Gib dem Affen Zucker

Langsam beginnt die Neurowissenschaft zu verstehen, wie Meditation das Gehirn verändert und die Aufmerksamkeit schärft

Lange Zeit fristete die Meditation im Westen ein Nischendasein in esoterischen Zirkeln und einigen Klöstern. Die Kunst sich zu versenken galt als Spielwiese für Yogische Springer, Esoteriker und ein paar Hippies. Meditation, das war in den Augen vieler das, was Osho seinen Schäfchen empfahl, um sie anschließend besser scheren zu können. Immerhin schaffte es das Autogene Training in die Volkshochschulkurse. Dort wurde dann Arme und Beine immer schwerer und wärmer und grüne Wiesen lockten den beruhigten Geist. Der große Rest kontemplativer Praxis stand aber in dem Ruf ein erster Schritt in die Sektenmitgliedschaft zu sein.

Damit ist Schluss. Die heute allgegenwärtige Hirnforschung hat sich der Sache angenommen und schiebt Mönche und Laien in die CT-Röhre. Kognitionsforscher wollen wissen, was genau in Köpfen vorgeht, die es schaffen, die ansonsten ewig rappelnde Maschine genannt „Geist“ stillzulegen. Zu dem Stimmungsumschwung hat sicher auch der Tibet-Hype, verkörpert durch den „Ozean der Weisheit“, beigetragen. Und natürlich die Tatsache, dass eine ständig überreizte Gesellschaft sich selbst in Scharen in die Yoga-Studios und Meditations-Seminare treibt. Was in den 80ern noch Sinnsuche hieß ist heute eher ein Beruhigungsversuch für permanent blank liegenden Nerven.

Meditation ist die Bezeichnung für eine ganze Familie von Trainingsmethoden, die dem Gewahr werden innere Zustände dienen sollen. Das Wort der „Entspannungstechnik“ trifft den Punkt nicht immer, denn auch die volle Fokussierung kann Meditation sein. Und das Ziel dieser Übung ist nicht grundsätzlich das Nirvana, sondern kann durchaus bescheidener und an einer ausgeglichenen Lebenseinstellung oder emotionalen Balance ausgerichtet sein. Grundlegend für alle diese Techniken ist die Kontaktaufnahme mit dem subjektiven Bild der äußeren Welt. Eine Art investigativer Journalismus für die eigenen Gedanken - kann das klappen?

In den luftreinen Sphären des Himalaya, innerhalb der befriedeten Mauern der Zen-Klöster und den Klostergärten der katholischen Orden, schon. Die zwei bis drei Jahrtausende währende Praxis zufrieden brummelnder Mönche und Nonnen zeigt das deutlich. In den quirligen Echtzeitwelten der Industriegesellschaften wird es schon schwieriger. Daran liegt es aber nicht, dass trotz der langen Geschichte der Meditation bis heute wenig über die neurophysiologischen Prozesse bekannt ist, die Meditationen begleiten. Auch über die Langzeiteffekte weiß man wenig.

Das Fehlen aussagekräftiger Untersuchungen hat seinen Grund in der Schwierigkeit die zutiefst subjektiven Erlebnisse objektiv vergleichbar zu machen. Die Beschreibungen vom „Gefühl des Alleinen“, des „großen inneren Friedens“ und dergleichen mehr sind zwar Legende, die Wissenschaft zeigte sich aber lange unwillig, bei diesen Aussagen anzusetzen und der Spur nachzugehen. Die beliebte Operationalisierbarkeit fehlte, denn was genau, so fragte man sich lange, ist ein definierter Zustand der Meditation? Auch der Grad – oder soll man sagen die Tiefe? – der Meditation ist schwer messbar.

Ironischerweise ist nun selbstverständlich auch ein objektiver Wissenschaftler bei der Betrachtung eines Phänomens auf seine subjektiven Sinne angewiesen. Mit diesen nimmt er oder sie die Ereignisse auf, verwertet sie und macht sie intersubjektiv verfügbar. Diese Art der Ich-Perspektive war Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland als Phänomenologie verbreitet, in den USA durch William James berühmt vertreten, verlor schnell und massiv an Einfluss und erlebt seit dem Aufkommen der Neurowissenschaften eine Renaissance. Der 2001 verstorbene chilenische Wissenschaftler Francisco Varela war einer der ersten Kognitionsforscher, der die Lücke zwischen subjektiver und objektiver Erkenntnis schließen wollte. Seine Neurophänomenologie wollte darauf hinaus neue Methoden der Erste-Person-Perspektive einzuführen, die präzise Daten über das subjektive Erleben generieren kann.

