Giertych vs. Darwin

Polens rechtsradikaler Bildungsminister führt das Schulfach "Patriotische Erziehung" ein und kämpft gegen die Evolutionstheorie

Führende Bildungspolitiker Polens zweifeln öffentlich die Evolutionstheorie an und plädieren für eine Integration des „Kreationismus“ in die Lehrpläne polnischer Schulen. Die rechtsradikale „Liga der Polnischen Familien“ (LPR) stellt in der derzeitigen Regierungskoalition mit ihren Vorsitzenden Roman Giertych den Bildungsminister. Die strammen Nationalisten wollen sich mit einer autoritären Transformation des polnischen Bildungswesens profilieren.

Den Startschuss zur Kampagne gegen die Evolutionstheorie gab der Vater des Bildungsministers und EU-Abgeordneter der LPR, Maciej Giertych. Am 11. Oktober organisierte der Biologieprofessor eine Konferenz im Europäischen Parlament, an der mehrere „Wissenschaftler“ teilnahmen, die die Evolutionstheorie in Frage stellen. Seit den 80ern führt Maciej Giertych, ehemals Leiter des Genetikressorts der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN), seinen Feldzug gegen die von Charles Darwin begründete Evolutionstheorie.

Roman Giertych. Foto: LPR

Giertych und seine Konferenzteilnehmer propagieren hingegen den Kreationsimus, eine pseudowissenschaftliche Version der Schöpfungsgeschichte, die unter Verwendung eines aus der Biologie entlehnten Vokabulars den göttlichen Uhrsprung allen Lebens nachzuweisen sucht. Zentral hierbei ist die „Anschauung“ der Realität. Giertych meinte bei der erwähnten Konferenz dann auch, dass die Theorie der Evolution der Observation widerspreche. Die Kreationisten glauben, dass die Komplexität des Lebens niemals aus dem Zusammenspiel solch einfacher Faktoren wie Selektion und Mutation erwachsen könne, sondern das Produkt eines planvollen, durchdachten – also göttlichen - Werks sein müsse. Oftmals wird von Kreationisten der komplexe Aufbau diverser Organismen als Beleg eines göttlichen „Intelligenten Design“ angeführt, wobei Parallelen zum planmäßigen, rationellen Vorgehen des Menschen gezogen werden.

Die einhellige Ablehnung dieser „Theorie“ durch die Wissenschaft beeindruckt Maciej Giertych nicht im Geringsten. Gegenüber der Tageszeitung Zycie Warszawy erklärte er:

In der Wissenschaft gibt es jeden Augenblick blinde Wege. Deswegen gibt es den Fortschritt, damit er das bisherige Denken Korrigiert.

Von solchen Auslassungen unbeeindruckt reagierten polnische Wissenschaftler mit harscher Kritik auf das Vorpreschen Giertychs. Dr. Marcin Ryszkiewicz, Autor mehrerer Standardwerke über die Evolutionstheorie, bezeichnete gegenüber Zycie Warszawy die Aktionen Giertychs als einen Weg in Richtung Mittelalter. Er denke, Giertych solle lieber im Kabarett auftreten, so Ryszkiewicz abschließend. Eine von der Polnischen Akademie der Wissenschaften herausgegebene Erklärung sieht das Niveau der polnischen Schulbildung gefährdet, sollte die Evolutionstheorie tatsächlich aus den Lehrplänen verschwinden. Die führenden Bioligen Polens stellten in dieser Erklärung fest:

Die Evolutionstheorie gehört zum Bereich der empirischen Wissenschaften, wie die Gravitationstheorie oder die Heliozentrische Theorie des Kopernikus, ohne die es unmöglich ist, die uns umgebene Welt zu verstehen und weiteren Fortschritt in Technik Medizin und Landwirtschaft zu gewährleisten.

Unterstützung erhielt der so gescholtene „Professor“ hingegen von polnischen Bildungspolitikern. Der stellvertretende Bildungsminister Miroslaw Orzechowski (LPR) bezeichnete die Evolutionstheorie als eine literarische Erzählung eines ungläubigen, alten Herrn. Die Theorie Darwins sei zudem eine Folge seines Vegetarismus, da ihm dadurch das „innere Feuer“ fehlte, so Orzechowski.

Die PAN protestierte umgehend in einem offenen Brief bei dem rechtskonservativen Premier Jaroslaw Kaczynski (PiS – Recht und Gerechtigkeit). Die Wissenschaftler forderten den Regierungschef auf, den stellvertretenden Bildungsminister zur Räson zu bringen. Der Premier hüllt sich bisher in Schweigen, doch immerhin bezeichnete ein Berater seines Zwillingsbruders, des Präsidenten Jaroslaw Kaczynski, die Äußerungen Orzechowski als „einen großen Fehler“.

Der Streit um die Evolutionstheorie hat den gegen Bildungsminister Roman Giertych durchgeführten Demonstrationen neuen Schwung verliehen: „Insbesondere Giertych stammt vom Affen ab!“, so die neue Lieblingsparole Hunderter Warschauer Schüler, die Mitte Oktober gegen die reaktionäre Bildungspolitik der LPR demonstrierten.

