Gig Economy

Wenn sich die traditionellen Strukturen von Ort und Zeit der Arbeit auflösen, dann ändern sich auch die Organisationsformen, in denen die Arbeit stattfindet - Teil 4

Die Welt der Arbeit der Zukunft wird vor allem eine Arbeitswelt sein, in der sich die alten stabilen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Strukturen weitgehend verflüssigt haben. In den USA spricht man bereits von einer Job-Revolution, bei der das alte Normalarbeitsverhältnis durch zunehmend flexible Formen abgelöst wird.

Im Mittelpunkt steht dabei die Figur des kreativen Selbständigen, an dem quasi alles flexibel ist: Arbeitsplatz, Arbeitszeit und Auftraggeber. Er schließt sich zu temporären Projekten über das Internet mit anderen Kreativen zusammen, arbeitet für mehrere Firmen und in verschiedenen Jos. Die Kehrseite der Freiheit von alten Zeit- und Routine-Zwängen ist die soziale Verwundbarkeit, die neue Formen der Absicherung erfordern.

"So wie früher die Arbeiter den Pflug sinken ließen, um am Fließband zu arbeiten, verlassen sie heute das Büro, um im Coffeeshop zu arbeiten." Meint jedenfalls die amerikanische Autorin Sara Horowitz in ihrem Artikel über die Zukunft der Arbeit für das Magazin "Atlantic".

Mit ihrem Satz will sie die fundamentale Änderung beschreiben, die derzeit am Arbeitsmarkt der USA stattfindet. Danach arbeiten 42 Millionen Amerikaner in atypischen Arbeitsverhältnissen - als Freiberufler, Zeitarbeiter, Berater, mit Werkvertrag und als Selbständige. Sie sind gleichzeitig in verschiedenen Jobs tätig, arbeiten für verschiedene Auftraggeber und stützen sich auf verschiedene Fähigkeiten.

Überall, wo wir hinsehen, erblicken wir eine gravierende Veränderung der Arbeitsbeziehungen, so die Journalistin. Heute bestehe eine Karriere darin, verschiedene Arten von Jobs zu kombinieren, unterschiedliche Kunden zu bedienen, zu lernen, wie man sich selbst vermarktet und Arbeitsplätze in Schlafzimmern, Kaffeehäusern oder coworking spaces zu organisieren.

"Gig Economy" ist einer der Namen für diese neue Arbeitswelt, in der die Beschäftigtenform der Belegschaft hin zu individuellen Einzelkämpfern granuliert wurden. "Nation der Freiberufler", "Aufstieg der kreativen Klasse" oder "e-economy" sind andere Ausdrücke für diese Entwicklung. Im Französischen benennt man sie ernüchternder mit dem Begriff der "Bricolage", der zusammengebastelten Existenz und Identität.

Ein Trend ist dabei die Granularisierung von Arbeitsbeziehungen einerseits, von Aufgaben andererseits. Die von Sara Horowitz angesprochene Entwicklung in den USA ist auch in Deutschland nicht unbekannt. So ist der Anteil der atypischen Beschäftigung jenseits des Normalarbeitsverhältnisses von 16,8 Prozent in 1998 auf 22,2 Prozent in 2008 angestiegen.

Granularisierung der Arbeitsbeziehungen meint, dass immer mehr Personen vor allem im kreativen Bereich, aber auch in allen anderen Branchen zum "Arbeitskraftunternehmer" werden, die selbst für die Verwertung und das Marketing ihrer Arbeitskraft verantwortlich sind. Die bislang große homogene Masse an Normalarbeitsbeziehungen löst sich auf und wird zu Teilen ersetzt durch flexible Formen der Zusammenarbeit wie Zeitarbeit, Freelancing oder Leiharbeit. Der Trend bei Unternehmen, so Prof. Rainer Wieland von der Bergischen Universität Wuppertal, gehe hin zu einer "numerischen Flexibilität", bei der Firmen versuchen, ihre Personalkapazität auf eine sichere "Grundlast", also eine feste minimale Stammbelegschaft herunterzufahren. Auftragsspitzen werden dann durch die Beschäftigung einer flexiblen Workforce aufgefangen. Ein Teil der Normalarbeitsbeziehungen verflüssigt sich also quasi, wie groß dieser Teil sein wird, ist noch unklar.

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