Giftgas-Angriff Chan Scheichun: Das französische Gutachten klärt wenig

Der französische Außenminister hält die syrische Regierung "ohne Zweifel" für verantwortlich. Die Beweisführung des "nationalen Gutachtens" enthält diesem Anspruch gegenüber große Lücken

Der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault hatte vergangene Woche Beweise für die Urheberschaft des Giftgas-Angriffs vom 4.April in Chan Scheichun angekündigt. Er versprach Aufklärung über einen Giftgasengriff, der nach Berichten über 80 Menschen das Leben gekostet hat.

Anzeige

Am Mittwoch, den 26. April, trat Ayrault vor die Kameras und verkündete, dass die Verantwortung bei der syrischen Regierung liege. Daran gebe es "keinen Zweifel", wird er von mehreren Medien zitiert. Auf der Webseite des Außenministeriums (deutsch) wird ein "nationales Gutachten" veröffentlicht (in englischer Sprache), welches zum Schluss kommt, dass "die syrischen Streitkräfte und die Sicherheitsdienste einen Chemiewaffenangriff mit Sarin gegen die Zivilbevölkerung durchführten".

Dafür zu verantwortlich machen sei "Baschar al-Assad und einige der einflussreichsten Mitglieder seines inneren Zirkels, die dazu bemächtigt sind, einen Befehl zum Gebrauch chemischer Waffen zu geben", so die Einschätzung des französischen Geheimdienstes (S. 4 des PDF). Dies zu belegen, gelingt dem Gutachten nicht.

Das Gutachten stützt sich, wie im ersten Satz erklärt wird, auf freigegebenes Material der Geheimdienste, das auf "Frankreichs eigenen Quellen basiert". Das lässt aufhorchen, da Chan Scheichun unter der Herrschaft der al-Nusra-Front ein schwieriges Gelände für neugierige Besucher oder Fremde ist, und weil das französische Gutachten damit auf Distanz zum demontierten Bericht des Weißen Hauses geht wie auch zu Berichten aus der Türkei, die Widersprüche offenbarten (auch was die Verwendung von Sarin angeht).

Wasserdicht abgesichert ist das Gutachten nicht, um dies vorwegzunehmen. Es stützt sich in wesentlichen Teilen auf den Anschein von Beweisen, die dann nicht dokumentiert werden. Zum Beispiel, was die Orte betrifft, wo das Gas entwichen sein soll. Es beantwortet wichtige Fragen nicht und greift auf Analogieschlüsse zurück.

Auch in diesem Papier spielen die Videos aus den sozialen Netzwerken eine wichtige Rolle. Der Hinweis auf "eigenen Quellen" führt auf keinen festen Boden: Die Proben, die untersucht wurden, sind nicht von französischen Agenten aufgesammelt wurden, wie man anhand der gebrauchten Formulierungen zunächst vielleicht annehmen könnte.

Es geht auch bei diesem Gutachten um Wahrscheinlichkeiten, nicht um Gewissheiten. Der Beweisführung liegen zwei wesentliche Behauptungen zugrunde. Erstens: "Es war Sarin und nichts anderes." Diese Behauptung wird damit ergänzt, dass es sich obendrein um einen Sarin-Kampfstoff handelt, dessen Produktionstyp kennzeichnend für die syrische Produktionsweise sei.

Zweitens: Der Angriff erfolgte aus der Luft. Die Mittel für die Durchführung eines solchen Angriffs habe nur die syrische Armee. Da die syrische Armee am Morgen des 4. April Luftangriffe flog, sei die Wahrscheinlichkeit überzeugend hoch, dass das Giftgas bei diesem Angriff ausgebracht wurde. (Anm.: An dieser Stelle stand zuvor "unbestritten Luftangriffe flog". Das ist falsch und wurde verbessert)

Anzeige

Die Möglichkeit, dass Milizen für den Gasangriff verantwortlich waren, wird kurz abgehandelt: Frankreich habe keine Informationen darüber, dass die al-Nusra-Front oder eine der mit ihr verbündeten Milizen (diplomatisch feingetönte Umschreibung des Verhältnis zwischen al-Qaida und den verbündeten Milizen: "Pragmatic coordination") in Besitz von Sarin seien.

