Gier, Gift und kranke Kinder

Der sorglose und überbordende Einsatz von Pestiziden beim Anbau von Gentech-Soja in Argentinien zeigt zwanzig Jahre nach Beginn des Booms fatale Folgeerscheinungen. Täglich werden Ärzte mit Missbildungen bei Kindern, einem signifikanten Anstieg der Krebserkrankungen und mit Fehlgeburten konfrontiert.

Im Jahre 1999 brachte die Argentinierin Sofia Gatica ein Kind zur Welt, das drei Tage später an Nierenversagen verstarb. Gatica, die in einem von Sojafeldern umgebenen Arbeiter-Viertel lebte, versuchte die Ursache für den Tod ihres Babys herauszufinden. Sie sah sich in ihrer Gemeinde um, legte Protokolle über Missbildungen und Krebserkrankungen an. Schließlich kam ihr der Verdacht, dass das Besprühen der nahegelegenen GV-Soja-Felder mit Pestiziden zu den gesundheitlichen Problemen geführt hätte. Sie gründete die Organisation Mütter von Ituzaingó und mobilisierte mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit gegen die Agro-Chemikalien Glyphosat und Endosulfan. 2008 klinkte sich ein Arzt und Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde mit einer weiteren Anzeige gegen das illegale Sprühen in Ituzaingó ein.

Besprühen der Felder. Bild: Médicos de Pueblos Fumigados

Mit dieser Unterstützung ging der Fall ging schließlich vor Gericht und endete 2012 mit zwei Schuldsprüchen - diese allerdings auf Bewährung. Das Gericht sah bei einem der beiden beschuldigten Sojaproduzenten und dem Eigentümer eines Kleinflugzeuges Gesetzesverstöße als erwiesen an. Auch, dass man billigend eine Gesundheitsgefährdung der Anrainer in Kauf genommen hätte.

Ärzte klagen an

Das Urteil wurde als richtungsweisend gesehen. Doch das Problem war und ist damit noch lange nicht vom Tisch in Argentinien. Denn Ituzaingó war kein Einzelfall. Erst jüngst kamen wieder Bilder von missgebildeten Kindern und an Krebs erkrankten Menschen über Presseagenturen an die Öffentlichkeit, welche die Schattenseiten des Soja-Booms in Argentinien dokumentieren.

Der argentinische Kinderarzt und Universitätsdozent Medardo Avila Vazquez warnt seit langem vor den Folgen des massiven Chemikalieneinsatzes, der mit der Veränderung landwirtschaftlicher Verfahren - speziell durch die Einführung gentechnisch veränderter Pflanzen wie Soja und Mais - einherging. Die Zunahme der Erkrankungen und Missbildungen in den Anbaugebieten ist evident und wird von der Ärzte-NGO Medicos de pueblos fumigados seit Jahren dokumentiert.

Während in Dörfern, die sich weiterhin der traditionellen Viehzucht widmen, die Krebsrate bei etwa drei Prozent liegt, leiden einer Umfrage zufolge in den Anbaugebieten von Gentech-Soja bis zu dreißig Prozent der Bevölkerung an Krebserkrankungen, vermeldete vor wenigen Tagen The Associated Press unter Berufung auf Vazquez. In der Provinz Santa Fe, dem Herzen der argentinischen Soja-Produktion, würde man zwei bis viermal höhere Krebserkrankungs-Raten verzeichnen als im Rest des Landes.

Gentech-Soja: Hoffnungsträger in der Wirtschaftskrise

Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Im - von einer tiefen Wirtschaftskrise (1998 bis 2002) gebeutelten - Argentinien wurde das ab 1996 vermarktete gentechnisch veränderte Monsanto-Soja Roundup Ready als "Wundermittel" gegen die Rezession gefeiert.

Das Saatgut wird großflächig ausgebracht. Landwirte ersparen sich durch die Ausbringung der speziellen Gentech-Variante in Direktsaat diverse Arbeitsgänge wie aufwändiges Umpflügen. Der Anbau erfordert auch kaum landwirtschaftliches Know-how. Gentechnisch ist Roundup-Soja derart verändert, dass es tolerant gegen Unkrautvernichtungsmittel ist. Die Farmer steigen in ihre Flugzeuge und sprühen das Monsanto-Breitbandherbizid mit dem Hauptwirkstoff Glyphosat großflächig über die Felder. Roundup vernichtet dabei alle Pflanzen auf den Äckern außer der Gentech-Soja.

