Gewaltaktionen in Athen

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Anarchistische Gruppen in Griechenland: Selbstjustiz oder Aktivismus?

"Rouvikonas", so nennt sich eine anarchistische Aktivistengruppe, die in Griechenland als eine Art moderner Robin Hood auftritt. Rouvikonas Mitglieder stürmten vor einigen Wochen in den Vorhof des Parlamentes und hissten Protestplakate. Sie blockierten, wie andere Gruppen auch, Versteigerungen.

Weil der Sozialversicherer IKA einer 62-jährigen arbeitslosen Näherin wegen ausstehenden Sozialversicherungsbeträgen sämtliche Besitztümer pfänden will, stürmte Rouvikonas in die Versicherungszentrale. Der Frau droht Obdachlosigkeit, ihre auf Pump gekaufte vierzig Quadratmeter große Wohnung gehört zur Pfändungsmasse, obwohl auch die Bank noch ihr Geld will und erhält.

"Finger weg von den Wohnungen der Witwen", schrien die Aktivisten in einem Video vom Vorfall, das sie selbst veröffentlichten. Rouvikonas stürmte auch in die spanische Botschaft, um gegen die übermäßige Polizeigewalt gegen katalonische Separatisten zu protestieren. Rouvikonas, der griechische Name des Rubikon, wurde in Griechenland zum Synonym für Aktivismus gegen als ungerecht empfundene Maßnahmen. Die Gruppe trat nahezu zeitgleich mit dem Aufstieg Tsipras zum Regierungschef auf.

Erste Aktionen nach dem Wahlsieg von Alexis Tsipras im Januar 2015 galten der Regierungspartei Syriza selbst. Die Zentrale der Partei wurde besetzt, weil den Aktivisten die Verzögerung hinsichtlich der Gesetzgebung zur Lockerung des Schicksals politischer Häftlinge als nicht entschuldbar galten. Allerdings ist der Antiterrorparagraph 189A, der zum Beispiel Anarchisten bei kleinsten Vergehen, wie Verstößen gegen Versammlungsverbote, jahrelange Haftstrafen bescheren kann, immer noch in Kraft.

Rouvikonas patrouillierte am zentralen Platz von Exarchia und machte Drogenhändlern das Leben schwer. Diese ließen sich nicht so einfach vertreiben. Sie lauerten Anarchisten auf und stachen mit Messern zu. Daraufhin paradierte Rouvikonas als Schutz eines nächtlichen Demonstrationszuges mit gezückten Schusswaffen durch die Straßen. Ob es sich um echte Pistolen oder Imitate handelte, konnte nie wirklich geklärt werden.

Lange blieb der Staatsapparat trotz der restriktiven Gesetze gegenüber Rouvikonas wohlwollend. Die Parlamentsstürmung hatte zwar eine kurze Festnahme zur Folge. Auf ministerielle Anordnung wurden die Aktivisten jedoch umgehend wieder zum Ort der Festnahme gefahren und dort frei gelassen. "Die Polizei wird zum Taxi-Dienst für Terroristen verdonnert", hetzt die konservative Opposition der Nea Dimokratia.

"Das sind legale Taten des Aktivismus", hallte es aus dem Regierungslager regelmäßig zurück. Viele Bürger empfanden und empfinden Sympathie für die anarchistische Gruppe. Diese scheut nicht davor zurück in Zeitungsverlage zu stürmen, wenn die Veröffentlichungen der Medien rassistisch oder populistisch sind.

Mit dem Burgfrieden scheint es nun vorbei zu sein. Der Oberstaatsanwältin des Areopags, Xenia Dimitriou, hat am Donnerstag ein Ermittlungsverfahren gegen Rouvikonas und sämtliche übrige Verantwortlichen wegen der neuesten Aktion der nach Ansicht von Kritikern selbst ernannten Rächer eingeleitet.

Rouvikonasmitglieder waren am Mittwoch am helllichten Tag und ohne jegliche Vermummung in Athens größtes Krankenhaus eingedrungen. Dort suchten sie das Büro des Chefarztes für Kardiologie auf. Dem um seine Contenance ringenden Mann warfen sie vor, dass er die Not von Patienten ausnutzen würde.

In einem von Rouvikonas veröffentlichten Video ist zu sehen, wie der Arzt versucht, das Wort zu ergreifen. Die Aktivisten verbieten ihm zu sprechen. Sie weisen ihn vielmehr darauf hin, dass sie Kenntnis darüber erlangt haben, dass der Mediziner Kassenpatienten ein Fakelaki - vulgo Schmiergeld - abpressen würde, und ansonsten lebenswichtige Operationen verweigern soll.

"Wenn das noch einmal vorkommt, werden wir Deinen Namen samt Foto überall, auch in der Klinik veröffentlichen. Wir werden Deine Hände brechen. Wenn es noch einmal vorkommt, warten wir vor Deinem Haus auf Dich und schlagen Dir den Schädel ein. Solltest Du es wagen, uns anzuzeigen, dann gehen wir ins Gefängnis und kommen aber wieder raus. Dann schlagen wir Dir den Schädel noch einmal ein", belehrten sie den Arzt. "Wer seid ihr", stammelte dieser. "Rouvikonas", gab es als Antwort.

Die Nea Dimokratia spricht von Gewaltandrohung, Selbstjustiz und Terrorismus. Die Klinikleitung gibt sich ahnungslos. Nie habe es Berichte über Fakelaki im Zusammenhang mit dem seit drei Jahrzehnten im Haus tätigen Arzt gegeben, heißt es.

Wer Griechenland kennt, geht dagegen meist davon aus, dass in der Regel in Krankenhäusern diese inhumane Art der Erpressung mit dem Wohl der Patienten eher die Regel als die Ausnahme ist. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Es gibt in der Medizinwelt des Landes auch im achten Jahr der Krise immer noch Ärzte, die Fakelaki einfordern. Zahlreichen, zu Monatslöhnen von knapp 1.500 Euro in Achtzigstundenwochen um das Leben ihrer Patienten ringenden Ärzten steht eine Gruppe wohlsituierter und vernetzter, korrupter Mediziner gegenüber.

2014 wurde jedenfalls im Krankenhaus Evangelismos ein leitender Kardiochirurg erwischt, als er 1.500 Euro in einem erpressten Fakelaki entgegennahm. Es gab zudem Anschuldigungen, dass der Mediziner Wochen zuvor von einem schwerkranken Rentner aus Evia 2.000 Euro erpresst hatte.

Seinerzeit berichteten auch dem politischen Zentrum nahestehende Medien, dass die Fakelaki-Erpressungen des Arztes unter den Kollegen durchaus als offenes Geheimnis kursierten. Heute behauptet die Klinikleitung, dass interne Schutzmechanismen dies wirkungsvoll unterbinden würden.

In Privatgesprächen im Supermarkt hört man deshalb oft ein "gut gemacht" als Kommentar zur Aktion. Zweifler fürchten dagegen eine vollständige Auflösung der Gesellschaft und einen Weg in die Selbstjustiz, der dann dem Recht des Stärkeren folgt.

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