Gewalt und Vertreibung sind die Geburtsmale des Kapitalismus

Beer Street and Gin Lane, von William Hogarth 1751. Bild: Public Domain

Kleines Marx-Lexikon - Folge 5

In dieser Folge: Ursprüngliche Akkumulation / Gewalt / Expropriation der Expropriateure

Das 24. Kapitel am Ende des ersten Bandes des 'Kapital' fällt scheinbar aus dem Rahmen. Es bedurfte langer Vorbereitung, die Bewegungsgesetze des Kapitals logisch zu durchdringen, bevor Marx sich an die Vorgeschichte des Kapitalismus wagt. Die wurde "mit Blut und Feuer" geschrieben. Die Entwicklung wurde von geradezu räuberischen Interessen geleitet, verlief aber ungeplant, spontan. Ende des 15. Jahrhunderts setzte in England die Expropriation der Bauern von ihren Parzellen und die Einhegung des Gemeindelandes ein. Der Anstoß war ganz harmlos und kam von außen. Flandrische Wollmanufakturen machten es für den englischen Landadel lohnend, Acker- und auch Waldland in Schafweiden zu verwandeln.

Überkommene Rechtstitel, wonach die Bauern Anspruch auf Miteigentümerschaft am Boden oder auf Teile desselben hatten, galten nichts mehr. Hinzu kam die von Machtkämpfen und Ränken bestimmte die Aneignung der Staatsdomänen sowie der bis dahin feudal verfassten Kirchengüter und die Vertreibung der Einwohner. Feudale Gefolgschaften wurden aufgelöst.

Der Raub der Kirchengüter, die fraudulente (betrügerische) Veräußerung der Staatsdomänen, der Diebstahl des Gemeindeeigentums, die usurpatorische und mit rücksichtslosem Terrorismus vollzogene Verwandlung von feudalem und Claneigentum in modernes Privateigentum, es waren ebenso viele idyllische Methoden der ursprünglichen Akkumulation. Sie eroberten das Feld für die kapitalistische Agrikultur, einverleibten den Grund und Boden dem Kapital und schufen der städtischen Industrie die nötige Zufuhr von vogelfreiem Proletariat.

(MEW 23/760f.)

Ein innerer Markt bildete sich heraus: Sofern Bauern und kleine Pächter auf dem Land verblieben, waren sie nun gezwungen, Rohstoffe (wie Saatgut), Arbeits- und Lebensmittel zu steigenden Preisen zu kaufen. Sie verelendeten wieder, aber nicht mehr wie im Feudalismus, sondern als formell Freie. Was Marx hier beschreibt, wird heute haargenau in der Debatte über das Agieren von 'Monsanto' in unterentwickelten Ländern aufgegriffen.

Der Rest, die "Freigesetzten", wurde massenweise auf den städtischen Arbeitsmarkt geschleudert - den es noch gar nicht gab. Manufakturen waren erst in der Entwicklung begriffen. Dies ist ein Indiz für die asymmetrische Entwicklung zum modernen Kapitalismus. Die vogelfreie Masse wurde zur "industriellen Reservearmee", gebrandmarkt durch den Vorwurf des "selbstverschuldeten Pauperismus". Die Vertriebenen wurden Bettler, Räuber und Vagabunden und wurden zugleich als Herumlungernde bestraft mit Foltern wie im Mittelalter, sogar mit Hinrichtung.

Die relative Übervölkerung erzeugte den Druck, aus dem es kein Entkommen gab. Diese Passagen lesen sich dramatisch. Das massenhafte Elend durch "Pauperisierung" hielt sich bis ins 19. Jahrhundert und länger. Charles Dickens beschrieb Kinderarbeit und Armen- bzw. Arbeitshäuser in "Oliver Twist". Armutsmigration nimmt heute wieder zu. In entwickelten Ländern ist Armut mit Makel behaftet. In Dresden wurde gerade Kindern und ihrer Begleitung das Betteln verboten. Man will das Feld nicht der AfD überlassen.

Die "ursprüngliche Akkumulation" könnte mit der Frage umschrieben werden: Wo kommt das erste Kapital her, woher der erste Kapitalist? Die Frage ist falsch. Der erste Kapitalist ist ebenso eine Fiktion wie Crusoes Robinson, und das produktive moderne Kapital bildete sich über Jahrhunderte aus verschiedensten Elementen, die ungleichzeitig und isoliert voneinander bestanden und in dem Maße in einen größeren Zusammenhang gebracht wurden, wie sie reproduktionsfähige Handelsartikel wurden.

Marx nennt eine Fülle von Elementen und Vorbedingungen: die Entwicklung großer "Kapital"-Pächter auf dem Lande, Flachspinnerei, die in Manufakturen zusammengefasst wird, Baumwollproduktion, die den Sklavenhandel begünstigt, aber auch das von seinen feudalen Schranken befreite Wucher- und Kaufmannskapital sowie die Ausbeutung der Gold- und Silberländer.