Noch 2007 wurden argentinische Soja-Farmer und Getreide-Händler zitiert, die vom Soja-Boom schwärmten und den hohen Profit lobten. Pro Hektar würde man rund 500 US-Dollar verdienen, das wäre im Vergleich zur traditionellen Viehwirtschaft doppelt so viel. In den Großstädten wurden Glaspaläste für Getreidebörsen errichtet und glänzende Geschäfte getätigt. Denn der Soja-Hunger ist weltweit groß. Soja-Öl, Soja-Mehl, Soja für die Futtertröge und Soja für Bio-Treibstoffe ist gefragt. Der Boom hält nach wie vor an.

Doch bereits mit der Einführung der Monsanto-Sorten mehrten sich kritische Stimmen aus dem Umweltbereich. Einer der Hauptkritikpunkte ist die großflächige Rodung in Argentinien. Kleinere landwirtschaftliche Betriebe wurden verdrängt. Damit verringerte sich auch die Nahrungssouveränität des Landes.

Eine schwer nachvollziehbare Landwirtschaftspolitik während der Wirtschaftskrise ließ zudem viele Landwirte aus der traditionellen Weizenproduktion und der Rinderzucht aussteigen. Das Soja-Agrobusiness hielt in großem Stil Einzug. Ursprüngliche Landschaften wurden in Monokulturen verwandelt. Man holte aus den Böden, was ging: Fruchtfolge, damit sich die Böden erholen könnten, wurden kaum eingeplant. Schließlich begannen aber auch die "Unkräuter" gegen die Giftstoffe resistent zu werden. Das ist eine logische Folge des Systems von herbizidtoleranten Gentech-Pflanzen. Die Natur passt sich schnell an und entwickelt einfach neue Pflanzen, welche die eingesetzten Spritzmittel durchaus vertragen. Deshalb müssen zwangsläufig immer neue chemische Zusammensetzungen zur Unkrautbekämpfung entwickelt werden.

Inzwischen empfiehlt sogar Monsanto konventionelle Methoden der Fruchtfolge und kombinierte Systeme einzuführen, um der Resistenzbildung entgegen zu wirken. Grundsätzlich betont der Konzern, dass man die Landwirte zum korrekten Einsatz von Pestiziden anhalten würde. In Argentinien gab es tatsächlich lange Zeit keine fundierten Regelungen bezüglich des Einsatzes von Spritzmitteln. Das betont auch der argentinische Arzt Medardo Avita Vazquez. Als Mitglied der Ärzte-NGO "Médicos de Pueblos Fumigados", welche sich laufend mit den gesundheitlichen Auswirkungen der gentech-basierten Agrarrevolution in Argentinien auseinandersetzt, ist er seit Jahren mit Missbildungen, Fehlgeburten und erhöhten Krebsraten in den Anbaugebieten konfrontiert. Neben den Anrainern sind auch viele Landarbeiter betroffen, die nicht über die Risiken aufgeklärt wurden und keine Schutzkleidung beim Hantieren mit den Giftstoffen trugen.

2011 gab es eine erste größere Konferenz, auf der insbesondere das massive Ausbringen des Breitbandherbizides Glyphosat bemängelt wurde. Insgesamt lebten laut Vazquez damals zwölf Millionen Menschen in Gebieten, wo massiv - in Zahlen: 300 Millionen Liter Agrochemikalien - gesprüht wurde. Den größten Anteil (rund 200 Millionen Liter) machte Glyphosat aus. Es sei vor allem die Menge, die zu Problemen führen würde, betonte Vazquez damals auf der Konferenz. Die Lage für die Menschen in Argentinien sei ernst.