Schon bei seiner Amtseinführung im Juni dieses Jahres formten sich etliche Bündnisse, die den Rücktritt Gietychs anstreben. Die Kampagne Giertych muss gehen wurde hauptsächlich von linken Gruppen und Bündnissen initiiert, zudem machte die Schülerinitiative, ein Zusammenschluss progressiver Schüler und Studenten, mit spektakulären Protestaktionen auf sich aufmerksam.

Seitdem vergeht kaum eine Woche, in der nicht Schüler oder Lehrer gegen den Bildungsminister demonstrieren. Das Bildungsministerium reagierte oftmals mit repressiven Maßnahmen, um die Protestler einzuschüchtern. Als Aktivisten der Schülerinitiative im Juni eine viel beachtete Protestkundgebung vor dem Bildungsministerium durchführten, erklärte der stellvertretende Bildungsminister Orzechowski die Schülerproteste für illegal. Er stellte einen Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft und ließ etliche Schüler zeitweilig verhaften. Gegen den Pressesprecher der „Schülerinitiative“ ist ein Gerichtsverfahren anhängig. Zudem hat der Polnische Lehrerverband (ZNP) bereits einige Demonstrationen gegen Giertych durchgeführt. Grund zu Protesten haben die polnische Lehrer- und Schülerschaft zuhauf. Laut dem Vorsitzenden des ZNP, Slawomir Broniarz, erfüllt

Herr Giertych nicht einmal die elementarsten Voraussetzungen für sein Amt. Er nutzt sein Ressort zur Realisierung seiner politischen Agenda. Er benimmt sich dabei wie ein Elefant im Porzellanladen, er redet über alles und weiß nicht, was er da sagt.

Die politische Agenda des Herrn Giertych hat es allerdings in sich. So schlug der polnische „Bildungsminister“ unlängst vor, Texte des verstorbenen polnischen Papstes als Schullektüre einzuführen. Eine Vorfeldorganisation der katholischen Kirche darf seit kurzem die Internetfilter in den Schulcomputern installieren. Zudem wird nun diskutiert, ob man den Schülern Polens Uniformen verpassen soll, die laut Giertych eine „selbstdisziplierende Funktion“ haben sollen. Ein neues Schulfach namens „Patriotische Erziehung“ dient der nationalistischen Indoktrination der Schülerschaft. Allgemein sollen wieder Zucht und Disziplin in die polnischen Schulen Einzug halten, körperliche Züchtigungen von renitenten Schülern werden von der LPR ernsthaft erwogen.

Der ZNP will Giertych bei dem polnischen Verfassungsgericht verklagen, da er die alljährlichen, von der ZNP vorgeschlagenen Auszeichnungen für Lehrer mit besonderen Verdiensten all jenen Pädagogen verweigert hat, die ehemals in der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR) organisiert waren.

Besorgniserregend ist auch die Personalpolitik der Chefs der LPR. Im Vorfeld der letzten Parlamentswahlen öffnete sich die LPR bewusst für offen antisemitische und faschistische Gruppen, deren Vertreter nun mit diversen Pöstchen versorgt werden. Auf Giertychs Betreiben hin wurde Piotr Farfal zum Vizevorsitzenden des staatlichen polnischen Fernsehens TVP ernannt. Farfal zählte noch im Jahr 2000 zu der Autorenschaft der extrem antisemitischen Zeitschrift Szczerbiec, des Zentralorgans der Nationalen Wiedergeburt Polens (NOP), der radikalsten faschistischen Organisation des Landes. Nun ist der angeblich „geläuterte“ Faschist, der die „Lüge als ein Wesensmerkmal der Demokratie“ bezeichnete, für die „Innenkontrolle“ im polnischen Fernsehen zuständig. Ein Abgeordneter der Danziger LPR, Grzegorz Sielatycki, rief hingegen noch vor kurzem zur „Entjudung“ der polnischen Literatur auf. In den vergangenen Monaten vermochte es die LPR, etliche ihrer Mitglieder in wichtige Positionen zu hieven, nun geht sie zum Angriff über.

Die jüngste Offensive der reaktionären, polnischen Kreationisten scheint bewusst auf die Zuspitzung der Auseinandersetzungen um die Ausrichtung polnischer Bildungspolitik zu zielen. Sie führt aber auch zu einer massiven Mobilisierungskampagne der Gegner Giertychs. Der ZNP kündigte für den 25. November eine Großdemonstration in Warschau an, zu der landesweit mobilisiert werden soll, um gegen die Bildungspolitik der LPR zu protestieren. Unterstützung erhalten die Pädagogen von dem Gewerkschaftsdachverband OPZZ, der sich ebenfalls an den Protesten beteiligen will. Die seit Monaten gegen Roman Giertych protestierenden Schüler und Studenten dürften also bald massive Verstärkung erhalten.

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