Kolonialsystem, Staatsschulden, Steuerwucht, Protektion, Handelskriege usw., diese Sprösslinge der eigentlichen Manufakturperiode, schwellen riesenhaft während der Kinderperiode der großen Industrie.

(MEW 23/785)

Entscheidend ist, dass diese Veränderungen in der "Zirkulationssphäre", in der Sphäre des Handelskapitals vermittelt werden. Die Zusammenführung der zuvor isolierten Elemente ist zufällig und formell. Dann aber gehen die Veränderungen in die Produktionssphäre über. Die "Suprematie" liegt nun beim produktiven Kapital, und aus besonderen Tätigkeiten ist "abstrakt gesellschaftliche Arbeit" geworden mit ihrer Eigenschaft, Mehrwert zu schaffen. Davon wird die Zirkulationssphäre abhängig. Aber auch der Wert der Grundrente ist aus jenem Mehrwert abzuleiten.

Im zweiten und im vierten Band des "Kapital", der fragmentarisch geblieben ist, schlägt sich Marx mit Dutzenden von Theorien herum, die entweder aus der Zirkulation oder aus dem Grund und Boden einen genuinen Wert, unabhängig von der Arbeit, herauskitzeln wollen. Solche Theorien hielten sich bis ins 20. Jahrhundert mit der Illusion, die Übel des Kapitalismus beseitigt zu haben, wenn die Grundrente abgeschafft wird. Landkommunen, angefangen mit der Obstbaukolonie "Eden" bei Berlin, bauten und bauen auf solche Illusionen.

These:
Einhegungen, Enteignungen, Vertreibungen einerseits und andererseits die Schaffung globaler Märkte, die ungleichzeitige Produktionsbedingungen angleichen, sind die Vorbedingung des "produktiven" Kapitals.

Historiker erklären die Werke der vorhergehenden Historikergeneration gerne für überholt, weil nur der jeweils neuste Paradigmenwechsel zählt. Die Qualitäten von Marx als Historiker liegen jedoch darin, dass er aus der Analyse des Kapitalismus, aus der realen und gegenwärtigen Entfremdung rückwirkend auf die Vorbedingungen schließt, die nur aus Expropriation und Vertreibung bestehen können. Am Anfang der Geschichte steht nicht "Eden", sondern Vertreibung und Gewalt, die zunächst außerökonomisch ist. "Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht." (MEW 23/779) Sie wird zu einer ökonomischen Potenz. Das könnte auch den ersten Satz des "Kommunistischen Manifestes" erklären: "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen."

Gewalt wird zur ökonomischen Potenz.

Am Ende des 24. Kapitels schreibt Marx:

Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigene (bäuerliche und handwerkliche) Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation. Es ist die Negation der Negation.

(MEW 23/791)

Diese künftige Produktionsweise stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle - gleichsam zur Persönlichkeit gehörende - Eigentum auf Grundlage der Kooperation und des Gemeinbesitzes am Boden und den Produktionsmitteln. Ging es bei der ursprünglichen Akkumulation um "die Expropriation der Volksmasse durch wenige Usurpatoren, handelt es sich (hier) um die Expropriation weniger Usurpatoren durch die Volksmasse." (MEW 23/791)

Enclosure (Einhegung) in Schottland. Bild: Chris Wimbush / CC-BY-SA-3.0

Mit dialektischer Leichtigkeit hat Marx den Übergang in eine kommunistische Gesellschaft vorgezeichnet. Es ist keine Rückkehr zur Parzellierung, sondern im Gegenteil hat der Kapitalismus mit der Entwicklung der Produktivkräfte bereits den "gesellschaftlichen Produktionsbetrieb" geschaffen, den die Arbeiterklasse, nachdem sie ihn als ihren eigenen erkannt hat, nur noch anzueignen braucht. Marx weiß selbst, dass es so einfach nicht ist.

Die Revolution als Negation der Negation

Akkumulation, ursprüngliche (Teil 5) / Ausbeutung (Teil 2) / Bonaparte (Teil 3) / Bonapartismus (Teil 3) / Charaktermaske (Teil 1) / Diktatur des Proletariats (Teil 6) / Entfremdung (Teil 2) / Expropriation der Expropriateure (Teil 5) / Fetisch (Teil 1) / Gewalt (Teil 5) / Hegel (Teil 4) / Holzdiebstahl (Teil 1) / Ideologie (Teil 4) / Judenfrage (Teil 4) / Kolonialismus (Teil 8) / Kommunismus (Teil 6) / Lumpenproletariat (Teil 3) / Obschtschina (Teil 8) / Pariser Kommune (Teil 6) / Pariser Manuskripte (Teil 2) / Philosophie (Teil 4) / Stundenzetteltheorie (Teil 7) / Tanz (Teil 8) / Tisch (Teil 1) / Utopischer Sozialismus (Teil 7) / Wert (Teil 2).

(Bernhard Wiens)

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