Die alten Meditationstexte aus dem Zen- und tibetanischen Buddhismus deuten ebenso wie die neuen Konzepte der Neurowissenschaftler darauf hin, dass es einer bestimmten Fähigkeit bedarf, um die Aufmerksamkeit auf einen beabsichtigten Objekt zu halten, nämlich Übung darin, den abschweifenden Geist immer wieder zum Objekt der Betrachtung zurück zu holen. So einfach es klingt, kaum ein untrainierter Mensch ist in der Lage sich eine rote Rose vor seinem geistigen Auge vorzustellen und diese Vorstellung über einen längeren Zeitraum zu halten. Das ist ein Aspekt der Meditation. In den meisten Schulen wird zunächst mit dem Atem gearbeitet, weil dessen automatisches Kommen und Gehen sich gut als Anker der Aufmerksamkeit eignet. Es gilt den Geist sanft wieder zum Objekt zurück zu führen. Oder aber genau so beobachten, welche Eindrücke sich statt dessen in den Fokus des Bewusstseins schieben – und auch diese immer wieder los zu lassen. Ein amüsanter Freizeitspaß, könnte man denken. Aber die positiven Wirkungen auf den menschlichen Gesamtorganismus zeigen sich mehr und mehr.

Auf der physiologischen Ebene sammelte Sara Lazar vor drei Jahren Hinweise, dass Meditation die Dichte der Verbindungen in einigen Regionen im Gehirn regelmäßig meditierender Probanden verstärken kann.. 2007 konnten Giuseppe Pagnoni und Milos Cekic zeigen, dass Jahre währende Zen-Meditation den altersbedingten Abbau der grauen Substanz im Gehirn verlangsamt. Auf Ebene der durch Tests messbaren kognitiven Unterschiede fand Olivia Carter von der Universität von Queensland 2005 heraus, dass 76, in Introspektion erfahrene tibetanische Mönche, eine besondere Fähigkeit aufwiesen: Sie waren in der Lage, den bis dahin für unwillkürlich gehaltenen Vorgang der binokularen Rivalität zu beeinflussen. Bei der binokularen Rivalität wird jedem Auge mittels einer speziellen Brille ein eigenen Bild gezeigt. Normalerweise wechselt das Gehirn rasch zwischen beiden Bildern hin und her. Die Mönche allerdings konnten sich auf eines der Bilder konzentrieren, wie die Aufnahmen ihrer Gehirnströme zeigten.

Alle drei Studien zeigen Korrelationen, aber keine unantastbaren Beweise für die Vorteile der Meditation. Denn alle Teilnehmer waren versierte Kontemplierer, unklar blieb zudem, ob ihre Gehirne nicht schon vorher außergewöhnlich gut geordnet und ausbalanciert und so die Versenkung begünstigt wurde.

Bei aller Begeisterung über die Mönche im Labor wurde auch Kritik laut. Es sei kein Wunder, so der Philosoph Roland Benedikter, dass ausgerechnet an Buddhisten geforscht würde, weil diese zur Zeit „in“, Christen und Muslime aber „out“ seien, obwohl auch bei diesen Traditionen der Kontemplation bekannt sind. Zudem laufe man Gefahr, so Benedikter weiter, zum Gehilfen der neoliberalen Kultur zu werden, weil die Meditationspraxis primär gesund-flexible Menschen schaffe, die sich freiwillig die für die Arbeitswelt nötige Balance zwischen Konzentration und Abschalten einbläue. Sicherlich ein bedenkenswerter Punkt. Zudem sei zu befürchten, und dieser Einwand ist noch gewichtiger, dass letztlich doch wieder nur ein geistiges Phänomen auf ein materielles reduziert würde.

Es besteht tatsächlich die Gefahr, das bestehende objektivistische Paradigma zu zementieren, wenn die Meditationsforschung mit dem Anspruch auftritt, den Schlüssel zur Innerlichkeit zu besitzen. Diese Innerlichkeit ist aber auf diese Weise nicht zugänglich, sondern nur in ihrer Abbildung nur von außen gespiegelt. Es wäre fatal, wenn am Ende der jungen Erforschung der Kontemplation doch wieder nur in den Köpfen hängen bliebe: „Meditation ist nichts anderes als ein Spiel der Neuronen.“ Dann wäre auch das Training des ureigensten inneren Erlebens auf das beliebte behavioristische Maß zusammengestutzt.

