GlaxoSmithKline setzt auf Anti-Aging und den Wunderwirkstoff Resveratrol

Der Pharma-Konzern kauft das Biotech-Unternehmen Sitris und hofft auf Rotwein in Tablettenform

Die Meldung vor einigen Tagen an den Finanzplätzen war kurz: Der Pharma-Konzern GlaxoSmithKline übernimmt das Biotechunternehmen Sirtris Pharmaceutical für 720 Millionen US-Dollar. Die wichtige Nachricht dahinter ist: Der weltweit zweitgrößte Pharmazeutika-Hersteller kauft sich für eine beträchtliche Summe in den nebulösen Sektor der Anti-Aging Medikamente ein.

Sirtris forscht an einer speziellen Enzym-Klasse, den sogenannten Sirtuinen, von denen vermutet wird, dass sie im Alterungsprozess eine wichtige Rolle spielen. Die Firma mit Sitz in Cambridge, USA, ist ein klassisches Unternehmen der pharmazeutischen Biotechnologie. Zum einen werden solche Firmen gegründet, um eine Wirkstoffnische auszufüllen und sich exklusives Wissen zu erforschen. Oft zeigen die Substanzen in Tierversuchen noch gute Ergebnisse, scheitern aber in der ersten Phase der Erprobung am Menschen. Der Wirkstoff steht dann über Jahre in der Pipeline, ohne je auf den Markt zu kommen. Das macht sich im Portfolio gut und führt zu dem anderen Punkt der Gründung von Biotechs, denn viele dieser Firmen spekulieren auf eine baldige Übernahme durch einen großen Konzern.

Mitgründer von Sirtris ist der Deutsch-Amerikaner Christoph Westphal, der innerhalb von vier Jahren fünf Biotech-Firmen gegründet hat. „Die Idee zu Sirtris kam mir 2003, als ich die Arbeiten von David Sinclair las“, erklärte Westphal der Technology Review vor einigen Monaten. Der junge Harvard-Professor Sinclair erforscht seit Jahren lebenszeitverlängernde Maßnahmen, in dem von Westphal gelesenen Artikel erklärt er die protektiven Wirkung des Rotwein-Bestandteils Resveratrol auf Hefezellen.

Die beiden Männer verstanden sich, Sitris wird 2004 gegründet. Dort versucht man seither den Mechanismen von Resveratrol auf die Spur zu kommen. Resveratrol ist ein Oxidationshemmer und findet sich in einer Reihe von Pflanzen, wie in Himbeeren, Maulbeeren und Erdnüssen, in hoher Konzentration vor allem in der Fruchthaut von roten Weintrauben. Seit man diese entdeckt hat, will man in Resveratrol die Ursache für das lange Leben der Rotwein liebenden Franzosen entdeckt haben. Diese erfreuen sich trotz der fetthaltigen Kost gerne guter Gesundheit. Die Herzinfarktrate liegt um 30 bis 40 Prozent niedriger als in vergleichbaren Ländern.

2006 veröffentlichte eine Forschergruppe zusammen mit Sitris eine Studie im Fachblatt Nature, in der Resveratrol bei Mäusen die negativen Auswirkungen von Übergewicht und fettreicher Ernährungsweise bremsen konnte. Es zeigte sich: Der Rotweinstoff fördert, ebenso wie eine kalorienarme Diät, die Expression der Sirtuin-Gene. Im letzten Jahr informierte Sitris dann die Öffentlichkeit von der Herstellung eines Wirkstoffs, der erheblich potenter als Resveratrol sein sollte. Theoretisch eine ideale Ausgangsbasis für ein Medikament. Der Boston Globe zitiert Sinclair mit den Worten:

Die Studie ist ein Beweis dafür, dass man im Prinzip etwas in die Nahrung einbringen kann, das die Krankheiten des Alters in einer einzigen Pille behandeln kann.

Westphal und Sinclair haben sich bewusst von der Anti-Aging-Bewegung abgegrenzt, wohl wissend, dass eine Zulassung für ein Medikament an eine Krankheit gebunden ist. Ihr aussichtsreichster Kandidat nennt sich SRT 501 und soll unter anderem gegen das Melas-Syndrom helfen, bei dem die Kraftwerke der Zellen, die Mitochondrien, erkrankt sind. Dieses Jahr beginnen die Tests am Menschen. Selbst im Verbund mit Glaxo ist man noch Jahre davon entfernt, irgendein Medikament auf den Markt zu bringen.

Aber selbst wenn dies den Forschern gelingen sollte, ist damit noch lange nicht das Zeitalter des Anti-Aging ausgerufen. Denn genauere Untersuchungen von herzstarken Populationen haben ergeben, dass es nicht nur das Resveratrol ist, das die Franzosen munter macht, sondern auch der Alkohol. Moderater Alkoholkonsum führt ganz allgemein zu einer Abnahme der kardiovaskulären Erkrankungen.

Ansonsten gilt für das lange Leben: Bewegen und FDH („Friss die Hälfte“). Sauberer formuliert: Der Verzicht auf Kalorien gehört zu den am besten untersuchten Therapieansätzen in der Anti-Aging-Medizin. Dies scheint für alle biologischen Organismen zu gelten. Wer dauerhaft wenig und trotzdem gesund isst, aktiviert die von Sitris und Glaxo umschwärmten Sirtuine in den Zellen. Dies wiederum regt die Reparatur der DNA an, wodurch die Zelle länger lebt.

Auf den Pharma-Konzern lauern nun die üblichen Tücken der Umsetzung in ein Arzneimittel, denn wie die Menschen die nötige hohe Zufuhr des Sirtuin-Anreger Resveratrol vertragen ist noch ungeklärt. Ungeklärt ist auch, ob jemand bereit ist, schon jetzt eine dreiarmige Studie zu finanzieren, die einer Gruppe von Südfranzosen entweder Rotwein, Placebo oder Sirtuin-Anreger nehmen lässt und die Auswirkung auf Lebensdauer und Lebensqualität analysiert. (Jörg Auf dem Hövel)

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