Glyphosat in rauen Mengen

Glyphosat galt lange Zeit als vergleichsweise "harmloses" Herbizid. Für die Ausbringung der Monsanto-Round-up-Soja wurde es allerdings massiv eingesetzt. Über die Risiken gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Umweltverbände und diverse Ärzte-Organisationen beobachten Glyphosat bereits seit längerem mit Argwohn. Tatsächlich verdichten sich inzwischen die Hinweise, dass Glyphosat zu massiveren gesundheitlichen Problemen führen kann, als bisher angenommen. Ein spezielles Risikopotential besteht insbesondere darin, dass verschiedene Chemikalien in den angebotenen Mitteln kombiniert werden und man kaum etwas über deren Wechselwirkungen weiß.

Eine im April 2013 veröffentlichte Studie, die am MIT (USA) zahlreiche Datensätze auswertete, kam zu dem Schluss, dass Glyphosat (aktiver Bestandteil von Monsantos Roundup), wichtige Enzyme blockieren würde und damit mitverantwortlich für das Ansteigen einer Reihe von "Zivilisationskrankheiten" - von Diabetes bis hin zu Depression und Alzheimer - sein könnte.

Soja-Feld in Argentinien. Bild: CC-BY-SA-3.0

Auch in den USA, wo Roundup sicher sorgfältiger als in Argentinien angewandt wird, hat sich inzwischen Skepsis gegenüber Glyphosat in der Agrarwirtschaft breitgemacht. (Im Internet kursieren sogar diverse Grafiken, die ein proportionales Ansteigen von neurologischen Erkrankungen bis hin zu Autismus in Zusammenhang mit dem vermehrten Glyphosat-Einsatz bringen.)

Der Einsatz von Glyphosat ist allerdings bisher auch in Deutschland erlaubt. Laut BUND werden hierzulande etwa 6000 Tonnen jährlich eingesetzt. Teilweise findet es sich sogar in Produkten für Hobby-Gärtner. In Österreich hingegen hat man Glyphosat inzwischen teilweise verboten. Ein medial viel beachteter Test von BUND und Friends of the Earth zeigte erst jüngst, dass man nicht in Argentinien oder den USA leben muss, um Glyphosat in seinem Körper zu finden. In der Untersuchung wurden Urin-Proben von Großstädtern aus 18 europäischen Staaten genommen. Die höchsten Glyphosat-Belastungen fanden sich bei "Bewohnern jener Länder, die wie Deutschland, Großbritannien, Polen und die Niederlande intensive Landwirtschaft betreiben", kommentierte BUND-Vorsitzender Hubert Weiger die Ergebnisse.

Märkte, Soja-Barone und ihre Kinder

Die großen Märkte für die Gentech-Pflanzen von Monsanto sind die USA, China und Lateinamerika. Die bedenklichen jüngeren Studien aus den USA und Europa über die gesundheitlichen Auswirkungen von glyphosathaltigen Agrochemikalien könnten in den USA allerdings noch ein Problem für den Konzern werden, wenn sich die kritische Datenlagen weiter erdichtet. Mit Argentinien hat man indes bereits ein Riesengebiet in Lateinamerika erschlossen. Von dort aus wurde Gentech-Saatgut über die Grenze nach Brasilien geschmuggelt, wo man Gentech-Sorten ursprünglich verboten hatte. Aber das schnelle Geld mit GV-Soja war wohl auch für die brasilianischen Bauern zu verlockend.

Der argentinische Kinderarzt Vazquez erklärte 2011, dass er Kinder von GV-Soja-Produzenten behandelt hätte, er Fälle kenne, in denen die Kinder der Farmer sogar verstorben wären. Die Soja-Barone hätten sich fünfzehn Jahre lang von den Versprechen der Hersteller und den hohen Profiten des Gentech-Systems blenden lassen. Es würde ihnen immer wieder versichert, dass die Chemikalien sicher seien, sagt Vasquez. Jetzt würden ihnen Universitäts-Studien zeigen, dass dies nicht so ist. Das Original-Zitat in Spanisch:

Yo veo cierta desaprensión por parte de los productores agrarios en usar químicos en forma irracional, pensando que no son tóxicos. Los productores están encandilados por la gran rentabilidad del sistema. Yo tengo pacientes hijos de productores, algunos se han muerto, y sin embargo ellos tratan de pensar que fue por algo casual, que les podía pasar, y siguen creyendo en el discurso de la industria, de Monsanto y de muchos técnicos que repiten que los productos son inocuos. Ese discurso lo escuchan desde hace 15 años, y desde hace algún tiempo también están escuchando a las universidades que les decimos que son venenos y les contamos cuáles son las consecuencias.

