Gewaltkonsum stumpft ab

An mediale Gewaltdarstellungen gewöhnen sich Heranwachsende genauso wie an schlechtes Wetter oder das TV-Programm von RTL 2

Der Vorwurf, dass regelmäßiger Konsum virtueller Gewalt Kinder zu tatsächlichen Gewaltverbrechern erziehe, ist Kern jeder Diskussion um Jugendschutz und Computerspiele - und muss auch immer wieder dazu herhalten, den schädlichen Einfluss des Fernsehens zu beschreiben. Tatsächlich ist Gewalt zum einen Teil des Alltags - Heranwachsende sind ihr täglich ausgesetzt, und es gehört zu den Errungenschaften unserer Gesellschaft, dass sie im Grunde verpönt ist. Eltern oder Lehrer sollten die ihnen Anvertrauten nicht schlagen - vor 100 Jahren galt das noch als probates Erziehungsmittel. Insofern ist es ein Fortschritt, dass die Begegnung mit Gewalt (von Ausnahmen abgesehen) heute eher auf der imaginären Ebene stattfindet - Fernsehbilder aus dem Nahen Osten sind qualitativ auch nichts anderes.

Das heißt allerdings nicht, dass dadurch nichts mehr zur Wirkungsforschung zu sagen wäre. Statt nur Argumente zu wiederholen, haben US-Forscher jetzt die tatsächliche Wirkung von Gewaltvideos auf Jugendliche untersucht und zwar mit Hilfe von drei Diagnoseverfahren. Die 22 jungen Männer zwischen 14 und 17 Jahren mussten sich (gegen Bezahlung) vier Sekunden lange Szenen aus bekannten Kinofilmen ansehen, die ein unterschiedliches Maß an Gewaltdarstellung aufwiesen (niedrig, mittel und hoch). Auf extreme Szenen verzichteten die Studienautoren.

Wie sich die Clips auswirkten, erschlossen die Forscher zum einen aus einer Selbstauskunft der Probanden, die nach jedem Video mitteilen mussten, ob es auf sie mehr oder weniger gewalttätig gewirkt hatte als der Vorgänger. Parallel dazu maßen die Wissenschaftler den Hautwiderstand als Kennzeichen für die emotionale Beteiligung der Versuchspersonen. Und schließlich überwachte auch noch ein Magnetresonanztomograf die Hirntätigkeit der Jugendlichen.

Das Ergebnis, das im Fachmagazin Social Cognitive and Affective Neuroscience veröffentlicht ist, entsprach bei allen drei Kriterien der Erwartung - bei fortgesetztem Gewaltanblick reagierten die Probanden immer weniger, ein deutlicher Gewöhnungsprozess trat ein. Das war vor allem im seitlichen orbitofrontalen Kortex erkennbar, dem eine Beteiligung an der Bildung von Emotionen und der Reaktion auf Gefühle zugeschrieben wird. Diese Desensibilisierung war umso stärker für Jugendliche, die nach eigener Auskunft schon regelmäßig Gewalt in irgendeiner Form konsumierten.

Aus den so erhobenen Daten ziehen die Forscher weitere Schlussfolgerungen - leider, muss man sagen, denn den Fakten folgen nun Spekulationen. So meint Jordan Grafman, einer der Autoren der Studie:

Andauernder Konsum von Gewaltvideos könnte Heranwachsende weniger empfindlich gegenüber realer Gewalt machen. Was zu einer höheren Akzeptanz von Gewalt führen könnte und schließlich zu einer steigenden Wahrscheinlichkeit, selbst aggressiv gewalttätig zu handeln - nämlich weil die emotionale Reaktion auf Gewalt, die normalerweise als natürliche Bremse wirkt, in diesem Fall gedämpft ist.

Doch unabhängig davon, ob man den Wissenschaftlern hier folgen mag - ganz unberechtigt ist die Warnung nicht. Der Teil des Gehirns, den die Studie untersucht hat, befindet sich bei Teenagern erwiesenermaßen noch in der Entwicklung. Insofern besteht zumindest die Möglichkeit, dass ein hier erlerntes Verhalten auch die Entwicklung des Gehirns selbst beeinflusst - dass es also letztlich zu einem nicht reversiblen Gewöhnungsprozess kommt. Es gehört jedenfalls zu den grausameren Vorstellungen, emotional gutes Wetter nicht mehr von schlechtem und niveauhaltiges Fernsehen nicht mehr von Scripted-Reality-Shows unterscheiden zu können. (Matthias Gräbner)