Giftgasangriff auf Khan Scheichun: Der OPCW-Bericht löst die Rätsel nicht

Inkonsistenzen bei Zeugenaussagen

Die JIM-Zeitangabe zeigt auch Inkonsistenzen bei Zeugenaussagen auf. Manche sind sich nicht mehr sicher, wann genau sie die syrischen Flugzeuge gesehen haben; mehrere Krankenhauseinträge registrieren Opfer (insgesamt über 50) eines Giftgasangriffes in Khan Scheichun, die schon vor diesem Zeitraum bei ihnen auftauchten.

Darüber hinaus stellt der JIM-Bericht Unstimmigkeiten bei den Proben fest, so wiedersprechen sich in einem Fall die Urinprobe mit der Blutprobe, was vielleicht als kleiner Fehler zu bewerten ist, aber doch anzeigt, dass die Proben durcheinander kommen konnten (ohnehin misstrauen Skeptiker den Proben, da sie zum Teil in der Türkei untersucht wurden).

Gewichtiger ist, dass auch dem JIM-Team bei der Sichtung des umfangreichen Videomaterials, das zum überwiegenden Teil, wenn nicht ausschließlich, von den White Helmets stammt, im Bericht "open source material" genannt, haarsträubende Verhaltensweisen aufgefallen sind, die angesichts eines mutmaßlichen Sarin-Angriffs völlig unangebracht oder falsch sind, übereifrig und auch bei medizinischen Nothilfeaktionen einen komplettes Fehlen richtiger Maßnahmen anzeigen (Opfer liegt bei einer Herzmassage mit Gesicht auf dem Boden). Auch das kann man mit Irritation erklären, bestätigt aber auch Zweifel an der Hilfsorganisation.

Viele Bilder, keine geschlossene Erzählung

Leider erklärt auch dieser Bericht nicht den Zusammenhang zwischen verschiedenen Orten von Khan Scheichun, wie er sich in den Videos darbot. So zeigten manche Videos eine Behandlung von Opfern vor einer Art Felswand und Skeptiker oder Kritiker fragten danach, wo genau in Khan Scheichun sich dieser auffallende Ort befindet, wo die Opfer das ausströmende Giftgas eingeatmet hatten, ob an diesem Ort selbst oder woanders und man hatte sie dorthin gebracht, und so fort.

Die chronologische, genau bestimmten Plätzen in Khan Scheichun entlang geführte, nachvollziehbare Version der Ereignisse steht noch aus. Der JIM-Bericht konzentriert sich auf die Untersuchung der Plausibilität von acht Szenarien, die unmittelbar mit dem Einsatz der Chemiewaffen und dem Ausströmen des Giftgases zu tun haben.

"Ein Angriff der syrischen Luftwaffe": Das favorisierte Szenario und Alternativen

Dabei sind zwei Dinge entscheidend: der sogenannte Marker, den man in den Proben gefunden hat und der mit großer Wahrscheinlichkeit, so die OPCW, darauf hinweist, dass das Sarin, von dessen Einsatz man überzeugt ist und Beweise anführt, aus der syrischen Produktion stammt. Zweitens, dass der Behälter, aus dem das Gas ausströmte, mit großer Geschwindigkeit aus einem Flugzeug abgeschickt wurde.

Zusammengenommen verweisen die beiden Annahmen auf einen Angriff der syrischen Luftwaffe. Der JIM-Bericht verwendet sehr viel Mühe darauf, anhand des mutmaßlichen Einschlag-Kraters, seiner Umgebung und die Annahmen über die Gaswolke, wie sie sich nach diesem Szenarium entwickelt, die Plausibilität dieses Verwurfs zu erhärten.

Die anderen Szenarien, wie etwa dass ein Chemiewaffenlager getroffen wurde, werden verworfen. Die Annahme, dass die Explosion, die zum Gasaustritt führte, durch einen Sprengkörper am Boden herbeigeführt wurde, was für einen Giftgas-Angriff seitens einer Miliz spricht, wird zwar nicht völlig ausgeschlossen, aber als sehr viel weniger wahrscheinlich dargestellt.

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