Keine der Gruppen, die zu dieser Zeit im Sektor Hama operierten, habe die Kapazität, einen neurotoxischen Wirkstoff einzusetzen oder die Möglichkeit, dies aus der Luft zu tun, statuiert das Gutachten. Die Möglichkeit eines Granatenwurfs wird nicht in Betracht gezogen. Stattdessen wird die Möglichkeit erörtert, ob IS-Gruppen dafür verantwortlich sein könnten, aber schnell verworfen: Weil IS-Milizen gar nicht präsent waren und sie auch kein Sarin oder Möglichkeiten des Abwurfs aus der Luft hätten.

Das französische Gutachten lehnt sich weiter aus dem Fenster als die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OCPW). Diese hatte sich vorsichtig geäußert. In einer ersten OCPW-Reaktion war die Rede davon, dass die Methode, wie das Giftgas zum Entweichen gebracht wurde, noch unbekannt sei Das werde erst noch diskutiert und geprüft. Neue Erkenntnisse dazu waren vonseiten der Organisation aber bisher noch nicht zu hören.

Kürzlich stellte die OCPW fest, dass es sich bei dem verwendeten chemischen Kampfstoff "um Sarin oder ein dem Sarin ähnliches Gas" handeln würde. An dieser Stelle überrascht das französische Gutachten mit einer eindeutigen Festlegung, die sich angeblich auf "eigenen Proben" ("its own samples") stützt.

Damit gemeint sind Bodenproben, bzw. Proben aus der Umgebung und die Blutproberobe eines Opfers des Giftgasangriffs. Die Proben wurden dem französischen Geheimdienst offensichtlich übergeben und nicht von ihm selbst eingeholt. Wer die Proben übergab, bleibt vollkommen unbekannt.

Auffallend ist, dass das Gutachten zu den Umwelt-bzw. Bodenproben erklärt, dass "französische Experten Analysen der environmental samples auf einem der Aufschlagpunkte des Chemiewaffenanschlags durchgeführt haben". Das heißt , dass man im französischen Geheimdienst von mehreren Einschlagstellen ausgeht, wohingegen sich der Bericht des Weißen Hauses auf eine Stelle konzentrierte, eine Annahme, die nach der Expertise von Postol nicht zu halten ist.

Das französische Gutachten geht also auf Distanz zu dem bereits entwerteten Bericht. Aber er setzt sich auch nicht dem Risiko aus, seine Annahme einer Nachprüfbarkeit auszusetzen. Denn es werden keinerlei Angaben zu den Einschlagorten gemacht, keine Fotos oder Dokumente dazu beigesteuert, die sich Nachfragen stellen müssten.

Auch ist, wie erwähnt, nicht klar, wer die Proben lieferte. Auf den Nachweis, dass die Proben von diesem oder jenen Fundort in Chan Scheichun stammen, wird verzichtet. Man muss dem Geheimdienst also einfach vertrauen ...

Wettgemacht werden die offenen Fragen rhetorisch durch die Mühe, die Ergebnisse der chemischen Analyse möglichst in sachkundigem Licht zu präsentieren: Weil in den Umgebungs/Boden-Proben "Diisopropylmethylphosphonat" (DIMP) nachgewiesen wurde, das ein spezifisches Sekundärprodukt sei, das sich bei der Synthese von Sarin aus Isopropanol, Methylphosphonsäuredifluorid und Hexamin bilde, sei die Präsenz von Sarin enthüllt, so der Bericht.

Die Verwendung von Hexamin als Stabilisator verweise auf ein Charakteristikum der Synthese von Sarin, wie es im syrischen Forschungszentrum SSRC entwickelt und von der syrischen Armee bzw. Sicherheitsdiensten verwendet wurde, lautet dazu der Befund des französischen Gutachtens.

Anzeige