Vielleicht sind die stereotypen Aussagen der Soja-Barone, man hätte sich auf die Sicherheitsversprechen der Hersteller verlassen, aber auch nur psychologische Schutzmechanismen. Wer würde nicht an der Erkenntnis, dass er die eigenen Kinder massiv gefährdet hat, zerbrechen?

Und wie sieht das Hersteller Monsanto? Mit der Betonung, dass es lediglich eine Frage der korrekten Anwendung der Produkte sei, schiebt der Konzern Verantwortung von sich. Offensichtlich identifizieren sich auch die Monsanto-Mitarbeiter mit den Produkten. So berichtete etwa die FAZ, dass der Konzern einen eigenen Mitarbeiter-Blog initiierte. Die Arbeitnehmer gaben sich dort überzeugt, einen wertvollen Beitrag für die Landwirtschaft zu leisten.

GV-Soja in Argentinien zeigt allerdings einmal mehr, dass Agrarlösungen, die auf Monokulturen und Chemie basieren, kaum nachhaltig sind. Dies gilt speziell dann, wenn derartige Konzepte in Länder exportiert werden, wo es keine gesetzlichen Grundlagen für die korrekte Handhabung von Chemikalien gibt und die Landwirtschaft traditionell kleinbäuerlich organisiert oder wie in Argentinien auf andere Kultursorten und Viehwirtschaft spezialisiert ist.

Die fatalen Folgen derartigen "Kultur-Exportes" hatten sich bereits in den 1960er Jahren mit der "grünen Revolution" in Indien gezeigt. Vorort hatten die Bauern und Anrainer gar kein Geld, um sich Handschuhe oder andere Schutzkleidung zu kaufen. Auch die negativen Umweltfolgen sind gut dokumentiert. Der Ertrag ging hauptsächlich in den Export und gefährdete die Versorgung der eigenen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Später trieb die Einführung der Gentech-Baumwolle in Indien zahlreiche Landwirte in den Ruin, weil die Sorten nicht wie erhofft funktionierten. In manchen Gegenden wurde der Anbau schließlich ganz verboten.

Westliche Agraringenieure und Chemiker sind sicher von ihren Konzepten überzeugt. Öko- und Kultursysteme sind aber sensible Mechanismen, die vom Schreibtisch aus, schwerlich berechenbar sind. Die ratio-dominierte Naturanschauung gerät am freien Feld des Lebens an ihre Grenzen.

Staatschulden, Export-Zölle und Gesundheitsfürsorge

Indes kämpft Sofia Gatica, die 2012 mit dem Goldman-Umweltpreis ausgezeichnet wurde, weiter für Verbesserungen in ihrem Land. Immerhin konnte man kleinere Erfolge erzielen. Inzwischen wurde in Argentinien zumindest das hoch giftige Endosulfan verboten. Auch einige strengere Einsatzrichtlinien wurden erlassen.

Eine von der Regierung eingesetzte Kommission, die sich speziell mit dem Chemie-Problem beschäftigen sollte, tagte aber seit Jahren nicht mehr. Inwieweit das mit Interessenskonflikten - die hohen Export-Zölle spülten schließlich viel Steuergeld in die leeren Staatskassen - in Zusammenhang stehen könnte, ist nicht bekannt. Man sollte aber bedenken, dass Argentinien erst August 2012 Rest-Schulden aus dem Staatsbankrott von 2001/02 zurückzahlen konnte. Die letzte Rate betrug laut Wikipedia rund 2,3 Mrd. US-Dollar.

Indes kommt die Organisation "Médicos de Pueblos Fumigados" nicht zur Ruhe. Die Ärzte sehen Tag für Tag die Folgen des unkontrollierten Chemie-Einsatzes - in Krankenhäusern, in den Praxen, in den Armenvierteln. Und es tut sich bereits eine neue Front auf. Biotech-Energie-Pflanzen speziell Gentech-Mais), die für die Gewinnung von Bio-Kraftstoffen ausgelegt und in Europa nicht zugelassen sind, haben inzwischen Einzug in Argentinien gehalten, berichtet die Organisation. Ausgang für Umwelt und Mensch ungewiss!