Gewaltige Explosion in Beirut: 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat als Ursache?

SCreenshot, Video/Twitter/Gino Raidy

"Mindestens" 100 Tote und 4000 Verletzte. Erste Spuren führen die Katastrophe auf eine riskante Lagerung der Chemikalie zurück, die sich seit 2014 in einem Gebäude am Hafen befunden haben soll

Die Explosion gestern Nachmittag in Beirut wird mit einem Erdbeben verglichen, so gewaltig war sie. Mittlerweile kursieren viele Bilder und Videos, die die Katastrophe aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen. In einer weit verbreiteten Aufnahme ist eine große Rauchsäule an einem Gebäude am Meer zu sehen, feuerwerksgleiche Blitze im Rauch, Feuer und dann eine gigantische Explosion.

Die bisherige Bilanz sind über 70 Tote und mehr als 3000 Verletzte (am Mittwochvormittag wurden dann noch höhere Zahlen gemeldet: "mindestens 100 Tote und 4.000 Verletzte") Die französische Zeitung L'Orient Le Jour, die in Beirut erscheint, berichtet von einem Katastrophengebiet in den Vierteln, die an den Hafen grenzen. Genannt werden Teile der Innenstadt, die Viertel "Saïfi, Gemmayzé, Achrafieh, Mar Mikhaël, Bourj Hammoud und Dora". Die Druckwelle hätte Mauern weggerissen, von Gebäuden mit viel Glas seien nur mehr Strukturen übrig, "überall auf den Bürgersteigen, in den Trümmern, verwundete Menschen".

Berichtet wird an anderer Stelle von S&P Global, dass Getreidesilos im Hafen von der Explosion zerstört worden sind, allerdings mit der Einschränkung, dass man davon ausgehe, "dass zum Zeitpunkt der Explosion keine großen Mengen an Getreide in den Depots lagerten".

Bezeichnend an der Nachricht ist, dass sie auf einen empfindlichen Punkt verweist - die augenblicklich schwierige Versorgungslage im Land -, und zugleich wenig Genaues berichten kann. Die Lage in Beirut war schon vor der gigantischen Explosion erschütternd. Es häuften sich Meldungen über Hunger und Armut in der Stadt, die lange "Paris des Ostens" hieß und oberflächlich für Glamour und Luxus bekannt war - bis zur "Bankenkrise", die für eine Armutswelle sorgt, die ihresgleichen sucht.

Bislang ist noch nichts Verlässliches über die Ursache der gewaltigen Explosion bekannt, aber doch viele Indizien, die auf die Explosion einer großen Menge von gelagertem Ammoniumnitrat hinweisen. Ein terroristischer Anschlag, der anhand der Spannungen im Libanon durchaus vorstellbar ist, wird bislang als wenig wahrscheinlich gewertet.

Stattdessen wird auf eine ungeheure Nachlässigkeit - und Korruption - als wahrscheinliche Gründe für die Explosion verwiesen: In einem Gebäude am Hafen in Beirut sollen große Mengen von Ammoniumnitrat gelagert worden sein. Es kursiert die Angabe von 2.750 Tonnen. (Für seinen Anschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City im Jahr 1995 mit 195 Toten soll Timothy McVeigh 2,4 Tonnen Ammoniumnitrat verwendet haben.) Zum "Nitropril", das auf Säcken des mutmaßlichen Lagers zu erkennen ist, siehe die Experteneinschätzung über die Sprengkraft hier (mehr zur Charakteristik der Explosion hier).

Laut Informationen, die vom Libanon- und Syrienkenner Ehsani2 weitergegeben werden, soll sich die Ladung schon seit Herbst 2014 (!) im Hafen von Beirut befinden, von einem obskuren Schiff gebracht und dort eingelagert - im Wissen darüber, wie gefährlich die Angelegenheit ist - ein kaum vorstellbarer Leichtsinn, gepaart höchstwahrscheinlich mit Korruption. Aber eine kaum vorstellbare, irrsinnige Leichtsinnigkeit plus Korruptheit prägte auch die Entwicklung der Bankenkrise.

Verursacht wurde sie von Teilen der herrschenden politischen Elite, die gerade versucht, ihren eigenen Schaden zu begrenzen. Demgegenüber befindet sich das gesamte Land in einer Krise, die es an den Rand eines failed state gebracht hat. (Thomas Pany)