Auf der anderen Seite will man die Effekte der Meditation natürlich messen. Den Aussagen von Probanden will man dabei nicht immer trauen müssen. Vorgegebene Antworten zur Beschreibung des inneren Zustands sind problematisch, denn ein versenkungsunerfahrener Student versteht unter "bemerken" etwas anderes als ein seit Jahren trainierter Zen-Meister. Diese semantischen Inkongruenzen führen zu drolligen Studienergebnissen. So wurde vor einigen Jahren die "Mindfulness-Scale", also die Achtsamkeitswerte von Koma saufenden und zudem rauchenden Studenten mit denen von vermeintlich gesünder lebenden Kommilitonen verglichen. Als Maßstab wurde das "Freiburg Mindfulness Inventory" (FMI) angewandt, eine unter Meditationsforschern anerkannten Skala zum Ermitteln der kontemplativen Aufmerksamkeit. Zur Überraschung der Forscher glichen sich die Achtsamkeitswerte der Gruppen, schlimmer noch: Wie der Baseler Psychophysiologe Paul Grossman heraus fand, schnitten die fröhlichen Trinker sogar ähnlich gut ab wie eine Gruppe sehr erfahrener Meditierender aus einer anderen Untersuchung. So wie es aussieht müssen, die Messlatten der Kontemplation besser geeicht werden, es sei denn man will zugegeben, das "binge drinking" den regelmäßigen Gang durch den Klostergarten ersetzt.

Aber zur Zeit befindet sich die Forschung in der experimentellen Datensammlungsphase, noch ist fast alles erlaubt. Gerade die Untersuchungen an der Universität von Wisconsin haben dabei für Aufsehen gesorgt. Anhand von bildgebenden Verfahren will man gezeigt haben, dass die Teilnahme an einem Achtsamkeits-Meditationsprogramm „positive Gestimmtheit“ und damit korrelierend auch Immunfunktionen gefördert hat. Ein Team um Julie Brefczynski-Lewis untersuchte die Gehirnströme von Meditationsexperten, die Studie schaffte es in die angesehenen Proceedings of the National Academy of Sciences. Sie wurde dahingehend interpretiert, dass erfahrene Meditierende in der Lage sein könnten, störende Emotionen während ihrer Konzentrationsphasen auszublenden.

Glaubt man einer weiteren Studie, hilft Meditation aber nicht nur nach langen Jahren des Trainings. Forscher an der Universität von Oregon haben 2007 ein Experiment durchgeführt, in der Probanden fünf Tage lang ein einfaches Meditationstraining absolvierten und anschließend in kognitiven Tests besser abschlossen als die Kontrollgruppe. Die beiden Leiter der Studie, Michael Posner und Yi-Yuan Tang, kooperierten für die Untersuchung mit zwei chinesischen Universitäten. Dort übten 40 unerfahrene Studenten ohne Meditationserfahrung fünf Tage lang jeweils zwanzig Minuten lang nach der IBMT-Methode. Das „integrative body-mind training“ baut nach Angaben von Yi-Yuan auf traditioneller chinesischer Medizin auf und besteht aus Entspannungs- und Aufmerksamkeitsübungen, unterstützt von Atemregulation und innerer Visualisierung. Es wurde in den 90er Jahren in China entwickelt.

Nach dem fünftägigen IBMT-Meditationstraining mussten die Probanden eine Reihe von Prüfungen durchführen, unter anderem einen Reaktionstest (online durchführbar bei www.sacklerinstitute.org). Zudem wurden mit einer medizinischen Skala („Profile of Mood States“) die emotionale Verfassung der Probanden vor und nach dem Meditationstraining untersucht. Auf physiologischer Ebene überprüfte man den Cortisol-Wert der Teilnehmer. Dieses Stereoidhormon gilt als wichtiges Stresshormon des Menschen. Das Ergebnis der Studie: In allen psychologischen Tests schlossen die meditierenden Testpersonen signifikant besser ab als die Untrainierten. Auch der Cortisol-Wert im Blut verringerte sich gegenüber der Kontrollgruppe.

Das Meditation bei bestimmten Krankheiten helfen kann ist schon länger bekannt. Schon 1979 entwickelte Jon Kabat-Zinn die Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) und bei Patienten mit chronischen körperlichen Erkrankungen angewandt. Diese Methode der Achtsamkeit trainiert, die vollständige Aufmerksamkeit in stets akzeptierender Weise auf Erfahrungen zu richten, welche im gegenwärtigen Moment passieren. Später wurde diese Therapie auch bei Depressionen und stressbedingte Erkrankungen eingesetzt. Einige Studien zeigten den Erfolg solcher Therapien. Die Meditation lehrt sie, (auch depressive) Gedanken lediglich als Gedanken, und nicht als etwas Substantielles wahrzunehmen. Patienten bemerken durch das Training eher, so die Theorie, wenn sie gefährdet sind, erneut in eine depressive Phase abzugleiten.

