Gleich erzogene Kleinkinder können sehr unterschiedlich aggressiv sein

Kanadische Studie postuliert, dass die Gene einen stärkeren Einfluss auf das menschliche Verhalten haben als bislang angenommen

Ein Forscherteam um den Soziologen Eric Lacourse von der Université de Montréal hat in Zusammenarbeit mit dem CHU Sainte-Justine Hospital mehrere Jahre lang das Verhalten von 667 ein- und zweieiigen Zwillingspaaren ausgewertet und dabei festgestellt, dass körperlich gezeigte Aggression nicht nur von der Umwelt, sondern in stärkerem Ausmaß von den genetischen Prädispositionen eines Kindes abhängt.

Das Ergebnis kommt für viele Eltern, die Geschwister gleich erzogen, aber auf komplett unterschiedliche Reaktionen stießen, weniger überraschend als für Anhänger von Social-Learning-Theorien, die postulieren, dass menschliches Verhalten vor allem von Vorbildern und Medien geformt wird. Mit dem Älterwerden kann der Einfluss der genetischen Faktoren auf physische Gewaltausbrüche der Studie zufolge allerdings abnehmen, wenn dem Kind Alternativen dazu beigebracht werden. Verstehen es die Eltern nicht, solche Alternativen zu lehren, kann ihr Verhalten die genetisch mitgebrachte Aggressivität allerdings auch unbeabsichtigt verstärken.

Strukturmodell einer DNA-Helix. Grafik: Zephyris aus der englischsprachigen Wikipedia. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Für ihre Analyse glichen die Forscher Daten über die Gene und die Umwelt der Zwillinge mit solchen über ihr Verhalten ab. Dazu befragte man die Mütter. Sie mussten das Verhalten ihrer Kinder im Alter von eineinhalb und zweieinhalb Jahren sowie noch einmal im Alter von vier Jahren und zwei Monaten schildern. Besonders interessierten die Wissenschaftler Berichte über Treten, Beißen, Zuschlagen und Raufen. Dabei zeigte sich, dass es auch bei identischer Umwelt hinsichtlich Häufigkeit, Intensität und Änderung der kindlichen Gewaltausbrüche erhebliche Unterschiede gibt.

Lacourse hofft nach der Veröffentlichung seiner Ergebnisse, dass Studien, die sich mit der Auswirkung der Gene auf das Verhalten beschäftigen, in Zukunft stärker gefördert werden als in den letzten 25 Jahren, wo Universitäten und Forschungsinstitute eher Geld in Social-Learning-Ansätze steckten. Das lag auch daran, dass es Gruppen gibt, die eine möglichst umfassende Gültigkeit von Social-Learning-Theorien für politisch und sozial wünschenswert halten.

Bereits in den vergangenen Jahren hatten Studien von Wissenschaftlern wie dem Osloer Kinderpsychologen Trond Diseth oder dem britischen Autismusforscher Simon Baron-Cohen darauf hingedeutet, dass auch die Herausbildung geschlechtstypischer Präferenzen bei Weitem nicht so ausschließlich kulturell bedingt ist, wie sich das der amerikanische Gendertheorie-Miterfinder John Money in den 1960er Jahren vorstellte.

Diseth wies mit Kameras nach, dass bereits neun Monate alte Mädchen Puppen und gleichaltrige Jungen Autos bevorzugen, wenn man sie frei entscheiden lässt und Baron-Cohen zeigte, dass die Aufmerksamkeit sogar bei Neugeborenen (die noch gar keinen kulturellen Einflüssen ausgesetzt sein konnten) Unterschiede aufweist: Hat das Baby eine Vagina, reagiert es schon in diesem Alter eher auf Gesichter, hat es einen Penis, eher auf Mechanik.

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