt wurde und dann den Titel eines FAZ-Berichts darüber prägte:

Nach Einschätzung von Volker Baumann von der Aktion für verfolgte Christen und Notleidende (AVC) werden in Deutschland bis zu 40.000 Flüchtlinge aufgrund ihrer religiösen Überzeugung drangsaliert.

FAZ

Wie Volker Baumann zu dieser bedeutend hohen Zahl kam, ist nicht bekannt. Der FAZ-Bericht führt dies nicht weiter aus. In einem Bericht der Huffington Post zur Pressekonferenz wird Baumann mit der Schätzung "einer Dunkelziffer von etwa 10.000 Menschen, die in Flüchtlingsheimen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit Übergriffe erleiden würden" wiedergegeben.

Das Thema hat Brisanz, wie die allein schon die tausend Kommentare unter dem FAZ-Artikel aufzeigen. Dass mit Flüchtlingen konfessionelle Streitigkeiten, die in Gewalt ausarten, aus Nahost-Ländern nach Deutschland gebracht werden, ist ein Thema, mit dem viel böses Blut in Wallung gebracht werden kann. Ganz besonders, wenn die Opfer als Christen ausgewiesen werden (Einfügung: und diese Rolle ohne jede weitere Hinterfragung festgesetzt wird. Sind Christen nur harmlose Opfer?) Das ist Zündstoff genug, die hohen Zahlen, mit denen Aufmerksamkeit erregt wird, sollten da schon gedeckt sein, bzw. "belastbar". Geht es um Agitation oder geht es um Aufklärung?

Die Vorwürfe aber so vom Tisch zu wischen, wie dies Lageso-Pressesprecher Langenbach exemplarisch im Januar vorführte, als er von pauschalen Vorwürfen gegen die Security sprach, erscheint, um seine Worte zu gebrauchen, als "zu kurz gegriffen". Hier sind andere Einfälle gefragt als das bloße Abdrängen lästiger Fragen. Auch wenn die Studie deutlich einseitig ist.

Open Doors sowie die christlichen Organisationen und Menschenrechtsorganisationen, die sich der Sache anschließen, fordern, dass christliche Flüchtlinge in Aufnahmeeinrichtungen nicht mehr als Minderheit muslimischen Flüchtlingen gegenüberstehen, entweder indem sie mit anderen Minderheiten zusammen untergebracht werden, so dass muslimische Flüchtlinge nicht mehr in der Mehrheit sind, oder durch getrennte Unterbringungen, Christen hier und Muslime dort. Auch das hat seine Tücken.

Anzeige