In den letzten Monaten wurde eine Vielzahl von Journal-Artikeln zur Meditation veröffentlicht, die Stilllegung des Verstandes ist auch wissenschaftlich en vogue. Geforscht wird viel, aber welche Qualität haben die Arbeiten? Eine Autorengruppe um den oben erwähnten Paul Grossman legte bereits 2004 eine Meta-Analyse der bisherigen Studien zum Achtsamkeitstraining vor. Insgesamt wurden 64 Studien aufgefunden, lediglich 20 erfüllten die Einschlusskriterien. Nach Meinung der Autoren zeigt ihre Meta-Studie dennoch einen deutlich positiven Effekt der Meditation bei verschiedenen Krankheiten wie chronischen Schmerzen, Herzerkrankungen, besagter Depression und Ängsten.

In Deutschland hat Johannes Michalak von der Bochumer Universität als einer der Ersten die achtsamkeitsbasierte Psychotherapie angewendet und erforscht seither ihre Wirkmechanismen. Er hat die ebenfalls die empirischen Grundlagen untersucht und ist sicher: "Das Achtsamkeits-Prinzip hat das Potential, die Behandlungsmöglichkeiten von psychischen Störungen bedeutsam zu erweitern. Es kommt aber auf eine gelungene Integration von westlicher Psychotherapie und dem aus der spirituellen Tradition stammendem Achtsamkeitsprinzip an." Hierbei, so Michalak, dürfe weder die wissenschaftliche Perspektive noch der Kern der Meditationstradition unzureichend verkürzt werden.

Trotz der oben erwähnten Studien zu den Cortisol-Werten existieren bislang keine Daten, die den kausalen Zusammenhang zwischen den durch Meditation verursachten somatischen Veränderungen im Gehirn und anderen Körperprozessen, wie beispielsweise dem Immunsystem, beweisen. „Es sollte auch verwundern“, so Grossman, „wenn eine kurze Einführung in das Achtsamkeitstraining erhebliche physiologische Auswirkungen hat.“ Zudem sei zu bezweifeln, dass bestimmte Meditationen auch bestimme Körpersubstanzen produzieren.

Auch der kulturelle und praktische Kontext, in dem die Meditation durchgeführt wird, ist bislang unterbelichtet. Je weiter Forscher die Neurobiologie unseres Bewusstseins entschlüsseln, desto mehr drängt sich die Frage auf: Gehen wir überhaupt richtig mit ihm um? Der Gewahrsamkeit gewahr sein, diese Übung verhindert anscheinend nachhaltig den allzu schnellen Übergang vom Reiz zur Reaktion. Denn dazwischen liegt der Vorgang des Urteilens, auf dem man sich nicht nur aus buddhistischer Sicht wenig verlassen kann, dränge es doch den Menschen dazu, alles und jedem allzu schnell einen Stempel aufzudrücken. Meditation, so diese Ansicht, schult nun das Urteilsvermögen, indem es diesem mehr Raum gibt.

Damit die individuelle Insel der Glückseeligkeit nicht gleichbedeutend mit zunehmender Isolierung von der Umwelt ist, wird sich die Meditations-Gemeinde sehr gut überlegen müssen, wie sie sich gegenüber den „da draußen“ herrschenden Verhältnissen positioniert. Sicherlich fordern die gängigen Achtsamkeitsübungen auch moralisches Handeln und Verantwortung gegenüber den Mitmenschen. Theoretisch sollte Meditation nur gedeihen, wenn der Praktiker zumindest grundsätzlich tolerant, offen und geduldig in die Sitzung geht, ansonsten würde nur gegrübelt.

Es bleibt die Frage, was davon in den urbanen Kursen übrig bleibt. Gestern Rebirthing, heute transzendentale Meditation, morgen Gaia-Channeling. Wenn es schlecht läuft, dann führt die Innerlichkeit zur Entpolitisierung, wenn es gut läuft, werden die Kontemplationsfans auch achtsam gegenüber der sozialen Bezogenheit. Es ist der seit den 60er Jahren bekannte Balanceakt zwischen dem Sein, das das Bewusstsein bestimmt, und dem Bewusstsein, das das Sein bestimmt. Die temporäre Befriedigung des mentalen Kriegszustands hat ihren Charme, sei es, um das mediale Dauerfeuer zu löschen, sei es, um sich darüber zu wundern, dass die Maschine zwischen den Ohren irgendwie immer zu laufen scheint.

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